{"id":3834,"date":"2023-08-09T15:34:52","date_gmt":"2023-08-09T13:34:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/?page_id=3834"},"modified":"2023-12-11T10:18:31","modified_gmt":"2023-12-11T09:18:31","slug":"was-betreuende-erwarten-interview-mit-prof-dr-ingo-heilmann","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/what-supervisors-want\/was-betreuende-erwarten-interview-mit-prof-dr-ingo-heilmann\/","title":{"rendered":"Was Betreuende erwarten &#8211; Interview mit Prof. Dr. Ingo Heilmann"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/interview_IHeilmann1_web-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4492\" width=\"192\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/interview_IHeilmann1_web-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/interview_IHeilmann1_web-225x300.jpeg 225w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/files\/2023\/12\/interview_IHeilmann1_web.jpeg 960w\" sizes=\"(max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><figcaption>Prof. Ingo Heilmann (r) im Gespr\u00e4ch mit Dr. Thomas Michael von der InGrA (l) (Foto: P. Reimers\/InGrA)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das folgende Interview wurde mit Prof. Dr. Ingo Helmann (Pflanzenbiochemie) im Rahmen des InGrA-Projektes &#8220;What supervisors want \/ Was Betreuende erwarten&#8221; in 2023 an der MLU durchgef\u00fchrt. Informationen zum Projekt und weitere Interviews finden Sie <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/what-supervisors-want\/#portraits\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"has-text-align-center\"><em>Was war das letzte tolle Erlebnis, das Sie mit einem Ihrer Promovierenden hatten?<\/em><\/h4>\n\n\n\n<p>Das ist schwierig zu beantworten, weil wir gerade letzte Woche unsere Graduiertenkollegs-Evaluation hatten, bei der ich in kurzer Zeit mit sehr vielen Promovierenden sehr sch\u00f6ne Erlebnisse hatte. Es ist immer ein sch\u00f6nes Erlebnis, ehemalige Promovierte wieder zu treffen, die schon graduiert sind und mit denen man gleich wieder ein gutes Verh\u00e4ltnis hat \u2013 und dann zu sehen, was die jetzt machen. Aber auch sonst habe ich nat\u00fcrlich sch\u00f6ne Erlebnisse mit Doktoranden, und zwar eigentlich auf t\u00e4glicher Basis \u2013 wenn neue Ergebnisse da sind und man den Erfolg und die Freude an der Arbeit mit den Promovierenden teilt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was bedeutet f\u00fcr Sie die Betreuung einer Promotion und wie kann man sich dies bei Ihnen in groben Z\u00fcgen vorstellen?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Die Betreuung hat verschiedene Ebenen. Da gibt es die inhaltliche Ebene: Es muss erstmal ein Promotionsthema geben. Im Standardfall ist es so, dass man sich als Professor ein Thema ausdenkt. Eine Alternative ist, wenn Promovierende mit einer eigenen Idee kommen, bspw. ein Stipendium eingeworben haben und einen Partner suchen, bei dem oder der sie das Thema bearbeiten k\u00f6nnen. Und dann gibt es die Mischform, wenn eine Promotion so l\u00e4uft, dass ein Doktorand ein gestelltes Thema im eigenen Sinne ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Betreuung besteht zun\u00e4chst darin, thematisch eine Projektidee vorzugeben, aber auch der eigenen Initiative von einer Person zu folgen und dies zu begleiten. Als Professor hat man inhaltlich einen gr\u00f6\u00dferen \u00dcberblick als wer gerade mit einer Promotion beginnt. Da gibt es viel Literatur, die man auch nach 20 Jahren kaum \u00fcberblickt. Die Hilfe bei der inhaltlichen Entwicklung des Projektes ist im Prinzip eine der Rollen als Promotionsbetreuer. Ich halte den Begriff Doktorvater bzw. Doktormutter aus verschiedenen Gr\u00fcnden f\u00fcr sehr passend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe die Promotionsbetreuung wie einen Staffellauf. Ich versuche, den neuen Promovierenden in den ersten Besprechungen nahezubringen, was ich von ihnen erwarte. Da ist vielleicht schon ein Projektthema. Vielleicht ist schon experimentelle Vorarbeit geleistet worden oder es arbeitet schon jemand anders am Projekt. Dann muss der neue Doktorand oder die neue Doktorandin zun\u00e4chst nebenherlaufen, w\u00e4hrend noch jemand anders da ist. Und nach einer Einarbeitungszeit wird der Stab \u00fcbergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe nat\u00fcrlich, dass irgendwann im Laufe jeder Promotion die Lunte z\u00fcndet und die Doktoranden dann vielleicht eine eigene Richtung verfolgen \u2013 also das Thema \u00fcbernehmen, als ihr eigenes weiterentwickeln und dann m\u00f6glicherweise auch in eine v\u00f6llig unerwartete Richtung gehen. Im Idealfall wird am Ende mir als Betreuer erkl\u00e4rt, was eigentlich Neues zu lernen war. Das ist eine sehr lohnende Sache. Ich sehe eine Promotion als ein gemeinsames Entwickeln und am Anfang ist nat\u00fcrlich die Betreuungsaufgabe eine andere als gegen Ende. Die Promotion ja ist der Nachweis der Bef\u00e4higung zur eigenst\u00e4ndigen wissenschaftlichen Arbeit. Das Inhaltliche zu vermitteln ist am Anfang wichtig und gegen Ende muss man sehen, ob alles korrekt l\u00e4uft und die eigene Erfahrung einbringen \u2013 aber man muss als Betreuer auch loslassen k\u00f6nnen und eine individuelle Entwicklung erkennen und f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Facette der Betreuung sind die administrativen oder formalen Dinge. Ich sehe meine Aufgabe u.a. darin, eine Umgebung zu schaffen, in der eine produktive wissenschaftliche Arbeit m\u00f6glich ist. Wir haben eine Arbeitsgruppe, da brauchen wir Ger\u00e4te, wir brauchen Chemikalien, wir brauchen Geld. Das muss immer da sein, damit alle produktiv arbeiten k\u00f6nnen. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen m\u00fcssen ja bezahlt werden. Die Betreuung zielt auch darauf ab, dass all diese Dinge gegeneinander abgewogen werden, und der inhaltlichen Fortschritt des Projektes muss kontinuierlich mit dem ggf. noch vorhandenen Geld einer Projektf\u00f6rderung abgeglichen werden. Daf\u00fcr muss man sich u. U. gemeinsam entscheiden, welche Ziele in einer Promotion erreicht werden sollen und k\u00f6nnen, denn es gibt oft \u00e4u\u00dfere Zw\u00e4nge, die man beachten muss.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>In unserer Umfrage \u00e4u\u00dferten Promovierende Folgendes: \u201eA supervisor has to meet the students at least every two or three weeks and has to know what the student is doing every time.\u201c Wie eng sollte Betreuung sein? Und woran machen Sie fest wie engmaschig Sie jemanden betreuen?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Ich unterschreibe dieses Zitat mit voller \u00dcberzeugung. In unserer Arbeitsgruppe wird die Betreuung auch genauso gehandhabt, und ich treffe meine Doktoranden einzeln sp\u00e4testens alle 2 bis 3 Wochen. Am Ende jedes Meetings machen wir gleich den n\u00e4chsten Termin, damit die Doktoranden und Doktorandinnen wissen, dass auf jeden Fall regelm\u00e4\u00dfig Zeit daf\u00fcr ist, m\u00f6gliche Probleme zu besprechen. Die Treffen k\u00f6nnen bei Bedarf auch engmaschiger sein, aber von Treffen zu Treffen soll ja auch Zeit f\u00fcr neue Experimente sein, damit es etwas zu besprechen gibt. Zeit ist insgesamt f\u00fcr jeden Professor eine begrenzte Ressource, in meinem Fall momentan gerade, weil ich ein Graduiertenkolleg leite.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist ein weiterer Aspekt der Betreuung: \u201eTrouble Shooting\u201c, das n\u00f6tig wird, wenn Experimente nicht voranschreiten, weil eine Hypothese sich nicht best\u00e4tigt oder weil technisch etwas nicht funktioniert. Oder weil es eine andere Arbeit gibt, die einen verwandten wissenschaftlichen Aspekt behandelt \u2013 so etwas muss besprochen werden. Und diese Besprechungen m\u00fcssen nat\u00fcrlich einen Termin haben. Wenn es ganz dringend irgendetwas zu besprechen gibt, geht es nat\u00fcrlich auch kurzfristig ohne Termin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzelnen Treffen gehen dann zum Teil mehrere Stunden, damit man sich wirklich genau in das Projekt hineindenkt \u2013 versteht und versucht nachzuvollziehen, was getan werden kann, um Probleme zu l\u00f6sen. Ich will in einem Treffen gar nicht gleich eine Pr\u00e4sentation sehen, sondern wir sitzen meist die erste halbe Stunde erst mal am Tisch und unterhalten uns. Weil ich m\u00f6chte, dass Promovierende auch losgel\u00f6st von ihrer Computer-Pr\u00e4sentation einfach mal kurz mit Worten erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, worum es geht und was mglw. das gerade aktuelle Problem ist. Sp\u00e4ter braucht man danach gar nicht mehr viele Worte, wenn man gemeinsam auf eine Datenpr\u00e4sentation schaut. Und dann sehen wir uns die Daten an und versuchen, gemeinsam eine L\u00f6sung zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich haben wir nat\u00fcrlich auch w\u00f6chentliche Labor-Meetings, wo einzelne Projekte pr\u00e4sentiert werden, so dass sich jeder aus der Gruppe dazu \u00e4u\u00dfern kann. Und wir reden auch so viel miteinander, z. B. w\u00e4hrend des gemeinsamen Mittagessens. Wir haben insgesamt viel Kontakt und ich glaube, dass das f\u00fcr die Betreuung ganz wichtig ist, weil man das Funktionieren der Gruppe auf verschiedenen Ebenen miterleben muss. Man kann keine wissenschaftliche, gerade experimentelle, Promotion betreuen, wenn man die einzelnen Personen und Experimente gar nicht eng verfolgt. Es ist ganz schlecht \u2013 nach meinem Ermessen \u2013 wenn eine Betreuung erst nach Ende des Ablaufs der Promotion erfolgt und dann die Frage kommt: \u201eWarum hast du denn bestimmte Experimente nicht durchgef\u00fchrt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viel Betreuung ist zeitlich realisierbar? So viel wie n\u00f6tig ist! Mein Grundinteresse ist, dass die Forschung l\u00e4uft. Die Forschung basiert weitgehend auf der produktiven Arbeit der Doktorandinnen und Doktoranden. Das hei\u00dft, mein eigenes Initialinteresse als Betreuer und als Forscher ist, allen soweit es geht bei der Forschung zu helfen. Ich stehe ja selbst nicht im Labor, sondern ich m\u00f6chte, dass die Promovierenden die Experimente machen, und dass sie diese auch sofort richtig machen. Das ist letztendlich auch ein finanzielles Interesse. Forschung ist teuer, die Mittel sind begrenzt und wir m\u00fcssen durch gute Betreuung sehen, dass wir diese Mittel m\u00f6glichst gut nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie eng sollte die Betreuung sein? Das ist individuell verschieden. Auf der einen Seite ist es so, dass die Betreuung zu Beginn einer Promotion meist enger abl\u00e4uft als gegen Ende, wenn alle Experimente klar sind und die Promovierenden genau wissen, was sie tun, ihre eigenen Ideen haben und die Technik im Labor, \u201ehands on\u201c, oft besser durchschauen als ich. Ich bin ohne intensive Einarbeitung ja im Labor inzwischen weitgehend nutzlos \u2013 das gebe ich ja zu. Aber \u201eenge\u201c Betreuung ist nat\u00fcrlich individuell anzuwenden. Das ist etwas, wo manche gerade zu Beginn einer Promotion eine engere Betreuung brauchen als Andere, weil die Voraussetzungen, die sie mitbringen, anders sind. Vielleicht kommen einige aus einem anderen wissenschaftlichen Feld, und dann muss man sehen, was sie f\u00fcr ihr neues Projekt gerade wissen und lernen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aspekte haben dann auch mit der Auswahl der Kandidaten f\u00fcr ein Promotionsprojekt zu tun. Ich will nat\u00fcrlich initial Leute ausw\u00e4hlen, die m\u00f6glichst gut f\u00fcr die zu leistende Arbeit vorbereitet sind. Aber da ich letztendlich ja noch gar nicht wei\u00df, wo die Forschung hingehen wird, kann ich auch nicht wissen, was f\u00fcr Voraussetzungen Leute brauchen werden. Hinterher ist man immer schlauer, aber beim Einstellen wei\u00df man noch nicht genau, was die Anforderungen sein werden. Und die Forschung leitet uns. Die Betreuung wird auch in Situationen besonders eng, wo sich eine neue Forschungsrichtung ergibt und man fehlendes Wissen ausgleichen muss. Dann muss auch ich zum Teil intensiv dazulernen. Enge Betreuung hei\u00dft dann nicht nur, dass ich zeige, wie es geht, sondern da muss man Inhalte gemeinsam erarbeiten, die man f\u00fcr ein Projekt braucht. Das ist vielleicht die engste Betreuung, weil man gemeinsam sitzt und Ideen hin und her spielt, und dabei entwickeln sich Promovierende als auch Betreuer gleicherma\u00dfen weiter.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\">Was z\u00e4hlen Sie zu Ihren Aufgaben als Betreuer und wo ist Ihnen andererseits aber eine selbstst\u00e4ndige Herangehensweise Ihrer Promovierenden wichtig? Wo verlaufen da die Grenzen?<\/h5>\n\n\n\n<p>Meine Aufgabe sehe ich darin, meine Erfahrung in allen erw\u00e4hnten Belangen zu teilen. Ich bin eigentlich bei allen Aspekten der Promotion beteiligt. Und wo ist mir eine selbstst\u00e4ndige Herangehensweise wichtig? Na ja, je selbstst\u00e4ndiger, desto besser. Zu selbstst\u00e4ndig kann aber manchmal auch mit &#8220;beratungsresistent&#8221; \u00fcbersetzt werden. Man muss sich irgendwo treffen und man muss miteinander reden. Meistens ist es wirklich eine Balance, und im Laufe einer Promotion schwenkt es irgendwann von einem betreuten Promovieren zu einem selbstst\u00e4ndigen Promovieren um. Die Frage ist bei jedem Promovierenden, wann das passiert. Meistens irgendwo in der Mitte der Promotion. Dieses Umschwenken ist ganz wichtig, weil wir am Ende ja dahin kommen wollen, dass eine selbstst\u00e4ndige wissenschaftliche Arbeit erkennbar ist \u2013 und Absolventen sollen, wenn sie dann in einen Job gehen, selbst auch Leute betreuen und selbst\u00e4ndig Projekte entwickeln k\u00f6nnen. Alles Dinge, die man als Wissenschaftler k\u00f6nnen muss und die letztendlich ja in der Promotion entwickelt und nachgewiesen werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Aufgabe als Betreuer ist da zu erkennen: Was braucht jetzt jeder, was muss jemand noch lernen?&nbsp; Wo ist das Brett d\u00fcnn? Wie bringe ich das bei? Und in welchem Ma\u00dfe bringe ich mich selbst ein?<\/p>\n\n\n\n<p>Es nutzt ja nichts, wenn ich alles denke und mache und am Ende die Promovierenden nichts lernen. Die Grenzen, die h\u00e4ngen auch von der Natur der Projekte ab, aber auch von den Individuen. Das ist bei jedem anders. Ich denke, wo man vielleicht eine Grenze ziehen kann \u2013 wo meine Aufgabe besser definiert ist, als in der eigentlichen inhaltlichen Forschung \u2013 ist bei administrativen Dingen. Viele Doktoranden und Doktorandinnen haben die Vorstellung, dass Forschung v.a. darin besteht, gute Experimente zu machen, diese zu interpretieren und dann tolle Daten zu haben. Aber man muss sich auch noch um viele andere Dinge k\u00fcmmern. Und da fehlt h\u00e4ufig ein bisschen das Verst\u00e4ndnis. Z.B., dass man sich auch auf Fragen einl\u00e4sst wie: Woher kommen F\u00f6rdermittel? Was kosten die laufenden Experimente oder der Betrieb der verwendeten Ger\u00e4te \u00fcberhaupt? Wie kann ich selbst eine gute Betreuung mir anvertrauter Studierender gew\u00e4hrleisten? Wie schreibe ich ein Gutachten? Etc. Wenn man diese Aspekte in der Promotion nicht ber\u00fchrt, dann ist es danach schon ein bisschen zu sp\u00e4t, sich damit zum ersten Mal zu befassen. Schnell kommt n\u00e4mlich die Situation, wo man solche Dinge einfach k\u00f6nnen muss. F\u00fcr mich ist es somit eine wichtige Aufgabe, im Verlauf einer Promotion die Balance zwischen der eigentlichen Forschung und der Vermittlung anderer Qualifikationen zu wahren, die man als Wissenschaftler letztendlich braucht.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\">Was gibt es neben der eigentlichen Promotion f\u00fcr T\u00e4tigkeiten und Aufgaben am Lehrstuhl, die von den Promovierenden erledigt werden? Mit welchem zeitlichen Umfang sollte dabei gerechnet werden? Hintergrund ist, dass sich in der Umfrage mehrere Promovierende mehr Zeit f\u00fcr ihre origin\u00e4ren Promotionsthemen gew\u00fcnscht haben.<\/h5>\n\n\n\n<p>Die reine Forschung ist ganz wichtig. Das zentrale Forschungsprojekt wird die Promotion entscheidend definieren, und daf\u00fcr sollte der L\u00f6wenanteil der Zeit verwendet werden. Aber ich glaube, dass es nur ein Aspekt f\u00fcr die eigenst\u00e4ndige wissenschaftliche Arbeit ist. Zum Beispiel sind aus meiner Sicht Erfahrungen in der Lehre ganz wichtig. Wie man selbst betreut, wie man Praktika betreut, wie man Praktika auch konzipiert, was da Schwierigkeiten sind \u2013 wie man beurteilt, was Studenten leisten k\u00f6nnen oder was sie mit ihrem noch begrenzten Hintergrund verstehen k\u00f6nnen. Auch die eins zu eins-Betreuung von Praktikanten im Labor ist wichtig \u2013 das ist ja etwas anderes als Grundlehre und fordert die Promovierenden auch als &#8220;Manager&#8221;. Dabei ist auch wichtig sich klar zu machen:&nbsp; Ich muss jeden Tag ins Labor kommen, da ist schon jemand, der oder die auf mich wartet, dem oder der muss ich einen Plan und eine Struktur vorgeben. Das ist eine ganz andere Art, Forschung zu betreiben als wenn man nur selbst ins Labor kommt und sagt \u201eAh, ich trink erstmal &#8216;nen Kaffee und \u00fcberlege mir dabei was zu tun ist\u201c. Stattdessen muss man verantwortlich mit Leuten umgehen und ihnen eine Struktur geben. Wir setzen unsere Promovierenden viel zur Betreuung verschiedener Arten von Praktika ein, und ich halte das f\u00fcr eine wichtige Facette in der Bildung ihres wissenschaftlichen Profils.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es geht nat\u00fcrlich nicht nur um Lehre, sondern darum, dass man auch generell Umsicht im Labor walten l\u00e4sst und nicht sagt \u201eIch mache mein Projekt und alles andere ist mir egal\u201c, sondern auch ein bisschen links und rechts guckt: Wie l\u00e4uft das Labor? Fehlen Chemikalien? Funktionieren Ger\u00e4te nicht? Dass die Promovierenden ein bisschen anfangen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und lernen, wie man eine Infrastruktur auch aufrechterh\u00e4lt. Das ist etwas, was in der Promotion nie richtig gepr\u00fcft wird, aber was ich trotzdem f\u00fcr eine ganz wichtige Aufgabe f\u00fcr mich als Betreuer halte \u2013 die Promovierenden auch mit solchen Fragen in Kontakt zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf das aber nicht \u00fcberfrachten, denn die Promovierenden sollen nat\u00fcrlich zuallererst ihre Forschung machen. Die Balance ist hier wieder wichtig. Ich m\u00f6chte auch nicht, dass meine Doktoranden sich verzetteln und keine Experimente mehr machen. Aber am Ende m\u00fcssen sie trotzdem wissen, wie man Chemikalien bestellt, wie man Dinge archiviert, wie man gentechnische Aufzeichnungen f\u00fchrt, etc.. Das muss jeder irgendwann k\u00f6nnen. Und ich finde, eine Promotion sollte darauf vorbereiten, dass jemand, der oder die aus meinem Labor kommt eine runde Ausbildung hat und wirklich in all diesen Belangen performen kann. Das sind ja teilweise auch gesetzliche Vorgaben, wie z.B. Aufzeichnungen gef\u00fchrt werden. Da m\u00f6chte ich, dass die Leute am Ende wissen, wie sowas geht.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Was f\u00fchrte nach Ihrer Erfahrung zu den meisten Spannungen bzw. Herausforderungen zwischen Ihnen als Betreuer und den Promovierenden? Und wie k\u00f6nnen diese Herausforderungen, Spannungen aufgel\u00f6st oder vielleicht sogar vermieden werden?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Immer wenn Leute zusammenarbeiten, denke ich, kann es zu Spannungen kommen. Und der erste Schritt, Spannungen zu vermeiden, ist in meinen Augen die Auswahl der Personen, die man zusammen zum Arbeiten bringt. Da schlie\u00dfe ich mich selbst nicht aus. Also, ein pers\u00f6nliches Interview f\u00fcr ein Einstellungsgespr\u00e4ch ist ganz wichtig, weil man dann gleich merkt, ob man miteinander reden kann. Ob man eine Ebene findet, ob man irgendwie fehlkommuniziert oder ob man das Gef\u00fchl hat, es kommt gar nichts an \u2013 beidseitig. Wie sich die pers\u00f6nlichen Lebensumst\u00e4nde von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ver\u00e4ndern, hat auch einen Einfluss darauf, wie sie selbst unter Spannung stehen. Und diese Spannungen bringen sie dann mit zur Arbeit. Da kann ich allerdings wenig machen, da haben wir aber eigentlich wenig Probleme mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dinge, die Sie vielleicht auch in der Frage gemeint haben, sind \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde, die sich daraus ergeben, dass zum Beispiel Promotionen unterschiedlich finanziert werden. Mit einem Stipendium der Landesgraduiertenf\u00f6rderung bekommt man bspw. monatlich einen bestimmten Betrag, und wenn man jetzt auf einer kernfinanzierten Institutsstelle angestellt ist, dann bekommt man ein bisschen mehr. Und wenn man dann im Graduiertenkolleg promoviert, da hat man auf einmal eine 65&nbsp;%-Stelle. Volle Stellen werden in den Lebenswissenschaften zur Promotion nicht vergeben, das ist traditionell hier anders als bspw. in der Physik, wo Promotionen besser bezahlt werden. Das ist aber ein anderes Thema. Promovierende kriegen also unterschiedlich viel Geld bezahlt, letztendlich daf\u00fcr, dass sie alle in der gleichen Weise mit den gleichen Aufgaben versehen promovieren. Das ist nat\u00fcrlich etwas, was zu Reibung f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich tun kann, um das abzumildern, ist noch zus\u00e4tzlich Geld zu beantragen, damit alle Promovierenden wenigstens auf ein grob \u00e4hnliches Gehalt kommen. Das ist die finanzielle Seite, die mir pers\u00f6nlich oft viel Sorgen macht und die mich viel Zeit kostet, die ich gerne produktiver f\u00fcllen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Seite ist auch die Promotionsdauer. Ich sage, dass man im Graduiertenkolleg mehr verdient, aber daf\u00fcr muss man dann auch in drei Jahren mit der Promotion fertig sein. Die Hausstellen gehen zun\u00e4chst auch f\u00fcr drei Jahre, aber mit einer M\u00f6glichkeit, um noch ein Jahr zu verl\u00e4ngern. Das muss man gleich zu Beginn offen kommunizieren. Wenn ich mich an meine eigene \u2013 DAAD-finanzierte \u2013 Promotion erinnere, haben solche \u00dcberlegungen eigentlich keine Rolle gespielt. Solange ich eine Finanzierung hatte, war ich eigentlich froh und es war mir egal, was andere Promovierende verdienten, die aus anderer Richtung gef\u00f6rdert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres typisches Ph\u00e4nomen der experimentellen Arbeit ist, dass bei einem Doktoranden vielleicht alles funktioniert und beim Anderen klappt nichts. Da kann ich, so gut ich kann, helfen. Aber es ist so, man muss in der Wissenschaft gut sein, also informiert und flei\u00dfig sein, um Erfolg zu haben. Ein St\u00fcck Gl\u00fcck geh\u00f6rt aber oft auch dazu, weil wir einfach nicht wissen, ob eine Hypothese stimmt. Da muss man sehen, woran das liegt, ob es technische oder wissenschaftliche Herausforderungen gibt, und dass man das im Gespr\u00e4ch herausfindet. Aber solche Reibung ist eigentlich selten. Ich muss sagen, in unserer Gruppe haben wir wenig Reibung, weil wir sehr offen miteinander umgehen und die Leute auch untereinander gut befreundet sind. Das ist vielleicht das wichtigste Konzept, dass wir versuchen, eine faire, freundschaftliche Atmosph\u00e4re zu schaffen in der niemand Angst haben muss, Probleme anzusprechen. Denn warum ist es so schlimm, wenn etwas nicht klappt? Weil Promovierende vielleicht Angst haben, dass daraus Konsequenzen drohen. Wir versuchen daher immer, dass solche Sorgen wirklich keine Rolle spielen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Haben Sie noch etwas zu erg\u00e4nzen oder wurde Ihnen aus Ihrer Sicht ein Punkt noch nicht ausreichend angesprochen? Bzw. vielleicht ist Ihnen auch w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs noch irgendwas eingefallen?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Naja, was manchmal ein bisschen wenig zum Tragen kommt, ist mein Wunsch, eine Promotion als \u201eteam effort\u201c zu sehen. Als Betreuer ist man ja kein Gegner der Promovierenden und die Doktorandinnen und Doktoranden sind im besten Fall ja auch nicht &#8220;gegen&#8221; einen als Betreuer, sondern man hat ein gemeinsames Interesse und versucht das zu realisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Betreuer muss man auch darauf achten, dass das man sich nicht \u00fcbernimmt. Das ist ein wichtiges Element, dass man auch als Professor eine Selbsteinsch\u00e4tzung vornimmt, was man selbst leisten kann und wie viel man an positiver Betreuung wirklich weitergeben kann. Da muss man sehen, dass man sich selbst nicht \u00fcberfordert. Das ist vielleicht auch ein Prozess, zu sagen: \u201eIch habe mir zu viel aufgehalst.\u201c Ich hatte Zeiten mit \u00fcber zehn Doktoranden, aber das ist ein Umfang, den ich pers\u00f6nlich nicht mehr leisten kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Die eigene Belastungsgrenze definiert, wie gut man betreuen kann, und wenn man sie dauerhaft \u00fcberschreitet, leiden sicherlich die Betreuung, die Atmosph\u00e4re und auch der wissenschaftliche Erfolg. Man ist ja kein \u00dcbermensch als Professor. Der Tag hat 24 Stunden, man nimmt vielleicht noch den Samstag, oder auch den Sonntag dazu. Aber man braucht einen Rhythmus, den man durchh\u00e4lt, und den muss man f\u00fcr sich selber veranschlagen. Umgekehrt muss man auch wissen, was man dann von Anderen verlangen kann. Diese Grenze ist bei jedem Professor, aber auch bei jedem Promovierenden anders.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center\"><em>Welchen Tipp haben bzw. h\u00e4tten Sie gern selbst zum Anfang Ihrer Promotionszeit bekommen?<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>Meine Promotion in den 90ern verlief wissenschaftlich und bez\u00fcglich der Betreuung insgesamt etwa so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe aber deutlich untersch\u00e4tzt, was am Ende an Zeit f\u00fcr Formalit\u00e4ten veranschlagt werden muss. Wenn man denkt, man hat alle Experimente fertig, schreibt man seine Arbeit zusammen. Man hat sich mit dem Betreuer koordiniert und dann gibt man irgendwann ab und hat das Gef\u00fchl, man ist fertig. Aber dem ist nicht so. Sondern man sitzt dann da und wartet zum Teil monatelang auf die Gutachten. Dann wartet man monatelang auf Verwaltungsprozesse, die man nicht beeinflussen kann, bis es auf wundersame Weise irgendwann dazu kommt, dass ein Verteidigungstermin anberaumt wird. Und selbst wenn man den hinter sich hat \u2013 hoffentlich erfolgreich \u2013 dann dauert es noch eine ganze Weile, bis man sein Zeugnis bekommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dinge habe ich als Promovierender deutlich untersch\u00e4tzt. Da war es dann f\u00fcr mich schwierig, eine anvisierte Anstellung zu realisieren, weil diese Dinge wirklich l\u00e4nger brauchten, als ich vorgesehen hatte. Wir sollten im Sinne unserer aktuellen Promovierenden darauf hinwirken, dass administrative Prozesse stringenter werden, auch bei uns in Halle, wo wir einen Einfluss darauf haben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/what-supervisors-want\/\">zur Hauptseite<\/a> &#8220;What supervisors want \/ Was Betreuende erwarten&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das folgende Interview wurde mit Prof. Dr. Ingo Helmann (Pflanzenbiochemie) im Rahmen des InGrA-Projektes &#8220;What supervisors want \/ Was Betreuende erwarten&#8221; in 2023 an der MLU durchgef\u00fchrt. Informationen zum Projekt und weitere Interviews finden Sie hier. Was war das letzte tolle Erlebnis, das Sie mit einem Ihrer Promovierenden hatten? Das ist schwierig zu beantworten, weil [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4475,"featured_media":0,"parent":3809,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3834"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4475"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3834"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3834\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4662,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3834\/revisions\/4662"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3809"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ingra\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3834"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}