{"id":3832,"date":"2023-08-08T15:44:43","date_gmt":"2023-08-08T13:44:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/?page_id=3832"},"modified":"2023-12-11T10:20:00","modified_gmt":"2023-12-11T09:20:00","slug":"was-betreuende-erwarten-interview-mit-prof-dr-konstanze-senge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/what-supervisors-want\/was-betreuende-erwarten-interview-mit-prof-dr-konstanze-senge\/","title":{"rendered":"Was Betreuende erwarten &#8211; Interview mit Prof. Dr. Konstanze Senge"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized is-style-default\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/foto_KSenge_web-1024x683.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4476\" width=\"512\" height=\"342\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/foto_KSenge_web-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/foto_KSenge_web-300x200.jpeg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/foto_KSenge_web-768x512.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/foto_KSenge_web.jpeg 1280w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption>Prof. Konstanze Senge am Steintor-Campus (Foto von Maike Gl\u00f6ckner)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das folgende Interview wurde mit Prof. Dr. Konstanze Senge (Wirtschafts- und Organisationssoziologie) im Rahmen des InGrA-Projektes &#8220;What supervisors want \/ Was Betreuende erwarten&#8221; in 2023 an der MLU durchgef\u00fchrt. Informationen zum Projekt und weitere Interviews finden Sie <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/what-supervisors-want\/#portraits\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was war das letzte tolle Erlebnis, das Sie mit einer\/einem Ihrer Promovierenden hatten?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Also, da gibt es mehrere Erfahrungen, auf die ich jetzt rekurrieren k\u00f6nnte. Ganz allgemein ist es nat\u00fcrlich immer sch\u00f6n, wenn Forschungsprozesse starten, man hat Mengen von Daten und am Anfang wei\u00df man gar nicht, wie man dar\u00fcber Herr oder Frau wird \u2013 und man wei\u00df auch nicht, ob man etwas Spannendes oder Interessantes findet. Dann bekommt man Ergebnisse pr\u00e4sentiert, die zeigen: Es gibt einen Fortschritt in der Interpretation. Selbst wenn noch die eine oder andere harte Nuss geknackt werden muss. Und nat\u00fcrlich ist es auch sch\u00f6n, wenn ich merke, dass die Promovierenden und angehenden Doktorand*Innen Erfolge erzielen k\u00f6nnen, dass sie ihre Erkenntnisse auf Tagungen vorstellen k\u00f6nnen und dergleichen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie haben ja jetzt ganz konkret danach gefragt, was das letzte tolle Erlebnis war. Da muss ich sagen, das war gestern. Wir hatten unser Lehrstuhlkolloquium, an dem Studierende, Doktorand*Innen und Habilitand*Innen neben meiner Person teilnehmen, und haben einen Text einer Wissenschaftlerin (Habilitandin) vom Lehrstuhl besprochen. Wir waren uns alle einig, dass diese sehr komplizierten Erkenntnisse \u2013 diese so anspruchsvollen Inhalte \u2013 richtig gut verst\u00e4ndlich und in einer sch\u00f6nen Sprache geschrieben sind. Und das, glaube ich, freut jede Wissenschaftler*In: Texte, die nicht nur tiefgehende Erkenntnisse liefern, sondern auch noch gerne gelesen werden, quer \u00fcber die Statusgruppen hinweg. Das Beispiel als kleinen Einblick in die sch\u00f6nen Momente des Arbeitsalltags.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was bedeutet f\u00fcr Sie die Betreuung einer Promotion und wie kann man sich das in groben Z\u00fcgen bei Ihnen vorstellen? Wie verstehen Sie das Betreuungsverh\u00e4ltnis?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist eine fundierte soziologische Ausbildung wichtig, das hei\u00dft ein fundiertes sozialwissenschaftliches Studium steht an erster Stelle. Da achte ich `drauf. Das hei\u00dft nicht, dass es da nicht auch andere Wege zur Promotion gibt. Aber das ist schon etwas, was sich sp\u00e4ter auch in der Herangehensweise f\u00fcr die empirische Forschung und f\u00fcr die Auswertung bew\u00e4hrt hat. Man will ja eigentlich offene Wege zwischen den Fachrichtungen, in die jeder reingehen kann. Aber ich merke nun mal, dass es sp\u00e4ter einen Unterschied macht, ob man ein Soziologiestudium hat oder eines von vielen Kombinationsf\u00e4chern mit sozialwissenschaftlichem Anteil, die es eben auch gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber von Anfang an: Die Promotion in der Soziologie dauert in der Regel 5 Jahre auf einer Vollzeitstelle. Die Stelle wird ausgeschrieben und es folgen Bewerbungsgespr\u00e4che mit ca. 6 Bewerber*Innen. Wenn sich dann eine Kandidat*In f\u00fcr uns entschieden hat \u2013 f\u00fcr das Fach, den Lehrstuhl und f\u00fcr mich \u2013 und ich mich umgekehrt auch f\u00fcr die Kandidat*In und quasi die Promotion bzw. das Betreuungsverh\u00e4ltnis, dann ben\u00f6tigt es erstmal eine gewisse Phase seitens der neuen Mitarbeiter*In, um die Universit\u00e4t kennenzulernen. Das sind ja oft Personen, die gerade ihr Studium hinter sich haben und erst mal sehr viel damit zu tun haben, zwei Lehrveranstaltungen auf einer ganzen Stelle zu entrichten. Ich habe \u00fcbrigens nur Nachwuchswissenschaftler*Innen auf ganzen Stellen. Nach meiner Erfahrung ist es so, dass man die Promotion nicht auf einer halben Stelle absolvieren kann. Also Sie m\u00fcssen sowieso mindestens 40 Stunden die Woche arbeiten, um eine gute Doktorarbeit zu schreiben und in der Tiefe Sachverhalte zu durchdringen. Und deshalb ist es mir wirklich ein ganz gro\u00dfes Anliegen, dass diese Arbeit auch im Rahmen einer 100-Prozent-Stelle bezahlt wird. Das hei\u00dft aber auch, Sie haben zwei Lehrveranstaltungen in der Woche zu geben und am Anfang braucht das einfach sehr viel Zeit und Vorbereitung. Ich w\u00fcrde mal sagen, die ersten Wochen kommt man nicht zu viel mehr anderem als diese Lehrveranstaltungen vorzubereiten, die nat\u00fcrlich auch thematisch im Kern schon der Ausrichtung der Promotion entsprechen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Semester ist erstmal eine Findungsphase. Nat\u00fcrlich auch immer im Gespr\u00e4ch mit mir. Was, denke ich, auch sehr hilfreich ist. Wir haben von Anfang an begleitend immer ein Lehrstuhlkolloquium einmal die Woche. An dem k\u00f6nnen Masterstudierende teilnehmen, die \u2013 also auch da schon, wenn sie wollen \u2013 integriert werden k\u00f6nnen in die Institution Universit\u00e4t. Und ich denke, dass dieses Kolloquium von Beginn an die Personen schon mitnimmt und auf allen Ebenen damit konfrontiert, welche Herausforderungen sich im Forschungsprozess ergeben. Was wir da nicht besprechen, ist allerdings wie die Lehre funktioniert. Das ist etwas, glaube ich, wo es eigentlich wenig Anleitung an den Lehrst\u00fchlen gibt \u2013 jenseits der universit\u00e4tsinternen Fortbildungskurse.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Kompetenzen, Erwartungen und auch H\u00fcrden der Promotion angeht, denke ich, dass wir das auch im Lehrstuhlteam st\u00e4ndig besprechen. Wir gehen im Anschluss an das Kolloquium \u00f6fter noch etwas trinken oder essen. Und da ist dann auch nochmal ein informeller Raum, solche Fragen freier zu besprechen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber auch ganz dezidiert Gespr\u00e4che mit einzelnen Personen dar\u00fcber, wie der Stand der Dinge ist, wie die Themenfindung voran geht oder wie w\u00e4hrend der Promotion vorgegangen werden soll. Und es werden auch Zeitrahmen abgesprochen. Ich kenne zwar keinen Zeitrahmen, der bislang eingehalten wurde, aber wir machen das trotzdem \u2013 damit man zumindest erst mal eine Orientierung hat, so dass man auch wei\u00df, was noch alles zu erf\u00fcllen ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gespr\u00e4che gibt es mit jeder Person, aber letztendlich ist auch jede Promotion ein Einzelfall und die Menschen sind unterschiedlich. Manche m\u00f6chten zum Beispiel mehr Gespr\u00e4che und brauchen das auch \u2013 das ist auch immer eine Pers\u00f6nlichkeitssache. Aber es ist nat\u00fcrlich auch eine Phase in der Entwicklung, in der man eigentlich sehr eigenst\u00e4ndig etwas macht. Auch wenn man merkt: \u201eDa gibt es Probleme\u201c, m\u00f6chte ich auch nicht gleich jede Woche einen Rapport haben. Aus meiner Sicht ist es daher nicht angemessen, wenn man das zu sehr verschult.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir hier am Lehrstuhl machen, das ist meistens empirische Forschung und da ist die Methodenfindung immer ein wichtiger Aspekt. Es gibt diesbez\u00fcglich dichte Gespr\u00e4che und Beratungen. Das macht, glaube ich, keiner ganz alleine und wir machen das sogar so, dass wir auch die Daten aus den jeweiligen Promotionsarbeiten \u2013 zumindest immer in Ans\u00e4tzen \u2013gemeinsam in der Gruppe interpretieren. Diversifizierte Interpretationsgemeinschaften sind ein Gewinn f\u00fcr die Erkenntnisse. Es hat nat\u00fcrlich jeder sein eigenes Projekt, aber trotzdem ist es stets sehr hilfreich, weil man dann noch einen Blick von anderen darauf bekommt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ein Punkt noch, au\u00dferhalb der Arbeit hier an der Uni. Mir ist wichtig, Angebote zu machen und Promovierende in Bereiche der Wissenschaft zu integrieren. Also das hei\u00dft mit gemeinsamen Projekten \u2013 Buchprojekte oder gemeinsame Antr\u00e4ge oder der Organisation kleinerer Workshops \u2013, um so auch die Netzwerke zur Verf\u00fcgung zu stellen, soweit das m\u00f6glich ist. Das wird aber auch ganz unterschiedlich umgesetzt. Zudem ist dies abh\u00e4ngig von Zeitkontingenten, wie die thematische N\u00e4he ist oder ob es gerade \u00fcberhaupt passt. Worauf man dann nat\u00fcrlich achten muss, ist, dass man auch tats\u00e4chlich gemeinsam arbeitet. Das hei\u00dft dann nicht: \u201eSo wir machen einen Aufsatz zusammen, schreiben Sie mal\u201c. \u2013 Wobei das \u201eSie\u201c in beide Richtungen gerichtet sein kann, also Lehrstuhlinhaber*In und Mitarbeiter*In. Das ist etwas, was man im Blick haben muss.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>In unserer Umfrage \u00e4u\u00dferten Promovierende Folgendes: \u201eA supervisor has to meet the students at least every two or three weeks and has to know what the student is doing every time.\u201c Wie eng sollte Betreuung sein? &nbsp;Und woran machen Sie fest wie engmaschig Sie jemanden betreuen?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Im Semester sehe ich die Promovierenden schon jede Woche, aber das ist auch manchmal informell. Also nicht immer geht es dann um die Doktorarbeit. Aber so schnell sind ja auch die Fortschritte nicht. Manchmal braucht man ja eine Woche um zwei oder drei Texte in der Tiefe zu verstehen und es kann sich ja nicht immer direkt in der Arbeit niederschlagen, die man sonst geleistet hat. Mir w\u00e4re das als Betreuerin zu eng. Aber auch als Promovierende w\u00e4re mir das zu eng, wenn ich jede Woche Betreuungsgespr\u00e4che f\u00fchren m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde das auch zeitlich gar nicht hinbekommen. Also bei f\u00fcnf Doktorand*Innen bzw. Mitarbeiter*Innen im Schnitt, wie soll man das hinbekommen? Man hat ja noch ganz viele andere Aufgaben und ich denke auch nicht, dass es notwendig w\u00e4re. Aber wenn man das Gef\u00fchl hat, es wird nachgefragt \u2013 vielleicht auch implizit nachgefragt \u2013 dann sollte man darauf eingehen. Es kommt auch immer auf die Phase, an in der man sich befindet. Gerade wenn man die Methode erarbeitet und dann z.B. einen Interviewleitfaden erstellt, dann bespricht und durchdenkt man diesen zusammen. Und dann spricht man n\u00e4chste Woche nochmal dr\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was z\u00e4hlen Sie zu Ihren Aufgaben als Betreuerin und wo ist Ihnen andererseits aber eine selbstst\u00e4ndige Herangehensweise Ihrer Promovierenden wichtig? Wo verlaufen da die Grenzen?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Also auf die Dissertation bezogen bin ich immer dabei und bin auch bereit, die Dissertation strukturell&nbsp;&nbsp;zu begleiten. Insbesondere, dass man eine soziologisierende Perspektive auf einen Sachverhalt entwickelt und diesen auch erforscht. Aber Promotion ist nat\u00fcrlich noch viel mehr!<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere braucht es sehr viel Selbstmanagement der Promovierenden. Das m\u00fcssen die Promovierenden auch selber erbringen. Ich habe das mal versucht mit einer Doktorandin, bei der ich wirklich gemerkt habe: Da ist eine Schreibhemmung. Ich habe gesagt, \u201eOkay, wir treffen uns jede Woche und jede Woche ist eine Seite geschrieben\u201c. Das funktioniert nicht! Es ist einfach ein kreativer Prozess und es sind so viele Sachen, die da reinspielen. Auch die Pers\u00f6nlichkeit und die private Situation, die ich ja gar nicht im Blick habe und steuern kann, so dass man sagen muss, dass die Betreuung und F\u00fchrung, die man bieten kann, hier eine Grenze hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in der Lehre ist das nat\u00fcrlich auch so. Wir haben ja hier Themen am Lehrstuhl, die eine Rolle spielen, aber sie m\u00fcssen auch eigenst\u00e4ndig ihre Themen der Lehrveranstaltung heraussuchen und entwickeln, so dass auch da eine gewisse Selbstst\u00e4ndigkeit gefordert ist. Die Lehrveranstaltungen sind nat\u00fcrlich immer an Module eng gekoppelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss aber auch zwischen verschiedenen Gruppen unterscheiden. Es gibt Promovierende auf Haushaltsstellen, die haben in der Regel mehr Freiheiten, sich ihr Thema und ihre Fragestellung zu suchen und zu erarbeiten. Und dann gibt es nat\u00fcrlich Promotionsstellen, die an ein Forschungsprojekt von einem Drittmittelgeber gebunden sind. Da gibt es eine ganz klare Projektfragestellung, das Thema und ein methodisches Vorgehen. Es ist eigentlich alles gesetzt und die Promovierenden haben die Aufgabe dieses Projekt zu erarbeiten und in der Regel schreiben sie daraus dann ihre Promotion. F\u00fcr diese Projekte habe ich ja beim Drittmittelgeber den Antrag gestellt. Insofern ist es auch immer mein Forschungsprojekt. Und da mache ich die Forschung dann auch mit \u2013 also gehe mit ins Feld, akquiriere h\u00e4ufig auch, f\u00fchre Gespr\u00e4che und sammle Daten.&nbsp;&nbsp;Den Gro\u00dfteil macht nat\u00fcrlich die Doktorand*In, aber ich bin schon dabei, und interpretiere auch, oder mache schonmal eine kleinere Ethnographie \u2013 das ist bei den \u00fcbrigen Doktorand*Innen weniger der Fall. Ich habe das da zwar auch schon Mal gemacht. Aber das sind dann mehr so kleinere Stichproben, um eine Idee f\u00fcr das Feld zu bekommen. Im Kern machen die Doktoranden und Doktorandinnen diese Aufgaben.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was gibt es neben der eigentlichen Promotion f\u00fcr T\u00e4tigkeiten und Aufgaben am Lehrstuhl, die von den Promovierenden erledigt werden? Mit welchem zeitlichen Umfang sollte dabei gerechnet werden? Hintergrund ist, dass sich in der Umfrage mehrere Promovierende mehr Zeit f\u00fcr ihre origin\u00e4ren Promotionsthemen gew\u00fcnscht haben.<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Also es gibt ja immer eine T\u00e4tigkeitsbeschreibung, welche die Promovierenden bekommen und da ist geregelt, wie viel Prozent ihrer Arbeitszeit auf die Promotion anzusetzen ist \u2013 auf die Lehre und f\u00fcr Gremienarbeit und Lehrstuhlaufgaben. Wenn man jetzt nat\u00fcrlich mehr Zeit f\u00fcr die Vorbereitung der Lehre braucht, wird einem leider woanders nicht prozentual etwas abgestrichen. Von daher ist das auch nur so ein ungef\u00e4hrer Richtwert bei der T\u00e4tigkeitsbeschreibung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Gremienarbeit angeht, da muss ich sagen, ist das immer sehr unterschiedlich verteilt. Es gibt Promovierende, die f\u00fchlen sich entweder schneller verantwortlich oder machen es vielleicht auch ganz gerne und sagen eher \u201eJa, ich bin bereit, da zus\u00e4tzlich etwas zu machen\u201c, weil sie vielleicht auch politisch engagiert sind. Da muss man als Promovierende aber darauf achten, dass man vielleicht schon genug macht und auch lernen muss, \u201enein\u201c zu sagen. Aber man muss auch als Betreuende darauf achten, dass es gerecht auf die Schultern am Institut verteilt wird. Hinzu kommt nat\u00fcrlich, und da sehe ich die Verantwortung auch bei der Universit\u00e4t, dass man sich fragen muss: Welche Gremienarbeit und b\u00fcrokratischen Prozesse sind notwendig? Wir hatten unheimlich viel in den letzten Jahren, wie z.B. die Akkreditierung, die Neuformulierung der Studienordnung und die zuk\u00fcnftige Ausrichtung der Universit\u00e4t. Da gab es unheimlich viele Debatten, Arbeitsgruppen, Sitzungen etc. drumherum \u2013 was einen nat\u00fcrlich auch besch\u00e4ftigt \u2013 und das hat viele Ressourcen in Anspruch genommen. Vielleicht muss man hier versuchen die B\u00fcrokratie zu reduzieren, wenn es m\u00f6glich ist \u2013 aber bitte keine neue Kommission oder Beh\u00f6rde f\u00fcr die Entb\u00fcrokratisierung gr\u00fcnden ;-).<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was f\u00fchrte nach Ihrer Erfahrung zu den meisten Spannungen bzw. Herausforderungen zwischen Ihnen als Betreuerin und den Promovierenden? Und wie k\u00f6nnen diese Herausforderungen\/Spannungen aufgel\u00f6st oder vielleicht sogar vermieden werden?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Also Spannung kenne ich jetzt so nicht. Es gibt nat\u00fcrlich klassische Problemlagen im Kontext der Promotion. Das ist einmal das Teilzeit- und Befristungsgesetz. Das hei\u00dft, dass die Promotionszeit auf Haushaltsstellen irgendwann endet. Konkret haben die Doktorand*Innen 6 Jahre Zeit bis zur Promotion und danach 6 Jahre Zeit f\u00fcr die Habilitation. Haben Sie Kinder, werden ihnen an manchen Universit\u00e4ten pro Kind 2 zus\u00e4tzliche Jahre gew\u00e4hrt; das ist gesetzlich m\u00f6glich. Nach diesen Zeiten m\u00fcssen die Wissenschaftlerinnen entweder den Schritt zur Professur geschafft haben oder sie fallen durch alle Netze (der Wissenschaft). Nach der Promotion ist der Weg aus der Wissenschaft heraus noch gut m\u00f6glich, nach der Habilitation hoch problematisch.&nbsp;&nbsp;Also ein Karriereweg, der mit gro\u00dfen Unsicherheiten gepflastert ist \u2013 in der Soziologie und auch vielen anderen F\u00e4chern. Das kann f\u00fcr die Mitarbeiter*Innen ein mitunter existentielles Problem sein, aber f\u00fcr mich ist es nat\u00fcrlich auch schwierig. Ich f\u00fchle mich in gewisser Weise verantwortlich, dass die Promovierenden anschlussfinanziert sind. Aber da kann ich nur bedingt eingreifen, indem ich f\u00fcr eine Weile eine Finanzierung \u00fcber Dritte beantrage \u2013 allerdings hat sich auch diesbez\u00fcglich die Praxis der Universit\u00e4ten ge\u00e4ndert, dass selbst eine Besch\u00e4ftigung \u00fcber Drittmittelgeber nicht mehr m\u00f6glich ist. Erschwert wird die prek\u00e4re Situation im Mittelbau dadurch, dass \u2013 so habe ich es beobachtet &#8212; selbst die Zeiten nach dem Studium bis zum Beginn der Anstellung an einer Universit\u00e4t auf die 6-Jahres-Frist angerechnet werden, weil man davon ausgehen k\u00f6nnte, dass die sp\u00e4tere Mitarbeiter*In sich selbst in dieser Zeit den Themen ihrer sp\u00e4teren Dissertation intensiv gewidmet hat \u2013 sofern sie nicht einen anderen Arbeitsvertrag vorweisen kann. Das hei\u00dft, haben Sie nach ihrem Studium 3 Monate keine Nachweise \u00fcber eine T\u00e4tigkeit oder nicht gearbeitet, z\u00e4hlt dies wie 3 Monate Besch\u00e4ftigung an einer Universit\u00e4t zumindest an manchen Universit\u00e4ten. Ehrlich gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Vorgehen fair und korrekt ist. Es g\u00e4be dazu noch mehr zu sagen: beispielsweise, dass Drittmittelbesch\u00e4ftigte ihre gesetzlich gew\u00e4hrte Elternzeit nicht an ihren Arbeitsvertrag anh\u00e4ngen k\u00f6nnen, wenn dieser sich auf \u00a72 (2) des WissZeitVG bezieht. Diesbez\u00fcglich unterscheiden sich die Vorgaben der Drittmittelgeber. 12 Monate Besch\u00e4ftigung und 12 Monate Projektlaufzeit fallen dann teilweise einfach weg\u2026 Diese Verh\u00e4ltnisse tragen jetzt nicht unbedingt zu zwischenmenschlichen Spannungen zwischen mir und den Doktorandinnen bei, weil es an der Gesetzeslage liegt, aber das ist das Hauptproblem der Besch\u00e4ftigung im Mittelbau.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein klassisches Thema \u2013 Problem Nr. 2, was es gibt \u2013 ist die gleichzeitige Erm\u00f6glichung von Familie und Beruf, insbesondere wenn die Promovierenden pendeln und Kinder haben. Dann ist es problematisch, weil man in einen Konflikt kommt. Einerseits \u2013 und das kann ich v\u00f6llig verstehen \u2013 ist es total wichtig, bei der Familie zu sein und es gibt ja auch klare Notwendigkeiten und Situationen, in denen Eltern nicht vertreten werden k\u00f6nnen. Aber andererseits bin ich nat\u00fcrlich auch in der Verantwortung daf\u00fcr zu sorgen, dass der Lehrstuhl funktioniert. Und das ist ein Problem. Da machen wir auch gerade eine kleine Erhebung zu, wie man die Pendelt\u00e4tigkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erleichtern k\u00f6nnte und \u00fcberlegen auch, was die Uni dazu beitragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben es noch nicht systematisch ausgearbeitet, aber es gibt ein paar Vorschl\u00e4ge. Etwa das Homeoffice leichter m\u00f6glich ist \u2013 als Ausweichm\u00f6glichkeit. Dann gibt es aber auch so einfache Sachen wie Fahrradgaragen seitens der Universit\u00e4t, die Anrechnung der Pendelzeit auf die Arbeitszeit, wenn nachweislich gearbeitet wird oder auch monet\u00e4re Zusch\u00fcsse, weil Pendeln auch teuer ist. Aber der \u201ecasus knacksus\u201c sind eben die unbefristeten Vertr\u00e4ge, die aber auch schon in einer bestimmten Lebensphase kommen m\u00fcssten, damit sich Mitarbeiter*Innen und deren Familie dauerhaft f\u00fcr den Standort der Universit\u00e4t entscheiden:<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4mlich zu einer Zeit, wenn man gerne Kinder bekommen w\u00fcrde. Denn wenn man Kinder hat und die gehen zur Schule z.B., m\u00f6chte man auch nicht mehr unbedingt den Wohnort wechseln, selbst wenn man dann einen unbefristeten Vertrag in Form der Professur bekommt. In dieser Situation ist man meist schon etabliert an einem Wohnort.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Haben Sie noch etwas zu erg\u00e4nzen? Einen Punkt, der hier noch nicht ausreichend angesprochen wurde oder bei dem Ihnen noch etwas eingefallen ist w\u00e4hrend des Interviews?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Also vielleicht zwei Punkte. Ich finde, das Wesen der Promotion ist, die gedankliche Freiheit zu haben, Dinge auszuprobieren. Das muss man in gewisser Weise dann als Betreuer*In auch zulassen. Zumindest f\u00fcr eine Weile, weil ich glaube, dass diese Zeit auch nicht wieder kommt. Wenn das Ausprobieren dann drei Jahre dauert, ist das nat\u00fcrlich zu lange. Das ist das Eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was mir eben auch wichtig ist: Ich sehe einerseits schon, dass ich als Betreuerin sehr viel machen und steuern kann. Aber ich finde es andererseits wichtig, dass die Leistung der Promotion und die Karriere zwar von mir unterst\u00fctzt wird, aber eben nicht von meinem \u201eGoodwill\u201c abh\u00e4ngig sein sollte. Deshalb finde ich immer das Thema \u201eF\u00fchrung f\u00fcr Promovierende\u201c problematisch. Einerseits ist es gut, wenn man F\u00fchrung bietet. Andererseits gilt, wenn man nur Promovieren kann, weil man eine entsprechende F\u00fchrung hat, dann ist man zu sehr abh\u00e4ngig von der Professorin oder dem Professor. Und das kann je nachdem auch negativ sein. Denn es gibt nat\u00fcrlich auch Beziehungen zwischen Doktorand*Innen und Professor*Innen, die problematisch sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re ein strukturelles Problem, wenn eine Promotion nur m\u00f6glich ist, weil ich die Personen entsprechend unterst\u00fctze. Nat\u00fcrlich will ich sie unterst\u00fctzen und sie auch dahinf\u00fchren. Aber ich m\u00f6chte nicht, dass sie komplett von mir abh\u00e4ngig sind. Deshalb sollte diese F\u00fchrung vielleicht nicht zu engmaschig sein, so dass das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis nicht zu stark ist. Ich wei\u00df jetzt auch gar nicht, ob das ein Problem ist. Aber wenn es um das Thema geht \u201eF\u00fchrung f\u00fcr Promovierende\u201c, dann denke ich: \u201eIch wei\u00df gar nicht, ob das so das Richtige ist, wenn die Betreuung so engmaschig verl\u00e4uft \u2013 zumindest innerhalb der Soziologie. Es sind ja keine Sch\u00fcler*Innen mehr. Aber das mag in anderen F\u00e4chern durchaus sinnvoll sein.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Welchen Tipp h\u00e4tten Sie in Ihrer Promotionszeit gern selbst am Anfang bekommen? Oder vielleicht, welchen Tipp haben Sie bekommen, der besonders wertvoll f\u00fcr Sie war?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Das kann ich so gar nicht sagen. Letztendlich muss man selber erfahren, wie es sich anf\u00fchlt. Ich glaube, ich habe die Ungewissheit einer Universit\u00e4tskarriere untersch\u00e4tzt. Bei mir ist das ja gut gegangen. Aber ich wei\u00df, was das mit Anderen macht. Dar\u00fcber sollte man sich im Klaren sein und dies auch wirklich ernst nehmen. Weil, erst promoviert man, das ist super, dann hat man die Habil-Stelle, da f\u00fchlt man sich sowieso wie King Louis, aber dann, ja dann wird es ernst.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/what-supervisors-want\/\">zur Hauptseite<\/a> &#8220;What supervisors want \/ Was Betreuende erwarten&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das folgende Interview wurde mit Prof. Dr. Konstanze Senge (Wirtschafts- und Organisationssoziologie) im Rahmen des InGrA-Projektes &#8220;What supervisors want \/ Was Betreuende erwarten&#8221; in 2023 an der MLU durchgef\u00fchrt. Informationen zum Projekt und weitere Interviews finden Sie hier. Was war das letzte tolle Erlebnis, das Sie mit einer\/einem Ihrer Promovierenden hatten? 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