{"id":33,"date":"2024-12-08T07:50:00","date_gmt":"2024-12-08T06:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/?p=33"},"modified":"2024-12-08T07:53:05","modified_gmt":"2024-12-08T06:53:05","slug":"simulation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/2024\/12\/simulation\/","title":{"rendered":"Simulation"},"content":{"rendered":"\n<p>Protokoll von Anna Langkabel<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Sitzung wurde kurz der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/2024\/12\/hands-on-plaedoyer-fuer-eine-experimentelle-medienarchaeologie\/\" target=\"_blank\">Text \u201eHands-on\u201c von Andreas Fickers besprochen<\/a>, welcher in der Woche zuvor ausgefallen war. Fickers betont, dass man Prozesse nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch durchlaufen sollte, um die Wirkung der Medien zu verstehen. Ein zentraler Aspekt seines Textes ist das Reenactment, das nicht nur die Nachstellung historischer Ereignisse umfasst, sondern auch die Erarbeitung von Prozesswissen \u00fcber historische Tatsachen. Als Beispiel f\u00fcr ein solches Prozesswissen wurde die Entstehung von H\u00f6hlenmalerei angef\u00fchrt, welche als erste gro\u00dfe experimentelle Feldforschung gilt. Beim Nachstellen dieser zeigte sich, dass es erhebliche kulturelle Anstrengungen erfordert, solche Malereien an W\u00e4nde zu bringen. Fickers legt den Fokus auf das Praxiswissen, weshalb er theoretische Begriffe von &#8222;Arch\u00e4ologie&#8220;, wie bei  Foucault und Kittler, kritisiert. Nach seiner \u00dcberzeugung lernt man Praxiswissen am besten, indem man selbst aktiv wird \u2013 durch \u201eHands-on\u201c. Abschlie\u00dfend wurde festgehalten, dass er den Begriff \u201eMedienarch\u00e4ologie\u201c nicht eindeutig definiert. F\u00fcr ihn bedeutet dieser Begriff so etwas, wie experimentelle Arch\u00e4ologie mit Medien.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/files\/2024\/12\/IMG_2035-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34\" height=\"NaN\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/files\/2024\/12\/IMG_2035-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/files\/2024\/12\/IMG_2035-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/files\/2024\/12\/IMG_2035-768x432.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/files\/2024\/12\/IMG_2035-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/gamelabs\/files\/2024\/12\/IMG_2035-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Darstellung eines Lorenz-Attraktors mit einem Analogcomputer und einem Analog-Oszilloskop<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als N\u00e4chstes wurden uns die mitgebrachten Ger\u00e4te vorgestellt. Dabei handelte es sich um ein analoges Oszilloskop und einen Analogcomputer, auf dem ein Programm gesteckt war, das eine Simulation ausf\u00fchren konnte. Im weiteren Verlauf der Seminarsitzung wurde uns darauf dann der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lorenz-Attraktor\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Lorenz-Attraktor<\/a> demonstriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand dieses Objektes besch\u00e4ftigten wir uns mit <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de\/we01\/institut\/mitarbeiter\/emeriti\/kraemer\/PDFs\/Aufsaetze\/Simulation-und-Erkenntnis_Ueber-die-Rolle-computergenerierter-Simulationen-in-der-Wissenschaft-2011-_154_.pdf\" target=\"_blank\">Sybille Kr\u00e4mers Text \u201eSimulation und Erkenntnis\u201c<\/a>. Kr\u00e4mer, Professorin f\u00fcr theoretische Philosophie, gilt seit den 1980er-Jahren als eine der wichtigsten K\u00f6pfe in der Medienwissenschaft. Sie trug ma\u00dfgeblich zu einer medienwissenschaftlichen Theoretisierung von Digitalit\u00e4t und Computerisierung bei. Zudem entwickelte sie eine epistemologische Medientheorie, die sich haupts\u00e4chlich mit den theoretischen Aspekten hinter den Maschinen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Text entstand vor dem Hintergrund eines <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/4032-14.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3\" target=\"_blank\">Strategiepapiers des Wissenschaftsrates zum Thema Simulation<\/a> f\u00fcr die Bundesregierung. Der Grund f\u00fcr die Entstehung dieses Papiers beruht auf zwei Achsen:<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Achse ist die ethisch-moralische Dimension. Hierbei geht es um die ethische Frage der Simulation. Jean Baudrillard entwickelte hierzu eine Simulationstheorie. Er sagt, dass alles, was wir wissen, uns medial vermittelt wird. Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass wir heute in einer Hyperrealit\u00e4t leben \u2013 einer von Medienzeichen generierten Wirklichkeit. Als aktuelles Beispiel wurden Verschw\u00f6rungstheorien in sozialen Medien angef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Baudrillard definiert Simulation und Dissimulation wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Simulation: Das Vorspielen von etwas, das gar nicht existiert.<\/li><li>Disimulation: Das Verschweigen oder \u00dcberspielen von Symptomen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die zweite Achse bezieht sich auf Wissenschaftspraxis und Medientechnik. Dabei geht es darum neue Erkenntnisse zu gewinnen. Simulationen treten hier als Vermittler zwischen Theorie und Praxis. Gr\u00fcnde f\u00fcr deren Einsatz sind zum einen, dass es heute Medien gibt, die solche Prozesse unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, und zum anderen, dass sie bei bestimmten Problemen notwendig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist das <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/physik\/dreikoerperproblem\/3389\" target=\"_blank\">Drei-K\u00f6rper-Problem der Physik<\/a>, das den Zustand von Massenanziehungskr\u00e4ften in Systemen mit mehr als zwei Massen beschreibt. Dieses Problem ist formal nicht mehr beschreibbar. Ein weiteres Beispiel sind chaotische Systeme, in denen keine Vorhersagen m\u00f6glich sind. Hier k\u00f6nnen kleinste \u00c4nderungen der Anfangsbedingungen zu gro\u00dfen Abweichungen beim Ergebnis f\u00fchren, sodass Prognosen unm\u00f6glich werden. Ein Beispiel hierf\u00fcr sind Wetterph\u00e4nomene, die numerisch durch gekoppelte Differentialgleichungen beschrieben werden \u2013 und in Simulationen wie dem Lorenz-Attraktor visualisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Simulationen werden ben\u00f6tigt, wenn Experimente nicht mehr durchf\u00fchrbar sind \u2013 sei es, weil Prozesse zu klein, zu gef\u00e4hrlich oder noch unbekannt sind \u2013 oder wenn keine mathematisch-formalisierte Beschreibung m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine historisch bedeutende Simulation fand 1944 mit dem ENIAC-Computer statt. Mithilfe eines von John von Neumann entwickelten Simulationsprogramms wurde die Verdichtung des Plutoniumkerns einer Atombombe berechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als N\u00e4chstes widmeten wir uns der Frage, wie eine Simulation eigentlich entsteht. Dabei wurde deutlich, dass Simulationen weder direkt auf Naturgesetzen noch auf der Erstellung von Formeln beruhen. Das Ergebnis der Diskussion war, dass Simulationen durch das Sammeln und Verarbeiten von Daten aufgebaut werden. Sie sind numerisch funktionierende Systeme, die auf Basis von Zahlen Ausgaben erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende der Sitzung besch\u00e4ftigten wir uns mit der epistemologischen Perspektive auf Simulation, die Sybille Kr\u00e4mer in vier zentrale Aspekte unterteilt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1) Mathematisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mathematisierung beschreibt die Verschriftlichung des Rechnens durch die Symbolisierung von Zahlen. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist die Kalk\u00fclisierung \u2013 eine funktionale Schreibweise, mit der abstrakte Gedanken mathematisch darstellbar werden. So entsteht eine kleine \u201eMathematikmaschine\u201c, die Ergebnisse liefert. Zusammengefasst erfordert die Mathematisierung: Zahlen, mit denen gerechnet werden kann, eine Algebra, die allgemeine Gesetze formulierbar macht, und eine \u201eMathematikmaschine\u201c, die Zahlen verarbeitet und Ergebnisse liefert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2) Modellierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Modellierung wird Urteilskraft ben\u00f6tigt, um eine Analogie bilden zu k\u00f6nnen und diese in Gedanken durchzuspielen. Wichtig f\u00fcr eine Simulation ist auch die Vereinfachung f\u00fcr ein Modell. Ein Modellauto ist beispielsweise eine vereinfachte Version eines echten Autos, bei dem jedoch die Dinge weggelassen wurden, die f\u00fcr die Simulation nicht von Interesse sind. Zudem ist die Autonomie des Modells wichtig: Es bildet eine eigenst\u00e4ndige Realit\u00e4t ab und erm\u00f6glicht Experimente, die unabh\u00e4ngig vom Original durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3) Visualisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bilder spielen in der Simulation eine zentrale Rolle, da sie als Wissensobjekte dienen, mit denen neues Wissen generiert werden kann. In Simulationen werden Bilder zu analytischen Werkzeugen, die uns erm\u00f6glichen, spezifische Informationen aus ihnen zu extrahieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4) Digitalisierung (Computerisierung)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der entscheidende Aspekt der Digitalisierung ist die Verzeitlichung. Messwerte werden zu Daten, die entmaterialisiert und in abstrakte Zahlenph\u00e4nomene umgewandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss setzten wir uns mit der forschungsethischen Frage auseinander, wie mit Simulationen verantwortungsvoll umzugehen ist. Dabei wurde betont, dass ein kritischer Umgang notwendig ist, der eine neue Art von Lesekompetenz und Bildkritik erfordert. Als Beispiel wurde die Wahlprognose zur Bundestagswahl angef\u00fchrt. Bei solchen Simulationen m\u00fcssen drei zentrale Aspekte bedacht werden:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Es wird ausschlie\u00dflich mit bereits erhobenen Daten gearbeitet.<\/li><li>Die Frage, wer die Umfrage durchgef\u00fchrt hat, ist mitentscheidend.<\/li><li>Es ist wichtig zu hinterfragen, welche Daten und Parameter in die Simulation eingeflossen sind.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Als Fazit der Sitzung haben wir festgehalten, dass am Ende einer Simulationstheorie immer eine Bildkritik stehen muss. Dies ist die Aufgabe der Bild- und Medienwissenschaftler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Protokoll von Anna Langkabel Zu Beginn der Sitzung wurde kurz der Text \u201eHands-on\u201c von Andreas Fickers besprochen, welcher in der Woche zuvor ausgefallen war. 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