{"id":993,"date":"2023-06-25T17:13:21","date_gmt":"2023-06-25T15:13:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/?page_id=993"},"modified":"2023-06-26T09:37:04","modified_gmt":"2023-06-26T07:37:04","slug":"halle-neustadt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/halle-neustadt\/","title":{"rendered":"Arbeitergedichte in Ha-Neu"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-right\"><p><em>\u201eFast fragt man sich, ob hier \u00fcberhaupt noch gewohnt wird. Doch es gibt untr\u00fcgliche Zeichen, wir kennen sie, hier wie in den anderen noch halbbewohnten Vierteln der Stadt: es ist die Gardine, meist von vorgeschobenen Pflanzenschmuck bewacht.\u201c<\/em><\/p><cite>\u2013 Heinz Czechowski, Herr Neithardt geht durch die Stadt (1983)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery aligncenter columns-1 is-cropped\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/HalleNeustadtFromAbove1.jpg\" alt=\"\" data-id=\"989\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/HalleNeustadtFromAbove1.jpg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/halleneustadtfromabove1\/\" class=\"wp-image-989\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/HalleNeustadtFromAbove1.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/HalleNeustadtFromAbove1-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/HalleNeustadtFromAbove1-290x218.jpg 290w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/HalleNeustadtFromAbove1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\"><sup>Halle-Neustadt von oben (<a href=\"https:\/\/www.wikidata.org\/wiki\/Q896427#\/media\/File:HalleNeustadtFromAbove1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wikidata<\/a>)<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#acbaa1\">Sie befinden sich jetzt am \u00f6stlichen Rand der Neustadt mit Blick auf die beiden Wohnt\u00fcrme 330 und 331 am Gimritzer Damm. Das Wohngebiet Halle-Neustadt wurde in den 1960er Jahren als sozialistische Vorzeigestadt f\u00fcr die Arbeiter:innen in den Chemiewerken Leuna und Schkopau geplant und erbaut. Das aus Plattenbauten bestehende Wohngebiet bot Wohnraum f\u00fcr rund 90.000 Menschen. Heute wohnen nur noch rund 45.000 Menschen in der ehemaligen Chemiearbeiter:innenstadt. Die Stadt schrumpft vom Rand aus, wird zur\u00fcckgebaut.<br \/>Lesen Sie hier zwei Gedichte des Schriftstellers Walter Bauer.<\/p>\n\n\n<div id=\"lmm_f298dbd8\" style=\"width:640px;\" class=\"mapsmarker markermap marker-17\">\n<div id=\"lmm_panel_f298dbd8\" class=\"lmm-panel\" style=\"background:#efefef;\">\n<div id=\"lmm_panel_api_f298dbd8\" class=\"lmm-panel-api\"><a href=\"https:\/\/maps.google.com\/maps?daddr=51.486260,11.945937&amp;t=m&amp;layer=1&amp;doflg=ptk&amp;om=0\" target=\"_blank\" title=\"Wegbeschreibung berechnen\"><img alt=\"icon-car.png\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-content\/plugins\/leaflet-maps-marker\/inc\/img\/icon-car.png\" width=\"14\" height=\"14\" class=\"lmm-panel-api-images\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-content\/plugins\/leaflet-maps-marker\/leaflet-fullscreen.php?marker=17\" style=\"text-decoration:none;\" title=\"Standalone-Karte im Vollbild-Modus \u00f6ffnen\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-content\/plugins\/leaflet-maps-marker\/inc\/img\/icon-fullscreen.png\" width=\"14\" height=\"14\" alt=\"Fullscreen-Logo\" class=\"lmm-panel-api-images\" \/><\/a><\/div><div id=\"lmm_panel_text_f298dbd8\" class=\"lmm-panel-text\" style=\"font-weight:bold;color:#373737;\">Gimmritzer Damm Ha-Neu<\/div><\/div>\n<div id=\"lmm_map_f298dbd8\" class=\"lmm-map\" style=\"background:#f6f6f6;border:1px solid #ccc;height:480px; overflow:hidden;padding:0;\"><p style=\"font-size:80%;color:#9f9e9e;margin-left:5px;\">Karte wird geladen - bitte warten...<noscript><br\/><strong>Karte konnte nicht geladen werden - bitte aktivieren Sie Javascript!<\/strong><br\/><a style=\"text-decoration:none;\" href=\"https:\/\/www.mapsmarker.com\/js-disabled\" target=\"_blank\">&rarr; mehr Informationen<\/a><\/noscript><\/p><\/div>\n<div id=\"lmm_geo_tags_f298dbd8\" class=\"lmm-geo-tags geo\">\n<span class=\"paneltext\">Gimmritzer Damm Ha-Neu<\/span>\n<span class=\"latitude\">51.486260<\/span>, <span class=\"longitude\">11.945937<\/span>\n<span class=\"popuptext\"><\/span>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h6>\u201eUnser Ziel\u201c von Walter Bauer<\/h6>\n\n\n\n<p>Wir haben uns, wie t\u00e4glich oder n\u00e4chtlich. Aufgemacht<br \/>zu unserem Ziel: Fabrik \u2013&nbsp;<br \/>jetzt geht die T\u00fcr zu, jetzt beginnt der Schritt, der Trott,<br \/>und wer nicht weit entfernt ist, ist bald da,<br \/>und der Entfernte f\u00e4hrt im Zug heran.<\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4hrt der Mensch durch Felder fr\u00fche auf dem Rad<br \/>und sieht die Sonne wie ein Auge wund und blind,<br \/>und an den Lachen spritzt das Wasser auf,<br \/>in Furchen schwankt er, das Gesicht voll Wind.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieser sitzt mit vielen in der Bahn,<br \/>er starrt durchs Fenster, und dann schl\u00e4ft er ein,<br \/>der i\u00dft schon fr\u00fch, der hebt die Kaffeeflasche schon,<br \/>und wenn sie tr\u00e4umen, fahren sie schon ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und einer steigt in die Stra\u00dfenbahnen wie gewohnt,<br \/>er zeigt dem Schaffner seine Monatskarte vor,<br \/>und wenn der Schaffner klingelt und der Wagen h\u00e4lt,<br \/>h\u00e4lt er wie gestern vor dem Leuna-Tor.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieser \u2013 der ich bin, geht aus dem Hause fort<br \/>und sieht das Werk, und er erschrickt nicht mehr,<br \/>mit Singen taucht er zwischen Flammen in die Halden ein,<br \/>und dieses Singen kommt wie Trost von ferne her.<\/p>\n\n\n\n<h6>\u201eArbeiter zieht ein reines Hemd an\u201c von <br \/>Walter Bauer<\/h6>\n\n\n\n<p>Er f\u00e4hrt mit einem kleinen Licht am Rad nach Haus.<br \/>In seinem R\u00fccken brennt noch tief das Werk, die Schicht<br \/>                            ist aus.<br \/>Die Schicht ist aus. Am Band die Kaffeeflasche klappert<br \/>                             vorn.<br \/>Er h\u00f6rt ganz fern, von Schlaf umsp\u00fclt, ein Nebelhorn,<br \/>es geht ihn nichts mehr an.<\/p>\n\n\n\n<p>Er tritt zur Stube ein, als k\u00e4m er aus der Nacht,<br \/>es hat die Frau ihm warmes Wasser schon bereitgemacht.<br \/>Sie hat ihm alles, wie er es gew\u00f6hnt ist, hingestellt,<br \/>die gute Frau hat ihm die M\u00fcdigkeit erhellt<br \/>mit Wasser, Seife, Tuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zieht das Hemd aus, das ganz schwarz geworden ist,<br \/>er w\u00e4scht sich ganz, weil das am Sonnabend so Sitte ist.<br \/>Man k\u00f6nnte glauben: soviel Blut und z\u00e4her Dreck<br \/>geht auch mit scharfer Seife nicht mehr g\u00e4nzlich weg,<br \/>sitzt schwer am Herzen fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ist er fertig, zieht ein reines Hemd er an,<br \/>(und das besagt: da\u00df jetzt der sch\u00f6ne Sonntag schon<br \/>                        begann),<br \/>er kn\u00f6pft es zu, stopft sorgsam in die Hose es hinein,<br \/>er f\u00fchlt den Stoff an seinem Leib, er ist ganz rein,<br \/>er ist vollkommen rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt sich an den Tisch, auf dem das Essen steht.<br \/>Er st\u00fctzt die Arme auf. Die sch\u00f6nste Gegenwart besteht.<br \/>Er spricht mit seiner Frau nicht viel, weil er jetzt langsam<br \/>                            i\u00dft<br \/>und weil im Haus zu wenig auch geschehen ist,&nbsp;<br \/>nur dies: sein Hemd ist rein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery aligncenter columns-1 is-cropped\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" width=\"712\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-712x1024.jpeg\" alt=\"\" data-id=\"987\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug.jpeg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/arbeitsschluss-und-zug\/\" class=\"wp-image-987\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-712x1024.jpeg 712w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-209x300.jpeg 209w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-202x290.jpeg 202w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-768x1105.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-1068x1536.jpeg 1068w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug-1424x2048.jpeg 1424w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Arbeitsschluss-und-Zug.jpeg 1478w\" sizes=\"(max-width: 712px) 100vw, 712px\" \/><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\"><sup>S-Bahnhof Zscherbener Stra\u00dfe, Ankunft einer Bahn nach Feierabend, 1967. (Halle Neustadt. Plan und Bau der Chemiearbeiterstadt 1972:49)<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h6>Ein literarisches Denkmal<\/h6>\n\n\n\n<p>Walter Bauer (1904-1976), geboren in Merseburg, studierte einige Semester Germanistik in Halle und ver\u00f6ffentlichte mit 22 erste Gedichte. Auch wenn Bauer rund 30 Jahre vor der Grundsteinlegung Halle-Neustadts in Halle lebte und nie in einem der Chemiewerke arbeitete, bot ihm die zunehmende Industrialisierung rund um Halle und der Bau der Leunawerke ab 1916 gen\u00fcgend Stoff f\u00fcr den Gedichtband \u201eStimme aus dem Leunawerk\u201c. Mit diesem setzte er den Arbeiter:innen in den Chemiewerken ein literarisches Denkmal \u2013 und auch den sp\u00e4teren Bewohner:innen der Neustadt. Seine Verse deuten mit dem Finger auf die sozialen Missst\u00e4nde und das Elend der Fabrikarbeiter:innen. In vielen seiner Gedichte finden sich dabei auch immer wieder Verse, die die Brutalit\u00e4t des Ersten Weltkriegs abzeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1933 verboten die Nationalsozialisten Bauers Werke, sie galten als \u201eerzieherisch unzuverl\u00e4ssig\u201c. Dennoch publizierte er weiter mit dem Glauben an die Verwirklichung sozialer Ideale. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in englische Kriegsgefangenschaft in Italien. Nach dem Krieg kehrte Bauer nicht nach Halle zur\u00fcck, sondern lebte einige Zeit erst in M\u00fcnchen, dann in Stuttgart und wanderte 1952 nach Kanada aus. Dort publizierte er weiter und lehrte sp\u00e4ter auch an der Universit\u00e4t in Toronto. Trotz seines recht umfassenden Werkes mit gut 70&nbsp;Ver\u00f6ffentlichungen, zahlreichen Zeitungsartikeln und anderem sowie guter Rezensionen, geriet Walter Bauer gr\u00f6\u00dftenteils in Vergessenheit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-pb-accordion-item c-accordion__item js-accordion-item no-js\" data-initially-open=\"false\" data-click-to-close=\"true\" data-auto-close=\"true\" data-scroll=\"false\" data-scroll-offset=\"0\"><h6 id=\"at-9930\" class=\"c-accordion__title js-accordion-controller\" role=\"button\">\u25bd Literaturtipps<\/h6><div id=\"ac-9930\" class=\"c-accordion__content\">\n<p>Bauer, Walter: Die Stimme: Geschichte einer Liebe, M\u00fcnchen 1961.<\/p>\n\n\n\n<p>Bauer, Walter: Ein Mann zog in die Stadt, Berlin 1931.<\/p>\n\n\n\n<p>Bauer, Walter: Stimme aus dem Leunawerk, Berlin 1930.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFast fragt man sich, ob hier \u00fcberhaupt noch gewohnt wird. Doch es gibt untr\u00fcgliche Zeichen, wir kennen sie, hier wie in den anderen noch halbbewohnten Vierteln der Stadt: es ist die Gardine, meist von vorgeschobenen Pflanzenschmuck bewacht.\u201c \u2013 Heinz Czechowski, Herr Neithardt geht durch die Stadt (1983) Sie befinden sich jetzt am \u00f6stlichen Rand der &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/halle-neustadt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Arbeitergedichte in Ha-Neu<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5829,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/993"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5829"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=993"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/993\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1045,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/993\/revisions\/1045"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}