{"id":185,"date":"2016-07-08T20:34:03","date_gmt":"2016-07-08T18:34:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/?p=185"},"modified":"2016-07-11T20:54:22","modified_gmt":"2016-07-11T18:54:22","slug":"geld-lebensstil-und-relativitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/geld\/2016\/07\/geld-lebensstil-und-relativitaet\/","title":{"rendered":"Geld, Lebensstil und Relativit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Das abschlie\u00dfende Kapitel der <em>Philosophie des Geldes<\/em> hat in der Simmel-Rezeption eine besondere Rolle gespielt. J\u00fcrgen Habermas etwa schrieb, dass <\/p>\n<blockquote><p> Simmel seine erstaunliche, wenn auch vielfach anonyme Wirkung jener kulturphilosophisch begr\u00fcndeten Zeitdiagnose verdankt, die er zuerst im Schlu\u00dfkapitel der <em>Philosophie des Geldes<\/em> (1900) entwickelt hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch der Historiker Paul Nolte gr\u00fcndete seine Deutung Simmels als Vordenker einer &#8222;Historischen Anthropologie der Moderne&#8220; in weiten Teilen auf dieses abschlie\u00dfende Kapitel. Wie also sieht die &#8222;Theorie des gegenw\u00e4rtigen Zeitalters&#8220; (Habermas) aus, die Simmel hier entwirft? Und kann man wirklich von einer Theorie, im Sinne eines erkl\u00e4rungsorientierten Systems von Aussagen sprechen?<\/p>\n<p>Im Kern des Kapitels steht der Begriff des Lebensstils. Die vielf\u00e4ltigen \u00dcberlegungen, die Simmel in der <em>Philosophie des Geldes<\/em> im Hinblick auf die wert- und wirklichkeitsstiftende, objektivierende und subjektivierende, nivellierende und individualisierende Funktion des Geldes darlegt, werden unter diesem Begriff noch einmal zusammengef\u00fchrt, um zu einem &#8222;verst\u00e4ndlichen Bilde&#8220; (S. 656) zu gelangen und die Mannigfaltigkeit von Kulturerscheinungen, die sich im Geld zum Ausdruck bringen, zusammenzufassen.<\/p>\n<p>Drei Modi des Verh\u00e4ltnisses zwischen den Dingen und dem Ich macht Simmel dabei aus: 1. Distanz, 2. Rhythmus, 3. Tempo.<\/p>\n<p><strong>DISTANZ<\/strong><br \/>\nGeld, so behauptet Simmel, schafft innerliche Distanz bei \u00e4u\u00dferlicher Ann\u00e4herung. Es verbindet, indem es trennt. Diese Distanzierung im Aneinander-Gedr\u00e4ngtsein erm\u00f6glicht erst die moderne Lebensform, sinnbildlich verk\u00f6rpert im urbanen Dasein &#8211; das Simmel in dem bekannten Aufsatz &#8222;Die Gro\u00dfst\u00e4dte und das Geistesleben&#8220; (1903) noch pointierter in seiner nervenaufreibenden Wirkung sezieren und problematisieren sollte. Doch auch hier schreibt Simmel schon davon, dass das Kennzeichen der modernen Zeit ein von \u00e4u\u00dferlichen wie von innerlichen Gegebenheiten bewirktes &#8222;Gef\u00fchl von Spannung, Erwartung, ungel\u00f6stem Dr\u00e4ngen&#8220; sei &#8211; als &#8222;sollte die Hauptsache erst kommen, das Definitive, der eigentliche Sinn und Zentralpunkt des Lebens und der Dinge&#8220; (S. 670). Diesen zentralen Punkt bildet nun das Geld, ein Ausdruck f\u00fcr die \u00dcberlagerung der Zwecke des Lebens durch die Mittel (\u00e4hnlich wie das Milit\u00e4r). Davon handelte auch schon Simmels 1896 ver\u00f6ffentlichter Vortrag &#8222;Das Geld in der modernen Cultur&#8220;. Das Geld ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern ein Mittel als Mittel, es besitzt eine Doppelrolle: Es ist Teil des Aufstiegs der modernen Mittelinstanzen wie z.B. der Technik zum Selbstzweck, liegt diesen Techniken aber zugleich zugrunde und erm\u00f6glicht sie erst. In der modernen Kreditwirtschaft steigert sich die verbindende und zugleich trennende Wirkung des Geldes, die Zweck- und Vorstellungsreihen werden ausgedehnt, Vertrauen wird vorausgesetzt und zugleich Reservierung bewirkt.  <\/p>\n<p><strong>RHYTHMUS<\/strong><br \/>\nGeld schafft einen gleichm\u00e4\u00dfigen Fluss, es ist ein Medium der &#8222;Vergleichm\u00e4\u00dfigung&#8220; (S. 680). Ist sein erstes Auftreten noch von chaotischer Zuf\u00e4lligkeit gepr\u00e4gt, so gelangt es danach zu einer Stufe der sinnvollen Ordnung und schlie\u00dflich zu einer Kontinuit\u00e4t des Sich-Darbietens. Nun braucht das Individuum sich bei seiner Bed\u00fcrfnisbefriedigung an keinen transindividuellen Rhyhtmus mehr zu halten, es kann sich alles zu jeder Zeit kaufen. Die gro\u00dfen Banken sind es, die laut Simmel durch die Konzentrierung des Geldverkehrs diesen des periodischen Zwanges zur Anh\u00e4ufung und Drainierung entheben und Zins- und Liquidit\u00e4tsprobleme l\u00f6sen k\u00f6nnen. Den Kritikern der Wirtschaftsordnung seiner Zeit, die auf den Wechsel von \u00dcberproduktion und Krisen verwiesen (man denke nur an die amerikanischen Bankenkrisen des 19. Jahrhunderts), h\u00e4lt er entgegen, dass diese damit gerade das &#8222;noch &#8222;Unvollkommene&#8220; (S. 680) der gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde beschrieben. Die von ihm angenommene Entwicklung sei auch keineswegs einfach. Der Kapitalismus bedinge Unsicherheiten. Die angenommenen Stadien der Entwicklung b\u00f6ten sich in einem &#8222;Zugleich&#8220; von Gegens\u00e4tzen dar; das Geld k\u00f6nne dem Liberalismus ebenso wie dem Despotismus dienen, es sei in sich v\u00f6llig &#8222;indifferent&#8220;, ein &#8222;wesensloses Wesen&#8220; (S. 691). Es leihe sich insofern auch weiterhin den fr\u00fcheren Entwicklungsstadien, sofern die &#8222;Verh\u00e4ltnisse oder die Tendenz der Pers\u00f6nlichkeit darauf hindr\u00e4ngt[en]&#8220; (S. 691). Es habe die individualistische Sozialform Englands ebenso erm\u00f6glicht wie es zum Vorl\u00e4ufer sozialistischer Formen werden k\u00f6nne. Auch hier also wieder: Eine Doppelstellung.<\/p>\n<p><strong>TEMPO<\/strong><br \/>\nDie Inhalte des Lebens werden durch das Geld schlie\u00dflich auch in ihrem Tempo beeinflusst. Quantit\u00e4tstheoretische Ansichten greift Simmel hier zwar auf, differenziert deren regelhafte Annahmen aber aus. Er betont die psychologische Dimension der umlaufenden Geldmenge, die das Wirtschaftsleben beeinflusse: Der Umlauf an Waren vermehre sich, und dies bewirke Gef\u00fchle des &#8222;Chocs&#8220; (S. 698). Geld ist auch bei Simmel eine relative Gr\u00f6\u00dfe, jedoch keine neutrale; es mag objektive Effekte haben, doch diese werden subjektiv ausgebildet. Diese Wirkung entdeckt Simmel besonders dort, wo der Substanzwert des Geldes durch dessen Funktionswert abgel\u00f6st wird, etwa am Beispiel des schlechten Papiergeldes und der dadurch bedingten pl\u00f6tzlichen Ver\u00e4nderung von Besitzverh\u00e4ltnissen in Nordamerika vor dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg. Der beschleunigte und beschleunigende Umlauf des Geldes bewege die Verh\u00e4ltnisse, weil er Ungleichheit und damit verbundene &#8222;erregende&#8220; (S. 701) Differenzempfindungen erzeuge (im \u00dcbrigen auch dann, wenn sich der Geldumlauf nicht vermehre, sondern vermindere, und somit retardierend wirke). Auch hier aber kehrt Simmel wieder zur Ambivalenz zur\u00fcck: Geld verk\u00f6rpere den &#8222;Doppelaspekt des Seienden&#8220; (S. 711) &#8211; dessen beharrende Einheit und permanente Formung. Es sei als greifbare Einzelheit das fl\u00fcchtigste Ding der \u00e4u\u00dferlich-praktischen Welt, ein Tr\u00e4ger dauernder Bewegung &#8211; und zugleich seinem Inhalte nach das best\u00e4ndigste, da es als Indifferenzpunkt zwischen allen sonstigen Inhalte stehe und allen wirtschaftlichen Dinge ihr Ma\u00df gebe.<\/p>\n<p>Daran schlie\u00dft Simmel auf den letzten Seiten seines Buches grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen zum inneren Zusammenhang der modernen Welt an: <\/p>\n<blockquote><p> Nur weil die Realit\u00e4t sich in absoluter Bewegtheit befindet, hat es einen Sinn, ihr gegen\u00fcber das ideelle System zeitlos g\u00fcltiger Gesetzlichkeiten zu behaupten; umgekehrt: nur weil diese bestehen, ist jener Strom des Daseins \u00fcberhaupt bezeichenbar und greifbar, statt in ein unqualifiziertes Chaos auseinanderzufallen. Die allgemeine Relativit\u00e4t der Welt, auf den ersten Blick nur auf der einen Seite dieses Gegensatzes heimisch, zieht in Wirklichkeit auch die andere in sich ein und zeigt sich als Herrscherin, wo sie eben nur Partei zu sein schien&#8220; (S. 716).<\/p><\/blockquote>\n<p>Geld also macht den relativistischen Charakter des Seins erkennbar, zumindest insoweit, als die relativistische Weltsicht der Entwicklungsstufe der Gegenwart am ehesten entspricht. Eine Relativit\u00e4tstheorie der modernen Gesellschaft also? So k\u00f6nnte man Simmel lesen. Aber sicher nur dann, wenn man damit auch den Begriff der Theorie relativiert und Simmels Philosophie des Geldes mit Aldo J. Haesler als einen &#8222;gigantischen Essai&#8220; begreift, der &#8222;unangemessen maskiert durch das Spiel der formalen Symmetrie seiner Kapitel [&#8230;] trotzdem ein unersch\u00f6pflicher Steinbruch&#8220; ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das abschlie\u00dfende Kapitel der Philosophie des Geldes hat in der Simmel-Rezeption eine besondere Rolle gespielt. J\u00fcrgen Habermas etwa schrieb, dass Simmel seine erstaunliche, wenn auch vielfach anonyme Wirkung jener kulturphilosophisch begr\u00fcndeten Zeitdiagnose verdankt, die er zuerst im Schlu\u00dfkapitel der Philosophie des Geldes (1900) entwickelt hat. 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