{"id":385,"date":"2021-05-05T23:06:05","date_gmt":"2021-05-05T21:06:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/?p=385"},"modified":"2021-08-18T14:58:43","modified_gmt":"2021-08-18T12:58:43","slug":"alles-andere-als-einfach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/05\/alles-andere-als-einfach\/","title":{"rendered":"Alles andere als einfach&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Es sind die Erfahrungen von vier Jugendlichen, welche uns durch deren Erinnerungen \u00fcberliefert sind. Eine jede Person mit ihrer eigenen Geschichte und doch der Gemeinsamkeit eines gemeinsamen Schicksals \u2013 das des Widerstands. Dabei werden den LeserInnen auch Jugendkultur, Arbeitswelt oder die Erfahrung keine Arbeit zu haben (auch das gab es in der DDR) n\u00e4hergebracht. Auch wenn alle Betroffenen einer Altersgruppe angeh\u00f6ren und denselben Wohnort zum Zeitpunkt des Geschehens hatten, geben sie uns dabei ganz unterschiedliche Einblicke und Perspektiven auf das Leben vor, neben und nach dem Widerstand. Tun sie das wirklich? Oder koh\u00e4rieren nicht gewisse Bereiche wie z.B. Punk oder christliche Gemeinden mit Ph\u00e4nomenen wie \u201eWiderstand\u201c und pr\u00e4gen somit unsere Dar- und Vorstellung von Widerstand unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark? Wo beginnt Widerstand \u00fcberhaupt und wie stellt man ihn (umfassend) dar? <br> <br>Um Widerstand zu verstehen bedarf es einer Darstellung des (politisierten) allt\u00e4glichen Lebens in der DDR \u2013 der Alltagsgeschichte. Von scheinbar banalen Bereichen des Lebens bis hin zu Massenorganisationen und politischen Strukturen des \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c. Dabei bestand der Alltag aus mehr als Widerstand und dennoch konnte \u201eWiderstand\u201c und insbesondere seine Konsequenzen den (sp\u00e4teren) Alltag einzelner Personen pr\u00e4gen. Sowie der Widerstand Teil einer Lebensgeschichte war, waren einzelnen Lebensgeschichten Teil des Widerstands. Die Alltagsgeschichte erm\u00f6glicht dabei den Zugang zu verschiedensten Formen des Widerstands, indem sie den Rahmen und die Angriffsfl\u00e4che f\u00fcr den Widerstand bildet. Zugleich reicht es nicht \u2013 will man die Facetten des allt\u00e4glichen Lebens in der DDR verdeutlichen \u2013 den Widerstand einzelner Personen zu skizzieren (ganz abgesehen von einzelnen Phasen und Entwicklungen innerhalb des Systems DDR). Weder f\u00fcr die Alltagsgeschichte einzelner Personen, noch stellvertretend f\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung oder die Vielf\u00e4ltigkeit des Widerstands. <br><br>So liefe man leicht Gefahr \u201eWiderstand\u201c gleichzusetzen mit seinen h\u00e4ufigsten (uns \u00fcberlieferten und bekannten) Erscheinungsformen. Aus einem einzelnen Beispiel heraus bildet sich dann oftmals ein wenig reflektierter und gern \u00fcbernommener Gegensatz. Eben jenen dichotomischen Bildern von \u201eWiderstand\u201c \u2013 z.B. zwischen Staatsdienern in Form von MitarbeiterInnen des MfS und jungen Punks oder Menschen im Umfeld einer Leipziger Gemeinde gegen Ende der 80er Jahre \u2013 gilt es kritisch zu begegnen. Nicht weil sich diese Gruppen nicht finden lie\u00dfen. Sondern weil sie unter vielen Identit\u00e4ten und Formen jene sind, die uns durch die Betrachtung des Ph\u00e4nomens \u201eWiderstand\u201c am h\u00e4ufigsten und sch\u00e4rfsten \u00fcberliefert werden. W\u00e4hrend sich HistorikerInnen diesem Verh\u00e4ltnis bewusst sein d\u00fcrften, gilt dies nicht unbedingt f\u00fcr die BesucherInnen eines Museums oder die (jungen) LeserInnen eines Comics. Ein Blick in popul\u00e4rwissenschaftliche Formate scheint dies zu belegen. Begegnen uns solch versch\u00e4rfte und neu aufgew\u00e4rmte Bilder in ihren Extremen nicht auch anhand so mancher TV-Dokumentation? Auf der einen Seite ein greises Honecker-Ehepaar, Erich Mielke oder Markus Wolf. W\u00e4hrend auf der anderen Seite ein junger Sebastian Krumbiegel mit zahlreichen weiteren LeipzigerInnen die DDR und schlie\u00dflich auch die Mauer \u2013 wenn auch durch die Hilfe eines Versprechers \u2013 zum Einsturz bringt. Ebenso untrennbar wie Schabowskis Fauxpas werden seitdem Leipzig und die Montagsdemonstrationen mit dem Ende der DDR verbunden bis gleichgestellt.  <br><br>Um so gr\u00f6\u00dfer scheint hier die Verantwortung und Chance einer Geschichtsvermittlung, welche den Fokus auf eine breitere Darstellung von \u201eWiderstand\u201c legt. Beispielsweise anhand einer anderen zeitlichen Fokussierung (oftmals wird Widerstand anachronistisch mit den 80er Jahren\/ deren Ende verbunden). Eine einfache Reproduktion (wenn auch anhand von Stadt- und Regionalgeschichte vielleicht einfacher ) mittels eines scharfen aber verengten Blicks auf jene Bereiche, welche man schlichtweg eh mit Widerstand in der DDR assoziiert lie\u00dfe hier eine Chance auf eine umfassendere Perspektiven verstreichen. Mehr noch. Sie verfestigt bestehende Bilder. Was f\u00fcr MuseumsbesucherInnen mit einem generellem Interesse noch eine wertvolle Bereicherung aufgrund der Verbindung zur eigenen Stadt- und Regionalgeschichte darstellen k\u00f6nnte, mag letzte Chance auf ein vielf\u00e4ltiges und neues Bild von Widerstand in der DDR f\u00fcr eher desinteressierte Sch\u00fclerInnen sein. <br><br>Zur Chance werden dann jene Geschichten, Orte und Formen des Widerstands die eine Ausnahme bilden. Sei es durch das Fehlen einer solchen Prominenz oder ein Desiderat der Forschung. Dennoch sollte dabei nicht nur an den bisher unbeachteten Beispielen angesetzt werden. Perspektivwechsel auf bestehende Darstellungen von Widerstand notwendig und lohnenswert erscheinen.<br><br>Eben jenen Spagat \u2013 zwischen gro\u00dfem Bild und kleinem Ausschnitt, Stadtgeschichte und Staatsgeschichte, Deduktion und Induktion \u2013 gilt es zu meistern. Alles andere als einfach.<br><br>PS: Anfang war einst der Text \u201eMacht aus dem Staat Gurkensalat\u201c. Wie unschwer zu erkennen ist, wurde aus dem H\u00f6lzchen ein St\u00f6ckchen, aus dem St\u00f6ckchen ein Ast, aus dem Ast ein Baum und aus dem Baum ein Wald, in dem ich mich zusehends verlor. Und vielleicht findet sich dann doch noch der ein oder andere Gedankengang den es zu diskutieren lohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind die Erfahrungen von vier Jugendlichen, welche uns durch deren Erinnerungen \u00fcberliefert sind. Eine jede Person mit ihrer eigenen Geschichte und doch der Gemeinsamkeit eines gemeinsamen Schicksals \u2013 das des Widerstands. Dabei werden den LeserInnen auch Jugendkultur, Arbeitswelt oder die Erfahrung keine Arbeit zu haben (auch das gab es in der DDR) n\u00e4hergebracht. 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