Morgenkreis mit dem Thema Beleidigungen


In einer Kindertagesstätte kam es, während einer kurzen Zeitspanne, in der die Kinder unbeaufsichtigt in der Umkleide waren, vermehrt zu einem regen Austausch von Schimpfwörtern. Trotz vermehrter Ermahnung Seitens der Erzieher*innen konnte keine erkennbare Verhaltensänderung herbeigeführt werden. Aus diesem Grund wurde ein Morgenkreis einberufen, um die Problematik „Beleidigungen“ zu besprechen.

 


Protokoll:

Der Morgenkreis beginnt mit einer Erläuterung der Problematik, die es an diesem Tage zu besprechen gilt, in diesem Falle: dem Beleidigungsproblem. Dann stellt die Erzieherin die Frage an die Kinder, was denn überhaupt Beleidigungen seien bzw. welche sie kennen. Sofort sprudelt ein wahrer Schwall von Schimpfworten aller Art aus den Mädchen und Jungen heraus. Die Erzieherin unterbricht diesen Trubel und lässt jeden nacheinander im Uhrzeigersinn ein Schimpfwort aufsagen. Es kommen Beispiele wie: Idiot, Dummi, Söckchen, usw.
Die Erzieherin bejaht die Vorschläge und leitet mit einer weiteren Frage die Diskussion fort: „Wann benutzt man denn Schimpfwörter?“. Die Kinder beantworten die Frage mit Beispielen aus ihren alltäglichen Situationen, beispielsweise wenn jemand einen anderen nicht mitspielen lassen will, wenn jemand einen anderen haut oder wenn man sich den Zeh stößt. All diese Beispiele werden nun von der Erzieherin in zwei Gruppen geordnet. Dabei setzt sich die erste Gruppe von Schimpfworten aus den ersten beiden Beispielen zusammen, sie wird mit „Beleidigungen gegen Andere“ betitelt. Der zweiten Gruppe wird das letzte Beispiel und noch ein paar weitere von Seiten der Erzieherin hinzugefügt und wird „Beleidigungen bei Unfällen“ benannt. Bei weiteren Beispielen zur Gruppe der „Unfälle“ schildern die Kinder konkrete Äußerungssituationen, wie beim Autofahren oder dem Fallenlassen einer Tasse, wobei sie die Schimpfwörter und Reaktionen von ihren Eltern bzw. älteren Bezugspersonen (Geschwister, Trainer, Großeltern, …) widergeben. Hier zeigt sich also, dass durch die Beziehung zu anderen Menschen deren Wortschatz übernommen wird. Diese „Beleidigungen bei Unfällen“ werden von den Teilnehmern des Morgenkreises als relativ unbedenklich eingestuft bzw. als „nicht ganz so schlimm“, weil sie jedem passieren können und im Affekt geschehen. Allerdings bringt die Erzieherin hier auch Beispiele an, in denen man derlei Beleidigungen abschwächen kann, zum Beispiel: statt „Scheiße!“ – „Scheibenkleister“ sagen.
Die Gruppe der „Beleidigungen gegen Andere“ wird einstimmig von den Kindern als „sehr schlimm“ beschrieben, weil sie sich gegen jemand anderen richten und ihn so verletzen. Die Erzieherin stimmt dieser Einordnung zu und fügt hinzu, dass hinter „Beleidigungen gegen Andere“ auch noch die Absicht, jemand anderem ein schlechtes Gefühl zu geben, steht. Außerdem betont sie, dass man den anderen Menschen mit einer Beleidigung wie „Idiot“ entwürdigt, weil man ihn falsch benennt. Dabei tippt sie exemplarisch Max auf die Schulter und sagt: „Das hier ist doch kein Idiot. Das ist unser Max!“. Dies ruft ein verständiges Lachen bei den Kindern hervor.
Daraufhin führt die Erzieherin das Gespräch fort und will wissen, was die Kinder und sie nun gegen die Problematik unternehmen möchten, denn beleidigt werden, will schließlich niemand. Es kommt der Vorschlag von einem der Mädchen, dass man, wenn man „Beleidigungen gegen Andere“ hört, diese den Erzieherinnen petzen darf. Das ist ein Vorschlag, der von der Gruppe angenommen wird. Dann kommt aber eine Frage aus den Reihen der Kinder, wie man denn die Beleidiger bestrafen soll. Diese Frage richtet sich an die Erzieherin, doch diese gibt sie nur an die Kinder weiter. Nach einiger Diskussion einigen sich die Kinder auf die Strafe: ein Ausmalbild malen, ohne über die Ränder zu malen. Dies ist eine Strafe, die sie bereits kennen und für die meisten eine der schlimmsten Strafen, da sie ein hohes Maß an Konzentration erfordert und mit der Zeit langweilig wird.
Die Erzieherin nimmt die Vorschläge der Kinder an und fasst noch einmal die Ergebnisse des Morgenkreises zusammen: Zuerst wurde geklärt, welche Beleidigungen es gibt und welche es wert sind, bei den Erzieherinnen angezeigt zu werden. In einem zweiten Schritt haben sich alle darauf geeinigt, welche Sanktionen es bei Missachtung des Beleidigungsverbotes geben soll. Schließlich endet der Morgenkreis mit einem Obstteller.

Im Laufe des Tages kommen zwei Meldungen wegen schlimmen Beleidigungen bei den Erzieherinnen an. Eine davon zählt bei genauerer Betrachtung jedoch zur Gruppe der „Beleidigungen bei Unfällen“ und wird daher nicht sanktioniert. Dem Kind, das gepetzt hat, wird noch einmal der Unterschied zwischen den beiden Klassen erklärt. Die zweite Anzeige wird mit einem Ausmalbild geahndet.
Abseits dieser beiden Anzeigen bekomme ich im Tagesgeschehen eine weitere Situation zwischen Ron und Maria mit. Dabei beleidigt Ron Maria, weil sie ihm ihr Spielzeug nicht abgeben will. Doch direkt nachdem die Beleidigung seine Lippen verlassen hat, erschrecken beide. Sofort entschuldigt Ron sich ängstlich bei Maria: „Tut mir leid! Tschuldigung. Tschuldigung. Gehst du´s jetzt sagen?“, aber Maria meint nur, dass er es noch selbst gemerkt und sich sofort entschuldigt hat. Also ist alles gut.


Autorschaft
Paul Pollack |
Erhebungskontext
Erhebungsmethode