Was ist Kasuistik?

1. Was ist Kasuistik?

Kasuistik ist eine spezifische Haltung und Vorgehensweise der Fallanalyse, die über Befremdung und ein, möglichst methodisch-kontrolliertes, sequentielles Vorgehen auf Verstehen von Strukturen, Mustern oder spezifischen Situation zielt, um allgemeine Erkenntnisse zu gewinnen.

2. Welche Kasuistikverständnisse gibt es?

„Detektivarbeit gegen schnelles Bescheidwissen“ (Rumpf 1991)

Wernet:
Illustrative vs. Rekonstruktive Kasuistik

Helsper (2016):
offener, abduktiver Forschungsprozesses vs. pädagogische Vermittlung „fertiger“ Erkenntnisse -> „Durch „vs.“ könnte der Eindruck entstehen, dass es sich um kontrastive Gegensätze handelt. Es sind aber auch Mischformen denkbar und gleitende Übergänge.“

Pflugmacher (2014):
Er versteht Kasuistik im Sinne einer realistischen Fachdidaktik als „Beitrag zu einer fachdidaktischen Theorie der Praxis als auch ein Mittel einer fachdidaktischen Professionalisierung“ (Pflugmacher 2016, 183)

3. Wie ist Kasuistik in der Lehrerbildung zu verorten?

Perspektive doppelte Professionalisierung:
Kasuistik als Einführung in den und Einüben eines wissenschaftlichen Habitus (vgl. Oevermann 1996, Helsper 2001)

Perspektive Planbarkeit:
Kasuistik als Entlastung vom Praxisdruck durch Erkenntnis der Nicht-Planbarkeit und Zukunftsoffenheit von Praxis

Perspektive Rekonstruktion versus Reflexion:
Rekonstruktion als Theorie-Praxis-Vermittlung der Disziplin Erziehungswissenschaft versus Reflexion als Theorie-Praxis-Vermittlung der Profession Pädagogik (vgl. Rhein 2016)

4. Was kann Kasuistik für die Fachdidaktik leisten?

Orientiert an Pflugmacher (2014) werden zwei Formen fachdidaktischer Kasuistik theoretisierend vorschlagen:
(1) eine auf fachdidaktische Theoriebildung fokussierte sowie
(2) eine auf pädagogische Professionalität bezogene.
Beide haben Überschneidungen zu einer ‚offenen, abduktiven, forschungsorientierten Kasuistik’ (vgl. Helsper 2016), lassen sich in einigen Punkten aber auch abgrenzen. Sie haben dementsprechend einen illustrativen, hoffentlich aber auch professionalisierenden Charakter.

Offene, rekonstruktive, forschungsorientierte Kasuistik Kasuistik einer fachdidaktischen Theoriebildung Kasuistik mit dem Ziel der Professionalisierung
Ziel
Erkenntnisse auf grundlegender Ebene, je nach Grundlagen theoretischer Basis (also beispielsweise Strukturebene oder Orientierungsrahmen) methodisch didaktische Dekonstruktion und Evaluation vor allem im Detail bestimmter Vorgehensweisen im Unterricht Professionalisierung der Rekonstruierenden
Vorgehen
möglichst zukunftsoffen und unvoreingenommen, von grundlagentheoretischen Setzungen abgesehen auf didaktisch methodisches Vorgehen bezogen, mit Bezug auf fachdidaktischen Wissensbestand, protypische Situation werden auch mit Blick auf die mögliche eigene Handlung in der Situation bearbeitet
Material
für alle Protokolle denkbar Unterrichtsprotokolle bestimmter Fächer Unterrichtsvignetten protypischer Situation
Umgang mit möglichen Handlungsoption
werden wertfrei gesammelt werden auf ihre methodisch didaktische Eignung hin gewertet werden bezogen auf die eigene Persönlichkeit bearbeitet
Leitfrage
Welche allgemeinen Erkenntnisse finden sich in diesem speziellen Fall? Worauf zielt dieser Unterricht, was gelingt gut, was kann man verbessern? Wie wird in der Situation gehandelt, wie kann man noch handeln und wie würde ich handeln?
Beitrag zum Lehrer*innen-Habitus
Förderung einer reflexiven wissenschaftsorientierten Grundhaltung reflektierter Blick auf fachdidaktische Grundlagen sowie didaktisch methodische Planung und unterrichtliche Vorgehensweise exemplarische Reflexion des pädagogischen Handwerkszeug und grundlegende pädagogische Problemstellung
Gemeinsamkeiten
Sequenzanalytisches Vorgehen, bei dem zukünftige Handlungsoptionen diskutiert werden
Im speziellen Fall werden allgemeine Erkenntnisse gesucht
Kasuistik ist in allen drei Fällen als „Detektivarbeit gegen schnelles Bescheidwissen“ (Rumpf 1991) zu verstehen

 

Marek Grummt

 

Quellen

  • Helsper, W. (2016). Vortrag zum KALEI Fachdidaktikerforum am 23. Juni 2016, abrufbar unter URL: http://www.zlb.uni-halle.de/qlb/download/
  • Pflugmacher, T. (2014). Möglichkeiten und Grenzen kasuistischer Literaturdidaktik in der Deutschlehrerausbildung. In. Pieper, I., Frei, P., Hauenschild, K., &Schmidt-Thieme, B. (Hrsg.). (2014). Was der Fall ist. Beiträge zur Fallarbeit in Bildungsforschung, Lehramtsstudium, Beruf und Ausbildung. Wiesbaden
  • Rumpf, H. (1991). Didaktische Interpretationen. Weinheim Basel