{"id":698,"date":"2023-06-10T13:05:09","date_gmt":"2023-06-10T11:05:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/?p=698"},"modified":"2023-06-24T12:25:03","modified_gmt":"2023-06-24T10:25:03","slug":"christa-wolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/christa-wolf\/","title":{"rendered":"Christa Wolf in Halle"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#acbaa1\">Ihnen hat der Text von Werner Br\u00e4unig am Riebeckplatz gefallen? Dann lesen Sie hier mehr Literatur aus Halle, die in der DDR entstand. Eine der wichtigsten Autorinnen der DDR-Literatur, Christa Wolf, lebte von 1959 bis 1962 im Amselweg 34 in Halle. Sie arbeitete als freie Lektorin im Mitteldeutschen Verlag. Dort erschien 1963 ihre Erz\u00e4hlung \u201eDer geteilte Himmel\u201c, die u.a. in Halle als Drehort verfilmt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#acbaa1\">Auch ihr Werk \u201eEin Tag im Jahr\u201c entstand zumindest teilweise in Halle. Dieser Text ist ein Experiment: Wolf dokumentiert darin literarisch, was sie an jedem 27. September zwischen 1960 und 2000 erlebt. Der erste Beitrag vom 27. September 1960 entsteht im Amselweg 34 in Halle. Lesen Sie hier einen Ausschnitt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"734\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1-1024x734.jpg\" alt=\"\" data-id=\"702\" data-full-url=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1.jpg\" data-link=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/?attachment_id=702\" class=\"wp-image-702\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1-1024x734.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1-300x215.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1-290x208.jpg 290w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1-768x550.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1-1536x1101.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/files\/2023\/06\/Amselweg34_Wolf-1.jpg 1952w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\"><sup><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Christa_Wolf?uselang=de#\/media\/File:Amselweg34_Wolf.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gedenktafel f\u00fcr die Schriftstellerin Christa Wolf, Amselweg 34, Halle (Saale)<\/a><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8222;Dienstag, 27. September 1960<\/p>\n\n\n\n<p>Halle\/S., Amselweg<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes beim Erwachen der Gedanke: Der Tag wird wieder anders verlaufen als geplant. Ich werde mit Tinka wegen ihres schlimmen Fu\u00dfes zum Arzt m\u00fcssen. Drau- \u00dfen klappen T\u00fcren. Die Kinder sind schon im Gange. Gerd schl\u00e4ft noch. Seine Stirn ist feucht, aber er hat kein Fieber mehr. Er scheint die Grippe \u00fcberwunden zu ha- ben. Im Kinderzimmer ist Leben. Tinka liest einer kleinen, dreckigen Puppe aus einem Bilderbuch vor: Die eine wollte sich seine H\u00e4nde w\u00e4rmen; die andere wollte sich seine Handschuh w\u00e4rmen; die andere wollte Tee trinken. Aber keine Kohle gab\u2019s. Dummheit! Sie wird morgen vier Jahre alt. Annette macht sich Sorgen, ob wir genug Kuchen backen werden. Sie rechnet mir vor, da\u00df Tinka acht Kinder zum Kaffee eingeladen hat. Ich \u00fcberwinde einen kleinen Schreck und schreibe einen Zettel f\u00fcr Annettes Lehrerin: Ich bitte, meine Tochter Annette morgen schon mittags nach Hause zu schicken. Sie soll mit ihrer kleinen Schwester Geburtstag feiern. W\u00e4hrend ich Brote fertigmache, versuche ich mich zu erinnern, wie ich den Tag, ehe Tinka geboren wurde, vor vier Jahren verbracht habe. Immer wieder best\u00fcrzt es mich, wie schnell und wie vieles man vergi\u00dft, wenn man nicht alles aufschreibt. Andererseits: Alles festzuhalten w\u00e4re nicht zu verwirklichen: Man m\u00fc\u00dfte aufh\u00f6ren zu leben. \u2013 Vor vier Jahren war es wohl w\u00e4rmer, und ich war allein. Abends kam eine Freundin, um \u00fcber Nacht bei mir zu bleiben. Wir sa\u00dfen lange zusammen, es war das letzte 14 vertraute Gespr\u00e4ch zwischen uns. Sie erz\u00e4hlte mir zum erstenmal von ihrem zuk\u00fcnftigen Mann\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nachts telefonierte ich nach einem Krankenwagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Annette ist endlich fertig. Sie ist ein bi\u00dfchen bummelig und unordentlich, wie ich als Kind gewesen sein mu\u00df. Da-mals h\u00e4tte ich nie geglaubt, da\u00df ich meine Kinder zu- rechtweisen w\u00fcrde, wie meine Eltern mich zurechtwiesen. Annette hat ihr Portemonnaie verlegt. Ich schimpfe mit den gleichen Worten, die meine Mutter gebraucht h\u00e4tte: So k\u00f6nnen wir mit dem Geld auch nicht rumschmei\u00dfen, was denkst du eigentlich? Als sie geht, nehme ich sie beim Kopf und gebe ihr einen Ku\u00df. Mach\u2019s gut! Wir blinzeln uns zu. Dann schmei\u00dft sie die Haust\u00fcr unten mit einem gro\u00dfen Krach ins Schlo\u00df. Tinka ruft nach mir. Ich antworte ungeduldig, setze mich versuchsweise an den Schreibtisch. Vielleicht l\u00e4\u00dft sich wenigstens eine Stunde Arbeit herausholen. Tinka singt ihrer Puppe lauthals ein Lied vor, das die Kinder neuerdings sehr lieben: \u00bbAbends, wenn der Mond scheint, ins St\u00e4dtele hinaus . . .\u00ab, die letzte Strophe geht so:<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends in dem Keller<\/p>\n\n\n\n<p>a\u00dfen sie von einem Teller<\/p>\n\n\n\n<p>eines Abends in der Nacht<\/p>\n\n\n\n<p>hat der Storch ein Kind gebracht . . .<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich dabei bin, vers\u00e4umt Tinka nie, mich zu beschwichtigen: Sie wisse ja genau, da\u00df der Storch gar keine Kinder tragen k\u00f6nne, das w\u00e4re ja glatt Tierqu\u00e4lerei. Aber wenn man es singt, dann macht es ja nichts. Sie beginnt wieder nach mir zu schreien, so laut, da\u00df ich im Trab zu ihr st\u00fcrze. Sie liegt im Bett und hat den Kopf in die Arme vergraben. Was schreist du so? Du kommst ja nicht, da mu\u00df ich rufen. Ich habe gesagt, ich komme gleich. Dann dauert es immer noch lange lange lange bange bange bange. Sie hat entdeckt, da\u00df W\u00f6rter sich reimen k\u00f6nnen. Ich wickle die Binde von ihrem zerschnittenen Fu\u00df. Sie schreit wie am Spie\u00df. Dann spritzt sie die Tr\u00e4nen mit dem Finger weg. Beim Doktor wird\u2019s mir auch weh tun. Willst du beim Doktor auch so schrein? Da rennt ja die ganze Stadt zusammen. \u2013 Dann mu\u00dft du mir die Binde abwickeln. \u2013 Ja, ja. \u2013 Darf ich heute fr\u00fch Puddingsuppe? \u2013 Ja, ja. \u2013 Koch mir welche! \u2013 Ja, ja. Der Fu\u00dfschmerz scheint nachzulassen. Sie kratzt beim Anziehen mit den Fingern\u00e4geln unter der Tischplatte und m\u00f6chte sich aussch\u00fctten vor Lachen. Sie wischt sich die Nase mit dem Hemdzipfel ab. He! schreie ich, wer schneuzt sich da ins Hemde? \u2013 Sie wirft den Kopf zur\u00fcck, lacht hemmungslos: Wer schneuzt sich da ins Hemde, Puphemde . . .<\/p>\n\n\n\n<p>Morgen habe ich Geburtstag, da k\u00f6nnen wir uns heute schon ein bi\u00dfchen freuen, sagt sie. Aber du hast ja verges- sen, da\u00df ich mich schon alleine anziehen kann. \u2013 Hab\u2019s nicht vergessen, dachte nur, dein Fu\u00df tut dir zu weh. \u2013 Sie f\u00e4delt umst\u00e4ndlich ihre Zehen durch die Hosenbeine: Ich mach das n\u00e4mlich viel vorsichtiger als du. \u2013 Noch ein- mal soll es Tr\u00e4nen geben, als der rote Schuh zu eng ist. Ich st\u00fclpe einen alten Hausschuh von Annette \u00fcber den verletzten Fu\u00df. Sie ist begeistert: Jetzt hab ich Annettes Latsch an! Als ich sie aus dem Bad trage, st\u00f6\u00dft ihr gesunder Fu\u00df an den Holzkasten neben der T\u00fcr. Bomm! ruft sie. Das schl\u00e4gt wie eine Bombe! \u2013 Woher wei\u00df sie, wie eine Bombe schl\u00e4gt? Vor mehr als sechzehn Jahren habe ich zum letzten Mal eine Bombe detonieren h\u00f6ren. Woher kennt sie das Wort?<\/p>\n\n\n\n<p>[\u2026] Ich gehe mit Tinka zum Arzt. Sie redet und redet, vielleicht, um sich die Angst wegzureden. Mal verlangt sie die Erl\u00e4uterung eines Wandbildes (Wieso findest du es nicht sch\u00f6n? Ich find es sch\u00f6n bunt!), mal will sie mit R\u00fccksicht auf ihren kranken Fu\u00df getragen werden, mal hat sie allen Schmerz vergessen und balanciert auf den Steinumfassungen der Vorg\u00e4rten. Unsere Stra\u00dfe f\u00fchrt auf ein neues Wohnhaus zu, an dem seit Monaten gebaut wird. Ein Aufzug zieht Karren mit M\u00f6rtels\u00e4cken hoch und transportiert leere Karren herunter. Tinka will genau wissen, wie das funktioniert. Sie mu\u00df sich mit einer ungef\u00e4hren Erkl\u00e4rung der Technik begn\u00fcgen. Ihr neuer, unersch\u00fctterlicher Glaube, da\u00df alles, was existiert, \u00bbzu etwas gut ist\u00ab, ihr zu etwas gut ist. Wenn ich so oft um die Kinder Angst habe, dann vor allem vor der unvermeidlichen Verletzung dieses Glaubens. Als wir die Treppen der Post hinunterlaufen, klemme ich sie mir unter den Arm. \u2013 Nicht so schnell, ich f\u00e4lle! \u2013 Du f\u00e4llst nicht. \u2013 Wenn ich gro\u00df bin und du klein, renne ich auch so schnell die Treppen runter. Ich werd gr\u00f6\u00dfer als du. Dann spring ich ganz hoch. Kannst du \u00fcbrigens \u00fcber das Haus springen? Nein? Aber ich. \u00dcber das Haus und \u00fcber einen Baum. Soll ich? \u2013 Mach doch! \u2013 Ich k\u00f6nnte ja leicht, aber ich will nicht. \u2013 So, du willst nicht? \u2013 Nein. \u2013 Schweigen. Nach einer Weile: Aber in der Sonne bin ich gro\u00df. \u2013 Die Sonne ist dunstig, aber sie wirft Schatten. Sie sind lang, weil die Sonne noch tief steht. \u2013 Gro\u00df bis an die Wolken, sagt Tinka. Ich blicke hoch. Kleine Dunstwolken stehen sehr hoch am Himmel.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline\"><a class=\"wp-block-button__link has-dark-gray-color has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/halliteratur\/hansering\/\" style=\"border-radius:20px;background-color:#acbaa1\">Zur\u00fcck zur Lesebank<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihnen hat der Text von Werner Br\u00e4unig am Riebeckplatz gefallen? Dann lesen Sie hier mehr Literatur aus Halle, die in der DDR entstand. Eine der wichtigsten Autorinnen der DDR-Literatur, Christa Wolf, lebte von 1959 bis 1962 im Amselweg 34 in Halle. Sie arbeitete als freie Lektorin im Mitteldeutschen Verlag. 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