Unterrichtstranskripte rekonstruieren – Dokumentarische Methode


In Lehrkontexten, bspw. im universitären Seminar oder in der Lehrer*innenweiterbidung, bieten Unterrichtstranskripte eine wertvolle Materialbasis zur Bearbeitung und Erschließung spezifischer Handlungsweisen Problemlagen. Diese Transkripte von, meist auffallenden, Szenen des Unterrichts können auf verschiedene Weisen bearbeitet werden. Eine Möglichkeit bietet die Rekonstruktion angelehnt an die dokumentarische Methode. Hierbei wird vor allem versucht, die Inhalte, also WAS gesagt wird, von der Art und Weise, also WIE etwas gesagt wird, zu trennen, um sich auf diese Weise den Orientierungen der handelnden Personen anzunähern.

Für eine weiterführende Lektüre empfehlen sich folgende Bücher:

  • Bohnsack, Ralf (2007): Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden. UTB, Stuttgart.
  • Kleemann, Frank; Krähnke, Uwe; Matuschek, Ingo (2013): Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung in die Praxis des Interpretierens. Springer VS, Wiesbaden.
  • Przyborski, Aglaja; Wohlrab-Sahr, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. Oldenbourg, München.

1. Thematische Gliederung

Wie?

  • Einteilen des Textes in Sequenzen
  • Jeder Sequenz wird eine Überschrift (ein Oberthema) gegeben
  • Möglicherweise können große Sequenzen noch in kleinere Unterthemen aufgegliedert werden

Warum?

  • Auswählen der Sequenzen, die für die eigene Fragestellung von Interesse sind
  • (in der Regel vor allem auffällige Sprechakte: wenn zugleich geredet wird, die Lautstärke anschwillt, sich Schweigen ausbreitet, Metaphern, Umschreibungen, Ersatzwörtern oder Übertragungen usw.)

2. Formulierende Interpretation

Wie?

  • Leitfrage: WAS wurde gesagt?
  • Durch Reformulierung der Äußerungen
  • Explizierung der objektivierbaren Inhalte

Warum?

  • Trennen des Objektsinns vom Dokumentsinn (also des WAS gesagt wird vom WIE es gesagt wird)
  • Erkennen, was den Sprechenden wichtig ist
  • Erkennen, was wirklich gesagt wird im Vergleich zu dem was man mglw. schon in den Text hineinlegt

3. Reflektierende Interpretation

Wie?

  • Leitfrage: WIE wurde das gesagt, was gesagt wurde?
  • Hierfür gibt es bestimmte „Werkzeuge“:
    • Textsorte bestimmen: Erzählung (gibt Einblick in unmittelbare Erfahrungen der Erzählenden), Beschreibung (beziehen sich idR auf wiederkehrende Aktivitäten oder illustrieren Gegenstände), Argumentation (Bewertungen von Handlungen oder Rechtfertigungen; für Dokumentsinn nicht so interessant)
    • Diskursverlauf bestimmen: Eröffnung (eines neuen Themas), Fortführung (Elaboration, Differenzierung, Validierung, Ratifizierung; Antithese, Opposition, Divergenz) und Abschluss (Positive Bewertung, Meinungssynthese; Themenwechsel, Formalsynthese, Thema abweisen)
    • Gegenhorizonte bestimmen: Negativer Gegenhorizont (Was ist der „Worst Case“?), Positiver Gegenhorizont (Was ist der „Best Case“?), Enaktierungspotential (Welche Möglichkeiten bestehen, den „Worst Case“ zu vermeiden und sich dem „Best Case“ anzunähern?)

Warum?

  • Trennung des WAS (Objektsinns und kommunikativen Erfahrungsraumes) vom WIE (Dokumentsinn und konjunktiver Erfahrungsraum)
  • Bestimmen des Habitus über Gegenhorizonte und Enaktierungspotential

4. Fallbeschreibung und Typenbildung

Wie?

  • Ergebnisse der Formulierenden, Reflektierenden Interpretation und Kontextwissen zusammenfassen
  • mit Hilfe theoretischen Wissens und dem Vergleich mit anderen Fällen ist es möglich, generalisierende Typen zu bilden

Warum?

  • über Einordnung in theoretische Wissensbestände können bestimmte Generalisierungen und allgemeine Erkenntnisse formuliert werden

Marek Grummt