Unterrichtssituation im Fach Wirtschaft im Jugendarrest


Eine Unterrichtsstunde im Jugendarrest bei der es zu einer Verweigerung der Mitarbeit durch einen Arrestanten kommt.


Das zu interpretierende Protokoll stammt aus einer Unterrichtsstunde im Jugendarrest im Vormittagsunterricht gegen 10:00. Das Thema ist Wirtschaft und es sind 6 männliche Arrestanten im Alter von 14 bis 19 Jahren, die Lehrerin und ich anwesend. Die Arrestanten sitzen an Tischen in Reihen, die mit Blick zur kleinen Tafel ausgerichtet sind. Die Lehrerin sitzt an einem kleineren Tisch links von der Tafel und ordnet ihre Papiere. Nach ein paar Minuten steht sie auf und fragt die Schüler nach ihren Nachnamen. Eine Person fehlt, doch Herr G. sagt, dass es unwahrscheinlich ist, dass er noch auftaucht. Die Lehrerin legt die Namensliste auf den Tisch, stellt sich mit verschränkten Armen vor die Tafel und beginnt mit dem Unterricht.

Lehrerin

Guten Tag, meine Herren.

Erstmal nehmen Sie alle die Mützen ab.

Alles, was an die Tafel geschrieben wird, müsst ihr abschreiben. Das ist die Mindestleistung heute.

So, wir beschäftigen uns mit den Privathaushalten. Was sind denn da zum Beispiel fixe Kosten? Herr M.?

Herr M

Ich mach‘ nur Mindestleistung

Lehrerin

Ah, ok. Herr K.?

Herrk

Ich auch

Lehrerin

(in spitzem Tonfall) Naja, gut. Gibt viel zum Abschreiben heute, dann habt ihr auch was zu tun. Herr G.?

Herr G

Ähm ja. Keine Ahnung

Lehrerin

Ich gebe mal ein Beispiel: Miete

Herr G

Strom und so?

Lehrerin

Ja, schon mal nicht schlecht. Ich schreibe die typischen fixen und variablen Kosten mal an und sie schreiben das bitte alle ab.

Alle Schüler schreiben still mit. Es entsteht ein langsames Unterrichtsgespräch zwischen Lehrerin, Herr G. und Herrn N.

Lehrerin

Hier ist ein Aufgabenblatt. Herr M., lesen Sie bitte.

kurze Pause

Herr M

liest vor […] hm, untergled […] undergladen […]

Herr G

untergliedere

Herr M

Ah. Untergliedere Annas Ausfaden- Ausla [..] ich kann heute nicht lesen.

Sitznachbar Herr K lacht

Ausgaben monatsweise in fixe und varabe Kosten

Lehrerin

Variable Kosten. Genau. Das sind die fixen und variablen Kosten. Arbeitet daran erst einmal alleine.

Vollkommene Stille, alle arbeiten.

Herr M

Zwischendurch legt Herr M. den Stift weg, lehnt sich zurück mit verschränkten Armen und atmet laut aus. Er schaut sich um, alle arbeiten stillt. Nach ca. 30 Sekunden schaut er wieder aufs Blatt, arbeitet weiter. Eine Minute später lehnt er sich wieder zurück und sagt leise: ‚kein Plan‘.

Lehrerin

geht hin. Was verstehst du nicht?

Herr M

Alles

Lehrerin geht jeden einzelnen Posten mit ihm durch, lobt bei jeder richtigen Antwort von ihm. Alle anderen arbeiten still weiter.

Lehrerin

So, Herr G, schreiben sie mal ihre Ergebnisse an die Tafel.

Herr G

Ne, ich will nicht schreiben.

Herr N

Ich gehe!

Herr N beginnt, einen Monat an der Tafel auszufüllen.

Lehrerin

Herr S: Machen sie den Februar?

Herr S

Oh, ich weiß nicht, ist doch eh falsch.

Lehrerin

Na das sehen wir dann ja zusammen. Schreiben sie doch erstmal an.

Herr S

och neeeee….

Atmet laut aus. Pause

Okey

Er steht auf und beginnt, den Monat auszufüllen.

Lehrerin

Herr M, für Sie dann der März?

Herr M

Ne, mach ich nicht.

Lehrerin

Wir haben doch schon viel zusammen gemacht, schrieben Sie doch das an.

Herr M

(mit Nachdruck) Neeeihein.

Herr M setzt seine Mütze auf

Lehrerin

Na gut, aber die Mütze bleibt ab.

Herr M. setzt sie langsam ab, behält sie noch auf der Stirn, betrachtet sie dann lange von innen während er sie vor dem Gesicht hält, legt sie schließlich langsam neben sich auf den Tisch. Seufzt laut und lehnt sich mit verschränkten Armen zurück.

Herr S und Herr N sind fertig mit Schreiben.

Lehrerin

Wer macht denn nun den März? Herr M., kommen sie.

Herr M. schüttelt nur den Kopf.

Herr G und Herr S

rufen Na los, geh mal schreiben jetzt. Los, ey!

Herr M. reagiert nicht.

Herr N

Ich mach‘s. Ihr seid nur nicht so schlau, euch Punkte zu sammeln, dann könnt ihr früher entlassen werden.

Herr M. und Herr K. lachen leise.

Nachdem Herr N. fertig mit Anschreiben ist, vergleicht L. mit Schülern die Aufgabe und korrigiert. Währenddessen spielt Herr K. mit seinem Stift herum, sodass er ständig wegspringt und er die Einzelteile aufsammeln muss. Herr M. beginnt mit derselben Sache und sie beschießen sich gegenseitig mit ihren Stiften. L ermahnt mehrmals, Herr K. hört schließlich auf und sitzt still auf seinem Stuhl während Herr M. weiter spielt.

Lehrerin

noch einmal und dann ist er weg.

Lehrerin vergleicht weiter. Herr M. lässt den Stift wieder fallen.

So, der bleibt jetzt da liegen.

Herr M

Ey, aber ich brauch den zum Schreiben.

er lacht, schaut sich um, die anderen reagieren kaum auf ihn

Lehrerin teilt einen Zettel mit Rechenaufgaben sowie Taschenrechner aus. Herr M beginnt sofort, laut darauf herumzutippen, hört auch nach mehrmaligem Ermahnen nicht auf. Als die Lehrerin ihm den Rechner wegnehmen will, hält er ihn fest. Es kommt zu einem kurzen Hin-und Herreißen des Taschenrechners, dann lässt die Lehrerin los

Lehrerin

Herr M., sie machen jetzt entweder mit, oder sie verlassen meinen Unterricht.

Herr M schaut ihr ins Gesicht und tippt mehrmals laut auf die Tasten.

So, dass reicht mir jetzt. Raus, aber sofort auf die Zelle.

Herr M. nickt, erhebt sich schwerfällig, tritt auf dem Weg zur Tür auf seinen Stift, der zerbricht, und schaltet das Licht aus bevor er die Tür zu knallt.

Lehrerin seufzt, ruft beim Sicherheitsdienst an, dass Herr M auf die Zelle geht und schaltet das Licht wieder an.

So, dann weiter mit dem Zettel, macht einfach die Aufgaben, die ihr wollt und wir vergleichen in 10 Minuten.

Schüler arbeiten ruhig oder sitzen einfach still herum. Nach 10 Minuten wird verglichen. Herr K hat sich die Aufgaben abgeschrieben um sie später in der Zelle zu machen, 2 Schüler haben sehr viele Aufgaben geschafft, die anderen haben nur ein paar.

gut, das reicht für heute, ihr könnt direkt zum Essen gehen.

Nur Herr N. und Herr G. verabschieden sich an der Tür.


Autorschaft
Marie Malchereck |
Erhebungskontext
Erhebungsmethode