Hospitationsprotokoll


Klassensituation:

Die 9 Schüler*innen sitzen in drei Reihen der Lehrerin gegenüber, der Großteil des Unterrichts findet frontal statt. Ab und an gibt es Unterrichtsgespräche, die recht Lehrer dominiert zu sein scheinen. Sichtbare Einschränkungen seitens der Schüler gibt es nur wenige, einige „Auffälligkeiten“ wurden mir zuvor genannt: ein Kind mit Diabetes, eins mit Gehbehinderung, eins mit Hörhilfe, eins mit Adipositas.

 


Verlauf:

  • 7:30: Begrüßung durch Fr. E., Fr. H. und ich sitzen etwas abseits am Frühstückstisch und hospitieren dem Unterricht. Fr. E. wirkt sehr ruhig, hat Aufgabenblätter in der Hand, informiert die Schüler, dass jetzt der Test zum Abschluss der Thematik geschrieben werde, dass genügend Zeit zum Lernen gewesen sei, da in den vergangen Stunden mehrfach darauf hingewiesen worden sei. Sie fragt, ob jemand aufgeregt sei, meint dann, der Test sei leicht und es dürften keine Probleme auftreten. Sie klärt noch Fragen der Schüler und fordert die Schüler auf, zuerst ihren Namen auf das Blatt zu schreiben. Ein Schüler M. geht zu ihr und meint, er habe nichts gelernt und könne nichts. Noch ehe Fr. E. ihm antworten konnte, rief die neben mir sitzende Fr. H., sie höre seit Wochen nichts anderes als „Haustiere, Haustiere, Haustiere und Nutztiere. Wer das jetzt noch nicht kann, ist selbst schuld“. Daraufhin gibt sie mir laut bekannt, wer in der Klasse „LB“ sei, während dessen Fr. E. mit der Klasse jede Frage vorlesen lässt, um Fragen zu klären.
  • 7:40: Schülerin B. (mir zuvor als LB deklariert) sitzt regungslos vor ihrem Blatt, ca. einen Meter von mir entfernt. Fr. H. sagt zu mir: „Die kann nicht schreiben.“ Sie setzt sich zu ihr und B. flüstert ihr dann die Anworten ins Ohr, die durch Fr. H. aufgeschrieben werden.
  • 7:50: Schülerin B. ist fertig, bekommt eine neue Aufgabe, kreativ ein Haustier zu malen. Dann geht Fr. H. durch die Reihen, bleibt hinter einem Schüler stehen, blickt auf das Blatt und lacht laut. Sie geht weiter holt ein 30cm Lineal und geht zu einem Schüler in der ersten Reihe, wirft es vor ihm auf den Tisch, ohne dabei etwas zu sagen. Der Schüler scheint nicht irritiert, sondern setzt sich sofort aufrecht hin. Ein Schüler meldet sich, er sei fertig, Fr. H. ruft ihm zu, sie sehe schon von weitem, dass das nicht vollständig sei und „bei Aufgabe 8 muss man denken!“ Anschließend meinte sie zu mir: „das reicht, wenn der ne 4 kriegt.“ Als sie am Nachbartisch stehen bleibt, revidiert sie laut ihre Aussage: „bei Aufgabe 8 braucht man nicht denken, sondern nur aufschreiben, was man in den letzten Wochen eingehämmert bekommen hat!“
  • 8:10: Frau E. sammelt die Blätter ein, fragt ob es schwer gewesen sei, die Schüler verneinen. Daraufhin Frau H. zu mir: „Selbsteinschätzung gleich null.“ Frau E. will die Aufgaben mit den Lösungen mündlich kurz anreißen, Fr. H. unterbricht sie: „Bloß nicht, ich kann’s nicht mehr hören!“ Die Schüler werden in die Frühstückspause entlassen.
  • 8:15: In dieser Pause erklärt mir die Lehrerin H., dass sie versuchen will, Schülerin B.
    noch mit durch die vierte Klasse zu bringen und anschließend gleich eine GB-Prüfung zu veranlassen, da die Schule ja selbst auf LB prüfe. Die Schülerin sei einmal eine leistungsstarke Schülerin gewesen, aber seitdem sie epileptische Anfälle habe, habe „ihr Gehirn abgebaut“. Als diese Schülerin sie anblickt, sagt Fr. H. zu ihr: „Starr mich bloß nicht wieder so an und geh essen!“ Dann streichelt sie ihr liebevoll durchs Haar und lächelt. Die Schülerin lächelt zurück und geht zum Frühstückstisch.

 


Autorschaft
Vincent Große |
Erhebungskontext
Erhebungsmethode