{"id":697,"date":"2021-06-25T21:40:54","date_gmt":"2021-06-25T19:40:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/?p=697"},"modified":"2021-07-02T13:05:21","modified_gmt":"2021-07-02T11:05:21","slug":"war-nun-glas-im-essen-oder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/06\/war-nun-glas-im-essen-oder-nicht\/","title":{"rendered":"War nun Glas im Essen oder nicht?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover has-background-dim\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/04\/Comics-Graphics-1.png)\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\">Was ist, wenn sich die Erinnerungen unterschiedlicher Zeitzeug*innen widersprechen?<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Von der virtuellen F\u00fchrung durch die ehemalige <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/gedenkstaette-andreasstrasse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Haftanstalt in der Andreasstra\u00dfe<\/a> ist mir eine Erz\u00e4hlung besonders im Ged\u00e4chtnis geblieben. Sie handelte von widerspr\u00fcchlichen Berichten ehemaliger Inhaftierter. Zum Beispiel heben manche in ihren Erz\u00e4hlungen hervor, es sei Glas im Essen gewesen, andere haben jedoch nichts an den Mahlzeiten zu bem\u00e4ngeln. Einige reden von Feindschaften und k\u00f6rperlicher Gewalt zwischen den Insassen der Gemeinschaftszellen, w\u00e4hrend weitere eine immense Solidarit\u00e4t unter den Inhaftierten beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie kann es sein, dass Zeitzeug*innen so unterschiedliche Dinge schildern? Nun, daf\u00fcr k\u00f6nnte es einige einfache Gr\u00fcnde geben: Vielleicht stammen die widerspr\u00fcchlichen Aussagen von Leuten, die nicht gleichzeitig oder zumindest in unterschiedlichen Zellen in der Andreasstra\u00dfe inhaftiert waren. M\u00f6glicherweise hatten manche auch einfach Gl\u00fcck und andere eben Pech. Vielleicht wich das Zusammenleben in unterschiedlichen Gemeinschaftszellen voneinander ab und es wurde nicht bei allen im Essen Glas untergemischt. Doch was ist, wenn nichts dergleichen zutrifft und sich einige Zeitzeug*innen einfach &#8222;falsch&#8220; erinnern?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Zelle-1024x670.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-692\" width=\"453\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Zelle-1024x670.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Zelle-300x196.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Zelle-768x502.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Zelle.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><figcaption>Zeichnung einer Zelle der Haftanstalt Andreasstra\u00dfe, in der heute eine Infotafel steht.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In einem Seminar \u00fcber Oral History und den Umgang mit lebensgeschichtlichen Interviews lernte ich, dass dies durchaus vorkommt. Als Grundlage besch\u00e4ftigten wir uns dort mit zwei Texten, die Aufschluss \u00fcber die Zuverl\u00e4ssigkeit von Erinnerungen geben. Der eine stammt vom Neurobiologen Wolf Singer und der andere vom Sozialpsychologen Harald Welzer. Beide richten sich an Historiker*innen und erkl\u00e4ren aus Sicht ihrer jeweiligen Disziplinen, wie Menschen wahrnehmen, erinnern und vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige wichtige Erkenntnisse aus den Texten: Wahrnehmen und Erinnern sind hoch komplexe, sehr fehleranf\u00e4llige Prozesse, die mit viel Interpretation und Konstruktion einhergehen. Erz\u00e4hlungen von Menschen k\u00f6nnen uns daher bestenfalls eine Ahnung von dem geben, was tats\u00e4chlich passiert ist und m\u00fcssen immer hinterfragt werden. Das liegt jedoch keinesfalls daran, dass bewusst gelogen, verschleiert oder verdreht wird. Unser menschliches System ist einfach nicht darauf ausgerichtet, Erlebtes korrekt und detailliert wiederzugeben. Stattdessen arbeiten unsere Gehirne st\u00e4ndig daran, unseren Erlebnissen einen Sinn zu geben. Dabei spielt auch der zeitliche Faktor eine Rolle. Umso l\u00e4nger das Erlebte zur\u00fcckliegt, desto mehr Zeit hatten wir f\u00fcr die Sinnstiftung und desto unzuverl\u00e4ssiger werden Erinnerungen. Sie ver\u00e4ndern sich mit der Zeit, gehen verloren oder werden komplett neu konstruiert. Dabei k\u00f6nnen uns auch Erinnerungen von Anderen, die wir aus Gespr\u00e4chen, Filmen, B\u00fcchern oder \u00c4hnlichem erfahren haben, beeinflussen und sogar f\u00fcr die eigenen gehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine ausf\u00fchrlichere, hoffentlich recht anschaulich gewordene Zusammenfassung der beiden Texte inklusive einiger Beispiele findet sich im Beitrag \u201e<a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/06\/vom-wahrnehmen-erinnern-und-vergessen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vom Wahrnehmen, Erinnern und Vergessen<\/a>\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch wurde dem Essen der Inhaftierten nun Glas beigemischt oder nicht? Und wie war das Zusammenleben in den Gemeinschaftszellen wirklich? Um m\u00f6glichst nahe an die Wirklichkeit heranzukommen, gibt es einige M\u00f6glichkeiten. Am vielversprechendsten w\u00e4re es, wenn sich zu diesen Gegebenheiten Dokumente aus der Zeit finden lie\u00dfen, wie beispielsweise schriftliche Anweisungen und Berichte von Angestellten oder Briefe und Tagebucheintr\u00e4ge von H\u00e4ftlingen sowie ihren Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Haftanstalt-1024x950.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-691\" width=\"450\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Haftanstalt-1024x950.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Haftanstalt-300x278.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/06\/Haftanstalt-270x250.jpg 270w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption>Zeichnung eines Ganges der ehemaligen Haftanstalt. Die Zellent\u00fcren sind ge\u00f6ffnet und die Sonne scheint herein.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem k\u00f6nnten so viele Zeitzeug*innen wie m\u00f6glich befragt und dann geschaut werden, ob sich Tendenzen abzeichnen. Bei den einzelnen Berichten der Zeitzeug*innen k\u00f6nnte zus\u00e4tzlich versucht werden, Sinnstiftungsprozesse und \u00fcbernommene Erinnerungen zu rekonstruieren, wobei dies sehr schwierig und oft nicht m\u00f6glich ist. Unter anderem die Historikerin Dorothee Wierling bietet gute Grundlagen-Literatur zur Auseinandersetzung und Interpretation von Zeitzeug*inneninterviews.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Endeffekt kann in vielen F\u00e4llen vermutlich nie mit Sicherheit beantwortet werden, was wirklich passiert ist. Quellenarbeit ist immer auch Interpretation und so ist auch Geschichte immer eine Frage des Blickwinkels. Historiker*innen d\u00fcrfte dies bewusst sein, doch trifft das ebenso auf den Rest der Bev\u00f6lkerung zu? Mir stellt sich die Frage, wie in der Geschichtsvermittlung mit alldem umgegangen werden sollte. Ich pers\u00f6nlich finde es durchaus wichtig, derartige geschichtswissenschaftliche Grundlagen in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen und somit kritisches, wissenschaftliches Denken zu f\u00f6rdern. Dabei k\u00f6nnten auch Erkenntnisse aus anderen Disziplinen wie der Neurobiologie oder Sozialpsychologie, wie sie im Beitrag \u201e<a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/06\/vom-wahrnehmen-erinnern-und-vergessen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vom Wahrnehmen, Erinnern und Vergessen<\/a>\u201c geschildert werden, mit einflie\u00dfen. Beispiele wie jene zu Beginn des Beitrages k\u00f6nnten in Gedenkst\u00e4tten und Co als Aufh\u00e4nger f\u00fcr die Auseinandersetzung dienen. Was denkt ihr dazu?<\/p>\n\n\n\n<p>Leider habe ich w\u00e4hrend des Workshops vers\u00e4umt zu fragen, wie dies in der Andreasstra\u00dfe gehandhabt wird. Doch vielleicht liest hier ja jemand von der Gedenkst\u00e4tte mit und kann berichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Wolf Singer, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, URL: <a href=\"https:\/\/brain.mpg.de\/297616\/historikertag.pdf\">https:\/\/brain.mpg.de\/297616\/historikertag.pdf<\/a>, Aufgerufen am 10.06.2021.<\/li><li>Harald Welzer, Die Medialit\u00e4t des menschlichen Ged\u00e4chtnisses, in: BIOS 21 (2008), S. 15\u2013 27. Einsehbar unter: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.budrich-journals.de\/index.php\/bios\/issue\/view\/109\" target=\"_blank\">https:\/\/www.budrich-journals.de\/index.php\/bios\/issue\/view\/109<\/a> (Aufgerufen am 10.06.2021).<\/li><li>Dorothee Wierling, Oral History, in: Michael Maurer (Hrsg.), Aufri\u00df der Historischen Wissenschaften, Band 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2003, S. 81\u2013151.<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist, wenn sich die Erinnerungen unterschiedlicher Zeitzeug*innen widersprechen?<\/p>\n","protected":false},"author":4319,"featured_media":270,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[9],"tags":[66,67,65,43,68],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4319"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=697"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":744,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697\/revisions\/744"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/media\/270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}