{"id":134,"date":"2023-11-14T19:13:48","date_gmt":"2023-11-14T18:13:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/?page_id=134"},"modified":"2023-11-27T16:03:27","modified_gmt":"2023-11-27T15:03:27","slug":"andelka-martic-pirgo","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/andelka-martic-pirgo\/","title":{"rendered":"An\u0111elka Marti\u0107 &#8211; Pirgo"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"134\" class=\"elementor elementor-134\" data-elementor-settings=\"[]\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-section-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-10ad1a24 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"10ad1a24\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-18f4e0e9\" data-id=\"18f4e0e9\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-765df41f elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"765df41f\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\"><p><!-- wp:audio {\"id\":135} --><\/p>\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls=\"\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/files\/2023\/11\/Leticia.mp3\"><\/audio><\/figure>\n<p><!-- \/wp:audio --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<h3>Und das war so<br><\/h3><p>Jeden Morgen weckte mich die Sonne, welche beharrlich versuchte, das dichte Astgewirr \u00fcber unseren Holzh\u00fctten zu durchbrechen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Wenn ich nach dem Aufwachen meinen Kopf von dem mit Stroh \u00fcbers\u00e4ten Bett hob, senkte ich ihn jedes Mal wieder traurig. Ich war alleine. Die Kameraden standen jeden Morgen fr\u00fch auf, lie\u00dfen mich schlafen und ich kam immer viel sp\u00e4ter mit einem Gef\u00fchl der Schuld heraus.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Aber dieses Gef\u00fchl hielt nur f\u00fcr einen Moment an. Ich war klein, der kleinste von allen, und ich hatte das Recht zu schlafen, wenn gerade keine Offensive war. Aber trotzdem schien es mir, als w\u00fcrden sie mich sp\u00f6ttisch ansehen, wenn sie mich dann beim Fr\u00fchst\u00fcck antrafen. Sp\u00f6ttisch, denn sie hatten zu dieser Zeit schon einiges gearbeitet.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Unsere in Eile errichteten Baracken befanden sich in einem weitl\u00e4ufigen Eichenwald, in der N\u00e4he der Stra\u00dfe, die den Weg nach Vo\u0107in beschleunigte. Sie waren aus Holz gebaut, ebenerdig, und zu jeder f\u00fchrte ein ausgetretener Weg hin. Unter dem gleichen Dach waren Schlafzimmer, K\u00fcche, Arbeitszimmer und ein wenig weiter, in den anderen Holzh\u00e4usern, Lagerr\u00e4ume mit unterschiedlichen Waren, ein H\u00e4uschen f\u00fcr die Wachen und Kuriere und ein kleiner Stall f\u00fcr zwei Pferde und eine Kuh, die uns ein Bauer geschenkt hatte. Die Usta\u0161a hatten ihm alles verbrannt, was verbrannt werden konnte, geblieben war ihm nur diese Kuh, die er zuvor in den Wald gebracht hatte. In diesen Geb\u00e4uden befand sich auch die Intendantur des 6. Korps, ein stets gesch\u00e4ftiger Ort. Anfangs konnte ich den Begriff kaum aussprechen, Intendantur, doch jetzt wei\u00df ich, dass es eine milit\u00e4rische Institution ist, welche Brigaden und Krankenh\u00e4user mit Kleidung, Schuhen, Decken und Nahrung beliefert, wenn dies in den Lagerr\u00e4umen vorr\u00e4tig war. Sie lieferten wirklich alles m\u00f6gliche, alles au\u00dfer Waffen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>An unserer Intendantur hielten Kuriere und Divisionsintendanten und einmal, nachdem ein St\u00fctzpunkt gefallen war, auch ein Wagen mit beschlagnahmtem Material. Manchmal wimmelte es hier von Menschen, Jungen und auch B\u00e4uerinnen, die Nahrung f\u00fcr unsere Krankenh\u00e4user herbeifuhren oder herbeitrugen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Und so hatte ich wirklich nie Langeweile. Und \u00fcberhaupt, kennen Kinder im Alter von f\u00fcnf Jahren denn Langeweile? Manchmal sa\u00df ich lange auf den Holzstufen vor der Baracke, in der ich schlief, und sah diesem ganzen Tumult und Treiben zu. Und fast alle diese Leute sprachen mit mir. Viele kannten mich bereits. Ich war in einen Stoffanzug von milit\u00e4rischem Schnitt gekleidet und auf meinem Kopf sa\u00df eine Partisanenm\u00fctze mit dem roten f\u00fcnfzackigen Stern. All das hatte mir der Schneider Marko an einem Nachmittag gen\u00e4ht, als ich meine kurzen Hosen und meinen Mantel, mit denen ich gekommen war, zerrissen hatte. Aber erst dann, als ich mir die M\u00fctze auf den Kopf setzte, f\u00fchlte ich mich wie ein echter Partisan. Und nicht einmal nachts nahm ich sie mehr ab. Aber nachts fiel sie immer von alleine ab, sodass ich sie am Morgen lange im Stroh und zwischen den Decken suchen musste.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Wenn mich Bekannte und Unbekannte fragten, was ich machte und wie ich lebte, antwortete ich ihnen wichtigtuerisch, r\u00fcckte die Partisanenm\u00fctze auf dem Kopf zurecht und blickte insgeheim mit Sehnsucht auf die Gewehre, die an ihren Schultern hingen. Wieso bin ich nicht wenigstens ein wenig gr\u00f6\u00dfer, um einen G\u00fcrtel zu tragen, eine Kuriertasche und ein Gewehr umzuschnallen, und um singend \u00fcber den H\u00fcgel zu laufen, um eine mir anvertraute Aufgabe zu erf\u00fcllen! Ja, einmal brachten sie mir nach einem Angriff auf irgendein St\u00e4dtchen ein Gewehr mit, aber ohje, nicht einmal jetzt erinnere ich mich gerne daran, es war aus Holz und hatte einen Stopfen, der mit einer Schnur am Lauf befestigt war, und ich habe es, gekr\u00e4nkt wie ich war, weit ins Dickicht geschmissen. Wie mich die Kuriere dann auslachten! Das werde ich niemals vergessen. Es war nicht sch\u00f6n, einen echten Partisanen so zu verspotten.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Und ich konnte wirklich, ohne zu z\u00f6gern, \u201eechter Partisan\u201c sagen. Man muss wissen, wie ich in diese gro\u00dfen slawonischen W\u00e4lder gekommen war, um zu sehen, dass ich im Recht war. Und das war so.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Mein Vater fand, sobald der Krieg begann, irgendwo ein Gewehr und ging zu den Partisanen. In jener Nacht, in der er fortging, lag ich wach im Bett und konnte nicht begreifen, was sich in unserem Haus ereignete. Wieso brannte jetzt, in der Nacht, die Petroleumlampe, wieso schliefen Papa und Mama nicht wie immer, warum st\u00f6rten sie auch mich beim Schlafen? Ich f\u00fcrchtete, dass sie den kleinen Mi\u0161o wecken w\u00fcrden, der friedlich in seiner Wiege schlief. Wenn sie ihn weckten, w\u00fcrde Mama ihn lange nicht beruhigen k\u00f6nnen. Ich lauschte dem verhaltenen Fl\u00fcstern meines Vaters, dem Seufzen meiner Mutter, einmal wischte sie sich sogar heimlich die Tr\u00e4nen weg. Ich verstand, dass sich etwas Ungew\u00f6hnliches ereignete, aber ich f\u00fchlte, dass ich nicht danach fragen sollte. Ich schloss sogar die Augen, so als w\u00fcrde ich schlafen, als Papa sich \u00fcber mein Bett beugte und mich auf die Stirn k\u00fcsste. Ich f\u00fchlte, dass es weder ihm noch Mama recht recht gewesen w\u00e4re, wenn sie gewusst h\u00e4tten, dass ich wach war.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Und so ging Papa fort. Danach habe ich ihn lange nicht gesehen, aber obwohl ich damals erst drei Jahre alt war, habe ich weder seinen Kuss noch seine Worte vergessen, die er Mama zum Abschied fast fl\u00fcsternd sagte: Pass auf die Kinder auf! Lass den Kopf nicht h\u00e4ngen! Halte durch! Ich wei\u00df, dass es schwer sein wird, aber ich werde euch dort nicht vergessen. Wenn die Zeit kommt, werde ich nach euch schicken\u2026<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Die Tage vergingen, aber ich habe nicht aufgeh\u00f6rt, an Papa zu denken und mich zu fragen, wohin er gegangen war und wann er kommen w\u00fcrde, um uns abzuholen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Einmal rannte ich den Hof hinunter, um unsere Katze zu fangen, aber ich blieb mit meinem Fu\u00df an einem Stein h\u00e4ngen, fiel hin und schnitt mir das Knie an einem scharfen St\u00fcck Eisen auf. Es tat sehr weh und Blut floss aus der Wunde. Ich fing an, mit lauter Stimme zu schreien. Meine Mutter rannte aus dem Haus, hob mich auf und wischte mir mit einem Taschentuch das Blut ab. Es war nichts Gravierendes, aber ich schrie immer noch und meine Mutter sagte:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eEs ist ja nichts passiert, h\u00f6r auf zu weinen. Du bist selbst Schuld, wenn du nicht aufpasst.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Ich antwortete w\u00fctend:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht meine Schuld. Es ist deine Schuld\u2026 Papa hat dir gesagt, dass du auf uns aufpassen sollst\u2026\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Meine Mutter schaute mich fassungslos an. Sie legte mir die Hand auf den Mund und sah sich erschrocken um. Dann sagte sie zu mir: \u201eSei still, sprich nicht \u00fcber Papa! Wehe, ich h\u00f6re noch mal was von dir!\u201c Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen streng. Mit diesem Blick hatte sie mich noch nie angesehen. Mir wurde klar, dass ich etwas gesagt hatte, was ich nicht h\u00e4tte sagen sollen. Seitdem habe ich immer \u00f6fter an meinen Vater gedacht, aber erw\u00e4hnt habe ich ihn nicht mehr.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Die Tage vergingen. Meine Mutter lie\u00df mich immer seltener aus dem Hof und sie selbst ging nur manchmal ins Dorf. Immer \u00f6fter schloss sie die Haust\u00fcr ab und versuchte, den Leuten so selten wie m\u00f6glich unter die Augen zu treten. Wenn Mi\u0161o in seiner Wiege weinte, dr\u00fcckte sie ihn fest an sich, als h\u00e4tte sie Angst, dass das schreiende Baby von den Nachbarn geh\u00f6rt werden w\u00fcrde. Schlie\u00dflich verbot sie mir, das Zimmer zu verlassen. Als ich weinte und nach dem \u201eWarum\u201c fragte, begann sie zu erz\u00e4hlen. Sie sprach \u00fcber die Usta\u0161a, \u00fcber die Deutschen, \u00fcber die Tatsache, dass Krieg war, dar\u00fcber, dass Papa in den Kampf gezogen war, um diese Deutschen und die Usta\u0161a, die dem Volk so viel Schlechtes antaten, zu vernichten. Ich verstand fast nichts von dem, was meine Mutter mir erz\u00e4hlte. Sowohl die Usta\u0161a als auch die Deutschen und alles andere vermischte sich in meinem Kopf so sehr, dass ich sie nur stumm anblickte. Aber an ihren Augen, an der Art, wie sie mein Haar streichelte, an dem Zittern in ihrer Stimme erkannte ich, dass wir uns in gro\u00dfer Gefahr befanden und zog mich v\u00f6llig in mich zur\u00fcck. Aus dem heiteren, lebhaften Jungen wurde ein ruhiges, \u00e4ngstliches Kind, das nicht l\u00e4nger alleine im Zimmer bleiben wollte.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Eines Nachts weckte mich meine Mutter. Sie war angekleidet. Auf dem Kopf ein dickes Kopftuch, Winterstiefel an den F\u00fc\u00dfen und neben ihr auf dem Tisch ein gro\u00dfes B\u00fcndel. Auf dem Stuhl neben dem Ofen sa\u00df ein Mann mit einem breiten Gesicht, fast kohlenschwarzen Augen und rabenschwarzem, glatt nach hinten gek\u00e4mmtem Haar. Das Petroleumlicht zitterte seltsam auf seinem Gesicht und ich erschrak. Ich sa\u00df im Bett, klammerte mich krampfhaft an meine Mutter und fragte sie schluchzend:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eIst das ein Usta\u0161a, Mama? Was wird jetzt aus uns?\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Meine Mutter k\u00fcsste mich, ohne ein Wort zu sagen. Sanft und langsam streichelte sie mir \u00fcber die Haare. Das beruhigte mich etwas. Aber noch mehr beruhigte mich ihr Gesicht, in das ich besorgt blickte. Es strahlte Ruhe und Frieden aus. Als meine Mutter sp\u00fcrte, dass ich nicht mehr zitterte, dass sich mein K\u00f6rper unter ihren Armen beruhigte, fl\u00fcsterte sie mir ins Ohr, obwohl uns niemand, wirklich niemand, h\u00f6ren konnte:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eNein mein Sohn, das ist kein Usta\u0161a. Das ist ein Partisan. Er ist gekommen, um uns zu Papa zu bringen.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Bei diesen Worten sprang ich aus dem Bett. Oh, zu Papa! Ich muss nicht mehr schweigen, ich muss mich nicht mehr st\u00e4ndig im Haus verstecken. Denn an dem Ort, an den uns Papa ruft, musste alles anders sein. Denn warum sonst w\u00fcrde er uns zu sich rufen?<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Meine Mutter zog mich warm an. Der Partisan neben dem Ofen erhob sich. Erst jetzt sah ich ihn richtig. Nein, er war \u00fcberhaupt nicht angsteinfl\u00f6\u00dfend. Er sah gut und freundlich aus, wie er mich sanft anl\u00e4chelte. Dabei sagte er mit Traurigkeit in der Stimme zu meiner Mutter:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eIch habe auch so einen Jungen. Aber weit weg von hier\u2026 Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen, und wer wei\u00df wann\u2026\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Meine Mutter sah ihn mitf\u00fchlend an und seufzte. Dann hob sie meinen Bruder, den sie schon vorher angezogen hatte, aus der Wiege und wollte nach dem B\u00fcndel auf dem Tisch greifen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Doch der Partisan kam ihr zuvor und sagte:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eLass liegen, Kameradin, das nehme ich f\u00fcr dich. Das Kind wird schon schwer genug sein\u2026\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Ich sah ihn erstaunt an.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Wie hatte er meine Mutter genannt? Kameradin? Niemand hat sie jemals zuvor so genannt. Papa nannte sie meistens \u201eMama\u201c so wie ich, selten \u201eLjuba\u201c oder \u201eLjubica\u201c und die Nachbarn riefen sie Tante oder Tante Ljubica. Ich hatte schon meinen Mund ge\u00f6ffnet, um ihn zu fragen, warum er Mama so nannte, als sie das Licht ausblies, innehielt, als ob es ihr Leid tun w\u00fcrde hinauszugehen, und tief seufzte. Obwohl ich nichts sah, war ich mir sicher, dass sie ein paar Tr\u00e4nen vergoss. Ich selbst wollte auch weinen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr war keine Zeit, weder f\u00fcr Trauer noch f\u00fcr den Abschied.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Also gingen wir los\u2026<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Drau\u00dfen war tiefste Nacht. Damals wunderte ich mich, wieso wir in der Dunkelheit aufbrachen, warum wir nicht auf den Tagesanbruch warteten, aber jetzt wei\u00df ich, dass wir gerade in der Nacht aufbrechen mussten, um m\u00f6glichst gefahrlos aus dem Dorf zu gelangen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Die Reise war lang und beschwerlich. Mutter trug meinen kleinen Bruder und dr\u00fcckte ihn schweigend an sich. Wir gingen durch den Wald und hielten uns von den D\u00f6rfern, den H\u00e4usern und Hauptstra\u00dfen fern. Ich war sehr m\u00fcde und der Partisan, der meine Hand hielt, musste mich hinter sich herziehen. Dann hob er mich hoch, und ich, meinen Kopf an seine Schulter gelehnt, schlief vor M\u00fcdigkeit ein\u2026<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Nach einigen schwierigen und anstrengenden Tagen kamen wir schlie\u00dflich in einem dichten W\u00e4ldchen im Ljuto\u010d-Gebirge an, wo wir von Papa erwartet wurden. Mutter warf sich weinend um seinen Hals. Und ich war so m\u00fcde, dass ich mich einfach an ihn klammerte. Vater schob Mutter sanft weg und starrte ihr in die weinenden Augen und dann auf die leeren H\u00e4nde. Es war, als ob er sich fragte, woher dieses traurige Weinen anstelle von Wiedersehensfreude kam. Mutter fl\u00fcsterte:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eIch konnte ihn nicht besch\u00fctzen\u2026. Als wir die Gleise \u00fcberquerten, gerieten wir in einen Hinterhalt. Auch ein Partisan wurde get\u00f6tet, zwei weitere verletzt\u2026\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Vater knirschte mit den Z\u00e4hnen, zog die Augenbrauen zusammen und bedeckte die Augen mit der Hand. Als er sie wegzog, war sein Gesicht ganz still, nur eine neue Falte schnitt sich neben seinem Mund.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eEs ist, wie es ist\u201c, fl\u00fcsterte er. \u201eAuch daf\u00fcr werden sie zahlen. Wenigstens ihr seid mir am Leben geblieben.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Ja, er starb auf den Gleisen, die wir \u00fcberqueren mussten, mein kleiner Bruder, ein kleiner Junge, der noch nicht einmal richtig lachen konnte, aber auch er fiel ihnen zum Opfer. Er starb blut\u00fcberstr\u00f6mt in Mutters Armen. Wie sehr ich ihn doch vermisste. Ich hatte mich immer gefreut, wenn ich mir vorstellte, wie wir zusammen spielen w\u00fcrden, wenn er gro\u00df w\u00e4re, wie ich ihm das Sprechen beibringen w\u00fcrde und wie wir in den W\u00e4ldern unweit unseres Dorfes umherstreifen w\u00fcrden. Und jetzt wird er niemals gro\u00df werden. Wir begruben ihn in einem kleinen Dickicht und die Kameraden legten einen gro\u00dfen, wei\u00dfen Stein auf den kleinen H\u00fcgel. Damals fragte ich sie, wieso sie einen Stein auf meinen Bruder legten, ein Stein ist schwer, aber niemand hatte mir geantwortet. Nur meine Mutter weinte noch heftiger. Jetzt wei\u00df ich, dass wir mit diesem Stein die Stelle, an der wir uns f\u00fcr immer von ihm getrennt hatten, markiert haben, damit wir sie sp\u00e4ter wiederfinden w\u00fcrden.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Seit dieser Begegnung mit Papa im Ljuto\u010d-Gebirge sind viele Tage vergangen. Aus dem Herbst wurde Winter, aus dem Winter Fr\u00fchling. Es kam zu heftigen K\u00e4mpfen. Eine Offensive \u00fcberlebte ich unterirdisch in einem abgelegenen Bunker und eine andere auf dem Pferd des Brigadekommandeurs. Es gab schwierige Tage, an denen ich keinen Kr\u00fcmel Brot sah, keinen Tropfen Wasser. Ich sp\u00fcrte unertr\u00e4gliche Hitze und heftige K\u00e4lte. Aber ich habe mich nie \u00fcber irgendetwas beschwert. Ich wusste wohl, dass meine Kameraden alles f\u00fcr mich taten, was sie konnten, und so ertrug ich geduldig alle Widrigkeiten.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Die Kameraden sagten mir oft, dass ich ein wahrer Partisan sei.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Deshalb also war ich w\u00fctend und f\u00fchlte mich bis auf den Grund meiner Seele gedem\u00fctigt, als mir die Kameraden aus dem Einsatzkommando statt eines Gewehrs ein Kinderspielzeug mitbrachten.<\/p><p><!-- \/wp:paragraph --><\/p><\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-6a23824 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"6a23824\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-33 elementor-top-column elementor-element elementor-element-3997baa\" data-id=\"3997baa\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-33 elementor-top-column elementor-element elementor-element-24af846\" data-id=\"24af846\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-33 elementor-top-column elementor-element elementor-element-3df86a8\" data-id=\"3df86a8\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-5beb846 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"5beb846\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\"><p style=\"text-align: right\"><em>\u00dcbersetzt von Leticia dos Santos<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>An\u0111elka Marti\u0107: Pirgo (1953)<\/em><\/p><\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und das war so Jeden Morgen weckte mich die Sonne, welche beharrlich versuchte, das dichte Astgewirr \u00fcber unseren Holzh\u00fctten zu durchbrechen. Wenn ich nach dem Aufwachen meinen Kopf von dem mit Stroh \u00fcbers\u00e4ten Bett hob, senkte ich ihn jedes Mal wieder traurig. Ich war alleine. Die Kameraden standen jeden Morgen fr\u00fch auf, lie\u00dfen mich schlafen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5961,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/134"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5961"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=134"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/134\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":406,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/134\/revisions\/406"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=134"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}