{"id":755,"date":"2023-06-16T11:09:05","date_gmt":"2023-06-16T09:09:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/?page_id=755"},"modified":"2023-06-26T09:18:02","modified_gmt":"2023-06-26T07:18:02","slug":"tripperburg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/tripperburg\/","title":{"rendered":"Tripperburg in der Kleinen Klausstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-right\"><p>\u201eIch habe gedacht, hier stimmt irgendetwas nicht, hier geht irgendwas nicht, ist irgendwas nicht in Ordnung hier und dann haben sie mich hier in die Tripperburg gebracht.\u201c&nbsp;<\/p><cite>\u2013 Patientin, Interview aus Disziplinierung durch Medizin (2014)   <\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery aligncenter columns-2 is-cropped\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"678\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-1024x678.jpg\" alt=\"\" data-id=\"766\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-scaled.jpg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/poliklinik-01\/\" class=\"wp-image-766\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-1024x678.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-300x199.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-290x192.jpg 290w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-768x508.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-1536x1017.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-01-2048x1356.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"870\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-1024x870.jpg\" alt=\"\" data-id=\"769\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-scaled.jpg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/poliklinik-04\/\" class=\"wp-image-769\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-1024x870.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-300x255.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-290x246.jpg 290w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-768x653.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-1536x1305.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-04-2048x1740.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\"><sup>Kleine Klausstra\u00dfe 16 &amp; Gro\u00dfe Nikolaistra\u00dfe 3 |&nbsp;Foto: Angelique Gabriel<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#acbaa1\">Augenscheinlich nicht mehr erkennbar, befinden Sie sich in der Kleiner Klausstra\u00dfe 16 vor einer ehemaligen Poliklinik, in welcher von 1962 bis 1982 Frauen auf der geschlossenen Venerologischen Station inhaftiert waren. M\u00e4dchen ab 12 Jahren wurden aufgrund von vermeintlichen Geschlechtskrankheiten staatlich medizinischer Gewalt ausgeliefert. Diese Venerologischen Stationen sind auch als \u201eTripperburgen\u201c bekannt und waren Teil des sozialistischen Erziehungssystems der DDR. Seit September 2015 befindet sich in der Kleinen Klausstra\u00dfe ein Gedenkstein f\u00fcr die Opfer der Tripperburg Halle. Ein fast vergessener Skandal, der nun auch literarisch aufgearbeitet wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div id=\"lmm_b2d2ae83\" style=\"width:640px;\" class=\"mapsmarker markermap marker-12\">\n<div id=\"lmm_panel_b2d2ae83\" class=\"lmm-panel\" style=\"background:#efefef;\">\n<div id=\"lmm_panel_api_b2d2ae83\" class=\"lmm-panel-api\"><a href=\"https:\/\/maps.google.com\/maps?daddr=Kleine+Klausstra%C3%9Fe+16&amp;t=m&amp;layer=1&amp;doflg=ptk&amp;om=0\" target=\"_blank\" title=\"Wegbeschreibung berechnen\"><img alt=\"icon-car.png\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-content\/plugins\/leaflet-maps-marker\/inc\/img\/icon-car.png\" width=\"14\" height=\"14\" class=\"lmm-panel-api-images\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-content\/plugins\/leaflet-maps-marker\/leaflet-fullscreen.php?marker=12\" style=\"text-decoration:none;\" title=\"Standalone-Karte im Vollbild-Modus \u00f6ffnen\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-content\/plugins\/leaflet-maps-marker\/inc\/img\/icon-fullscreen.png\" width=\"14\" height=\"14\" alt=\"Fullscreen-Logo\" class=\"lmm-panel-api-images\" \/><\/a><\/div><div id=\"lmm_panel_text_b2d2ae83\" class=\"lmm-panel-text\" style=\"font-weight:bold;color:#373737;\">Tripperburg<\/div><\/div>\n<div id=\"lmm_map_b2d2ae83\" class=\"lmm-map\" style=\"background:#f6f6f6;border:1px solid #ccc;height:480px; overflow:hidden;padding:0;\"><p style=\"font-size:80%;color:#9f9e9e;margin-left:5px;\">Karte wird geladen - bitte warten...<noscript><br\/><strong>Karte konnte nicht geladen werden - bitte aktivieren Sie Javascript!<\/strong><br\/><a style=\"text-decoration:none;\" href=\"https:\/\/www.mapsmarker.com\/js-disabled\" target=\"_blank\">&rarr; mehr Informationen<\/a><\/noscript><\/p><\/div>\n<div id=\"lmm_geo_tags_b2d2ae83\" class=\"lmm-geo-tags geo\">\n<span class=\"paneltext\">Tripperburg<\/span>\n<span class=\"latitude\">51.483706<\/span>, <span class=\"longitude\">11.967983<\/span>\n<span class=\"popuptext\"><\/span>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#acbaa1\">Setzen Sie sich vielleicht in eines der gastronomischen Einrichtungen in der Gro\u00dfen Nikolaistra\u00dfe und betrachten Sie eine der ehemaligen Polikliniken, w\u00e4hrend Sie Einblicke in die Zwangseinweisung von jungen Frauen in Krankenh\u00e4user der DDR erhalten. <br \/><br \/><em>Triggerwarnung<\/em>: <em>staatlich sexualisierte Gewalt durch  <\/em><br \/><em>medizinisches Personal<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-pb-accordion-item c-accordion__item js-accordion-item no-js\" data-initially-open=\"false\" data-click-to-close=\"true\" data-auto-close=\"true\" data-scroll=\"false\" data-scroll-offset=\"0\"><h6 id=\"at-7550\" class=\"c-accordion__title js-accordion-controller\" role=\"button\"><strong>\u25bd<\/strong> <strong>&#8222;HERUMTREIBERINNEN&#8220; VON BETTINA WILPERT<\/strong> (2022)<\/h6><div id=\"ac-7550\" class=\"c-accordion__content\">\n<p>\u00bbAuf der Tripperburg&nbsp;<br \/><em>Montag, 20. Juni 1983<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Da war mein K\u00f6rper. Meine Augen nahmen nur Einzelheiten war. Ich blickte auf meine Zehen, sah, wie sie sich kantig kr\u00fcmmten, meine N\u00e4gel viel zu lang, ich hasste Zehenn\u00e4gel schneiden und vernachl\u00e4ssigte es; meine Waden mit unregelm\u00e4\u00dfig wachsenden Haaren, an den Fesseln waren sie am dichtesten, zu den Knien hin wurden sie lichter, an den Oberschenkeln dann nur mehr heller Flaum, kaum zu erkennen; Meine Scham, die ich nicht sehen konnte, das krause scharzgrauen Schamhaar verdeckte sie; mein H\u00fcftkochen, der links herausragte, weil ich mein Gewicht auf das rechte Bein verlagert hatte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwester n\u00e4herte sich mir mit einer Schere. Instinktiv wollte ich zur\u00fcckweichen, aber ich war schon an der Wand, der Raum war klein. Meine Locken sollten ab. Kurz sah ich die Zukunft: Wie ich mir ins Haar fasste, fassen wollte, um meine Locken um den Zeigefinger zu wickeln, eine Besch\u00e4ftigung, der ich meist im Unterricht nachging, wenn mir langweilig war, und wie ich ins Leere fassen w\u00fcrde, wie da keine Haaren w\u00e4ren, keine Locken. Wie f\u00fchlt sich nackte Kopfhaut an?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie soll man mit einer Schere die Haare abrasieren? Diesen Zaubertrick bekamen sie selbst in der Lerchenstra\u00dfe nicht hin. Sie schnitten meine Locken kurz, Haare hatte ich danach noch auf dem Kopf, aber keine Frisur. Die abgeschnittenen Haare klebten an meinem K\u00f6rper, vermischten sich mit denen, die noch wuchsen, sammelten sich in den Schamhaaren, sodass es juckte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kittel, den sie mir hinwarfen, war grau, es war besiegelt: ich im Gef\u00e4ngnis. Die Schwester f\u00fchrte mich in einen anderen Raum. Ich konzentrierte mich auf ihren Daumen, der sich in meinen Bizeps grub, diese Ber\u00fchrung sch\u00e4rfte meine Sinne, sodass ich die Welt klar wahrnahm. Doch die Welt bestand nur aus meinen Zehen, meinen Zehenn\u00e4geln, meinen Oberschenkeln, meinen Bauchnabel. Meinen Armen. Als mit mir gesprochen wurde, \u00f6ffnete sich ein kleines Fenster meiner Kapsel. Ich war in einem B\u00fcro und wurde gegen\u00fcber einer Frau und einem Mann gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann schrieb, die Frau sprach; der Mann war j\u00fcnger als die Frau, sie stellte sich vor, ich verga\u00df den Namen sofort wieder, sie trugen keine Kittel, sondern Kasacks, waren also Mitarbeiter dieses Krankenhauses oder Gef\u00e4ngnisses, keiner nannte mir die richtigen Bezeichnung f\u00fcr die Tripperburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragten ab: Name, Adresse. Mussten sie es nicht schon wissen, hatten sie nicht meinen Ausweis eingesteckt? Hatten sie ihn verloren? Ich nannte die Informationen, sie fragten weiter: Gr\u00f6\u00dfe, Gewicht, alles. Hinten in der Ecke stand ein Gummibaum auf einer Blumenbank, ich konzentrierte mich auf ihn, wollte nicht mit meinen Zehen in einem Raum sein, wollte lieber die Bl\u00e4tter der Zimmerpflanze z\u00e4hlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Partner, fragte sie. Ich dachte an Maxie, die war meine Partnerin, aber warum sollte ich ihnen das erz\u00e4hlen? Der Mann schrieb unabl\u00e4ssig, auch wenn ich nichts sagte. Was schreib er auf? Protokollierte er mein Verhalten, mein Nicht-Verhalten? Er war jung, ein bisschen \u00e4lter als mein Bruder, die Frau war klar die Vorgesetzte, er musste ausf\u00fchren, vielleicht ein Praktikant.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschlechtspartner, fragten sie. Der Gummibaum r\u00fcckte in die Ecke, mein Verstand kehrte zur\u00fcck, mein K\u00f6rper dr\u00fcckte. Ich sch\u00fcttelte den Kopf. Keine Geschlechtspartner. Ich solle nicht l\u00fcgen, sie h\u00e4tten mich doch im Heim gefasst, bei den ausl\u00e4ndischen Werkt\u00e4tigen, da sei kein Frauenbesuch gestattet, und es war klar, was Frauenbesuch dort bedeutete.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war eine direkte Frau. Sie mochte es klar und eindeutig: Alle Utensilien, die auf dem Tisch lagen, Papier, Stifte, Stethoskop und Leuchte waren parallel und in identischem Abstand zueinander angeordnet. Ihre Augenbrauen bildeten einen dicken Strich, ihre Brille rutschte unabl\u00e4ssig vom Nasenbein, w\u00e4hrend sie sprach. Ich verstand nicht, was sie sagte, ich konnte meine Sinne nicht mehr kontrollieren, sie machten, was sie wollten, h\u00f6rten nicht zu, als k\u00f6nnte ich die Ohren verschlie\u00dfen wie die Augen. Dauernd schob die Frau die Brille mit dem Mittelfinger nach oben, der junge Mann wirkte auch genervt davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nickte, ich sei im Heim gewesen, aber wir hatten keinen Geschlechtsverkehr. Wann hatte ich das letzte Mal Geschlechtsverkehr? Noch nie, sagte ich. Der Kopf der Frau machte eine Bewegung, die weder Sch\u00fctteln noch Nicken war, der Mann schrieb, ich h\u00f6rte das Kratzen auf dem Papier.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tripperburg hei\u00dfe nicht umsonst Tripperburg, sagte sie, der Mann nickte. Ich stehe unter Verdachte, eine Geschlechtskrankheit zu haben, man w\u00fcrde mich gleich untersuchen auf Gonorrhoe und Streptokokken und so weiter, alles was solche wie ich eben h\u00e4tten. Was Untersuchen bedeutete, erkl\u00e4rten sie mir nicht. Sie sagte: Laut Paragrafen soundso sei es gesetzeswidrig, Geschlechtskrankheiten zu verbreiten; ein Luftzug brachte einen Geruch in den Raum, der mich an Birnen erinnerte. Alles Geschlechtspartner von mir m\u00fcssten ebenso untersucht werden, bek\u00e4men eine Vorladung, ich solle ihren Namen nennen, f\u00fcr ihre Gesundheit. Ich sagte nichts. Appellieren hilft bei der nichts, meinte die Frau zu dem jungen Mann gewandt, als k\u00f6nnte ich sie nicht h\u00f6ren. Ich wiederholte, ich hatte noch nie Geschlechtsverkehr. Sie seufzten, sie legten den Stift auf das Blatt, legten das Blatt in einen Ordner, klappten den Ordner zu. Sie f\u00fchrten mich in einen anderen Raum, ich fror unter dem grauen Kittel.<\/p>\n\n\n\n<p>[\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Tripperburg&nbsp;<br \/><em>Montag, 20. Juni 1983<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im n\u00e4chsten Raum ein Stuhl mit vier Armlehnen; ich auf dem Stuhl, die Beine nach oben, zwei der Armenlehnen stellte sich als Beinlehnen heraus; Ges\u00e4\u00df nach vorne hie\u00df es, ich klappte mein Becken ein, die Schwester schloss die Schnallen um meine Fesseln. Sie f\u00fchrte ein wei\u00dfes R\u00f6hrchen, das den Umfang eines F\u00fcnf-Mark-St\u00fccks hatte, in mich es, es war kalt. Ich hatte noch nie innen gefroren. Die Schwester rammte, drehte, stie\u00df, ich schrie und sie schlug mir auf den Oberschenkel, ich sollte mich nicht so anstellen. Ich blutete.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie l\u00f6ste die Schlingen um meine Fesseln, wieder in der Vertikalen sp\u00fcrte ich das warme Blut an meinen Innenschenkeln hinablaufen, ich ging nicht gerade. Wenn ich breitbeinig auftrat, meine Beine in O-Form setzte sp\u00fcrte ich den Schmerz weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwester reichte mir eine Unterhose und Socken, z\u00fcndete eine Zigarette mit einem Streichholz an, das sie aus einer Schachtel, die in ihrer linken Brusttasche verstaut war, geholt hatte und reichte sie mir, bevor sie den Raum verlie\u00df; der Rauch benebelte mein Hirn und meine Sicht. Ich dachte nichts. Ich konzentrierte mich auf das Ziehen an der Zigarette. Ich schwitze, die Sonne schien unnachgiebig auf das Flachdach des roten Backsteinbaus. Im Hof sah ich einen Birnbaum. Bevor ich die Zigarette auf den Boden warf, \u00fcberlegte ich, sie auf meinen linken Arm auszudr\u00fccken. Tat es nicht. Eine neue Schwester gab mir Bettw\u00e4sche, ich solle meinen Platz im Schlafraum beziehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schlafraum hielte sich mehrere Frauen in den gleichen Frauen Kitteln wie ich auf, nur eine sah mich an, als ich hineinging, ihre roten Haare erleuchteten den sonst kargen Raum, und sie fragte: Alles schick?\u00ab<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-pb-accordion-item c-accordion__item js-accordion-item no-js\" data-initially-open=\"false\" data-click-to-close=\"true\" data-auto-close=\"true\" data-scroll=\"false\" data-scroll-offset=\"0\"><h6 id=\"at-7551\" class=\"c-accordion__title js-accordion-controller\" role=\"button\"> <strong>\u25bd<\/strong> &#8222;Falsch erzogen&#8220; von Mona Krassu (2020)<\/h6><div id=\"ac-7551\" class=\"c-accordion__content\">\n<p class=\"has-drop-cap\">\u00bbWir stiegen auf einer Huckelstra\u00dfe aus. Mutter knickte um.<br \/>\u201eSchei\u00df Kopfsteinpflaster&#8220;, sagte Vater.<br \/>Ich suchte nach einem Bus- oder Bahnsteig, fand aber keinen. Susanne war wach. Sie stand neben Mutter und hielt sich an deren Hosennaht fest. Vater sa\u00df auf dem Koffer und rauchte schon wie-der. Ich sah mich um. Da war kein Meer. Mutter schirmte die Augen ab und zeigte nach rechts. \u201eDa m\u00fcssen wir lang.&#8220; Vater seufzte. Er stand vom Koffer auf, trat die Zigarette aus und stapfte hinter Mutter und Susanne her. Ich setzte mich ins Gras.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSolveig, komm endlich.&#8220; Vater drehte sich kurz zu mir um.<br \/>\u201eIch denke, du willst das Meer sehen.&#8220;<br \/>Wollte ich nicht. Ich wollte nach Hause, mein Puppentheater bas-teln, mit Frau Becker &#8220; Flieg mein H\u00fctchen spielen oder in den Pantoffelhort gehen. Ich fragte mich, wo das Meer war. Au\u00dfer den Steinen war da nur Gras und Erde und weiter hinten ein paar H\u00e4user, die komische D\u00e4cher hatten.<br \/>\u201eDas sind Reetd\u00e4cher.&#8220;, sagte Mutter. F\u00fcr mich sahen sie eher aus wie Elkes Haare und an Elke wollte ich jetzt nicht denken.<br \/>Susanne blieb stehen. Sie fing an zu weinen. Mutter trug sie.<br \/>\u201eIch kann auch nicht mehr&#8220;, sagte ich.<br \/>\u201eIst nicht mehr weit&#8220;, sagte Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich dauerte es nicht mehr lange, bis Vater den Koffer vor einer T\u00fcr abstellte und klingelte. Ferienheim des VEB&#8230; Das Wort danach konnte ich nicht lesen, weil die T\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde. Eine alte Frau mit Dutt begr\u00fc\u00dfte uns. \u201eBeeke&#8220;, sagte sie und h\u00e4ndigte Vater einen Schl\u00fcssel aus. Sie strich Susanne und mir \u00fcber den Kopf und w\u00fcnschte uns einen sch\u00f6nen Urlaub.<\/p>\n\n\n\n<p>Vater reichte den Schl\u00fcssel an Mutter weiter und trug den Koffer nach oben. Stieg die Holztreppe wieder runter und holte die Reisetasche.<br \/>\u201eKomm hoch, oder willst du hier unten stehen bleiben?&#8220; Ich schaute zur Treppe. Sie war schmal. Die Stufen hatten bei jedem Schritt geknarrt.<br \/>\u201eDu wirst doch vor einer Treppe keine Angst haben!&#8220; Er lachte.<br \/>\u201eDu bist m\u00fcde&#8220;, sagte er.<br \/>\u201eBin ich nicht.&#8220;<br \/>Ich stieg hinter ihm die Treppe hoch. Auch bei mir knarrten die Stufen und ich hatte das Gef\u00fchl, sie w\u00fcrden sich biegen. Vielleicht wollte die Treppe nicht bestiegen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vater \u00f6ffnete die T\u00fcr zu einem Zimmer, in dessen Mitte ein Ehebett stand. Mutter und Susanne lagen auf dem Deckbett. Susanne schlief. Sie hatte ihre Schuhe noch an. Ich schaute zu Mutter.<br \/>Auch sie hatte die Augen geschlossen, sagte Vater aber, er solle den Koffer auf den Tisch heben. Vater lie\u00df Koffer und Tasche vor dem Bett stehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>[\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>Vierzehn Tage sp\u00e4ter waren die W\u00e4nde neu tapeziert, und der alte Kleiderschrank aus Sannes und meinem Kinderzimmer stand an der Wand neben der T\u00fcr. Vater hatte ihn mit Bertolero bei Mutter abgeholt. Ich hatte mich geweigert mitzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die Nacht hatte Vater mit Bertolero am K\u00fcchentisch gesessen und Bier getrunken. \u201eJetzt ist der auch weg&#8220;, hatte Vater mehrmals gesagt und mit Bertolero darauf angesto\u00dfen. Erst ein paar Tage sp\u00e4ter bekam ich mit, dass es um Hartmut gegangen war. Hartmut wohnte nicht mehr bei Mutter. Ich ging trotzdem nicht zu ihr.<br \/>Wir trugen Vaters Sessel in mein Zimmer.<br \/>\u201eIch hab doch die Couch&#8220;, sagte er. Ich fiel ihm um den Hals.<br \/>Ich trug alle Decken zusammen, die ich finden konnte. Gleich heute Nacht wollte ich in meinem Zimmer schlafen. Vater zog die Matratze hinter der Pressspanwand vor. Er trug sie alleine \u00fcber den Flur. Sie schliff auf dem Boden. Ich fasste am anderen Ende zu.<br \/>\u201eKannst es nicht erwarten von mir weg zu kommen&#8220;, sagte er, lachte aber. Ich wurde trotzdem traurig.<br \/>Und dann lag ich in meinem eigenen Zimmer auf der Matratze und konnte nicht einschlafen. Wenn ich die Augen schloss, sah ich Reagenzgl\u00e4ser und gro\u00dfe H\u00e4nde. Ich riss die Augen auf und drehte mich zur Fensterwand. Ich versuchte den Himmel zusehen. Da war nur Grau, dass immer dunkler wurde. Ich hatte N\u00e4sse und Rotz im Gesicht, aber kein Taschentuch. In meinem Zimmer gab es kein Taschentuch. Dar\u00fcber musste ich lachen.<br \/>Es war komisch, ich lachte und heulte gleichzeitig.<br \/>Ich biss mir auf den Handr\u00fccken, um nicht zu schreien. Ich drehte mich zur Wand, dann wieder zum Fenster, dann wieder zur Wand. Irgendwann stand ich auf, dr\u00fcckte meine Stirn an die Wand. Wie ein Baum im Wald, fl\u00fcsterte Frau Sattler in meinem Kopf. Jetzt stand ich mitten im Zimmer mit leicht gegr\u00e4tschten Beinen und atmete. Ich atmete einfach nur ein und aus und ich legte dabei die Hand auf meinen Bauch. Jetzt atmete ich wieder richtig, wieder so, dass Luft in meine Lunge str\u00f6mte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiebeskummer, was?&#8220;, fragte Vater, als ich am Morgen in die K\u00fcche kam. \u201eAm besten, du l\u00e4sst es&#8220;, sagte er. Ich sagte nichts.<br \/>Ich verzog mich aufs Klo.<br \/>Auch w\u00e4hrend der Arbeit ging ich dauernd aufs Klo. Ich wartete auf meine Periode. Schon seit Wochen wartete ich auf den Mist. Aber da war nichts. Nicht mal Schmerzen hatte ich. Das erschreckte mich noch mehr. Denn seit meinem Zwangsaufenthalt in der Klinik hatte ich immer Schmerzen da unten.\u00ab<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-2 is-cropped\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"700\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-1024x700.jpg\" alt=\"\" data-id=\"767\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-scaled.jpg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/poliklinik-02\/\" class=\"wp-image-767\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-1024x700.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-300x205.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-290x198.jpg 290w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-768x525.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-1536x1049.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-02-2048x1399.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"700\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-1024x700.jpg\" alt=\"\" data-id=\"768\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-scaled.jpg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/poliklinik-03\/\" class=\"wp-image-768\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-1024x700.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-300x205.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-290x198.jpg 290w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-768x525.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-1536x1050.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Poliklinik-03-2048x1399.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\"><sup>Gedenkstein Kleine Klausstra\u00dfe |&nbsp;Foto: Angelique Gabriel<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-pb-accordion-item c-accordion__item js-accordion-item no-js\" data-initially-open=\"false\" data-click-to-close=\"true\" data-auto-close=\"true\" data-scroll=\"false\" data-scroll-offset=\"0\"><h6 id=\"at-7552\" class=\"c-accordion__title js-accordion-controller\" role=\"button\"><strong>\u25bd<\/strong> Ein fast vergessener Skandal <\/h6><div id=\"ac-7552\" class=\"c-accordion__content\">\n<p>Die Tripperburg in Halle war kein Einzelfall. Seit den 1950er Jahren waren sie in fast allen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten der DDR zu finden \u2013 Berlin, Dresden, Erfurt, Gera, Leipzig, Rostock etc. Diese Stationen sind entstanden, um die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs entstandene Welle von Geschlechtskrankheiten in der DDR zu bek\u00e4mpfen. Allerdings wurden sehr schnell nicht mehr nur Geschlechtskrankheiten behandelt, sondern auch versucht Prostitution zu regulieren und M\u00e4dchen zu erziehen. HwG-Personen (H\u00e4ufig wechselnde Geschlechtspartner), Asoziale oder auch Herumtreiberinnen so wurden alle M\u00e4dchen und Frauen bezeichnet, die nicht in das sozialistische Einheitsbild der DDR passten. Frauen, die nicht ordentlich arbeiten gingen und als faul bezeichnet wurden. Frauen, die nicht monogam lebten, die in Bars gesichtet wurden, die der Prostitution verd\u00e4chtigt wurden, aber vor allem M\u00e4dchen aus Heimen, angeblich schwererziehbare Jugendliche, oder M\u00e4dchen, die Freundschaften zu anderen angeblich staatsfeindlichen Personen pflegten.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4dchen und Frauen in allen Altersklassen wurden in den Tripperburgen f\u00fcr mehrere Wochen zwangseingewiesen und medizinisch versorgt. Allerdings wurden die angeblichen Geschlechtskrankheiten nicht nur wochenlang mit Antibiotikum behandelt, sondern die Frauen mussten t\u00e4glich gyn\u00e4kologische Untersuchungen \u00fcber sich ergehen lassen, die grob und schmerzhaft ausgef\u00fchrt wurden. Selbst bei offensichtlich jungfr\u00e4ulichen M\u00e4dchen wurden die t\u00e4glichen Abstriche durchgef\u00fchrt. Ihnen wurden die Haare abgeschnitten, Fieberspritzen verabreicht, sie mussten auf Holzhockern schlafen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wilpert und Krassu erz\u00e4hlen schonungslos die Geschichten von M\u00e4dchen und Frauen, die Opfer dieser Disziplinierungstaten wurden. <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-pb-accordion-item c-accordion__item js-accordion-item no-js\" data-initially-open=\"false\" data-click-to-close=\"true\" data-auto-close=\"true\" data-scroll=\"false\" data-scroll-offset=\"0\"><h6 id=\"at-7553\" class=\"c-accordion__title js-accordion-controller\" role=\"button\"><strong>\u25bd<\/strong> Interviewausschnitte von Patientinnen aus &#8222;Disziplinierung durch Medizin&#8220; (2014)<\/h6><div id=\"ac-7553\" class=\"c-accordion__content\">\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Interview-1-.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-normal-font-size\">\u00bbJa. Also, wir sind 1976, ich und meine Freundin, f\u00fcr sechs Wochen durch die DDR getrampt, einfach. Warum wir das gemacht haben, wir wollten einfach weg von zu Hause. Ich hatte sehr viel Probleme zu Hause und naja, dann haben sie uns von der Polizei aufgegriffen, haben uns in, ich wei\u00df nicht, was das war, Durchgangsheim oder so was dann, dahin gebracht und dann sind wir irgendwann zu unseren Eltern zur\u00fcckgef\u00fchrt worden und dann bin ich wieder auf meine Lehrstelle gegangen und habe dort wieder meine Arbeit, bin wieder meiner Arbeit nachgegangen und auf einmal wurde ich zum Chef gebeten. Ich wei\u00df nicht, ob es an dem Tag war oder am anderen Tag, das kann ich jetzt nicht mehr genau sagen, und da wurde gesagt, da sind zwei M\u00e4nner, die sind vom Polizeipr\u00e4sidium, aber die hatten keine Uniform an, sondern waren in Zivil gewesen und du sollst mit denen zum Polizeirevier gehen und du w\u00fcrdest danach wieder zu deiner Arbeitsstelle kommen, hat der Chef gesagt und die M\u00e4nner auch. Wir haben gesagt, es geht darum, hier, wo ihr euch die sechs Wochen rumgetrieben habt da, was da war, da m\u00fcsst ihr Aussagen machen. So, und dann musste ich zum Polizeirevier auf dem Hallmarkt und ja, da kam das da alles so. Was habt ihr gemacht und eben die Vernehmung und so alles so weiter und sofort. Du kannst doch zugeben, dass ihr euch prostituiert habt, ihr wart doch in Leipzig. Und da habe ich gesagt, wir haben uns nicht prostituiert, wir haben dort in der Gastst\u00e4tte einen Kellner kennengelernt und der war homosexuell gewesen und der hat uns mit in seine Wohnung in Leipzig mitgenommen, weil wir so lange in der Gastst\u00e4tte gesessen hatten und der hat gesagt, habt ihr kein Schlafplatz oder was. (\u2026) Ich hatte so ein komisches Gef\u00fchl. Ich habe gedacht, hier stimmt irgendetwas nicht, hier geht irgendwas nicht, ist irgendwas nicht in Ordnung hier und dann haben sie mich hier in die Tripperburg gebracht.\u00ab (S.112-113)<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Interview-2.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-normal-font-size\">\u00bbIch war damals 15 Jahre alt und wusste nicht, was mir geschieht. Ich wurde vom Durchgangsheim Goldberg in Halle an der Saale, von dort wurde ich eingeliefert. Das Erste, was sehr unangenehm war, ich bin da reingekommen, wir mussten uns alles ausziehen. Wir standen praktisch nackig im Behandlungszimmer, wurden untersucht auf brutalste Weise. Ich hatte damals lange Haare, die wurden mir abgeschnitten. So abgeschnitten, also da konnte man keine Frisur mehr machen. Wir haben dann Kopft\u00fccher bekommen, jeder ein Schl\u00fcpfer, solche komischen Latschen und ein ellenlangen grauen alten Kittel und den mussten wir anziehen. Und dann wurde man auf der Station eingef\u00fchrt und was mir eigentlich sehr aufgefallen war, dass war eine Gitterbox direkt am Eingang mit einem Holzhocker drinnen und da wurde gleich gesagt, wenn wir nicht das machen, was ihr wollt, dann kommt ihr 24 Stunden da rein und wenn ihr dann noch nicht pariert, dann werdet ihr mit eiskaltem Wasser \u00fcbergossen. Dann wurde ich in so einen Schlafsaal gef\u00fchrt, da wurde mein Bett und dann wurde die W\u00e4sche da draufgeknallt und ich musste dann das Bett beziehen und eine Stunde sp\u00e4ter war wieder eine Untersuchung und dann habe eine Spritze bekommen und dann bin ich schon auf dem Weg zum Zimmer zusammengebrochen, sodass mich die anderen Patienten ins Bett reinlegen sollten und das durften die nicht, also wurde ein Schlaflager unten auf der Erde gemacht mit einer Decke und einem Kissen und ich habe dann Sch\u00fcttelfrost gehabt, mir wurde \u00fcbel, habe gebrochen, ich konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Das war alles wie gel\u00e4hmt.\u00ab (S.121-122)<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Interview-3-.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-normal-font-size\">\u00bbUnd dann war dann so am n\u00e4chsten Fr\u00fch, mussten wir um 6 aufstehen, also schon eher. Um 6 mussten wir alle vor dem Behandlungszimmer stehen in Reih und Glied, wie bei der Armee. Dann durften wir nicht reden, mussten wir den Mund halten und dann musste jeder Einzelne dann rein und dann haben sie einen Abstrich gemacht (\u2026) dann musste ich da hoch auf dem Stuhl und dann habe ich schon drau\u00dfen, wo wir noch drau\u00dfen gestanden haben, habe ich schon geh\u00f6rt, wie die eine gesagt hat, oh Kurbeldora ist wieder da. Und dann habe ich nachher im Nachhinein erfahren, dass die sehr brutal war, die Schwester, ja. Und naja, dann habe ich mich da hingelegt und da muss die wohl das dickste R\u00f6hrchen genommen haben, was es gibt, jedenfalls hatte ich das Gef\u00fchl, das tat so weh und da habe ich da aufgeschrien und da hat die mir mit der Zange oder was die da in der Hand hatte, hat die mir auf den Oberschenkel gehauen, ja, ich soll mich nicht so anstellen, wo ich mit dem Jungen zusammen war, habe ich auch nicht geschrien und naja. Da hatten die dann einen Abstrich gemacht und dann konnte ich wieder gehen, raus da, ja. (\u2026) Und dann bin ich dann da raus und dann habe ich so geblutet, ich habe gedacht, ich habe meine Regel, ja, so derb war das, aber wahrscheinlich durch der ihre Brutalit\u00e4t, ja. Und das war jeden Fr\u00fch, 4 Wochen, jeden Fr\u00fch.\u00ab (S.123)<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#acbaa1\">Falls Sie noch etwas mehr Zeit mitgebracht haben, schauen Sie doch mal in das Feature <em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/kleineklaus16.medienkomm.uni-halle.de\" target=\"_blank\">Kleine Klaus 16 Halle, die \u201eTripperburg\u201c und ich<\/a><\/em> von Irene Schulz hinein. Irene bietet in ihrem Feature Interviews mit verschiedenen Zeitzeugen zum Anh\u00f6ren oder Durchlesen.<br \/> <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/kleineklaus16.medienkomm.uni-halle.de\" target=\"_blank\">(Hier klicken)<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-pb-accordion-item c-accordion__item js-accordion-item no-js\" data-initially-open=\"false\" data-click-to-close=\"true\" data-auto-close=\"true\" data-scroll=\"false\" data-scroll-offset=\"0\"><h6 id=\"at-7554\" class=\"c-accordion__title js-accordion-controller\" role=\"button\"><strong>\u25bd<\/strong> Literturtipps &amp; Nachweise<\/h6><div id=\"ac-7554\" class=\"c-accordion__content\">\n<p><em>Behling Klaus und Jan Eik: Vertuschte Verbrechen. Kriminalit\u00e4t in der Stasi. Militzke Leipzig, 2007. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Br\u00fcning, Steffi: Prostitution in der DDR. Eine Untersuchung am Beispiel von Rostock, Berlin und Leipzig, 1968 bis 1989. be.bra Wissenschaft Verlag Berlin, 2020.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Krassu, Mona: Falsch erzogen. Edition Outbird 2020.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schochow, Maximilian: Zwischen Erziehung, Heilung und Zwang: Geschlossene Venerologische Einrichtungen in der SBZ\/DDR. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale)<\/em>,<em> 2019.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schulz, Irene: Kleine Klaus 16. Halle, die \u201eTripperburg\u201c und ich. Halle (Saale), 2023. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/kleineklaus16.\" target=\"_blank\">kleineklaus16<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sommermond, Juli: Tod einer Kinderseele. Band I: Von Geburt zu Geburt. Books on Demand, 2013. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Steger, Florian und Maximilian Schochow: Disziplinierung durch Medizin. Die geschlossene Venerologische Station in der Poliklinik Mitte in Halle (Saale) 1961 bis 1982. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale), 2014.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Steger, Florian und Maximilian Schochow: Traumatisierung durch politisierte Medizin. Geschlossene Venerologische Stationen in der DDR. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2016<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Strehler, Stefan: Annelore Bigalke-Zell. \u201eMach was aus dir!\u201c Eine Lehrerin erz\u00e4hlt aus ihrem Leben. Rohnstock-Biografien Berlin, 2006.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wilpert, Bettina: Herumtreiberinnen, Verbrecher Verlag Berlin, 2022. S. 73-75\/ S.78-79.<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch habe gedacht, hier stimmt irgendetwas nicht, hier geht irgendwas nicht, ist irgendwas nicht in Ordnung hier und dann haben sie mich hier in die Tripperburg gebracht.\u201c&nbsp; \u2013 Patientin, Interview aus Disziplinierung durch Medizin (2014) Augenscheinlich nicht mehr erkennbar, befinden Sie sich in der Kleiner Klausstra\u00dfe 16 vor einer ehemaligen Poliklinik, in welcher von 1962 &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/tripperburg\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Tripperburg in der Kleinen Klausstra\u00dfe<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5829,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/755"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5829"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=755"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1032,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/755\/revisions\/1032"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}