Zwischenfall während der Leserunde


Während der Leserunde in einer Tagesstätte kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Kindern.

 

 


Rahmung:

der vorliegende Fall ist im Rahmen des AuPP Moduls entstanden und basiert auf beobachtenden, explorativen und reflexiven Bestandteilen im Hinblick auf das pädagogische Handeln. Die Grundlage der Analyse stellt ein selbstverfasstes Beobachtungsprotokoll dar, welches während der Praktikumszeit entstand.

Protokoll:

Ich befinde mich in einer Tagesgruppe einer ostdeutschen Großstadt. Seit 12 Uhr betreue ich gemeinsam mit Sabine, der Gruppenleiterin, Heike und Maria sechs Kinder im Alter von 7-12 Jahren. Es hängt der süßliche Geruch von Kartoffelpuffern im Raum. Ich sitze in der Küche an der Stirnseite einer langen Holztafel mit acht weiteren besetzten Stühlen. Es ist ein lichtdurchfluteter längs geschnittener Raum. Hinter mir befindet sich die Balkontür und mir gegenüber die Tür, die zum Flur führt. Insgesamt gibt es 12 Stühle. Es ist heute sehr unruhig und laut, die Kinder sprechen in unterschiedlichen Lautstärken ungebremst durcheinander, verlassen ab und zu ihre Sitzplätze und P. und A. verweigern das Mittagessen, in dem sie ihre Teller beide auf den Schoß nehmen und damit vermeiden wollen, dass einer der Betreuer das Mittagessen darauf tut. Sabine, unternimmt immer wieder ambitionierte Versuche, die Kinder an der langen Tafel zu behalten, in dem die bestimmter ihre Stimme einsetzt und die beiden Teller wieder auf den Tisch stellt. Ihre Stimme überschlägt sich und ich stelle fest, dass ich an ihrer Stelle heillos überfordert wäre- lasse mir das aber nicht anmerken und versuche mich auf den Verzehr meiner Kartoffelpuffer zu konzentrieren. Da ich weiß, dass nun gleich die Leserunde ansteht, esse ich schneller als für mich üblich auf und nutze diesen nächsten Tagesordnungspunkt, um hastig mein Geschirr abzuspülen und  die Küche vorzeitig zu verlassen. Ich ziehe meine Hausschuhe vor dem “Ruheraum” aus und verdunkel das Zimmer mithilfe von zwei schweren lila Vorhängen aus Samt, die ich vor die zwei großen Fenster ziehe, nehme die weichen Decken der Kinder aus dem Bettkasten und verteile lila Kissen auf dem lilafarbenen Flokatiteppich. Die einkehrende Ruhe lässt mich zweimal tief durchatmen und ich genieße den weichen Teppich unter meinen Füßen und die gedämmten Lichtverhältnisse. Ich werde von D. unterbrochen, der sich schnell bewegend aber bedacht in eine Ecke der u- förmigen Bank setzt und dem ich seine Schlafdecke reiche. Es ist eine allgemeine Regel, im Ruheraum lediglich zu flüstern und bin froh um diese Gelegenheit und ahne, wie gut das den aufgeregten Kindern gleich tun wird. Er entreißt sie mir und ich zucke kurz zusammen. Nun kuschelt er sich in seine weiche Decke gehüllt kokonartig in die rechte Ecke, nicht mal der Kopf ist noch zu sehen. Schon am Mittagstisch verhielt er sich abwesend und mir fällt auf, dass ihn erst jetzt so richtig mit seinen Sorgen registriere. Ich ziehe den Raumtrenner zu und setze mich in die anderen Ecke auf derselben Seite auf die Bank. Gegenüber befindet sich eine weitere gepolsterte Bank und darüber ein riesiges lila Tuch mit fernöstlichen Ornamenten, was mich an ein besonders kompliziertes Mandala erinnert, was ich mir früher nie zugetraut habe auszumalen. Der lila Ton im gesamten Raum wirkt warm und wohlig und ist sehr präsent. Die Tür öffnet und schließt sich nach wenigen Sekunden wieder. Ganz vorsichtig kommen A., P.. und Maria, die Betreuerin herein. Sie wird heute eine neue Geschichte vorlesen und bringt die Kiste mit den Massagebällen und der Klangschale mit. A. und P. setzen sich gemeinsam mir gegenüber und Maria zwischen den beiden Bankreihen auf den Teppich in die Mitte. Die beiden Jungs stacheln sich immer wieder gegenseitig an und haben Probleme die Flüsterregel einzuhalten. Es ist von meinem Platz aus nicht zu verstehen, worüber sie sich unterhalten. Sie zeigen auf D. und lachen gut hörbar in seine Richtung. Maria fordert die beiden auf, sich räumlich voneinander zu trennen und P. rückt zwei Plätze nach links. Ich finde es richtig, dass sie so konsequent auf die Unruhe reagiert und frage mich, ob die Konstellation in der Vergangenheit schon oft für Reibung gesorgt hat. Obwohl noch drei Kinder fehlen, fängt Marial schon an und liest nachdem der tiefe Ton der Klangschale verhallt, gut betont und langsam vor. Nach einer Minute sehe ich aus dem Augenwinkel einen Gegenstand an mir vorbei zu D. fliegen. Ein Kuscheltierhase trifft ihn an seinem nicht sichtbaren Kopf und prallt Richtung Flokatiteppich ab. D. zieht ruckartig die Decke beiseite und stürmt auf P. zu ohne wissen, ob der Wurf von ihm ausgegangen ist. Er schlägt wie mechanisch auf seinen Kopf ein und P. versucht sich mit seinen Händen und Armen zu schützen und krümmt seinen Körper. Maria und ich greifen gleichzeitig nach D., der mit sehr viel Kraft versucht, sein Vorhaben fortzuführen. Wir trennen die beiden und ich begleite P. hinaus in den Flur und knie mich zu ihm hinunter und schaue, ob er sich verletzt hat. Ich erkenne “nur” rote Striemen an seiner Wange und versuche ihn zu beruhigen, in dem ich seine Tränen mit einem Taschentuch wegwische und dabei mir ruhiger Stimme immer wieder sage, dass jetzt alles gut ist. Maria bleibt im Ruheraum mit A. sitzen. Ich höre sein brüllen und schreien noch sehr gut trotz geschlossener Tür und verstehe jedes einzelne Schimpfwort, was an sich an P. richtet. Ich würde P. am liebsten die Ohren zuhalten und habe Sorge, dass er sich provozieren lässt. Deswegen bringe ich ihn in den Spielraum, der sich am anderen Ende der Wohnung befindet. Ich bin erschrocken über diesen Wutausbruch und bitte Sabne, die sich auch im Spielraum befindet in den Ruheraum, um D. zu beruhigen. Maria und sie bringen ihn dann in den Wutraum und die Geräusche lassen vermuten, dass er sich mit Händen und Füßen wehrt und immer tiefer in eine Raserei verfällt. Erst nach 20 Minuten sind die Geräusche verklungen.

 


Autorschaft
Teresa Hübner |
Erhebungskontext
Erhebungsmethode