{"id":874,"date":"2021-08-24T18:41:21","date_gmt":"2021-08-24T16:41:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/?p=874"},"modified":"2021-08-25T13:36:49","modified_gmt":"2021-08-25T11:36:49","slug":"kohle-kampf-und-kommunismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/08\/kohle-kampf-und-kommunismus\/","title":{"rendered":"Kohle, Kampf und Kommunismus"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover has-background-dim\" style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/04\/Allgemein-5.png)\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\">\n<p class=\"has-text-align-left has-large-font-size\">\u201cWo Helm und Hose, Handschuh und die Lederstiefel sind.\u201d <br>(Mann aus Eisen, Gerhard Gundermann, 1988)<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Mitte Juli besuchten wir (Paula und Franz) die Gedenkst\u00e4tte <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/2021\/08\/kirchen-knast-und-kraemerbruecke\/\">\u201cAndreasstra\u00dfe\u201d in Erfurt<\/a>. Auch wenn uns einige der \u201eallgemeinen Themen\u201c insbesondere im Bereich der \u201cDiktatur\u201d nur zu bekannt vorkamen, rechtfertigt und erfordert das vielf\u00e4ltige Spektrum an Besucher*innen die Behandlung dieser. Der eigenen Bubble geschuldet, vergisst man leicht, dass es nicht allein geschichtsinteressierte Erwachsene sind, welche zu den Besucher*innen der \u201eAndreasstra\u00dfe\u201c z\u00e4hlen. Auch j\u00fcngere Altersgruppen (bspw. Schulklassen) oder Personen, welche bisher wenig oder keinen Kontakt zur Geschichte der DDR hatten, umfasst das Spektrum der Besucher*innen. Umso wertvoller scheinen mir Konzeptionen wie die des Raumes \u201eSag mir wo du stehst\u201c. In zahlreichen Szenarien werden hier die Besucher*innen vor Entscheidungen innerhalb einer fremden Biografie gestellt. Nachdem sie diese getroffen haben, entscheidet sich der weitere Lebensweg der Figur (systemkonform und leicht oder rebellisch und schwer). Durch den Fokus auf die visuelle Vermittlung, wenig Text und die M\u00f6glichkeit selbst aktiv zu werden, m\u00f6gen Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit dem Ort \u201cMuseum\u201d, aber auch Sprachbarrieren fallen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei habe ich mich gefragt, inwiefern es sinnvoll ist, die Besucher*innen stets nur eine Entscheidung innerhalb einer Biografie f\u00e4llen zu lassen. W\u00fcrde eine Kette an m\u00f6glichen Entscheidungen nicht mehrere Lebensbereiche innerhalb einer Biografie sichtbar werden lassen, in denen man mit dem System \u201cDDR\u201d in Konflikt kommen konnte? Auch dessen Omnipr\u00e4senz w\u00e4re somit anhand einer Biografie vielleicht einfacher zu verdeutlichen (wenn nat\u00fcrlich auch nicht in allen Lebensbereichen). Wohl noch wichtiger scheint mir dabei aber die begrenzte Relevanz einzelner Entscheidungen f\u00fcr die gesamte Biografie. Obgleich einzelne Entscheidungen weitreichende Folgen haben konnten, mussten diese weder zum systemkonformen, noch zum Leben im Widerstand f\u00fchren. Seien es angeworbene IMs, die zuvor (und auch sp\u00e4ter) im Widerstand aktiv waren oder die uniformierten Diener des Staates, welche sich Befehlen verweigerten. All diese Beispiele zeigen, dass es mit einer Entscheidung nicht getan war. Es galt sich immer wieder zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-875\" width=\"844\" height=\"475\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-768x432.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-2048x1152.jpg 2048w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-1110x624.jpg 1110w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/20210725_170924-528x297.jpg 528w\" sizes=\"(max-width: 844px) 100vw, 844px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zahlreiche DDR-Biografien, nicht nur die des Widerstandes (wenn denn \u00fcberhaupt so eindeutig diesem zuzuordnen und durch diesen zu definieren), sind durch mehrere Entscheidungen gekennzeichnet. Die Entscheidungen zwischen Anpassungen\/ Konformit\u00e4t und Widerstand m\u00fcssen dabei keineswegs stets in eine Richtung weisen. Sie spiegeln neben pragmatischen Gr\u00fcnden auch innere (ideologische) Konflikte wider. Eines der bekanntesten Beispiele hierf\u00fcr d\u00fcrfte der Liedermacher und K\u00fcnstler Gerhard Gundermann sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der 1955 in Weimar geborene Gerhard Gundermann zog 1967 mit seiner Familie nach Hoyerswerda (Bezirk Cottbus). Nach seinem Abitur (1973) studierte er im Rahmen einer Ausbildung zum Politoffizier der Nationalen Volksarmee (NVA) in L\u00f6bau an der Offiziershochschule der Landstreitkr\u00e4fte \u201cErnst Th\u00e4lmann\u201d . Nachdem sich Gundermann weigerte ein Lied auf den damaligen Armeegeneral Heinz Hoffmann zu singen, wurde er exmatrikuliert. Fortan arbeitete er im Braunkohletagebau. Zuerst als Hilfsarbeiter und sp\u00e4ter als Maschinist (Abendschule seit 1976) und Baggerfahrer (ab 1978).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/Gundermann_1-1024x646.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-877\" width=\"847\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/Gundermann_1-1024x646.jpg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/Gundermann_1-300x189.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/Gundermann_1-768x485.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/Gundermann_1.jpg 1074w\" sizes=\"(max-width: 847px) 100vw, 847px\" \/><figcaption>Gerhard Gundermann (Foto: Herbert Schulze)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ab 1976 wirkte Gundermann als Inoffizieller Mitarbeiter (Deckname \u201cGrigori\u201d) f\u00fcr das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit. Ein Jahr darauf bewarb er sich um die Aufnahme in die SED. 1978 benannte sich der Singeklub Hoyerswerda, in dem Gundermann bereits seit 1971 Mitglied war und dessen Leitung er bis dahin \u00fcbernommen hatte, in \u201cBrigade Feuerstein\u201d um. In selbiges Jahr f\u00e4llt auch ein erstes Parteiverfahren gegen ihn (1979 umgewandelt in eine \u201cStrenge R\u00fcge\u201d). In den fr\u00fchen 80er-Jahren trat Gundermann mit der Brigade Feuerstein beim Anti-Atom-Camp der SDAJ und beim Liedersommer der FDJ auf. 1984 folgte der endg\u00fcltige Ausschluss aus der SED sowie die Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit. Noch drei Jahre zuvor hatte Gundermann die Artur-Becker-Medaille in Bronze erhalten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large\"><p>G. ist der Meinung, da\u00df es in Parteibeschl\u00fcssen bei uns f\u00fcr \u201cleitende Funktion\u00e4re der Partei\u201d einer \u201cbestimmten Ebene\u201d (Politb\u00fcro) eine Art Heiligenschein gibt und eine Atmosph\u00e4re der Unfehlbarkeit erzeugt wird. Die f\u00fchrende Rolle ist nur da, um bei einigen Funktion\u00e4ren die Autorit\u00e4t, \u201cdie gar nicht da ist\u201d, zu erh\u00f6hen. Sein Standpunkt ist, man mu\u00df es mit Marx halten und an allem zweifeln, da machen auch Beschl\u00fcsse der Partei keine Ausnahme. Gen. Gundermann akzeptiert nicht, da\u00df Marx das bestimmt nicht gemeint hat, als er das sagte.<\/p><cite>Kreisparteikontrollomission Spremberg, 1984 [1]<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large\"><p>Damit ist Gen. Gundermann mit Mehrheitsbeschlu\u00df der APO-Mitglieder des Kohlebandbetriebes des Tagebaus Spreetal-Nordost aus den Reihen der SED ausgeschlossen.<\/p><cite>SED-Grundorganisation, 1984 [1]<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large\"><p>Aufgrund eines Materials, das von seinen Verfassern als \u201cFakten\u201d ausgegeben wird, wurde ich durch APO-Beschlu\u00df aus der SED ausgeschlossen. Das Dokument der SED ist f\u00fcr mich Symbol der Zugeh\u00f6rigkeit zum organisierten internationalen Kampf des Proletariats um Revolution und Kommunismus. Da ich in diesem Kampf nie abseits stand, stehe und stehen werde, und zwar als Marxist, sehe ich keine Veranlassung, das Dokument abzugeben.<\/p><cite>Gerhard Gundermann, 1984 [1]<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/jugendwiderstand\/files\/2021\/08\/G6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-885\" width=\"397\" height=\"581\" \/><figcaption>Gerhard Gundermann (Foto: Rainer Weisflog)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre nach seinem Parteiausschluss trat Gundermann erstmals als Solok\u00fcnstler auf. 1988 trennte er sich von der Brigade Feuerstein. Es folgte ein Jahr sp\u00e4ter deren Aufl\u00f6sung. Gundermann selbst arbeitete in den folgenden Jahren mit zahlreichen K\u00fcnstler*innen zusammen (u.a. \u201cOktoberklub\u201d und \u201cSilly\u201d).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>1990 trat Gerhard Gundermann erfolglos zu den Volkskammerwahlen f\u00fcr die \u201cVereinigte Linke\u201d an. In den fr\u00fchen 90er Jahren folgten weitere Projekte mit&nbsp; \u201cSeilschaft\u201d (Tourband), \u201cWilderer\u201d, \u201cDoppelkopp\u201d und \u201cSilly\u201d. 1995 wurde schlie\u00dflich bekannt, dass Gundermann als IM f\u00fcr das MfS t\u00e4tig war. Zwar bedauerte Gundermann seine T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Staatssicherheit nicht eher publik gemacht zu haben, doch verwehrte er sich gegen die Bezeichnung als \u201cT\u00e4ter\u201d. 1996 folgte im Rahmen eines TV-Interviews auf die Frage, ob ihm seine Arbeit f\u00fcr das MfS \u201cleid tue\u201d die Aussage \u201cLeid tun ist Kokolores.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>1998 starb Gerhard Gundermann in Spreetal mit 43 Jahren. W\u00e4hrend seine Lieder heute weitestgehend unbekannt sind, thematisierten in den letzten Jahren einige Dokumentationen sowie der Film \u201cGundermann\u201d sein Leben. Bereits 1982 erschien ein <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yyzK6sP4bbE\">Portr\u00e4t Gundermanns im DDR-Fernsehen<\/a> (Regie: Frank Engel). Wenn auch krtisch zu betrachten, erlaubt die Dokumentation doch einige Einblicke in Arbeits- und Privatleben des Liedermachers &#8211; weshalb ich sie euch an dieser Stelle durchaus empfehlen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>PS: Ob und in welcher Form mehrere Entscheidungen innerhalb einer Biografie technisch \u00fcberhaupt umgesetzt werden k\u00f6nnen, entzieht sich meiner Kenntnis. Falls nicht, h\u00e4tte Gerhard Gundermann mit Sicherheit seine Freude am gescheiterten Vorschlag eines Theoretikers.<\/p>\n\n\n\n<p>[1] Hans-Dieter Sch\u00fctt (Hg.), Tankstellen f\u00fcr Verlierer. Gespr\u00e4che mit Gerhard Gundermann &#8211; Eine Erinnerung, Berlin 2018, S. 9.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte Juli besuchten wir (Paula und Franz) die Gedenkst\u00e4tte \u201cAndreasstra\u00dfe\u201d in Erfurt. Auch wenn uns einige der \u201eallgemeinen Themen\u201c insbesondere im Bereich der \u201cDiktatur\u201d nur zu bekannt vorkamen, rechtfertigt und erfordert das vielf\u00e4ltige Spektrum an Besucher*innen die Behandlung dieser. 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