Interpretation zu Hospitationsprotokoll,

Interpretationsansatz des Stundenverlaufs mit besonderem Augenmerk auf Anerkennungs- und Missachtungsrituale


Autor*in
Anonym |
Auswertungsmethode/n

Interpretation:

In der von mir hospitierten Unterrichtsstunde, die im Rahmen der schulpraktischen Übungen während der universitären Ausbildung stattfinden, schrieb ich das vorliegende Protokoll, ersichtlich für alle im Klassenraum anwesenden Personen und wissentlich der Schulleitung. ich war zum dritten Mal in dieser Klasse, den anwesenden Lehrerinnen und Schülerinnen also bereits bekannt. Zuvor waren mir gravierende Missachtungsrituale aufgefallen, die ich in dieser Stunde exemplarisch festhalten wollte und die sich auch nach dieser hospitierten Stunde in ähnlicher Art und Weise fortsetzten. Die interpretationsansätze beruhen ausschließlich auf dieser einen Unterrichtsstunde. Der Unterricht wird von einer Lehrerin Frau E. durchgeführt, die von den Schülern offensichtlich sehr gemocht wird. Sie ist die Fachlehrerin für den Heimat‐ und Sachkundeunterricht, steht selten, sitzt ob ihrer Gehbeeinträchtigung häufig und befindet sich damit auf Augenhöhe mit den SchülerInnen der Klasse und den Hospitierenden. Frau E. erklärt mehrfach den Ablauf des Tests, alle Fragen werden zuvor durchgegangen und auf Probleme hin untersucht. Im Vorfeld hatte sie den Test schon mehrfach für diese Stunde angekündigt. Sie fragt, ob jemand aufgeregt sei und meint, dass der Test leicht sei. All dies sagt sie in einem angemessenen ruhigen Ton.
Frau H.‚ die neben mir am Rand des Klassenraumes sitzt, ist die Sonderpädagogin. Sie ist deutlich jünger als Frau E. Die Kinder kennen beide Lehrerinnen schon seit ihrer Einschulung. Sie schreitet mit recht lauter Stimme ein und unterbricht damit die vor der Klasse sitzende Frau E. und die SchülerInnen beim Ansehen der Fragen. Solch ein
Ritual, die Fragen zuvor anzusehen, um noch Fragen zu stellen, soll bei den Schülerinnen Hemmungen und Ängste in Prüfungssituationen abbauen, das durch das Einschreiten durch die Äußerung der Frau H. „Haustiere, Haustiere, Haustiere und Nutztiere, wer das jetzt nach nicht kann‚ ist selbst schuld“ erheblich beeinträchtigt wird. Sie untergräbt damit die Lehrerpersönlichkeit der Frau E. Mir wird ein pyramidenähnliches Hierarchiebild vorgestellt, in dem die Frau H. an der Spitze, auf einer Subebene die Frau E., darunter die SchülerInnen stehen. Die SchülerInnen werden zudem unterteilt, indem mir namentlich deklariert wird, wer in der Klasse, an dieser Stelle sei nochmals betont, dass es sich um eine Förderschule für Körperbehinderte handelt, nach den Rahmenrichtlinien für Lernbehinderte unterrichtet werde. Alle Schülerinnen bekommen denselben Test. Möglicherweise wird eine Differenzierung bei der Benotung durchgeführt. Schülerin B., mir zuvor als LB genannt, fängt nicht an, zu arbeiten. Frau H. wendet sich zu mir: „Die kann nicht schreiben”. Sie sagt dies in einer Lautstärke, dass es im gesamten Raum zu hören ist, dabei benutzt sie an Stelle des Schülernamens oder eines Personalpronomens das unpersönliche Wort „Die“. Die Situation ist durch Distanz geprägt und Frau H. wirkt genervt, als sie aufsteht und sich neben die Schülerin setzt. Jetzt nimmt sie den Stift, liest der Schülerin die Fragen vor und notiert die Antworten, die ihr die Schülerin ins Ohr flüstert. Anscheinend ist die Schülerin das Vorgehen gewohnt. Nach kurzer Zeit sind sie fertig, die Schülerin bekommt eine neue Aufgabe, ein Bild zu malen. Positiv zu vermerken ist, dass hier eine rein inhaltliche Leistungsbewertung statt findet. Fraglich jedoch ist, ob ihr nicht noch Zeit hätte gegeben werden können oder müssen, um noch einmal die Antworten zu überprüfen. Alle anderen SchülerInnen haben eine gesamte Unterrichtsstunde zur Verfügung. Alle SchülerInnen sitzen im Unterricht immer frontal zur Tafel und zum Lehrertisch und einzeln, außer zwei Mädchen in der ersten Reihe. Die Plätze scheinen zugeteilt. Dies verhindert den Aufbau sozialer Kompetenzen (sich den Sitzplatz selbst suchen, sich mit dem Banknachbarn zu arrangieren, miteinander und voneinander lernen‚ usw.) und stärkt die Position der Lehrkraft, die nun jedem einzeln gegenübertreten kann. Sie verfügt über Verteilungsmöglichkeiten der Wortvergabe durch Aufrufen der Kinder, sie kann jeden Tisch genau beobachten und hat Interventionsmöglichkeiten. Als Frau H. durch die Reihen geht, bleibt sie hinter einem Schüler stehen und lacht laut, ohne etwas dabei zu sagen. Dies kann als eine enorme Missachtung der Leistung und öffentliche Bloßstellung des Schülers vor der Klasse und mir gewertet werden. Kurz später wirft sie einem anderen Schüler ein 30cm Lineal auf den Tisch. Ohne Worte weiß er, was er zu tun hat: Er setzt sich aufrecht hin. Die Szene wirkt ritualisiert und konditioniert. Als sich ein Schüler meldet und sagt, er sei fertig, antwortet sie ihm, sie sehe schon von weitem, dass das nicht vollständig sei und dass man bei Aufgabe 8 denken müsse und [zu mir] dass es reiche, wenn er eine 4 bekomme. Dann revidiert sie ihre Aussage: „bei Aufgabe 8 brauch man nicht denken, sondern nur aufschreiben, was man in den letzten Wochen eingehämmert bekommen hat!“ in dieser Stunde bildet sich deutlich das Desinteresse der Lehrperson gegenüber dem Lehrinhalt und den Lernerfolgen bzw. den Ergebnissen der Schülerinnen ab. Es geht ihr nicht um das Vermitteln von Qualifikationen, sondern um das reine Auswendiglernen und das Niederschreiben dessen, was gelernt werden sollte. Des Weiteren generalisiert sie Frau E., die bisweilen lesend am Lehrertisch saß, sammelt die Blätter kurz vor Stundenende ein und fragt, ob es schwer gewesen sei. Die SchülerInnen verneinen. Darauf meint Frau H., die nun wieder neben mir sitzt, zu mir „Selbsteinschätzung gleich null.“ Als Frau E. die Lösungen mit den SchülerInnen kurz anreißen will, unterbricht Frau H.: „Bloß nicht ich kann’s nicht mehr hören!“ daraufhin werden die SchülerInnen in die Frühstückspause entlassen.

Bei Frau H. konnte ich in dieser Stunde kaum Annerkennungsrituale erkennen, bis auf die Tatsache, dass sie die Antworten der Schülerin B. aufschreibt. Die Stunde ist von Missachtungsritualen seitens Frau H. durchzogen. Sie untergräbt die Autorität der Lehrerin Frau E. Sie entwürdigt Schülerleistungen, indem sie sich darüber belustigt oder verbal demütigend und laut ihren Spott darüber ausdrückt ihre Äußerungen wirken beleidigend. Emotionale Zuwendung lässt sich nicht erkennen, eher das Gegenteil ist der Fall. Fehler scheint sie nicht als Chance zu verstehen. Das Selbstwertgefühl der SchülerInnen achtet oder fördert sie wohl kaum. Respekt für die Schülerpersönlichkeit mit ihren individuellen Leistungsmöglichkeiten und ‐einschränkungen scheint sie nur
wenig übrig zu haben. Trotz dessen oder gerade deshalb sind die SchülerInnen im Umgang mit ihr sehr vertraut, kommen auch in der Pause zu ihr und suchen das Gespräch. Als die Schülerin B. in der Pause noch einmal zur Fr. H. kommt sagt diese zu ihr: „Starr mich bloß nicht wieder so an und geh essen!“ Dann streichelt sie ihr Liebevoll
durchs Haar und lächelt. Die Schülerin lächelt zurück und geht zum Frühstückstisch.

Dabei wirkt sie glücklich. Vermutlich sehnt sie sich nach anerkennenden Worten und Gesten, die sie sich soeben mit dem Durch-das‐Haar‐streicheln geholt hat. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass ich mehrfach der Klasse hospitierte, allerdings immer zur gleichen Uhrzeit zur gleichen Unterrichtsstunde. Wie die Kommunikation zu anderen Menschen ist oder zu anderen Tageszeiten, kann ich nicht beurteilen. Mir gegenüber war sie stets freundlich und sachlich. Allerdings hab ich auch versucht, mich aus dem Geschehen weitest gehend herauszuhalten. Zwischen den Geschlechtern kann ich ebenfalls keine unterschiedliche Behandlung erkennen. Inszenierte Handlungen und Rituale stützen die Hierarchie. So nehmen beispielsweise die Schüler in der Pause ihr Frühstück an einem separaten Tisch zu sich. Die Lehrer sitzen am Lehrertisch, unterhalten und amüsieren sich und haben die Schüler im Blick,
während die Schüler an ihrem Plätzen sitzen und essen. Es ist kein Miteinander‐Essen. Besser im Sinne Axel Honneths Struktur*modell der Anerkennung wäre, sich mit den Kindern gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu essen, dabei Problematiken aus der Stunde oder aus dem Alltag thematisieren. Die Kinder haben ein Bedürfnis und ein Recht darauf, sich mitzuteilen.

Des Weiteren stellt sich mir die Frage‚ ob es nicht mehr Anerkennung und Anerkennungsrituale in der Klasse gäbe, wäre Frau H. nicht mit in diesem Raum. Wie würde die Situation aussehen? Frau E. redete stets ruhig mit den SchülerInnen, sie versuchte, Ängste und Hemmungen abzubauen, Stresssituationen zu bewältigen. Sie
scheint sehr Schüler orientiert zu sein, lässt aber ihre gutmütige Art von Frau H. unterbrechen. Sie unterliegt mit ihrem durchaus positiv wollenden Handeln der Dominanz der Kollegin. Allerdings scheinen sie recht gut miteinander auszukommen, bzw. sich zu ergänzen.

Abschließend möchte ich erwähnen, dass auch diese recht missachtenden und entwürdigenden Eigenschaften der Frau H. bei den Schüierlnnen Kompetenzen und Strategien entfalten, wenn auch ganz andere als bei SchülerInnen‚ die Anerkennung in der Schule erfahren. Deutlich zu sehen ist, dass sie gelernt haben, sich auf die
Eigenheiten der Lehrerin einzustellen. Dabei befinden sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, wie sich auch die Grundschullehrerin Frau E. in einem solchen befindet. Gesteuert wird es von Frau H. Die Kinder lernen hier auf eine radikale Art und Weise, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen, auf diese zu reagieren, mit ihnen
zu leben und sich in (demokratische?) Hierarchien einzugliedern. Oder sie resignieren und sind eingeschüchtert, da sie kein Lob erfahren und immer wieder Hohn und Spott durch eine Person ausgesetzt sind, zu der sie selbst anerkennend nach oben blicken und sie als Lehrerin akzeptieren (müssen). Letzten Endes bedeutet der Umgang mit der Lehrerin Tag für Tag, Woche für Woche ein Stück Normalität für die Schüler, eine Normalität, die für mich als Gast nur schwer zu akzeptieren ist.


Literatur:

HONNETH, Axel: Anerkennungsbeziehungen und Moral. Eine Diskussionsbemerkung zur anthropologischen Erweiterung der Diskursethik. in: Reinhard BRUNNER & Peter KELBEL (Hrsg.): Anthropologie, Ethik und Gesellschaft. Frankfurt 2000, 101‐ 111

HONNETH, Axel: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt 1992