{"id":157,"date":"2016-07-04T18:20:22","date_gmt":"2016-07-04T16:20:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/?p=157"},"modified":"2018-12-02T14:39:33","modified_gmt":"2018-12-02T13:39:33","slug":"die-individulle-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/2016\/07\/die-individulle-freiheit\/","title":{"rendered":"Geld, Freiheit und Pers\u00f6nlichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\">Simmel geht im ersten Abschnitt seines 4. Kapitels auf die Themen Freiheit, Individuum, Objekt, Subjekt, Tauschgesch\u00e4ft und das Beziehungsgeflecht innerhalb einer Gesellschaft ein. Seine Analyse, wie sich Geld auf die genannten Themen auswirkt, lese ich als haupts\u00e4chlich soziologisch orientiert, ja fast kultursoziologisch. \u00d6konomische oder geldgeschichtliche Aspekte sind in diesem Kapitel kaum zu finden. Viele Aussagen und Schlussfolgerungen des\u00a0Kapitels sind bereits in der Vorarbeit\u00a0<em><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/kategorie\/simmels-vorarbeiten\/\">Cultur des Geldes<\/a>\u00a0<\/em>zu finden, ein Titel, der ebenso passend f\u00fcr den hier betrachteten Abschnitt ist.<\/p>\n<p>An seine Vorarbeit ankn\u00fcpfend stellt Simmel am Beispiel b\u00e4uerlicher Abh\u00e4ngigkeiten erneut heraus, dass in der fr\u00fchen Neuzeit eher pers\u00f6nlicher Natur waren, w\u00e4hrend in moderner Zeit die Abh\u00e4ngigkeit durch Geld versachlicht seien. Er beschreibt jedes Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, das real existiert, als gegenseitige Willenserkl\u00e4rung (&#8222;Verpflichtung&#8220;) zwischen einem &#8222;Berechtigten&#8220; (Pflichtgeber) und einem &#8222;Verpflicheten&#8220; (Pflichtnehmer). Der &#8222;Berechtigte&#8220; hat in dieser Willenserkl\u00e4rung das Forderungsrecht auf eine Leistung, die vom &#8222;Verpflichteten&#8220; erbracht werden muss. Solche Verh\u00e4ltnisse existieren nach Simmel in drei Formen:<\/p>\n<ol>\n<li>der Anspruch von pers\u00f6nlichen Leistungen (Bsp.: Fronarbeit; Extrembsp.: Sklaverei) &#8211; die pers\u00f6nliche Freiheit ist hier sehr stark eingeschr\u00e4nkt oder auch gar nicht gegeben; der Berechtigte gibt die Art und Weise des Wirtschaftens\u00a0streng vor<\/li>\n<li>der Anspruch auf das Ergebnis einer pers\u00f6nliches Arbeit &#8211; (Bsp.: b\u00e4uerliche Abgaben des erwirtschaften Ertrages) &#8211; pers\u00f6nliche Freiheit ist hier in sofern vorhanden, dass dem Verpflichteten die Art und Weise des Wirtschaftens frei gestellt ist<\/li>\n<li>der Anspruch auf ein absolutes Mittel\u00a0&#8211; (Bsp.: Geldabgaben) &#8211; hier ist der Verpflichtete nicht nur in der Art und Weise des Wirtschaftens frei, sondern auch darin, wie er das absolute Mittel beschafft; das Absolute Mittel ist dabei selten\u00a0das Produkt der Arbeit des Verpflichteten<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese 3 Formen zeigen keine historische Entwicklung, darauf weist Simmel explizit hin. Es sind analytische Idealtypen, die in Vergangenheit und Gegenwart als Mischformen und\/oder in Abstufungen existierten. Geld spielt in dieser Analyse die Rolle des absoluten Mittels im 3. Idealtypus. Geld ist objektivierter Wert, der jegliche Pers\u00f6nlichkeit eines Subjekts aus dem Pflichtverh\u00e4ltnis nimmt. So werden alle Arten von Beziehungen und Abh\u00e4ngigkeiten Objektiviert<\/p>\n<p>Geld nimmt in der objektiven Betrachtung der Lebenswelt einen eigenen Stellenwert ein, da es Wertsymbol und Wertgegenstand zugleich ist. Durch diese objektive Anschauung k\u00f6nnte der Mensch eine Welt ohne Streit und gegenseitige Verdr\u00e4ngung aufbauen. Hierzu m\u00fcssen nach Simmel mehr Lebensinhalte objektiviert und ein Tauschhandel erfolgen. Der Tauschhandel erm\u00f6glicht Vorteile f\u00fcr beide Parteien und dabei ein Wachstum, also eine Wertsteigerung. Der eine Partner gibt etwas, was f\u00fcr ihn relativ \u00fcberfl\u00fcssig ist, aber von dem anderen relativ ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie objektiv gleiche Wertsumme geht durch die zweckm\u00e4\u00dfigere Verteilung, die der Tausch bewirkt, in eine subjektiv gr\u00f6\u00dfere, in ein h\u00f6heres Ma\u00df empfundener Nutzung \u00fcber.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Eigenschaften Teilbarkeit und unbeschr\u00e4nkte Verwertbarkeit des Geldes bewirken, dass eine objektive \u00c4quivalenz zwischen Leistung und Gegenleistung stattfinden kann. Denn Geld ist nur f\u00fcr die Darstellung des Wertes anderer Objekte zust\u00e4ndig. Somit kann nach Simmel nur der Tausch mit Geld Objektivit\u00e4t erm\u00f6glichen. Der eine H\u00e4ndler erh\u00e4lt etwas, das er unbedingt (in dem Moment) ben\u00f6tigt und der andere etwas, das er ganz allgemein (in jedem Moment) braucht.<\/p>\n<p>Geld dient zum Austausch von G\u00fctern und Dienstleistungen, sowie f\u00fcr die Bereitstellung ihrer Herstellung. Es durchzieht also das gesellschaftliche Leben und jedes soziale Handeln l\u00e4sst sich auf Geld zur\u00fcckf\u00fchren. Man kann sagen, Geld ist ein &#8222;absolutes Mittel&#8220;. Geld als Tauschmittel zu nutzen birgt aber auch soziale\u00a0Folgen. Durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung werden immer mehr Menschen abh\u00e4ngig voneinander, aber mit der Technisierung r\u00fcckt das Objekt in den Fokus und es erfolgt eine Objektivation des Subjekts. Das Subjekt wird somit zum Resultat der Geldwirtschaft. Dadurch werden die Menschen austauschbar und soziale Bindungen werden eingeschr\u00e4nkt. Der Mensch wird nur noch an seiner sachlichen Zweckm\u00e4\u00dfigkeit gemessen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie allgemeine Tendenz aber geht zweifellos dahin, das Subjekt zwar von den Leistungen immer mehrer Menschen abh\u00e4ngig, von den dahinterstehenden Pers\u00f6nlichkeiten als solchen aber immer unabh\u00e4ngiger zu machen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Aufgrund der\u00a0Arbeitsteilung erfolgt eine Individualisierung der Personen. Das Handeln wird nur auf bestimmte Teile beschr\u00e4nkt und dadurch wird keine pers\u00f6nliche Freiheit zugelassen.<\/p>\n<p>Individuelle Freiheit wird durch Kapital erm\u00f6glicht, denn durch dieses wird dem Subjekt der gesamte sachliche Reichtum der Welt zug\u00e4nglich. Von Kapital kann man sprechen, wenn dieses \u00fcber die Grundversorgung hinaus ausreicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Prozess der totalen Objektivation aller menschlichen Beziehungen w\u00e4re die Umsetzung der totalen pers\u00f6nlichen Freiheit. Diesen Prozess lokalisiert Simmel in seiner Zeit, sagt jedoch, dass er noch unvollst\u00e4ndig ist. Dei Kehrseite einer solchen Entwicklung ist aber die enorme Abh\u00e4ngigkeit von Geld, da alles, was das Individuum nicht kann, durch zukauf von Leistungen kompensiert werden m\u00fcsse. Diese Dringlichkeit wird von der Zunehmenden Arbeitsteilung und Spezialisierung nochmals verst\u00e4rkt. Eine Gesellschaft, die sich nun so entwickle, k\u00e4me dem Sozialismus extrem nahe. Denn Simmel bedeutet Sozialismus &#8222;jedes sozial zu ber\u00fccksichtigende Tun in eine objektive Funktion zu verwandeln.<\/p>\n<blockquote><p>In einer nach dieser Richtung hin ganz vollendeten Gesellschaftsverfassung w\u00fcrde der einzelne unendlich abh\u00e4ngig sein; die einseitige Bestimmtheit der ihm zugewiesenen Leistungen w\u00fcrde ihn auf die Erg\u00e4nzung durch den Komplex aller anderen anweisen, und die Befriedigung der Bed\u00fcrfnisse w\u00fcrde nur sehr unvollkommen aus dem eigensten K\u00f6nnen des Individuums, sondern w\u00fcrde aus einer ihm gleichsam gegen\u00fcberstehenden, rein sachlichen Gesichtspunkten folgenden Arbeitsorganisation hervorgehen. (S. 395)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<p>In einer solchen Gesellschaftsverfassung, die jegliche Beziehungen und T\u00e4tigkeiten durch Geld objektiviert hat, wird im Endeffekt auch das Subjekt objektiviert;\u00a0ergo wird das Individuum bedeutungslos. Allein seine objektive T\u00e4tigkeit als &#8222;Lieferant&#8220; im Produktionsprozess ist von Bedeutung. Die ausf\u00fchrende Person kann beliebig ausgetauscht werden. Pers\u00f6nliche Beziehungen sind vollkommen aufgel\u00f6st und die totale pers\u00f6nliche Freiheit ist hergestellt.<br \/>\nDiese Analyse f\u00fchrt aber nicht zwangsl\u00e4ufig zu einer dystopischen Vorstellung nach dem Motto &#8222;Atomisierung der Gesellschaft&#8220;. Denn individuelle Freiheit sieht Simmel auch als Relation und &#8222;Verh\u00e4ltnis zwischen Menschen&#8220; (S. 400).<\/p>\n<blockquote><p>Die individuelle Freiheit ist keine reine innere Beschaffenheit eines isolierten Subjekts, sondern eine Korrelationserscheinung, die ihren Sinn verliert, wenn kein Gegenpart da ist. (S. 397)<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit ist deutlich gemacht, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und sich (u.a.) \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zu anderen Menschen definiert, so auch alle Formen von Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit. Der Mensch einer Geldwirtschaft hat zwar durch das Geld und dessen objektiven Wert eine hohe Freiheit von anderen Individuen als Personen, jedoch ist er umso abh\u00e4ngiger von den einzelnen Leistungen die diese Individuen als Lieferanten beisteuern. Anders ausgedr\u00fcckt besteht jedes zwischenmenschliche Verh\u00e4ltnis aus N\u00e4he und Distanz. In der Geldwirtschaft gewinnt in diesem Verh\u00e4ltnis die Distanz ein Maximum, w\u00e4hren die N\u00e4he auf ein Minimum f\u00e4llt, jedoch nie auf Null, oder darunter zu fallen.<\/p>\n<p>Damit wird deutlich, dass Freiheit nicht einfach <em>mehr<\/em> wird. Mit der Freiheit von etwas kommen immer neue Pflichten zu etwas, die jedoch zun\u00e4chst als Teil der neuen Freiheit wahrgenommen werden. Bereits zu Beginn des hier betrachteten Abschnitts mach Simmel dies deutlich: <strong>&#8222;Was wir n\u00e4mlich als Freiheit empfinden, ist tats\u00e4chlich oft nur ein Wechsel der Verpflichtungen&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Damit sieht Simmel Freiheit, wie Physiker Energie: Sie kann nicht geschaffen werden, noch verloren gehen. Ihre Summe bleibt in einem geschlossenem System gleich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simmel geht im ersten Abschnitt seines 4. Kapitels auf die Themen Freiheit, Individuum, Objekt, Subjekt, Tauschgesch\u00e4ft und das Beziehungsgeflecht innerhalb einer Gesellschaft ein. Seine Analyse, wie sich Geld auf die genannten Themen auswirkt, lese ich als haupts\u00e4chlich soziologisch orientiert, ja fast kultursoziologisch. \u00d6konomische oder geldgeschichtliche Aspekte sind in diesem Kapitel kaum zu finden. 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