{"id":158,"date":"2016-07-05T18:06:08","date_gmt":"2016-07-05T16:06:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/?p=158"},"modified":"2016-07-09T09:36:53","modified_gmt":"2016-07-09T07:36:53","slug":"geld-wert-und-erkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/2016\/07\/geld-wert-und-erkenntnis\/","title":{"rendered":"Geld, Wert und Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>Im analytischen Teil seiner Arbeit besch\u00e4ftigt sich Simmel mit dem Wert des Geldes. Wir bearbeiten hier das dritte Unterkapitel, welches sich mit der Einordnung des wirtschaftlichen Wertes in ein relativistisches Weltbild besch\u00e4ftigt. Das Geld nimmt dabei seinen Platz als obersten Ausdruck von wirtschaftlichem Wert ein.<\/p>\n<blockquote><p>&#8230;erst die Relativit\u00e4t [schafft] den Wert der Objekte im objektiven Sinne, weil erst durch sie die Dinge in eine Distanz zum Subjekt gestellt werden&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Was Simmel genau mit der &#8222;Doppelrolle des Geldes&#8220; und seiner scheinbaren Widerspr\u00fcchlichkeit meint und auf was er hinaus will, l\u00e4sst sich nur festellen, wenn man den ersten Teil dieses Kapitels, in dem er seine theoretisch methodische Grundlage beschreibt, versteht. Deswege versuche ich im folgenden die wichtigsten Aspekte kurz zusammenzufassen.<\/p>\n<p>Beim Lesen des Kapitels schafft es Simmel mich dazu zu zwingen von einen Gedanken zum n\u00e4chsten zu hetzten, dabei wirkt es erst so als h\u00e4ngen diese kaum zusammen, aber irgendwie ergibt sich dann doch immer wieder eine Verbindung. So viele und interessante Gedanken mir kamen, so schwer ist es, diese richtig ins Bewusstsein zu bringen und irgendwie greifbar zu machen und formulieren zu k\u00f6nnen. Dabei w\u00e4ren einige Zwischen\u00fcberschriften, auf die Simmel komplett verzichtet oder ein par Abs\u00e4tze mehr, mit Sicherheit hilfreich gewesen. Im folgenden ein par Gedanken dazu, was f\u00fcr Simmel Erkenntnis und Relativit\u00e4t bedeutet. Dabei finde ich es bei vielen seiner Ausf\u00fchrungen schwierig, diese in eigenen Worten wiederzugeben, da ich dabei immer das Gef\u00fchl habe, ich w\u00fcrde etwas entscheidendes unterschlagen. Deswegen werde ich mich zum Gro\u00dfteil auf Wiedergabe des von Simmel geschrieben beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Simmel outet sich als Relativist und beschreibt was Relativismus f\u00fcr ihn bedeutet und erl\u00e4utert die Vorteile des Relativismus gegen\u00fcber den Skeptizismus und anderen erkenntnistheoretischen Theorien. <\/p>\n<p>Er beschreibt zum Beispiel wie das menschliche Denken funktioniert und betont immer wieder die scheinbaren Widerspr\u00fcchlichkeiten des Dasein und des menschlichen Denkens.<\/p>\n<p>So sei unser Sein und Denken gepr\u00e4gt von Bewegung (dem Wechselnden, Unruhigen, \u00c4u\u00dferlichen) und der Ruhe (das Substanzielle, Definitive, eigentlich Wertvolle).(S.93) Wir versuchen hinter den Fl\u00fcchtigkeiten  des Lebens die Wahrheiten bzw. etwas unver\u00e4nderliches Absolutes zu entdecken,  wie fr\u00fche Kulturen hinter dem Donner den Donnerer. Die erste Tendenz des Denkens versucht dieses Absolute zu finden und unwichtige Einzelvorg\u00e4nge und Beziehungen zu \u00fcberwinden. (S.94)<\/p>\n<p>Die Grundrichtung der modernen Wissenschaft hingegen versuche relative Bestimmungen und Verh\u00e4ltnisse auszudr\u00fccken ohne \u201eein an sich seiendes Wesen der Dinge\u201c. Hier wirkt es f\u00fcr mich so als ob er den Vergleich mit der Naturwissenschaft bzw. der Physik wagt, was sich sp\u00e4ter meines Erachtens best\u00e4tigt und intensiviert. Trotz dieser Entwicklung in der Wissenschaft scheint es eine Absoluten Wahrheit zu geben.(S.95) Die Wahrheit eines Satzes kann nur erkannt werden, wenn es irgendwelche allgemeinen und sicheren Pr\u00e4missen gibt. Bei den Reihen von Erkenntnissen ist jede nur unter der Bedingung einer anderen g\u00fcltig. Es ist also m\u00f6glich immer weiter zu fragen. Das erinnert mich an ein Kind das immer weiter warum fragt bis sich die Antworten in einem Zirkel bewegen oder immer die gleich Antwort gegeben wird. <\/p>\n<p>Simmel geht davon aus, dass das Erkennen vermutlich irgendwo eine Basis hat, da wir diese aber nicht erkennen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir jede Erkenntnis so behandeln, als w\u00e4re es die Vorletzte. (S.96)<br \/>\nRelativismus \u2260  Skeptizismus, der Relativismus braucht kein Absolutes.<\/p>\n<p>Simmel beginnt einen interessanten Vergleich zwischen erkenntnistheoretischen Gesetzten und  Gesetzten f\u00fcr das menschliche Handeln. <\/p>\n<p>Jede Vorstellung ist nur im Verh\u00e4ltnis zu einer anderen wahr. (S.97)<\/p>\n<p>\u201eJede Rechtsverfassung enth\u00e4lt [\u2026] in sich die Kr\u00e4fte [\u2026] zu ihrer eigenen \u00c4nderung, Ausbreitung oder Aufhebung [\u2026].\u201c Jedes Gesetz besitzt seine W\u00fcrde nur durch das Verh\u00e4ltnis zu anderen Gesetzen. Eine erste Wahrheit muss als existierend angenommen werden, ohne dass diese bewiesen werden kann. (S.98)<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass unsere Erkenntnis ein sehr komplexer Zirkelschluss ist, den wir aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe und N\u00e4he nicht erkennen, wie wir die Erde solange wir auf ihr stehen nicht als Kugel erkennen. (S.99) Halt machen bei einer Wahrheit scheint nur durch Dogmatismus m\u00f6glich zu sein.<br \/>\n\u201eDas Erkennen ist so ein freischwebender Proze\u00df, dessen Elemente sich gegenseitig ihr Stellung bestimmen, wie die Materiemassen es verm\u00f6ge der Schwere tun; gleich dieser ist die Wahrheit dann ein Verh\u00e4ltnisbegriff.\u201c (Hier ist die Parallelit\u00e4t zur Physik eindeutig zu erkennen.)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie unserem Geiste eigene Notwendigkeit, die Wahrheit durch Beweise zu erkennen, verlegt ihre Erkennbarkeit entweder ins Unendliche oder biegt sie zu einem Kreise um, indem ein Satz nur im Verh\u00e4ltnis zu einem anderen, dieser andere aber schlie\u00dflich nur im Verh\u00e4ltnis zu jenem ersten wahr ist. Das Ganze der Erkenntnis w\u00e4re dann so wenig \u203a\u203awahr\u2039\u2039, wie das Ganze der Materie schwer ist; nur im Verh\u00e4ltnis der Teile untereinander gelten die Eigenschaften, die man von dem Ganzen nicht ohne Widerspruch aussagen k\u00f6nnte.\u201c(S.100)<\/p><\/blockquote>\n<p>Verschiedene Lebewesen handeln verschieden, weil sie verschiedene subjektive Wahrheiten haben. Dabei sind die Wahrheiten nicht n\u00fctzlich, weil sie wahr sind, sondern wahr, weil sie sich im Laufe der Evolution als n\u00fctzlich erwiesen haben.(S.101f.)<\/p>\n<p>Wahrheit = Beziehung von Vorstellungen zu einander.(S.103)<\/p>\n<p>\u201eNotwendig ist eine Relation, durch die die gegenseitige Fremdheit zweier Elemente zu einer Einheit wird[&#8230;].\u201c Zum Beispiel bei einem Kunstwerk.<\/p>\n<p>Unser Erkenntnisbild der Welt, setzt sich aus \u201edem Sein\u201c und \u201eden Gesetzen\u201c zusammen. Weder das Sein noch die Gesetze enthalten f\u00fcr sich eine Notwendigkeit. (Ich denke, dass Simmel hier schon indirekt auf den Methodenstreit eingeht.) (S.105)<br \/>\nEs gibt kein Gesetz, das das Dasein notwendig macht und keins das es notwendig macht, dass es Naturgesetze gibt.  Notwendigkeiten bestehen nur zwischen dem Sein und den Gesetzen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen den Dogmatismus, dass das Erkennen abschlie\u00dfbar sei, aufgeben. Nicht: \u201eSo und so verhalten sich die Dinge\u201c sondern \u201eunser Erkennen hat so zu verfahren, als ob sich die Dinge so und so verhielten.\u201c(S.106) Dadurch ist es m\u00f6glich, dass zwei entgegengesetzte Prinzipien g\u00fcltig sind. Genau wie man sich beim Wechseln von induktiver und deduktiver Methode nicht widerspricht. <\/p>\n<blockquote><p>\n\u201eErst durch diese Aufl\u00f6sung dogmatischer Starrheiten in die lebendigen, flie\u00dfenden Prozesse des Erkennens wird die wirkliche Einheit desselben hergestellt, indem seine letzten Prinzipien nicht mehr in der Form des gegenseitigen Sich-Ausschlie\u00dfen, sondern des Aufeinander-Angewiesenseins, gegenseitigen Sich-Hervorrufens und Sich-Erg\u00e4nzens praktisch werden.\u201c <\/p><\/blockquote>\n<p>(Dieses Prinzip l\u00e4sst sich oft in der \u201ePhilosophie des Geldes\u201c wiederfinden. Simmel verbindet oft scheinbar widerspr\u00fcchliche Dinge miteinander.) (S.107)  <\/p>\n<p>Der Mensch versucht jede Vielheit soweit wie m\u00f6glich zu vereinheitlichen, da er  weder mit einem kompletten Monismus noch mit einem kompletten Pluralismus zufrieden ist. Der Gegensatz von Individualisierung und Vereinheitlichung der Lebensinhalte teilt nicht die Menschen sondern den Menschen. F\u00fcrs Denken ist der Mensch auf beides gleicherma\u00dfen angewiesen.(S.108) Weder das eine noch das Andere w\u00fcrde einen Sinn ohne den Gegenentwurf machen. Da man nicht in der Lage w\u00e4re dr\u00fcber nachzudenken. So entsteht \u201edie Schwierigkeit: da\u00df ein Unbedingtes bedingt wird, und zwar durch ein andere Unbedingtes, das seinerseits wieder von jenem abh\u00e4ngt.\u201c(S.109)<\/p>\n<p>Im folgenden bringt er mehrere Beispiele, bei denen sich die Gegensatzpaare wie beschrieben verhalten.<br \/>\n1. Vergangenheit \u2194 Gegenwart bzw. Vorstellung von Zukunft.(geschichtliche Erkenntnis)<br \/>\n2. Kenntnis des Ich \u2194 Kenntnis des Anderen. (psychologische Erkenntnis)<br \/>\n3. Seele als Produkt der Welt \u2194 Welt als Produkt der Seele<br \/>\n4. Allgemeine Gesetze \u2194 Geschichte<br \/>\n5. Apriori \u2194 Erfahrung<\/p>\n<p>Simmel geht davon aus, dass Waren ihren Preis anf\u00e4nglich durch subjektive Werteinsch\u00e4tzung erhalten. Diese variiert mit der wahrgenommenen Distanz des Subjektes zum Objekt. Je weiter diese Distanz, desto wertvoller erscheint etwas.\u00a0Das Geld ist also Ausdrucksform eben jener Distanz, da es zwischen dem begehrenden Ich und dem begehrten Objekt steht.<\/p>\n<blockquote><p>Geld ist nichts als die reine Form der Tauschbarkeit&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230; diese Aussage scheint jedoch nicht der Annahme einer Doppelrolle des Geldes, als Relation und relationsstiftend, zuwiderzulaufen. Trotzdem es Spiegel einer subjektiv wahrgenommenen Distanz ist und somit Wertverh\u00e4ltnisse der austauschbaren Waren untereinander misst, wird es auch direkt gegen Waren getauscht und wird somit selbst zur messbaren Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>__________<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDies ist die philosophische Bedeutung des Geldes: dass es innerhalb der praktischen Welt die entscheidenste Sichtbarkeit, die deutlichste Wirklichkeit der Formel des allgemeinen Seins ist, nach der die Dinge ihren Sinn aneinander finden und die Gegenseitigkeit der Verh\u00e4ltnisse, in denen sie schweben, ihr Sein und Sosein ausmacht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Zitat gibt mir doch ein wenig zu denken. Einerseits spricht Simmel ja davon, dass der sich der wirtschaftliche Wert aus subjektiven Einsch\u00e4tzungen ergibt, hier schreibt er aber davon, dass sich \u00a0Wert aus der Gegenseitigkeit der Verh\u00e4ltnisse &#8211; aus ihrer Vergleichbarkeit also, ergibt. Ich finde das widerspricht sich &#8230; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im analytischen Teil seiner Arbeit besch\u00e4ftigt sich Simmel mit dem Wert des Geldes. Wir bearbeiten hier das dritte Unterkapitel, welches sich mit der Einordnung des wirtschaftlichen Wertes in ein relativistisches Weltbild besch\u00e4ftigt. Das Geld nimmt dabei seinen Platz als obersten Ausdruck von wirtschaftlichem Wert ein. &#8230;erst die Relativit\u00e4t [schafft] den Wert der Objekte im objektiven [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2652,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[47,13,36,49,48,46],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/158"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2652"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=158"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":197,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/158\/revisions\/197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=158"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}