Analyse des Falls „Stationsarbeit im Matheunterricht“


Autor*in
Alexandra Hanke |
Auswertungsmethode/n

Analyse

Zeile 1-3:

Die Mathematikstunde wird gemeinsam im Sitzkreis begonnen. So wird der Unterrichtsanfang klar signalisiert und die Kinder können gemeinsam auf das Unterrichtsthema fokussiert werden. Außerdem wird im kleineren Sitzkreis die Konzentration der SuS besser auf die Erklärung zur Stationsarbeit gelenkt. Nachdem der Stundeneinstieg abgeschlossen ist, wird die Arbeitsphase mit dem Einnehmen der Plätze begonnen.

Zeile 5-7:

Die Ausgangssituation, die später wahrscheinlich die Probleme im Bereich der Unterrichtsstörungen schafft, scheint jene zu sein, dass Sm1 und Sm2 (wahrscheinlich ohne Kontrolle des Sitzplans) nebeneinander an einer Station sitzen. Obwohl ihnen einzeln sogar nochmal die Aufgabe von einer Studentin erklärt wird, scheinen sie diese nicht zu verstehen (oder verstehen zu wollen). Sie lenken sich gegenseitig durch Gespräche ab und albern herum. Möglicherweise resultiert die Unkonzentriertheit der Schüler daraus, dass beide von Anfang an nicht zugehört haben, die Lehrpersonen konnten die beiden Kinder nicht auf den Unterrichtsinhalt fokussieren, sodass Arbeitsanweisungen nicht befolgt werden. Die Annahme, die zu Beginn geäußert wurde (die Wirksamkeit des Sitzkreises), scheint also nicht auf alle Kinder zuzutreffen.

Als sie später allein gelassen werden, können sie sich kurz auf die Stationsarbeit konzentrieren. Vielleicht spricht das Unterrichtsthema die Kinder generell an, aber die Umsetzung scheint nicht optimal zu sein – zumindest nicht für alle Kinder. Denn schon nach kurzer Zeit hören die Jungen wieder auf zu arbeiten und wollen lieber zur nächsten Station. Dies machen sie lautstark klar – Unterhaltungen und Herumalbern sind offensichtlich interessanter als die Aufgaben. Eine weitere Vermutung ist, dass sich die Schüler unterfordert fühlen und annehmen, dass die nächste Station möglicherweise anspruchsvoller ist, weswegen sie die nächsten Aufgaben lieber lösen (oder zunächst erst einmal entdecken) wollen.

Zeile 8-12:

Als schließlich eine weitere Studentin zur Station von Sm1 und Sm2 kommt und beiden hilft, die Aufgaben besser zu verstehen, sind die Jungen (wenn auch nur für kurze Zeit) motivierter und arbeiten ein wenig besser. Diese Sequenz verstärkt meine Vermutung, dass beide eventuell unterfordert sein könnten, denn auch nach einer intensiven Arbeit mit den Schülern albern beide weiter herum und unterhalten sich laut.

Die ständigen Nachfragen, ob die Studentin nun endlich zufrieden sei mit der Arbeit von Sm1, bestärkt einerseits die offensichtliche Annahme, dass er keine Lust hat, die Aufgaben zu lösen. Andererseits ist es fraglich, ob dieses Verhalten auch als Unterforderung interpretiert werden kann. Möglicherweise ist die Lösung für ihn eindeutig und logisch, sodass Sm1 es für überflüssig hält, diese festzuhalten. Vielleicht resultiert dies aber auch nur aus der Unmotiviertheit, sodass der Schüler wirklich nicht genau weiß, wie die Aufgabe zu lösen ist. Als die Jungen schließlich im Raum herumlaufen, werden sie zur nächsten Station geschickt. Dies könnte dazu führen, dass die Jungen sich konzentrierter mit den neuen Aufgaben beschäftigen, da sie diese die ganze Zeit gefordert hatten und so eine gewisse Neugier aufgebaut haben.

Zeile 13-19:

Die anfängliche Bereitschaft, sich die Aufgaben anzusehen, spricht dafür, dass die Jungen sich wirklich ein bisschen für die neue Station zu interessieren scheinen. Allerdings ist die Konzentration darauf doch recht beschränkt, denn schon nach kurzer Zeit und nur flüchtigem Durchlesen meldet sich Sm2 wieder lautstark zu Wort, er verstehe die Aufgabe nicht. Dann spielt sich eine ähnliche Szene ab wie zu Beginn der ersten Station: Frau H. erklärt den Schülern die Aufgabe einzeln, dann arbeiten die Jungen auch kurz selbstständig und einigermaßen konzentriert. Hier könnte die angesprochene Neugier eine Rolle spielen: Die Kinder wollen entdecken, ob die Aufgabe an der neuen Station anspruchsvoller ist. Auch hier kann wieder ein gewisses Grundinteresse am Thema interpretiert werden.

Die These, dass die Jungen anspruchsvollere Aufgaben suchen, wird allerdings durch die folgende Sequenz marginalisiert, denn nach einer kurzen Arbeitsphase meldet sich Sm2 noch einmal mit den Worten „Das kapier‘ ich nicht!“. Wieder wendet sich ein Student an die Schüler. Herr K. erklärt noch einmal und gibt den Jungen Ratschläge, mit welchen Arbeitsmitteln sie die Aufgaben am besten lösen können. Diese lehnen sie allerdings ab. Hier wird nun die Vermutung der Neugier wieder abgeschwächt, denn schon nach sehr kurzer Zeit verlieren die Kinder wieder das Interesse an der Station und weigern sich, diese zu bearbeiten. Sie werden wieder unruhiger und lauter. Sm1 meint erneut, er sei fertig, obwohl er die Aufgaben nicht gelöst hat.

Zeile 19-24:

Wieder bestätigt sich ein Muster, das sich im Protokoll öfter vorfinden lässt: Hilft eine Lehrperson und versucht zu motivieren, dann lassen sich die Schüler auch darauf ein – wenn auch nur teilweise oder für kurze Zeit. Sm2 arbeitet nun etwas konzentrierter, Sm1 dagegen nicht. Diese Situation hingegen ist neu: Nun hat Sm1 seinen Gesprächspartner verloren, denn dieser beschäftigt sich nun (zumindest für eine gewisse Zeit) lieber mit den Aufgaben. Daraus resultiert, dass Sm1 sich ruhiger verhält, allerdings trotzdem nicht mit der Lösung der Aufgaben beginnt. Dies weist darauf hin, dass das vermutete Interesse am Thema doch nicht so groß sein kann, denn ansonsten hätte sich der Schüler aus Mangel an anderen, „spannenderen“ Beschäftigungen vielleicht doch auch mit den Stationsaufgaben beschäftigt.

Stattdessen versucht er nun, andere Gesprächspartner zu finden und unterhält sich mit Studentinnen, wobei er auch wieder herumalbert. Da dies ziemlich lautstark zu passieren scheint, wird auch Sm2 wieder aus seiner konzentrierten Arbeitshaltung herausgerissen und wendet sich von den Aufgaben ab. Die Jungen lenken sich also nicht nur selbst, sondern auch gegenseitig ab.

Zeile 25-31:

Die Stimmung unter den Jungen bleibt nun bis zum Ende ähnlich: Sie sind laut und unkonzentriert, außerdem stören sie wahrscheinlich die anderen Kinder. Sie streiten sich wegen kleiner Dinge, wobei die Unruhe möglicherweise eskaliert ist. So könnte das Verhalten der Schüler am Ende der Unterrichtsstunde erklärt werden, welches zuletzt fast aggressiv wird. Der Sitzkreis, der die Stunde abschließen soll, wie er sie eingeleitet hat, bietet für Sm1 und Sm2 eine ideale Möglichkeit, sich noch einmal frei zu bewegen und ihrer angestauten Unruhe ein Ventil zu bieten. Zum Ende der Stationsarbeit laufen die Jungen im Raum herum, werden noch einmal sehr laut und zeigen letztendlich sogar aggressives Verhalten, wenn zunächst auch nur gegen Gegenstände.

Zeile 32-34:

In dieser kurzen Sequenz zeigt sich, dass die Jungen wenig bis kein Wissen aus der Unterrichtsstunde gewonnen haben. Sm2 gibt im Sitzkreis eine gänzlich inadäquate Antwort auf die Frage nach der Bedeutung von Symmetrie, entweder um zu provozieren oder um noch einmal das Lachen der gesamten Klasse auf sich zu ziehen. Sm1 dagegen versucht zumindest, eine richtige Antwort zu geben, allerdings hat sich durch seine unzureichende Beschäftigung mit dem Thema (beide haben nicht einmal zwei von vier Stationen geschafft) eine falsche Vorstellung vom Thema herausgebildet.

Zeile 35f.:

Das schon genannte aggressive Verhalten eskaliert nun, indem es sich gegen die Mitschüler richtet. Das Stundenende scheint eine Art Befreiung von den Zwängen des Unterrichts zu sein, gegen die sich die Jungen nun nicht nur verbal, sondern auch körperlich zur Wehr setzen und angestauten Bewegungs- und Mitteilungsdrang entsprechend ablassen (durch raufen und lautstark aus dem Raum rennen).