Hällische (Hallische) Zeitungen – Entwicklung

Die Hällischen, später (Privilegirten) Hallischen Zeitungen erschien seit dem 25. Juni 1708 und erreichte mit ihren Fortsetzungen eine Lebensdauer von 75 Jahren. Den Hällischen Zeitungen vorausgegangen war die Hallische Correspondentz, die zwischen 1704 und 1710 monatlich handgeschrieben erschien. August Hermann Francke begründete seine Correspondentz in Folge zahlreicher Briefe, die ihn aufforderten ‚mancherlei Nachrichten‘ über seine Anstalten bekannt zu machen, die Vorgänge an Universität und Waisenhaus zu schildern und neue Schriften und Bücher anzukündigen. Aus diesen Anfragen ging die Idee einer – noch handgeschriebenen – Korrespondenz hervor. Sie erschien am Ende jedes Monats und erreichte einen beschränkten Leserkreis von ca. 40 Abonnenten.

Doch bereits seit Beginn seiner Tätigkeit in Halle, hatte sich Francke um die Einrichtung einer an das Waisenhaus angegliederten Druckerei bemüht und nachdem er 1692 in Berlin eine Filialbuchhandlung der Franckeschen Stiftungen eröffnet hatte, schien er besonders daran interessiert, eine Zeitung herauszugeben, um dadurch auch die Einnahmen des Waisenhauses zu erhöhen.1

Kniehebelpresse, Baujahr 1845 Hersteller: Dingler’sche Maschinenfabrik AG, Zweibrücken-Pfalz Foto aus dem Deutschen Museum in München. Foto Clemens PFEIFFR, Vienna.

Francke verfügte in der Druckerei des Waisenhauses seit 1701 über zwei Handpressen, die eine gedruckte Zeitschrift mit geringem Kostenaufwand ermöglichten. „Noch ist beim Waysen-Hause eine Buchdruckerey, welche nicht allein mit völligen Pressen und allen in Teutschland befindlichen Typis, als Teutschen, Lateinischen, Griechischen, sondern auch Orientalischen, als Hebräischen, Syrischen und Aethiopischen, ingleichen auch mit Sclavonischen versehen ist. Sie hat ihren eigenen Faktor, vier Gesellen, vier Lehr-Jungen und einen Aufwärter“.2

Neueinlauffende Nachricht von Kriegs- und Welt-Händeln, Leipzig 1660, Nr. 1.

Die bisher in Preußen erscheinenden Zeitungen beschränkten sich mehrheitlich auf Berlin und wiesen häufig eine nur geringe Lebensdauer auf. Und trotz der Tatsache, dass in Leipzig seit 1656 die Leipziger Post- und Ordinar-Zeitung und seit 1660 die Neueinlaufenden Nachrichten von Kriegs- und Welthändeln erschienen, die auch nach Halle gelangten, glaubte Francke sowohl an das finanzielle als auch das informative Potential einer eigenständigen Hallischen Zeitung bzw. einer Zeitung für Preußen.

Aus diesem Grund richtete er ein Gesuch um Erlaubnis der Herausgabe einer Zeitung an den Monarchen Friedrich I. Im Juli 1703 folgte die entsprechende Genehmigung. Diese umfasste dabei nicht nur die Erlaubnis des Drucks, sondern ebenso einen eingeschränkten Schutz vor Nachdrucken, „nicht allein gedachtem Waysenhause das Privilegium […] ertheilen, Sondern auch allen in unsern Landen wohnenden Buchdruckern und Buchführern, wie auch andern Unsern Unterthanen bey Vermeydung Unserer Ungnade und wilkürlicher harter Bestraffung solche Zeitungen nicht nachzudrucken, noch deren Verlag und Verkauffung sonst auff einige Weise zu hindern“3.

Nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten, „wegen allerhand unvermuthet in den Weg gekommener Verhinderungen“4, konnte der Plan der Hällischen Zeitungen am 25. Juni 1708 realisiert werden. Am 25. 8.1708 erfolgte die Titeländerung in Hallische Zeitungen und mit Beginn des Jahres 1709 führte die Zeitung den Zusatz ‚Privilegirt‘ im Titel.

Als ein Hauptproblem im weiteren Verlauf der Herausgabe erwies sich der hallesche Postmeister Duncker, er verdiente mehr am Verkauf ausländischer Zeitungen und stellte sich aus diesem Grund, trotz des königlichen Patents, lange Zeit gegen die Hällischen Zeitungen.

In der Ausgabe vom 29.7.1708 finden sich nähere Hinweise auf die Erscheinungsmodalitäten der Zeitung: „Wöchentlich drei Stück bei Stephan Orban (Buchdrucker in der Taubengasse) zu bekommen: Und zwar das erste Stück am Montag früh von 6. bis 9. Das andere am Mittwoch nachmittag von 4. bis 7. und das dritte am Freytag nachmittag zu vorbenanter Zeit.“5

August Hermann Francke selbst war an der Herausgabe der Hällischen Zeitungen dabei nicht aktiv beteiligt. Von Beginn an engagierte Francke einen festen Redakteur. Dieser erhielt ein Gehalt von 150 Talern jährlich, zugleich einen Bedienten, Stube, Licht, und Holz.6 Als wahrscheinlich erster Redakteur der Hällischen Zeitungen war August Schürmann, wenn auch nur sehr kurze Zeit, mit der Herausgabe betraut.

Titelblatt der ältesten Nummer der Hällischen Zeitungen, Anlage zu

Noch im selben Jahr ging diese Aufgabe an Jacob Gabriel Wolff über, der die Redaktion von 1708 bis 1732 inne hatte. Wolff war seit 1724 Professor der ordentlichen Rechte in Halle und widmete sich neben seiner juristischen Tätigkeit vor allem dem Verfassen geistlicher Lieder.7 Ihm folgte Johann Lucas Niekamp der die Zeitung bis zu seinem Tod im Jahr 1742 betreute. Im Anschluss bekleidete Johann Friedrich Joachim die Position des Redakteurs bis 1744. Der aus Halle stammende Jurist hatte an der hiesigen Universität studiert und wurde 1748 zum außerordentlichen Professor juris et historiarum ernannt.8 Joachim bemühte sich um eine stärkere Gliederung und Strukturierung der Beiträge innerhalb der Hallischen Zeitungungen und war bestrebt, die inhaltliche Ausrichtung zu straffen.

Kupferstich Frontispiz aus MELISSANTES, GEOGRAPHIA NOVISSIMA, Teil 2, Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1713 mit Darstellung einer Poststation und ankommender reitender Post um 1708.
In den Jahren 1744 bis 1748 hatte Karl Dacheritz die Redaktion in seinen Händen, ihm folgte bis 1749 Daniel Gottfried Schreber.

Ein Redaktionswechsel wurde dabei meist nur durch äußere Veränderungen erkennbar, während die inhaltliche Struktur der Zeitungen, mit Ausnahme von Joachim, nicht angetastet wurde.

 

Johann Peter von Ludewig

In den ersten Jahren ihres Bestehens wurden die Hallischen Zeitungen von der staatlichen Zensur kaum beschränkt,9 jedoch fehlen Nachrichten über interne Vorgänge am Preußischen Königshaus, wie auch eine kritische Berichterstattung, die die Aufmerksamkeit der Zensur auf sich gelenkt hätten, fast völlig. Wann die Zensur gegenüber den Hallischen Zeitungen aktiv wurde, kann nicht eindeutig bestimmt werden. Im Jahr 1713 wurde die Privilegierung unter dem neuen Monarchen Friedrich Wilhelm I. bestätigt, die Zeitung sollte jedoch der Zensur unterworfen sein. Der zu diesem Zeitpunkt für Halle verantwortliche Zensor Johann Peter von Ludewig war jedoch eng mit der Universität Halle verbunden und wies vielfältige persönliche Kontakte, auch zum Waisenhaus auf. Zugleich fungierte er seit 1722 als Herausgeber der Wöchentlichen Hallischen Anzeigen und war keineswegs unkritisch gegenüber politischen Abläufen und Entwicklungen, seine Zensur dürfte infolgedessen eher wohlwollend ausgefallen sein, zumal Kommentare und Stellungnahmen in den Hallische Zeitungen nur sehr selten einen tendentiellen Charakter annahmen.

Zu Beginn des Jahres 1749 verschwand der Zusatz ‚Privilegirt‘ aus dem Titel der Hallischen Zeitungen. Wenn auch das Waisenhaus das Zeitungsprivileg erst im Jahr 1768 abgab.10 Im selben Jahr gingen die Hallischen Zeitungen in den Verlag Bertram über, wo sie noch bis zum Jahr 1783 herausgegeben wurden.

Die Stabilität der Hallischen Zeitungen, trotz zunehmender Konkurrenz z.B. durch die Wöchentlichen Hallischen Anzeigen (1729-1811) lag neben der Privilegierung und der damit eher mäßigen Zensur vor allem im Grundzug einer national patriotischen Gesinnung und einer hohen Uneigennützigkeit der leitenden Kreise der Zeitungen begründet.11

 

 

  1. Vgl. Arthur Bierbach, Die Geschichte der Halleschen Zeitung – Landeszeitung für die Provinz Sachsen für Anhalt und Thüringen, Eine Denkschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Zeitung am 25. Juni 1908, Halle, 1908, S. 5. []
  2. Carl Hildebrand Canstein, Die II. Fortsetzung der wahrhaften und umständlichen Nachricht vom Wäysen-Hause und übrigen Anstalten zu Glaucha vor Halle, den 14. Novembris A. 1706 in einem frantzösischen Send-Schreiben, Halle 1709, S. 16. []
  3. Königliches Patent, zitiert nach Hans-Ulrich Reincke, Die Hallesche Tagespresse bis zum Jahre 1848 – mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der ‚Halleschen Zeitung‘, Halle 1926, S. 12. []
  4. Rudolf Schmidt, Art: Francke, August Hermann, in: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker – Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes, Berlin 1903, Bd. 2, 1903, S. 260-262. []
  5. Hällische Zeitungen, 29.7.1708 []
  6. Vgl. Gustav Kramer, August Hermann Francke – Ein Lebensbild, Bd. 2, Halle 1870, S. 38. []
  7. Vgl. Herrmann Arthur Lier, Art. Wolff, Jacob Gabriel, in: ADB Bd. 44, 1898, S. 37-38. []
  8. Vgl. Otto Hartwig, Art. Joachim, Johann Friedrich, in: ADB Bd. 14, 1881, S. 94-95. []
  9. Vgl. Reincke, Tagespresse, S. 10. []
  10. Vgl. Schmidt, Art: Francke, S. 261. []
  11. Vgl. Bierbach, Geschichte, S. 163f. []

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