{"id":141,"date":"2023-11-14T19:18:30","date_gmt":"2023-11-14T18:18:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/?page_id=141"},"modified":"2023-11-27T16:02:51","modified_gmt":"2023-11-27T15:02:51","slug":"andelka-martic-pirgo-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/andelka-martic-pirgo-2\/","title":{"rendered":"An\u0111elka Marti\u0107 &#8211; Pirgo"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"141\" class=\"elementor elementor-141\" data-elementor-settings=\"[]\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-section-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-15355688 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"15355688\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-be33823\" data-id=\"be33823\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-c830012 elementor-widget elementor-widget-wp-widget-media_audio\" data-id=\"c830012\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"wp-widget-media_audio.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-141-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/files\/2023\/11\/Rebekah.mp3?_=1\" \/><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/files\/2023\/11\/Rebekah.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/files\/2023\/11\/Rebekah.mp3\">https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/files\/2023\/11\/Rebekah.mp3<\/a><\/audio>\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-18021028 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"18021028\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\"><p><!-- wp:audio {\"id\":142} --><\/p>\n<p><!-- \/wp:audio --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<h3>Kriegswaise<\/h3>\n<p>In diesem Moment sank Stille herab. Die Flugzeuge dr\u00f6hnten noch \u00fcber dem Wald, aber die Ersch\u00fctterungen hatten aufgeh\u00f6rt, so dass es mir schien, als ob sie erm\u00fcdet waren und jetzt Atem holten. Noch hatte ich mich nicht getraut, mich zu bewegen. Die eisernen V\u00f6gel flogen und kreisten weiter \u00fcber dem Wald, aber das war nichts gegen das Krachen zuvor. Ich hockte noch ein wenig zusammengekauert auf der Erde, dann atmete ich tief ein und wischte mir den Schwei\u00df von der Stirn.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Aber was ist das jetzt wieder? Im Geb\u00fcsch, nicht weit von mir, h\u00f6re ich das leichte Rascheln kleiner Zweige, als ob sich ein Tier auf mich zu bewegt. Wieder f\u00fcrchtete ich mich. Was, wenn es ein Wolf ist? Oder vielleicht ein B\u00e4r, den die Bomben aus der H\u00f6hle gejagt hatten. Dragan sagt zwar, dass es in den slawonischen W\u00e4ldern keine B\u00e4ren gibt, aber sind diese W\u00e4lder denn so klein? Gro\u00df sind sie und dicht und da kann es alles M\u00f6gliche geben. W\u00e4hrend ich so spekulierte, kam das Rascheln n\u00e4her und wurde lauter, dann h\u00f6rte es auf. Ich aber schaute weiterhin unbeweglich in diese Richtung. Was ist das? Vielleicht tr\u00e4ume ich? Ich rieb mir die Augen, dann \u00f6ffnete ich sie wieder. Nein, ich habe nicht getr\u00e4umt! Hinter dem Baum erschien ein sch\u00f6nes, sanftes Tierchen, das ein gelbliches Fell, \u00fcbersch\u00fcttet mit hellen, runden Flecken, und schlanke, schmale Beinchen hatte. Es hob sein schwarzes Schn\u00e4uzlein in die Luft, drehte beunruhigt seinen Kopf, und der Blick seiner gro\u00dfen, feuchten Augen, in denen sich auch jetzt noch die gerade durchlebte Angst sehen lie\u00df, blieb pl\u00f6tzlich an mir h\u00e4ngen. Mir wurde von diesem sanften, z\u00e4rtlichen Blick sofort leichter ums Herz. In dieser wunderlichen Stille sahen wir einander unbeweglich an. Ja, das ist ein kleines Rehkitz, genauso eines wie das in dem Bilderbuch, das Papa mir aus der Stadt mitgebracht hatte. Wie lange ist das her! Wie eine andere Welt.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>So sahen wir einander an und bemerkten nicht, dass die Flugzeuge zur\u00fcckgekehrt waren. Aber eine neue Bombe, die hinter dem Rehkitz einschl\u00e4gt, zerschneidet die Stille und holt uns in die Wirklichkeit zur\u00fcck. Das Rehkitz springt weg, als w\u00e4re es von einer Peitsche getroffen, sch\u00fcttelt sein K\u00f6pfchen, schaut, als w\u00fcsste es nicht, wohin es soll, dann st\u00fcrzt es eilig zu mir, l\u00e4sst sich auf die Erde hinab und schmiegt sich an mich. Meine Arme schlossen sich wie von selbst um seinen zitternden K\u00f6rper.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Wie ist das passiert? Nein, tr\u00e4ume ich das auch nicht? Ich sp\u00fcre den warmen, zerbrechlichen K\u00f6rper des Tierchens. Ich sp\u00fcre unter den H\u00e4nden sein sanftes, weiches, kurzes Fell, ich sehe in den flackernden Schein seiner feuchten Augen. Auf einmal scheint es mir, als ob ich nicht mehr der Junge bin, der einsam durch den Wald irrt. Als h\u00e4tte mich dieses kleine Tier irgendwie verwandelt. Aber so war es ja auch. Ich war nicht mehr allein. Es war jemand gekommen, der meinen Schutz suchte. Ich war nicht mehr, wie bisher, der kleinste und schw\u00e4chste, jetzt habe auch ich jemanden, um den ich mich k\u00fcmmern, den ich besch\u00fctzen werde. Jetzt wird es auch f\u00fcr mich leichter sein, denn wenn der Mensch nicht nur an sich denkt, wird auch das Gef\u00fchl der Angst kleiner.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Endlich flogen die Flugzeuge Richtung Vo\u0107in weiter. Vielleicht wieder \u00fcber Macute und \u010ceralije, aber ich traute mich immer noch nicht, mich zu bewegen. \u00dcber den Wald legte sich eine seltsame Stille. Wo ist seine Sch\u00f6nheit von heute Morgen, die mich ganz erfasst hatte. Abgebrochene \u00c4ste h\u00e4ngen herab, Bl\u00e4tter fallen in die Gruben, traurig liegt die junge Eiche auf dem Boden, die nun nie so gro\u00df wird, wie ihre hochgewachsenen, schweigsamen, weitverzweigten Freunde. Es erschien mir, als ob der Wald tieftraurig seufzte.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mich gerne unter dem Geb\u00fcsch hervor bewegt, wo ich mich versteckt hatte, aber ich f\u00fcrchtete mich, das zu tun. Bewege ich mich und nehme meine Arme von dem Rehkitz, das sich noch an mich dr\u00fcckt, wird es von mir weglaufen. Aber so kann ich nicht hocken bleiben. Also machte ich es mir ein bisschen gem\u00fctlicher und beruhigte mich wieder.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Was ist in der Intendantur passiert? Ist jemand ums Leben gekommen? Bestimmt sind sie besorgt um mich und Tante weint\u2026 Vielleicht ist auch Papa zur\u00fcckgekommen und unterdr\u00fcckt jetzt schwere Tr\u00e4nen bei dem Gedanken, dass mir etwas passiert ist. Diese Vorstellungen machten mich erneut sehr unruhig.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Nein, ich darf nicht l\u00e4nger hierbleiben. Ich muss sobald wie m\u00f6glich zur Intendantur zur\u00fcck. Ich wollte aufstehen, doch das Rehkitz wurde unruhig und fing an, seinen Kopf unter meinem Arm hervorzuziehen, den ich ihm um den Hals gelegt hatte. Es h\u00e4tte mir Leid getan, wenn ich jetzt ohne es zur\u00fcck bleiben m\u00fcsste. Deshalb beruhigte ich mich. Auch das Rehkitz beruhigte sich. Jetzt vergn\u00fcgte ich mich damit, es sorgf\u00e4ltig zu beobachten und ihm seinen seidenen R\u00fccken zu streicheln. Wo sind seine Eltern? Wie konnte so ein kleines, zartes Wesen den Eltern verloren gehen? Schau, wie sch\u00f6n es ist! Schwarze Schnauze, feucht und kalt, ein K\u00f6pfchen so lieblich, das man es sich lieblicher nicht vorstellen kann. Es liegt auf seinen Beinchen und bewegt unaufh\u00f6rlich die kleinen \u00d6hrchen, als ob sie Ger\u00e4usche einfangen. Aber dann wurde es auf einmal wieder unruhig unter meinen H\u00e4nden. Was hei\u00dft das? H\u00f6rt es etwa wieder etwas? Auch ich horchte und lie\u00df einen sorgf\u00e4ltigen Blick \u00fcber den Himmel kreisen. Aber der Himmel war friedlich, ohne eine Spur von Flugzeugen, und au\u00dfer einem leichten Wind in den Baumkronen h\u00f6rte ich nichts. Das Rehkitz wurde immer unruhiger, und ich \u00fcberlegte, dass es etwas h\u00f6rt, was ich nicht h\u00f6ren kann. Tiere haben ja ein sch\u00e4rferes Geh\u00f6r als Menschen. Dann erreichten auch mich Ger\u00e4usche, die immer deutlicher wurden. Ich h\u00f6rte auch das Murmeln menschlicher Stimmen. Ich beruhigte mich v\u00f6llig und h\u00f6rte genau hin. Nein, ich t\u00e4usche mich nicht! Die Stimmen n\u00e4herten sich. Schon kann ich die tiefe, leicht singende Stimme von Jovo gut heraush\u00f6ren und stelle mir vor, wie er mit schlenkernden Schritten durch den Wald eilt. Jo\u017ea ist auch da. Das erkenne ich gut, weil mir nicht entgangen ist, dass er laut ruft: \u201eZum Teufel\u201c. Er kann keine f\u00fcnf W\u00f6rter aussprechen, ohne diese Wendung einzuf\u00fcgen. Ich h\u00f6rte auch Tantes zitternde Stimme. Sie unterdr\u00fcckte Tr\u00e4nen, als sie sagte:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eDer arme Kleine, wo ist er hingegangen? Oh, dass ihm nur nichts zugesto\u00dfen ist!\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eAber wir werden ihn finden, Tante\u2026 Soll es etwa ausgerechnet den Kr\u00fcmel in diesem riesigen Wald getroffen haben?\u201c beruhigte sie Jovo, aber auch seine Stimme hatte sich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Schon sehe ich sie gut. Sie gehen traurig, wie auf eine Beerdigung, sind aufmerksam und b\u00fccken sich unter jeden umgest\u00fcrzten Baum, schauen darunter. Mit ihren H\u00e4nden w\u00fchlen sie durch das Geb\u00fcsch und r\u00e4umen abgebrochene \u00c4ste zur Seite. Die Sonne beschien sie, die, befreit, mit ihren Strahlen jeden Grashalm im verwundeten Wald reichlich begoss.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eNein, wir werden ihn nicht finden\u201c, Tante heulte fast und ich konnte nicht mehr schweigen. Mit den Armen umschlang ich fest den K\u00f6rper des Rehkitzes und w\u00e4hrend es versuchte, sich zu entwinden, schrie ich aus voller Kehle: \u201eTante, Jo\u017ea, hier bin ich!\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Meine Stimme reichte bis zu ihnen und sie hielten inne. Verbl\u00fcfft drehten sie sich nach allen Seiten, bemerkten mich, im Geb\u00fcsch versteckt, aber nicht.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Tante rief ver\u00e4ngstigt:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201e\u017deljko, warum zeigst du dich nicht? Bist du etwa verletzt?\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eNein, ich bin nicht verletzt! Kommt her! Ich bin rechts von euch!\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Sie gingen in Richtung meiner Stimme und endlich bemerkten sie mich, wo ich auf der Erde unter den Haselnussstr\u00e4uchern hockte. Vor Verwunderung blieben sie stehen. Tante st\u00fcrzte zu mir und in ihren blauen Augen strahlten gro\u00dfe Freude und Gl\u00fcck, dass sie mich wieder gefunden hatte, Freude vermischt mit noch gr\u00f6\u00dferer Verwunderung. Jovo und Jo\u017ea schauten mich und das kleine Rehkitz in meinen Armen an. Ihre Gesichter und weit aufgerissenen Augen waren so komisch, dass ich von Herzen lachen musste.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Endlich fasste sich Jovo. Er b\u00fcckte sich, nahm das Rehkitz, hob es hoch und fragte mich:<br \/>\u201eNa, woher hast du das jetzt?\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eZugelaufen&#8230;\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eVon alleine?\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eNa klar, von allein. Ich habe es ja wohl nicht gejagt!\u201c Ich lache, w\u00e4hrend ich gro\u00dfe Zufriedenheit sp\u00fcre, dass gerade mir etwas wirklich Au\u00dfergew\u00f6hnliches passiert ist.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Endlich sagt auch Jo\u017ea etwas:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n ist es, zum Teufel! Das ist dem besten J\u00e4ger noch nicht passiert. Aber wie ist das gelaufen, erz\u00e4hl mal!\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>W\u00e4hrend mir Tante die Haare s\u00e4uberte und mir Kr\u00fcmel und Holzsp\u00e4ne von der Kleidung sch\u00fcttelte, habe ich ihnen alles der Reihe nach erz\u00e4hlt: Wie ich mich unter dem Geb\u00fcsch zusammengekauert habe, w\u00e4hrend um mich herum alles zerst\u00f6rt wurde; dann, wie ich auf einmal dieses Rehkitz bemerkte, dass mich mit feuchten Augen ansah und zu mir st\u00fcrzte, damit ich es besch\u00fctze. Alles habe ich ihnen erz\u00e4hlt, nur \u00fcber die unheimlich gro\u00dfe Angst die ich gesp\u00fcrt hatte, als die Bomben fielen, habe ich nicht mit ihnen gesprochen. Was geht sie das \u00fcbrigens auch an!<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Jovo kratzte sich, w\u00e4hrend er zuh\u00f6rte, am unrasierten Kinn und Jo\u017ea drehte in den H\u00e4nden einen Zweig, den er aus meinen Haaren gezogen hatte.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Am Ende rief er hocherfreut:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eZum Teufel, das ist ja wie in einer Geschichte! Ein Junges kuschelt sich an ein Junges und sucht Hilfe!\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eAn dich oder mich h\u00e4tte es sich nicht gekuschelt\u201c sagte er und drehte sich zu Jovo um. \u201eDas kannst du mir glauben! Es h\u00e4tte gedacht, dass wir B\u00e4ren sind.\u201c, lachte Jovo, das ver\u00e4ngstigte Tierchen an sich ziehend.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eAber was machen wir jetzt mit ihm?\u201c fragte Tante, die mich endlich von der Erde ges\u00e4ubert hatte.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eWie, was? Nat\u00fcrlich werde ich es mitnehmen\u201c, rief ich schnell aus Angst vor einer anderen Entscheidung.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Tante sah mich an und ich f\u00fchlte, dass sie in sich einen Gedanken verbarg, der mich traurig machen wird. Ich kenne sie ja, sie und ihr weiches Herz!<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Und ich habe mich nicht geirrt! Sie sprach mit merkw\u00fcrdiger Stimme, nachdenklich auf das sch\u00f6ne K\u00f6pfchen des Rehkitzes schauend:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen es laufen lassen. Es hat auch eine Mutter. Du hast nicht all unseren Schmerz und unsere Unruhe gesp\u00fcrt, w\u00e4hrend wir dich im Wald gesucht haben. Deshalb verstehst du das auch nicht.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eTante, ich kann es nicht hergeben!\u201c, schrie ich auf mit dem Gef\u00fchl, dass ich gleich anfangen werde zu weinen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eNun, ich zwinge dich nicht, \u017deljko\u201c, sagte sie ruhig \u201eaber denke dar\u00fcber nach, wie deine Mama sich f\u00fchlen w\u00fcrde, h\u00e4tten wir dich nicht gefunden.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Im gleichen Augenblick schoss mir meine Mutter durch den Kopf und ich erinnerte mich deutlich an ihr bleiches Gesicht, als wir in einem kleinen, einsamen Walddickicht mein Br\u00fcderchen begraben hatten. Ich erinnerte mich an ihre trockenen Augen und den versteinerten Blick und verstand, weshalb ich das Rehkitz nicht behalten konnte. Bitter aufseufzend sagte ich:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eAber die Mama von dem Rehkitz ist ein Tier\u201c, das war kein Kampf mehr, sondern eine Auss\u00f6hnung mit der Tatsache, dass ich das Rehkitz verliere.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Und als die Tante sagt: \u201eAuch Tiere haben ein Herz!\u201c st\u00fcrme ich auf Jovo zu, der ruhig herumstand und uns beobachtete, w\u00e4hrend wir uns unterhielten, und schreie: \u201eWas h\u00e4ltst du es fest? Lass es schon los! Lass es gehen, wohin es will und warum ist es \u00fcberhaupt zu mir gekommen?\u201c Aus Angst, dass ich anfangen w\u00fcrde zu weinen, schlie\u00dfe ich den Mund und bei\u00dfe die Z\u00e4hne fest zusammen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Jovo schaut die Tante an, dann wieder mich, zuckt mit den Schultern und wollte schon das verwirrte Tierchen los lassen, als sich Jo\u017ea meldet, der jetzt alle Zweige aus meinen Haaren in kleine Teile zerlegt hatte: \u201eZum Teufel, was habt ihr es eilig! Aber nachdenken k\u00f6nnt ihr nicht. Wir m\u00fcssen herausfinden, wo das Reh ist. Vielleicht ist es irgendwo in der N\u00e4he und sucht das Rehkitz. Wir m\u00fcssen sicher sein, dass es das Rehkitz finden wird.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Ich atme erleichtert auf und schaue dankbar zu Jo\u017ea, der mich anl\u00e4chelte. Ja, er hatte immer Verst\u00e4ndnis f\u00fcr mich. Und so gab er mir jetzt die M\u00f6glichkeit, das Rehkitz, das auf so eine wundersame Weise zu mir gekommen war und das ich schon in mein Herz geschlossen hatte, noch ein wenig zu behalten. Ich nahm es aus Jovos Armen und zog es an meine Brust. Es war gar nicht schwer. Oder es schien mir nur so.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Wir brachen auf. Tante und ich in eine Richtung, Jovo in eine andere und Jo\u017ea in eine dritte. Ich schwieg. Was sollte ich auch sagen? Ein seltsames Gef\u00fchl legte sich auf mein Herz. Werde ich das Rehkitz verlieren? Wird es seine Mutter finden oder kann ich es vielleicht doch mit mir mitnehmen? In diesem Moment wusste ich nicht, was mir lieber w\u00e4re. Hin und wieder h\u00f6rten wir Rufe aus der Tiefe des Waldes, mal von Jovo, mal von Jo\u017ea. Tante antwortete ihnen und schaute dabei immer wieder zu mir. Manchmal kr\u00e4uselten sich ihre Lippen leicht zu einem L\u00e4cheln. Wor\u00fcber dachte sie nach? Sie b\u00fcckte sich und bog mit ihren H\u00e4nden die \u00c4ste der zerst\u00f6rten B\u00e4ume zur Seite, schaute in jede Mulde, drehte sich nach links und nach rechts. Manchmal half sie auch mir durchzukommen, denn wegen dem Rehkitz, das ich trug, konnte ich meine H\u00e4nde nicht zur Hilfe nehmen. Oft hielt sie inne und achtete darauf, ob nicht ein Ger\u00e4usch zu h\u00f6ren w\u00e4re. Wieder rief einer der beiden.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eHey, habt ihr was gesehen?\u201c, schrie Jo\u017ea aus vollem Hals.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Tante zog w\u00fctend die Augenbrauen zusammen und, als h\u00e4tte sie das genau in diesem Moment gedacht, sagte sie unruhig: \u201eMit unserem Geschrei werden wir nur den Rehbock und das Reh verjagen.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Kaum waren die Worte \u00fcber ihre Lippen gekommen, als sie pl\u00f6tzlich innehielt und wie vom Donner ger\u00fchrt unter die alte Eiche starrte, deren Rinde gerade erst vom Maschinengewehrfeuer verunstaltet worden war. Schweigend winkte sie mich heran. Ich kam so schnell, wie die Last in meinen Armen es mir erlaubte. Ich stand direkt neben Tante und sp\u00fcrte, wie mir etwas Bitteres in die Kehle stieg, w\u00e4hrend meine Augen voller Tr\u00e4nen waren. Krampfhaft umklammerte ich das zitternde Rehkitz und blickte unter die Eiche. Dort lag mit ausgestrecktem K\u00f6rper, den Kopf an den Stamm gelehnt, der Rehbock. Seine Augen waren erstarrt, halbge\u00f6ffnet, als k\u00f6nnte er seinen Blick nicht von diesem Wald l\u00f6sen, der ihm sein Leben geschenkt hatte und sein Zuhause gewesen war. Von der schwarzen Schnauze streckte sich ein d\u00fcnner Strahl Blut zum schneewei\u00dfen Kinn.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Tante nahm mir das Kitz aus dem Arm und umarmte es, wie ein kleines, hilfloses Kind. Ihr Gesicht verdunkelte sich und Trauer blickte aus ihren Augen. Sie drehte den Kopf zur Seite, um nicht das unschuldige Tier zu sehen, schloss dann eilig ihre Augen und zitterte. Mein Blick folgte ihrem Blick. Einige Schritte entfernt von dem toten Rehbock lag bewegungslos das Reh. Auch seine Augen waren halbgeschlossen, aber aus ihnen strahlte ein entsetzlicher Schmerz. Ja, das verstand ich schon damals \u2013 der letzte Gedanke der Mutter galt ihrem Rehkitz, das erschrocken weggesprungen und aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Mir war unermesslich schwer ums Herz. In diesem Moment h\u00e4tte ich das Rehkitz sofort hergegeben, wenn dann nur seine Mama und sein Papa leben w\u00fcrden. W\u00e4hrend ich an Tr\u00e4nen erstickte, f\u00fcr die ich mich nicht sch\u00e4mte, sagte ich zu Tante:<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201eNicht doch, Tante, das Rehkitz sieht, wie wir weinen. Das wird es sehr traurig machen.\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Inzwischen hatten uns die beiden Anderen erreicht. Sie sahen uns, wie wir schweigend dastanden, sodass sie schon, bevor sie sich uns ganz gen\u00e4hert hatten, ahnten, was los war. Wortlos standen sie bei uns und starrten regungslos auf die get\u00f6teten Tiere. Aus einem seltsamen Drang heraus hob Jovo die Hand und nahm die M\u00fctze vom Kopf. Jo\u017ea tat es ihm gleich. In diesem Moment herrschte eine tiefe Stille, aber dann seufzte Jovo schwer und setzte seine M\u00fctze wieder auf. Jo\u017ea streichelte das Rehkitz, schmiegte das Gesicht in sein samtweiches Fell und sagte traurig: \u201eOh, du arme Kriegswaise\u2026\u201c<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p><\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-3a4b7b4 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"3a4b7b4\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-33 elementor-top-column elementor-element elementor-element-8d28943\" data-id=\"8d28943\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-33 elementor-top-column elementor-element elementor-element-f2fc145\" data-id=\"f2fc145\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-33 elementor-top-column elementor-element elementor-element-45e8908\" data-id=\"45e8908\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-25ce336 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"25ce336\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\"><p style=\"text-align: right\"><i>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u00dcbersetzt von Rebekah Manlove<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><i>An\u0111elka Marti\u0107: Pirgo (1953)<\/i><\/p><\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriegswaise In diesem Moment sank Stille herab. Die Flugzeuge dr\u00f6hnten noch \u00fcber dem Wald, aber die Ersch\u00fctterungen hatten aufgeh\u00f6rt, so dass es mir schien, als ob sie erm\u00fcdet waren und jetzt Atem holten. Noch hatte ich mich nicht getraut, mich zu bewegen. Die eisernen V\u00f6gel flogen und kreisten weiter \u00fcber dem Wald, aber das war [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5961,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/141"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5961"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=141"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":403,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/141\/revisions\/403"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/imostenvielneues\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}