Was ist Kasuistik?

  • Kasuistik in der universitären Lehrer*innenbildung meint die zweckgerichtete, handlungsentlastete und verlangsamte Auseinandersetzung mit einem einzelnen Fall bzw. mehreren Fällen aus der pädagogischen bzw. schulischen Wirklichkeit (vgl. Kunze 2017: 215; Beck et al. 2000: 45). Wir verwenden Kasuistik und Fallarbeit synonym. Zweckgerichtetheit bedeutet, dass der Fall in der Lehrer*innenbildung immer mit einer bestimmten Absicht näher betrachtet wird: Warum man also an einem Fall arbeitet, ist nicht beliebig, da Fallarbeit in der Lehrer*innenbildung immer ein didaktisches Setting ist.
  • Ein Fall ist eine dokumentierte Gegebenheit oder Situation, die ins Zentrum der Aufmerksamkeit mindestens einer an Erkenntnis interessierten Person rückt (vgl. Steiner 2014: 8). Ein Fall ist also eine zum Fall gemachte Gegebenheit oder eine zum Fall gemachte Situation, welche nur bedingt beliebig, weil subjektiv auffallend ist. Für Fälle in der Lehrer*innenbildung ist typisch, dass der Fall nie aus dem Auffallenden allein besteht, sondern immer im Kontext betrachtet werden muss.

Das allen übergeordnete Ziel der Fallarbeit in der Lehrer*innenbildung ist dabei die Professionalisierung angehender Lehrpersonen, also vor allem die Entwicklung professioneller Haltungen, professionellen Wissens oder die Unterstützung professionellen (zukünftigen) Handelns. Dies verbindet die kasuistischen Formate. Kasuistik ist eine Möglichkeit von vielen, die Professionalisierung angehender Lehrpersonen zu befördern.

 

 

Systematisierung kasuistischer Lehr-Lern-Formate in der universitäreren Lehrer*innenbildung

Die Arbeit an Fällen gewinnt in der Lehrer*innenbildung zurzeit an vielen Universitäten an Bedeutung. Dabei werden kasuistische Lehr-Lern-Formate in vielfältiger Weise praktiziert. Da diese Formate jedoch sehr unterschiedlich ausgestaltet sind, ist es schwierig, sie zu vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen. Gibt es solche Gemeinsamkeiten, dass man ein gemeinsames Verständnis des Begriffs Kasuistik bzw. Fallarbeit entwickeln kann?

Im Rahmen des Arbeitskreises Kasuistik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wurden vier Typen von Kasuistik unterschieden, die folgendermaßen umrissen werden können:

  • Subsumtive Kasuistik: Hier wird ein Fall genutzt, um eine Theorie oder ein wissenschaftliches Phänomen zu illustrieren. Es geht darum, die Theorie oder das Phänomen im Fall wiederzuerkennen.
  • Problemlösende Kasuistik: Gegenstand der Auseinandersetzung ist ein ‚problematischer‘ Fall, z. B. eine als problematisch erlebte Situation aus dem Unterricht. Ziel der Fallarbeit ist es, das Problem zu verstehen und Lösungen zu entwickeln.
  • Praxisanalysierende Kasuistik: In dieser Art von Kasuistik geht es darum, Situationen aus der Praxis mit einem bestimmten (z. B. fachdidaktischen) Fokus zu analysieren. Didaktisches Ziel ist es, diese Praxis zu verstehen, zu bewältigen und zu verbessern.
  • Rekonstruktive Kasuistik: Hier geht es um ein Nachvollziehen von Situationen, das nicht auf Praxisbewältigung abzielt, sondern unabhängig davon zu verstehen versucht, was eigentlich in dieser Situation passiert.

Eine differenzierte Beschreibung und Hauptunterschiede finden Sie im Fachtext: KALEI_AK_Kasuistik_Systematisierung von Kasuistik