{"id":590,"date":"2021-05-26T16:10:39","date_gmt":"2021-05-26T14:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/?p=590"},"modified":"2021-05-26T16:10:41","modified_gmt":"2021-05-26T14:10:41","slug":"die-wissenschaftliche-auseinandersetzung-mit-comics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/05\/die-wissenschaftliche-auseinandersetzung-mit-comics\/","title":{"rendered":"Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Comics"},"content":{"rendered":"\n<h2>Comics \u2013 nur <em>unter<\/em> der Schulbank?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Ganz zu Anfang des Seminars diskutierten wir bereits \u00fcber die Vor- und Nachteile von Comics in der Geschichtswissenschaft. Je l\u00e4nger wir dar\u00fcber nachdachten und diskutierten, desto schneller schien sich die Liste an Vorteilen zu f\u00fcllen. Umso st\u00e4rker besch\u00e4ftigte mich die Frage, warum ich in meiner gesamten Schul- und Studiumszeit noch kein einziges Mal mit Comics in Ber\u00fchrung gekommen war. Meine spontane Antwort darauf lautet: Comics scheinen eher als Unterhaltungsmedium wahrgenommen zu werden, als dass sie als didaktisches Mittel dienen.&nbsp;Wenn \u00fcberhaupt, scheinen es eher Karikaturen zu sein, die im Geschichtsunterricht herangezogen werden, um eine Auseinandersetzung mit bestimmten Themen anzuregen. Dazu muss ich nat\u00fcrlich sagen, dass das lediglich meine Erfahrung bzw. Wahrnehmung ist. Die Frage, inwiefern Comics innerhalb der (hoch-)schulischen Laufbahn eine Rolle gespielt haben, w\u00fcrde ich deshalb gern weitergeben. Welche Erfahrungen habt ihr in der Vergangenheit damit gemacht? Und woran k\u00f6nnte es liegen, vorausgesetzt ihr habt \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht wie ich (n\u00e4mlich gar keine), dass Comics im Unterricht so wenig Betrachtung geschenkt wird? Immerhin haben wir im Seminar doch eine ganze Reihe an Vorteilen entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-cover has-background-dim\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/04\/Kontext-Wissenschaft-3.png);min-height:300px\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\"><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meiner Recherche dar\u00fcber, wie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Comics in den letzten Jahren und Jahrzehnten ausgesehen hat, fiel mir zu aller erst deren Ambivalenz auf. Nach Schwender und Grahl (2016) kann die wissenschaftliche Auseinandersetzung in drei Phasen unterteilt werden. In der ersten Phase, die von den sp\u00e4ten 1940er bis Anfang der 60er Jahre reicht, beschr\u00e4nkt sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Comic vorrangig darauf, Kritik an ihnen zu \u00fcben. Die Bef\u00fcrchtungen reichten von Verdummung, \u00fcber die Zerst\u00f6rung der Phantasie und F\u00f6rderung des Analphabetismus bis hin zur Vorbildfunktion f\u00fcr kriminelles Verhalten und der St\u00f6rung der sexuellen Entwicklung Jugendlicher. Dabei muss jedoch klar gesagt werden, dass die vermeintliche Gef\u00e4hrlichkeit von Comics lediglich auf Meinungen und Einstellungen beruhte und zu keinem Zeitpunkt empirisch belegt werden konnte. Dennoch f\u00fchrte die Angst um das Wohl der vorrangig jungen Zielgruppe, zu Umtauschaktionen und Comic-Verbrennungen. Dies \u00e4nderte sich ab Mitte\/ Ende der 60er Jahre. Der Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte u.a. sein, dass die Comic-Leser*innen der ersten Generation inzwischen selbst erwachsen waren, ohne die bef\u00fcrchteten Sch\u00e4digungen aufzuweisen. Stattdessen waren sie z.T. selbst zu Eltern, Lehrer*innen und P\u00e4dagog*innen geworden und verwendeten Comics als didaktisches Mittel im Deutsch-, Kunst- oder Religionsunterricht:\u00a0\u201eMithilfe von Asterix konnte man Latein oder Franz\u00f6sisch lernen. Es gab Comic-Fassungen der biblischen Geschichte und von historischen Ereignissen. [\u2026] Unterst\u00fctzt wurde die Entwicklung durch die neuen Sichtweisen von f\u00fchrenden Intellektuellen der Zeit.\u201c (Schwender et al. 2016: 10).\u00a0Wurde der Comic w\u00e4hrend der ersten Phase somit noch als \u201eUnterschicht-Ph\u00e4nomen\u201c (Schwender et al. 2016: 7) abgetan, das vorrangig f\u00fcr Kinder und Jugendliche kreiert wurde, gelang es w\u00e4hrend der zweiten Phase, den Comic zu rehabilitieren. Der Gro\u00dfteil der Comics, der auf dem deutschen Markt verf\u00fcgbar war, wurde durch US-Importe bestimmt und durch Produktionen aus Frankreich, Italien und Belgien erg\u00e4nzt. Einen zus\u00e4tzlichen Impuls zur erneuten Betrachtung und Beurteilung von Comics lieferte die Kunst-Ausstellung \u201eComic Strips \u2013 Geschichte, Struktur, Wirkung und Verbreitung der Bildergeschichten\u201c von Hans Dieter Zimmerman in der Berliner Akademie der K\u00fcnste. Zu sehen war die Ausstellung von Dezember 1969 bis Januar 1970. Somit zogen Comics nicht mehr nur die Aufmerksamkeit von Heranwachsenden und Kritikern auf sich, sondern auch von Intellektuellen und Erwachsenen. In Zuge dessen entwickelte sich w\u00e4hrend der zweiten Phase eine ausgepr\u00e4gte Fan-Kultur und es kommt zur Entstehung von Fachzeitschriften f\u00fcr Comics.\u00a0Ab Mitte der 80er Jahre beginnt sich die Besch\u00e4ftigung mit verschiedenen Darstellungsformen zus\u00e4tzlich zu intensivieren. Neben P\u00e4dagog*innen interessieren sich nun auch verst\u00e4rkt Sprach- und Literaturwissenschaftler*innen, die Kultur- und Sozialwissenschaften, sowie die Kunstgeschichte, Kommunikations- und Medienwissenschaft f\u00fcr den Comic als Forschungsgegenstand (Vgl. Schwender et al. 2016: 10). Zudem entsteht in der dritten Phase die Comicgattung der \u201eGraphic Novel\u201c, welche sich in komplexen und abgeschlossenen Erz\u00e4hlungen mit ernsten Themen wie Gewalt, Krieg, Sexualit\u00e4t, Religion, Philosophie, Politik, Geschichte und Zeitgeschehen befasst. Mit der Herausgabe der deutschsprachigen Ausgabe von \u201eMaus\u201c von Art Spiegelmann im Jahr 1989, wird nicht nur der Zugang zum erwachsenen Publikum vollends erschlossen, sondern auch ein \u201ewichtiger Impuls f\u00fcr die kulturelle Akzeptanz des Comics in Deutschland [geliefert].\u201c (Gr\u00fcnewald 2014, S. 45, zitiert nach: Schwender et al. 2016: 10).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Somit wird deutlich, dass Comics in der j\u00fcngeren Vergangenheit einen deutlichen Image-Wandel durchgemacht haben. Trotz dessen, dass sie inzwischen nicht mehr nur humoristische, sondern durchaus auch ernste, gesellschaftliche Themen aufgreifen, scheint sich die \u00f6ffentliche Wahrnehmung jedoch vor allem auf den ersten Punkt zu fixieren. Zumindest provozierten Erz\u00e4hlungen meinerseits, dass ich mich dieses Semester mit Comics besch\u00e4ftigen w\u00fcrden, stets einige Nachfragen \u00e1 la \u201eComics?? Sind die nicht eigentlich eher witzig gemeint?\u201c. Doch wie gesagt; dies ist lediglich meine Wahrnehmung, weshalb mich eure Erfahrungen umso mehr interessieren. Und letztlich denke ich, dass jede dieser Nachfragen berechtigt und richtig ist. Denn somit werden nicht nur Diskussionen angeregt, sondern auch Verst\u00e4ndnis geschaffen und eventuelle Klischees beseitigt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle:\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Schwender, Clemens et al. (2016): Comics und Karikaturen in der Kommunikationsforschung, in:&nbsp;Lobinger, K. (Hrsg.):&nbsp;Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung, Wiesbaden: Springer VS, S. 1-27.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Comics \u2013 nur unter der Schulbank? Ganz zu Anfang des Seminars diskutierten wir bereits \u00fcber die Vor- und Nachteile von Comics in der Geschichtswissenschaft. Je l\u00e4nger wir dar\u00fcber nachdachten und diskutierten, desto schneller schien sich die Liste an Vorteilen zu f\u00fcllen. 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