Christoph Schmidt genannt Phiseldek

„Christoph Schmidt genannt Phiseldek gehörte in seiner Zeit zu den wenigen qualifizierten Rußlandkennern. Er hat nicht nur einige Jahre in Rußland gelebt, sondern sich dort auch die Kenntnisse der russischen Sprache angeeignet, was damals bei den Ausländern, wie die Klagen Schlözers erkennen lassen, durchaus nicht selbstverständlich war.“1

Der am 9.5.1740 geborene Christoph Schmidt, genannt Phiseldek besuchte seit 1757 die Universität Göttingen und studierte u.a. bei Georg Ludwig Böhmer, Johann Stephan Pütter und Gustav Bernhard Becmann Rechtwissenschaften.2 Parallel dazu betrieb er geschichtliche, sprachwissenschaftliche und philosophische Studien.

Burchard Christoph Graf von Münnich.

Auf Anton Friedrich Büschings Empfehlung hin erhielt er eine Hauslehrerstelle bei den Söhnen des russischen Geheimrats Grafen Münnich und trat diese im August 1759 in Wologda an.3 1762 übersiedelte er gemeinsam mit der Familie des Grafen nach St. Petersburg – Einzelheiten über seinen Rußlandaufenthalt sind hingegen nicht bekannt.4

Nach Göttingen zurückgekehrt nahm er seine juristischen Studien wieder auf und ergänzte diese durch praktische Tätigkeiten bei Arenhold in Hannover. Mitte 1764 wurde ihm der juristische Doktorgrad für eine Arbeit mit dem Titel: ‚De variis legum positivarum speciebus earum interpretatione et ad facta occurrentia adplicatione‘ verliehen. Nach seinem Abschluss ging Schmidt nach Helmstedt und hielt an der dortigen Universität Vorlesungen über juristische Gegenstände, Naturrecht und Statistik. Schmidts Pläne zielten zu diesem Zeitpunkt jedoch noch in eine vollkommen andere Richtung. Er beabsichtigte, sein in Rußland erworbenes Wissen über die Juchtenfabrikation zu nutzen und zusammen mit Geheimrat Schrader von Schliestedt eine entsprechende Umsetzung anzustreben – dieses Projekt wurde jedoch nie realisiert.5 Zeitgleich widmete er sich immer intensiver der russischen Geschichte und Gegenwart und begann seine publizistische Tätigkeit mit Werken über diesen Gegenstand. Am 15.4.1765 erhielt Schmidt (nach dem Tod Baudiß) eine ordentliche Professur des Staatsrechts und der Geschichte am Collegium Carolinum zu Braunschweig.6

Gelehrten Beyträge zu den Braunschweigischen Anzeigen, 1stes Stück, 2.1.1762.

Dort war er zunächst auch an der Herausgabe der Gelehrten Beyträge zu den Braunschweigischen Anzeigen (1761-1787) beteiligt. Seine schwache Gesundheit nötigte ihm hingegen eine ruhigere Tätigkeit ab, sodass er am 2.8.1779 eine Stelle als zweiter Archivar am herzoglichen Landeshauptarchiv Wolfenbüttel antrat.7 Nach dem Tod von Sigm. Ludw. Woltereck wurde er im Juni 1796 zum ersten Archivar. Im Rahmen dieser Tätigkeit machte sich Schmidt insbesondere um die Neustrukturierung des Archivs verdient. Am 24.4.1789 erfolgte seine Erhebung in den erblichen Adelsstand durch Kaiser Joseph II.8

Einer seiner publizistischen Schwerpunkte lag in der Auseinandersetzung mit der Geschichte Rußlands. Ein anonym erschienener Nachruf identifiziert ihn bspw. als den Herausgeber der ebenfalls anonym erschienenen Materialien zur russischen Geschichte seit dem Tode Kaiser Peters des Großen zwischen 1777-1788.9

Materialien zur russischen Geschichte seit dem Tode Kaiser Peters des Großen. Erster Theil, Riga 1777.

Dieser thematische Schwerpunkt wurde im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Archivar aber immer stärker durch ein Interesse an den historischen Hilfswissenschaften und der Reichsgeschichte in den Hintergrund gedrängt. So erfolgte 1782 durch Schmidt eine vollständige Überarbeitung des Handbuchs der vornehmsten historischen Wissenschaften von Hederich.

 

Die zwischen 1783 und 1784 in Halle von Schmidt herausgegebenen Historischen Miszellaneen bedienen dabei bereits beide Interessengebiete Schmidts. Ein deutlicher Fokus lag auf Fragen der russischen Geschichte, da Schmidt jedoch häufig Originalquellen abdruckte, diese kommentierte und mit Hinweise auf die historische Methodik versah, wird auch sein hilfswissenschaftliches Interesse erkennbar.

Historische Miscellaneen. Erster Theil. Halle 1783.

 

Ebenfalls sehr aktiv war Schmidt als Rezensent für unterschiedliche Zeitschriften– auch hier lag sein Augenmerk auf historischen Publikationen. So arbeitete er bspw. unter dem Kürzel ’27‘ für die Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Literatur (1772-1781) hsrg. von Carl R. Hausen in Lemgo 1772-1781 und in ähnlicher Intensität (unter zahlreichen permanent wechselnden Chiffren) für die Allgemeine deutsche Bibliothek (1765-1794) und die Allgemeine Literaturzeitung (1785-1849). Ein weiteres Interessengebiet bildeten im Laufe seines Lebens Fragen der Diplomatik.10 Ebenfalls engagiert war er als Übersetzer geschichtlicher Werke aus dem Französischen.

Aufgrund zunehmender Schwermut und Hypochondrie zog sich Schmidt in den letzten Jahren seines Lebens immer stärker aus der Öffentlichkeit und seinem Amt zurück.11 Er starb am 9.9.1801 in Wolfenbüttel.

 

Werke in Auswahl:

Schmidt dictus Phiseldek, Christophorus (1764): De Variis Legvm Positivarvm Speciebvs Earvm Interpretatione Et Ad Facta Occvrrentia Adplicatione. Dissertatio Inavgvralis Ivridica ; Ad D. XXX. Ivn. MDCCLXIV. Goettingae: Litteris Pockwitz-Barmeierianis.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1770): Briefe über Rußland. 2 Bände. Braunschweig: Schröder.

Schmidt-Phiseldeck, Christoph von (1774): Kurzes russisch-teutsches und teutsch-russisches Wörterbuch. Braunschweig.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1773-1774): Versuch einer neuen Einleitung in die Russische Geschichte. Nach bewährten Schriftstellern. 2 Bände. Riga: Hartknoch.

[Schmidt gen. Phiseldek, Christoph] (1777-1788): Materialien zu der Russischen Geschichte seit dem Tode Kaisers Peters des Großen. 3 Teile. Riga: Hartknoch.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1780): Denkwürdigkeiten der Regierung Catharina der Zweyten als eine Fortsetzung des neuveränderten Rußlands [hrsg. von A. L. von Schlözer]. Riga: Hartknoch.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1782): Handbuch der vornehmsten historischen Wissenschaften. Mit Kupfern. Unter Mitarbeit von Benjamin (Begründer) Hederich. 2 Teile. Berlin: Nicolai.

Schmidt-Phiseldek, Christoph (1782): M. Benjamin Hederichs Rectors der Schule zu Großenhain Anleitung zu den vornehmsten historischen Wissenschaften. 2 Teile, nur 1. von S.P. Berlin: Nicolai.

Prévost D, Antoine François (1783): Geschichte der Königinn Margareta von England, aus dem Hause Anjou. Unter Mitarbeit von Übersetzer Schmidt genannt Phiseldek. Altenburg: Richter.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1783-1784): Historische Miscellaneen. Halle: Gebauer.

Schmidt, Christoph (1785): Geschichte der Streitigkeiten, welche über die Baierische Erbfolge entstanden und durch den Friedensschluß zu Teschen beygelegt sind. Halle: Gebauer.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1786): Hermäa. Leipzig: Crusius.

Sénac de Meilhan, Gabriel (1787): Denkwürdigkeiten der Pfalzgräfin Anna von Gonzaga. Unter Mitarbeit von Übersetzer Schmidt genannt Phiseldek. Halle: Gebauer.

Schmidt-Phiseldek, Christoph von (1789-1794): Repertorium der Geschichte und Staatsverfassung von Teutschland nach Anleitung der Häberlinschen ausführlichen Reichshistorie. 8 Abteilungen. Halle: Gebauer.

 

  1. Wiegand, Günther, Rußland im urteil des Aufklärers Christoph Schmidt genannt Phiseldek, in: Erna Lesky / Strahinja K. Kostic / Josef Matl / Georg von Rauch (Hrsg.), Die Aufklärung in Ost- und Südosteuropa – Aufsätze, Vorträge, Dokumentationen, Köln, Wien 1972, S. 50-86, hier: S. 52f []
  2. Zimmermann, Paul, Schmidt, Christoph, in: ADB, Bd. 32 (1891), S. 19-20, hier: S. 19 []
  3. Zimmermann, S. 19 []
  4. Wiegand, S. 55 []
  5. Wiegand, S. 55 []
  6. Zimmermann, S. 19 []
  7. Zimmermann, S. 19 []
  8. Zimmermann, S. 20 []
  9. Anonym, Zum Andenken an den verstorbenen Hofrath und Archivar von Schmidt, genannt Phiseldek, in: Braunschweigisches Magazin, 4. St., 23.1.1802, Sp. 49-62, hier: Sp. 53f. []
  10. Anonym, Andenken, Sp. 57 []
  11. Anonym, Andenken, Sp. 60 []

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