Interpretation zu Gute Lernatmosphäre,

Rekonstruktionsversuch „Reflexion der Deutschstunde“


Autor*in
Lisa Gaudian |
Auswertungsmethode/n

Rekonstruktion:

S1: Die Unterrichtsstunde verlief wie geplant.

–Man erfährt keine Setting- Informationen.

–Wer hält die Unterrichtsstunde, ist es eine weibliche oder männliche Person?

–Von welcher Unterrichtsstunde wird gesprochen, um welches Fach handelt es sich, die wievielte Unterrichtsstunde  ist es an diesem Tag, um welche Klassenstufe geht es, welche Schulform?

–Die Formulierung „verlief wie geplant“ wirft die Frage auf, was für eine Unterrichtsplanung die Person, die die Stunde vorbereitet und durchgeführt hat, im Sinn hatte.

–Außerdem lässt diese Äußerung vermuten, dass die Stunde sehr durchstrukturiert und linear geplant und durchgeführt wurde, eine Stundenverlaufsplanung scheint vorhanden zu sein.

–Möglicherweise hat sich die zu unterrichtende Person Gedanken über didaktische und methodische Alternativen und Reserven gemacht, um im Falle von Störungen gut vorbereitet zu sein und das Stundenziel zu erreichen, den „Plan“ zu erfüllen.

–Allerdings könnte die Formulierung „verlief wie geplant“ auch bedeuten, dass die Unterrichtsstunde ohne Störungen und Komplikationen verlief, sodass die einzelnen gut vorbereiteten und strukturierten Unterrichtsabschnitte nacheinander „abgearbeitet“ und „abgehakt“ werden konnten.– Das die vorab entworfene Unterrichtsplanung „wie geplant verlief“ könnte auch darauf zurück zu führen sein, dass die zu unterrichtende Person schon viel Erfahrung im eigenen Planen und Unterrichten sammeln konnte, es also im Normalfall nicht ihre erste eigenen Unterrichtsstunde war.

– Auch kann die Planerfüllung damit zusammen hängen, dass die Person die Klasse, die SchülerInnen schon gut kennt, sei es durch mehrfache Hospitationsstunden oder durch eigene durchgeführte Unterrichtsstunden in dieser Klasse. Durch die Kenntnis über die SchülerInnen mit ihren Stärken und Potentialen , weiß die zu unterrichtende Person wie die Unterrichtsplanung aussehen muss, sodass alle SchülerInnen das vorab gesteckte Stundenziel erreichen können und keine Unterrichtsstörungen auftreten.

–Das der Plan aufgegangen ist, erweckt den Anschein, dass sich die zu unterrichtende Person darüber freut. Führt er oder sie das gute Gelingen auf seine oder ihre gute Vorbereitung und Durchführung zurück? Oder auf die gute Mitarbeit der SchülerInnen? Oder auf eine Mischung von persönlicher und externen Faktoren?

–Erwartungen an den nächsten Satz: Die Person berichtet über seinen oder ihren Stundenplan.

S2: Als die Schülerinnen den Klassenraum betraten und die Pinnwandzettel an der Tafel erblickten, wurden sie neugierig auf die Stunde.

–Es wird eine Situation vor Stundenbegin beschrieben.

–Die Person spricht von „Schülerinnen“. Ist es eine reine Mädchenklasse oder wurde nicht Gender sensibel geschrieben?

– Woran macht die Person die „Neugier“ der Kinder fest?

–Man erfährt etwas über eine methodische Vorgehensweise: Pinnzettel an der Tafel.

S3: Sie hatten Freude daran, an der Tafel zu arbeiten und im Deutschunterricht einen Zusammenhang zum Englischunterricht herzustellen.

–Woran man macht die Person die „Freude“ der Kinder fest?

–Die Aussage über die Tafelarbeit der Kinder lässt eine bewusst gesteuerte Aktivierung der Kinder, durch die zu unterrichtende Person, vermuten. Die Schülerinnenaktivität steht im Vordergrund, anstelle von einem LehrerInnenzentrierten Unterricht.

–Das Unterrichtsfach wird genannt, es handelt sich um eine Deutschstunde.

–Was wurde mit den Pinnwandzetteln gemacht? Wie wurde ein Zusammenhang zum Englischunterricht hergestellt? War dieser Zusammenhang von der zu unterrichtenden Person beabsichtigt, oder hat es sich im Verlauf der Stunde ergeben?

–Erwartungen an den nächsten Satz: Der inhaltliche Zusammenhang zum Englischunterricht wird aufgelöst.

S4: Sie zeigten sich sehr kooperativ und arbeiteten gut mit.

–Das Wort „Sie“ am Satzanfang könnte einerseits für die im Plural stehenden Kinder in der Klasse abzielen, was zum Ausdruck bringen würde, dass diese mehrheitlich gut mitgearbeitet haben. Eine andere Lesart könnte aber auch sein, dass die reflektierende Person damit die weibliche Homogenität der Klasse anspricht, was den Eindruck von einer reinen Mädchenklasse nochmals verstärkt. Dieses Spektrum der verschiedenen Lesarten wurde zuvor bereits durch ähnliche Formulierungen, welche sich in dem zweiten und dritten Satz der Reflexion finden lassen, angedeutet.

–Wie drückt sich die Kooperation der Kinder aus? Legten sie zum Beispiel ein situativ angepasstes und angemessenes Arbeitsverhalten an den Tag, indem sie sich zum Beispiel melden bevor sie sich äußern dürfen? Oder befolgten sie pflichtbewusst die Anweisungen und Aufforderungen der zu unterrichtenden Person? Oder bezieht sich die Kooperation auf die Kinder untereinander, also auf die Sozialform und/ oder die sozialen Kompetenzen?

–Die Formulierung „und arbeiteten gut mit“ lässt die Vermutung aufkommen, dass die zu unterrichtende Klasse den Anforderungen und dem Stundenentwurf der zu unterrichtenden Person folgten und sich selbst durch eine aktive Mitarbeit am Unterrichtsgeschehen beteiligten, es also keine rein lehrerzentrierte Stunde war.

S5: Es war kein einziges Mal von Nöten, die Schülerinnen an die Einhaltung einer ruhigen Lernatmosphäre zu erinnern.

–Diese Aussage lässt Assoziationen von einer „Vorzeigestunde“ entstehen, wo die Kinder ohne Probleme den Vorgaben der Lehrperson folgen und es zu keinen Unterrichtsstörungen kommt.

–Man bekommt als Leser den Eindruck, dass die beschriebene Klasse, welche durch die Formulierung  „ Schülerinnen“ immer mehr auf eine reine Mädchenklasse schließen lässt, eine sehr disziplinierte und angepasste Klasse ist.

–Das sehr angepasste und regelkonforme Verhalten der Klasse lässt einen frontal geprägten Unterricht vermuten.

–Wodurch wird eine „ruhige Lernatmosphäre“ erzeugt? Haben die Kinder stille Freiarbeit oder Einzelarbeit betrieben, also waren sehr mit ihren Aufgaben beschäftigt? Zeigten die Kinder großes Interesse und Motivation für den Lerngegenstand und legten deshalb eine große Disziplin an den Tag? Oder wurde die Klasse durch eine lehrerzentrierte und frontal ausgerichtete Stunde geführt, wobei die Aktivität der Kinder in den Hintergrund rückte?

S6: Besonders positiv überrascht war ich, als die Schülerinnen nach der Pause leise ihre Plätze einnahmen und selbstständig weiter in den Fremdwörterbüchern blätterten.

–Hier wird eine Unterrichtsunterbrechung thematisiert, es wird von einer Pause gesprochen. Ist diese Pause vom Schulablauf geplant gewesen oder hat die zu unterrichtende Person selbstständig eine kurze Pause eingeleitet?

–Ist die im Fokus stehende Deutschstunde eine geplante Doppelstunde?

–Die Formulierung „besonders positiv überrascht war ich“ lässt vermuten, dass die zu unterrichtende Person mit der Reaktion der Kinder nicht gerechnet hat oder dass es von ihr nicht geplant oder vorher angekündigt war, sich weiter mit den Fremdwörterbüchern zu beschäftigen.

–Es erweckt den Anschein, dass die Kinder von dem Lerngegenstand so angetan waren, dass sie sich noch weiter, über die vorangegangene Stunde hinaus, damit beschäftigen wollten. Diese Reaktion könnte auf eine intrinsische Motivation der Klasse hindeuten.

S7: Am Ende der Stunde honorierte ich ihr vorbildliches Arbeitsverhalten.

–Das Wort honorieren ist positiv besetzt, eine gewisse Erwartung/ Haltung oder ein Wunsch wurde mindestens ausrechend/ befriedigend oder überdurchschnittlich gut erfüllt.

–Dieser Satz drückt die Zufriedenheit der zu unterrichtenden Person gegenüber der Klasse und deren Mitarbeit/ deren Arbeitsverhalten aus. Wie bringt die Person ihre Freude und Anerkennung darüber zum Ausdruck? Lobt oder belohnt er oder sie die Kinder?

–Das Wort „vorbildlich“ drück aus, dass das eingetretene/ gezeigte Verhalten der Schülerinnen von der zu messenden Person, der zu unterrichtenden und reflektierenden Person, als angemessen eingeschätzt und bewertet wurde. Es schwingt eine gewisse Regelkonformität mit, es gab keine Widerworte.

S8: Die Leistungen der Schülerinnen in der Übungsphase waren sehr unterschiedlich.

–Inhaltlicher Sprung, eben noch am Ende der Stunde, jetzt mitten im Stundenverlauf (Übungsphase).

–Die reflektierende Person spricht von einer Wertung der verschieden Schülerleistungen. Wie erfolgt diese (Be-)Wertung? Augenscheinlich, objektiv nach bestimmten vorab festgelegten Kriterien usw.?

S9: Einige schafften in der vorgegebenen Zeit sechs Definitionen, andere konnten sogar fast alle 12 Bedeutungserklärungen nachschlagen.

– Dies ist eine weitere Ausführung vom vorangegangenen Satz.

– Was waren die Gründe für die unterschiedlichen Leistungen? Lag es an dem unterschiedlichen Vorwissen der einzelnen Schülerinnen, oder an den unterschiedlichen Arbeitstempi der Kinder, oder an der Vermittlung und Darbietung des Stundenthemas und der Aufgaben(typen)?

– Wie sollte das Nachschlagen der Definitionen erfolgen, in Einzelarbeit?

S10: Während des Unterrichts entschied ich mich dazu, den Schülerinnen bis zur nächsten gemeinsamen Unterrichtsstunde ein Handout mit allen Fremdwörtern und entsprechenden Definitionen anzufertigen.

– Diese Formulierung zeigt, dass die zu unterrichtende Person spontan und auf die momentan vorliegende Entwicklungsstufe der einzelnen Kinder eingehen und reagieren kann.

– Er oder sie möchte damit ein gemeinsames Arbeitsergebnis herstellen.

– Es ist der reflektierenden Person wichtig, dass die Klasse bis zur nächsten Stunde eine einheitliche Basis für die spätere Weiterbearbeitung hat.

– Mit der Basisherstellung durch das handout ist allerdingt nicht gewährleistet, dass alle Kinder in dieser Klasse problemlos weiter arbeiten können, da für manche Schülerinnen bestimmte Arbeits- und Erkenntnisschritte vorweg und übersprungen wurden.

– Es erweckt den Anschein, als wäre das Ziel die Klasse zu einer möglichst homogenen Lerngruppe herauszubilden, welche im Gleichschritt und ohne Problem auch die nächste Stunde wieder „vorbildlich“ beenden kann.

S11: Dadurch verbrachten sie später nicht einen Großteil der Zeit damit, die restlichen Definitionen von der Tafel abzuschreiben, sondern konnten gleich in der Schlussphase mitarbeiten.

– In dem vorangegangenen Satz wird von einer nächsten gemeinsamen Unterrichtsstunde gesprochen und jetzt erweckt es den Anschein, als würde die Stunde gleich im Anschluss erfolgen. In welcher Zeit wird das zuvor erwähnte handout hergestellt?

– Es ist fraglich, ob alle Schülerinnen wirklich so „musterhaft“ mit dem vorgegebenen handout die weiteren Aufgaben in der „Schlussphase“ bewältigen konnten, da die eigene Auseinandersetzung und die Erarbeitungs- und Erkenntnisprozesse nur zum Teil aktiv stattfanden.

S12: Auf die Informationen mussten sie trotzdem nicht verzichten.

– Welche „Informationen“ sind gemeint? Die restlichen Definitionen, die nicht alle Schülerinnen gleich schnell herausgearbeitet und fertig gestellt haben?

– Sind damit die „Informationen“ auf dem mehrfach angesprochenen handout gemeint?

S13: Die Ergebnissicherung lief sehr erfolgreich ab, da nach der Übungsphase alle Schülerinnen in der Lage waren, die Anglizismen aus den Pinnwandanzeigen mit deutschen Worten umzuformulieren.

– Weitere Darstellung einer „perfekten Vorzeigestunde“, es lief alles nach Plan, alle Kinder schafften das Stundenziel.

– Es kommt wieder die Vermutung auf, dass es sich um eine sehr durchgeplante und gut strukturierte Unterrichtsstunde handelt und die zu unterrichtende Person höchstwahrscheinlich schon etwas Erfahrung sammeln konnte.

S14: Am Ende der Stunde blieb daher, wie geplant, keine Zeit mehr für zusätzliche Spiele oder andere Aktivitäten zum Thema.

– Auch hier wird nochmal von einem gewissen Plan gesprochen, der aufgegangen ist.

– Es wirkt so, als hätte die reflektierende Person ihre vorbereitete Stunde bis auf die Minute durchgeplant und war sich schon im Vorfeld sicher, dass sie auf die letzte Minute ihren Unterricht beenden wird und keine didaktischen oder methodischen Reserven von Nöten sind.

– In diesem letzten Satz kommt zu Ausdruck, dass die Person merklich stolz auf ihre geleistete Arbeit ist, welche frei von Unterrichtsstörungen und anderen

Zeitverzögerungen ist, genau nach Plan lief und in der hier dargestellten Art und Weise einer „Musterstunde“ gleicht.

Zusammenfassung:

Im Allgemeinen wirkt die Reflektion von der zu unterrichtenden Person sehr positiv und optimistisch. Mehrfach wir davon gesprochen, das alles nach Plan verlaufen ist und es zu keinen Störungen gekommen ist. Die Klasse, welche durch die Formulierung „Schülerinnen“ immer als reine Mädchenklasse beschrieben wird, wird als sehr gehorsame und regelkonforme Klasse dargestellt, welche durch die zu unterrichtende Person im homogenen Gleichschritt unterrichtete wird. Zwar wird das unterschiedliche Arbeitstempo und die draus folgenden unterschiedlich weiten Lernergebnisse angesprochen, allerdingt wird die gesamte Klasse für ihr aktives, wissbegieriges und störungsfreies Arbeitsverhalten gelobt. Die beschriebene Deutschstunde wirkt wie eine sehr gut durchgeplante und strukturierte Stunde, welche in manchen Unterrichtsabschnitten sehr lehrerInnenzentriert und in machen wiederum sehr schülerInnenorientiert aufgebaut ist. Durch die durchgängig positive Grundstimmung und die Darstellung einer fast schon perfekten „Vorzeigestunde“, liegt die Vermutung nah, dass die reflektierende und zuvor zu unterrichtende Person die Klasse entweder schon gut kennt und auf sie gut eingehen kann, oder dass die Person allgemein schon ein gewisses Maß an Unterrichtserfahrung gesammelt hat und darum eine gewisse Vorstellung von hat, wie „guter Unterricht“ in ihren Augen funktioniert und umzusetzen ist. Der „perfekte Plan“ findet sich auch am Ende der Reflektion wieder, wo noch einmal ausdrücklich betont wird, dass es, wie schon von der Person erwartet, bis zur letzten Minute alles zeitlich geplant war und keine Reserven notwendig waren.