{"id":671,"date":"2015-07-20T20:00:41","date_gmt":"2015-07-20T18:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/?p=671"},"modified":"2015-09-10T11:07:04","modified_gmt":"2015-09-10T09:07:04","slug":"distorted-sounds-verzerrte-klangidentitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/distorted-sounds-verzerrte-klangidentitaeten\/","title":{"rendered":"Distorted Sounds \u2013 Verzerrte Klangidentit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph Wald<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei Pop\u00admusik wird gern gefragt, ob ein Lied oder ein Album denn auch authen\u00adtisch sei. Der Begriff der Authen\u00adtiz\u00adit\u00e4t wird dabei mit unter\u00adschiedlichen Bedeu\u00adtun\u00adgen ver\u00adwen\u00addet, z.B. im Sinne ein\u00ader Unver\u00adf\u00e4lschtheit des k\u00fcn\u00adst\u00adlerischen Aus\u00addrucks. Ganz offen\u00adsichtlich ste\u00adhen nun aber zwis\u00adchen Musik\u00ader und H\u00f6r\u00ader unz\u00e4h\u00adlige Dinge: Abspiel\u00adger\u00e4te, Stream\u00ading\u00addi\u00aden\u00adste, Plat\u00adten\u00adfir\u00admen, Com\u00adput\u00ader, Mikro\u00adfone, Laut\u00adsprech\u00ader und nicht zulet\u00adzt Instru\u00admente. Auf\u00adgabe des Musik\u00aders w\u00e4re es also, seine \u201eBotschaft\u201c nicht von diesen Appa\u00adrat\u00aden kor\u00adrumpieren zu lassen. Dieses hier sehr pointiert skizzierte Span\u00adnungs\u00adfeld hat zu eige\u00adnar\u00adti\u00adgen Abstu\u00adfun\u00adgen in der Bew\u00ader\u00adtung musikalis\u00adch\u00ader Tech\u00adnolo\u00adgie gef\u00fchrt: LPs seien authen\u00adtis\u00adch\u00ader als mp3s, R\u00f6hren\u00adver\u00adst\u00e4rk\u00ader authen\u00adtis\u00adch\u00ader als Tran\u00adsis\u00adtorver\u00adst\u00e4rk\u00ader, Akustikgi\u00adtar\u00adren authen\u00adtis\u00adch\u00ader als E\u2011Gitarren. Das vari\u00adiert in den unter\u00adschiedlichen Gen\u00adres, denn selb\u00adstver\u00adst\u00e4ndlich sind E\u2011Gitarren in der Rock\u00admusik und Drum-Machines im Hip-Hop unverzicht\u00adbar \u2013 man muss halt die \u201erichti\u00adgen\u201c, also die tra\u00addi\u00adtionell bew\u00e4hrten Instru\u00admente und Ger\u00e4te ver\u00adwen\u00adden. Die Grun\u00addidee ein\u00ader Unter\u00adschei\u00addung in mehr oder weniger ver\u00adf\u00e4lschende Tech\u00adnolo\u00adgie bleibt dieselbe. Dahin\u00adter ste\u00adht ver\u00admut\u00adlich die Besorg\u00adnis, dass die entschei\u00adden\u00adden Merk\u00admale des klin\u00adgen\u00adden Ergeb\u00adniss\u00ades nicht mehr voll\u00adst\u00e4ndig auf Aktiv\u00adit\u00e4ten des Musik\u00aders zur\u00fcck\u00adge\u00adf\u00fchrt wer\u00adden k\u00f6n\u00adnten. In let\u00adzter Kon\u00adse\u00adquenz w\u00fcrde das schlie\u00dflich seine Aus\u00adtauschbarkeit bedeuten.<br>\n<!--more--><br>\nIch m\u00f6chte als Beispiel einen Blick auf das wichtig\u00adste Effek\u00adt\u00adger\u00e4t des E\u2011Gitarristen wer\u00adfen, den Verz\u00ader\u00adrer. Hier wird ein\u00ader\u00adseits beson\u00adders deut\u00adlich, wie stark die Klangver\u00e4n\u00adderun\u00adgen sein k\u00f6n\u00adnen, f\u00fcr die Musik\u00ader let\u00adz\u00adtendlich nur einen (Fu\u00df-)Schalter bedi\u00adenen m\u00fcssen. Ander\u00ader\u00adseits kann beobachtet wer\u00adden, wie die Effek\u00adte von den Musik\u00adern trotz\u00addem nicht als Bedro\u00adhung ihrer k\u00fcn\u00adst\u00adlerischen Iden\u00adtit\u00e4t ver\u00adstanden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was ist ein Verzerrer?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei der gew\u00f6hn\u00adlichen Wieder\u00adgabe von Musik gilt Verz\u00ader\u00adrung (Dis\u00adtor\u00adtion), wie sie etwa bei \u00fcber\u00adbe\u00adlasteten Lap\u00adtop-Laut\u00adsprech\u00adern auftritt, als deut\u00adliche Tr\u00fcbung des H\u00f6rvergn\u00fc\u00adgens. Auch bei der Ver\u00adst\u00e4rkung von E\u2011Gitarren war dies zun\u00e4chst ein unge\u00adwolltes Ph\u00e4nomen. Wenn die Laut\u00adst\u00e4rke des Ver\u00adst\u00e4rk\u00aders erh\u00f6ht wird, erre\u00adicht dieser irgend\u00adwann seine Leis\u00adtungs\u00adgren\u00adze. Dadurch k\u00f6n\u00adnen die umge\u00adwan\u00addel\u00adten Schall\u00adwellen nicht mehr 1:1 ver\u00adst\u00e4rkt wer\u00adden. Jew\u00adeils an den Hoch- und Tief\u00adpunk\u00adten des Drucks wer\u00adden die Wellen beschnit\u00adten und es entste\u00adhen neue Wellen\u00adfor\u00admen, die ein erweit\u00adertes Klangspek\u00adtrum aufweisen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Gitar\u00adris\u00adten gef\u00e4llt an diesem neuen Spek\u00adtrum vor allem zweier\u00adlei: Es ist dichter (\u201efet\u00adter\u201c) und die T\u00f6ne klin\u00adgen l\u00e4nger aus, was man z.B. in den als weg\u00adweisend ange\u00adse\u00adhen Auf\u00adnah\u00admen <a href=\"http:\/\/www.allmusic.com\/album\/bluesbreakers-with-eric-clapton-mw0000650476\" target=\"_blank\">Eric Clap\u00adtons von 1966<\/a> h\u00f6ren kann. Zur Akzep\u00adtanz dieser neuen Klan\u00adglichkeit hat zu Beginn unter anderem die \u00c4hn\u00adlichkeit mit kr\u00e4ftig gespiel\u00adten Sax\u00ado\u00adpho\u00adnen gef\u00fchrt<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Im weit\u00aderen Ver\u00adlauf der tech\u00adnisch-musikalis\u00adchen Entwick\u00adlung gab es nun das Prob\u00adlem, dass man f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfer wer\u00addende Pub\u00adlikum lautere Ver\u00adst\u00e4rk\u00ader ben\u00f6tigte, die man dann aber auch wieder ganz laut stellen musste, um die gew\u00fcn\u00adschte Verz\u00ader\u00adrung zu bekom\u00admen. Ein L\u00f6sungsver\u00adsuch war die Kon\u00adstruk\u00adtion von kleinen Ger\u00e4ten mit weni\u00adgen Drehre\u00adglern und einem Fu\u00dfschal\u00adter, die zwis\u00adchen Gitarre und Ver\u00adst\u00e4rk\u00ader geschal\u00adtet wur\u00adden und den Verz\u00ader\u00adrungsklang unab\u00adh\u00e4ngig von der Laut\u00adst\u00e4rke des Ver\u00adst\u00e4rk\u00aders repro\u00adduzieren soll\u00adten. Tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich klan\u00adgen sie aber anders, wie dieses Wer\u00adbe\u00adv\u00adideo von 1962 f\u00fcr das erste in Serie pro\u00adduzierte Ger\u00e4t zeigt. Deut\u00adlich erkennbar ist das Bem\u00fchen, die Klang\u00adfarbe zu verorten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span class=\"youtube\"><iframe title=\"YouTube video player\" class=\"youtube-player\" type=\"text\/html\" width=\"425\" height=\"344\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/VAWwBEx3Qkc?wmode=transparent&amp;fs=1&amp;hl=en&amp;modestbranding=1&amp;iv_load_policy=3&amp;showsearch=0&amp;rel=1&amp;theme=dark\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr die s\u00e4gende Klang\u00adfarbe dieser ersten Verz\u00ader\u00adrer hat sich der Begriff \u201eFuzz\u201c etabliert. Seit\u00addem hat sich struk\u00adturell eigentlich nichts wirk\u00adlich Entschei\u00adden\u00addes ver\u00e4n\u00addert. Nach wie vor wer\u00adden neue Ger\u00e4te entwick\u00adelt, die bekan\u00adnte Verz\u00ader\u00adrungstypen imi\u00adtieren und opti\u00admieren, sel\u00adtener auch welche, die neue Verz\u00ader\u00adrungstypen etablieren wollen. Nach wie vor ori\u00aden\u00adtieren sich Gitar\u00adris\u00adten am Klangide\u00adal des \u00fcber\u00ads\u00adteuerten R\u00f6hren\u00adver\u00adst\u00e4rk\u00aders und nutzen die un\u00fcber\u00adschaubare Vielfalt der Effek\u00adt\u00adger\u00e4te als Baukas\u00adten f\u00fcr das Fein\u00adtun\u00ading des eige\u00adnen Sounds.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Verz\u00ader\u00adrer ver\u00e4n\u00addern die&nbsp;Musik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zwei Beispiele f\u00fcr die unmit\u00adtel\u00adbare Ver\u00e4n\u00adderung des Klangs, die durch das Anschal\u00adten eines Verz\u00ader\u00adrers entste\u00adht. In den Klang\u00adbeispie\u00adlen erklin\u00adgen abwech\u00adsel\u00adnd Kl\u00e4nge ohne und mit dem Effekt<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>:<\/p>\n<table style=\"border: none !important\">\n<tbody>\n<tr style=\"text-align: justify\">\n<td width=\"240\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/bigmuff.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-689 size-medium aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/bigmuff-225x300.jpg\" alt=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/bigmuff-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/bigmuff-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\"><\/a><\/td>\n<td width=\"240\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geigercounter.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-687 size-medium aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geigercounter-225x300.jpg\" alt=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geigercounter-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geigercounter-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\"><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"240\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-671-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/big_muff.mp3?_=1\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/big_muff.mp3\">https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/big_muff.mp3<\/a><\/audio><\/td>\n<td width=\"240\"><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-671-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geiger_counter.mp3?_=2\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geiger_counter.mp3\">https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/files\/2015\/07\/geiger_counter.mp3<\/a><\/audio><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"240\"><a href=\"http:\/\/www.ehx.com\/products\/big-muff-pi\" target=\"_blank\">\u201eBig Muff\u201c<\/a><\/td>\n<td width=\"240\"><a href=\"https:\/\/www.wmdevices.com\/geiger.php\" target=\"_blank\">\u201eGeiger Counter\u201c<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify\">Der \u201eBig Muff\u201c, ein gut 45 Jahre altes Ger\u00e4t, ist eines der am weitesten ver\u00adbre\u00adit\u00adeten Verz\u00ader\u00adrer. Eine recht \u00fcber\u00adsichtliche Bedi\u00adenung erm\u00f6glicht Anpas\u00adsun\u00adgen des Grund\u00adklangs, der aber immer zu erken\u00adnen bleibt und eine etwas untyp\u00adis\u00adche Vari\u00adante des Fuzz darstellt. Der \u201eGeiger Counter\u201c der Fir\u00adma <span class=\"caps\">WMD<\/span> stammt aus dem Jahr 2012. Es han\u00addelt sich um einen Bit Crush\u00ader, der Verz\u00ader\u00adrun\u00adgen mit der Reduk\u00adtion von Sam\u00adple- und Bitrate pro\u00adduziert. Zahlre\u00adiche Bedi\u00adenele\u00admente und 252 gespe\u00adicherte Waveta\u00adbles erm\u00f6glichen eine gro\u00dfe Band\u00adbre\u00adite an Kl\u00e4n\u00adgen, deren dig\u00adi\u00adtale Herkun\u00adft zumeist sehr deut\u00adlich zu h\u00f6ren ist. Die Klangver\u00e4n\u00adderun\u00adgen sind umfassend, um unver\u00adf\u00e4lscht\u00aden Klang geht es wohl eher nicht. Mit dem \u201eBig Muff\u201c k\u00f6n\u00adnte man sich immer\u00adhin auf den in der Rock\u00admusik als pro\u00adto\u00adtyp\u00adisch ange\u00adse\u00adhenen Klang der 70er Jahre berufen, Authen\u00adtiz\u00adit\u00e4t als Tra\u00addi\u00adtion also. Au\u00dfer\u00addem beste\u00adht der \u201eBig Muff\u201c im Grunde nur aus einem Schal\u00adter, so dass er den K\u00fcn\u00adstler nicht sein\u00ader artis\u00adtis\u00adchen Kon\u00adtrolle berauben kann \u2013 schlie\u00dflich hat ein Lichtschal\u00adter ja wohl auch keinen Ein\u00adfluss darauf, ob er bedi\u00adent wird oder nicht<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Anders beim \u201eGeiger Counter\u201c, der f\u00fcr die aller\u00admeis\u00adten eine Black Box sein wird. Es existiert zwar eine Tabelle aller Waveta\u00adbles, aber was genau diese eigentlich mit dem resul\u00adtieren\u00adden Klang zu tun haben, bleibt ohne gr\u00fcndlich\u00ades Vor\u00adwis\u00adsen v\u00f6l\u00adlig unklar. Die Her\u00adsteller geben fol\u00adgende Infor\u00adma\u00adtion: <a href=\"https:\/\/www.wmdevices.com\/geiger.php\" target=\"_blank\">\u201eThe wave table stage takes your sig\u00adnal and destroys it with math.\u201c<\/a>. Die Klange\u00adin\u00adstel\u00adlung erfol\u00adgt hier also fast auss\u00adchlie\u00dflich nach dem Geh\u00f6r in ein\u00ader Feed\u00adbackschleife mit dem Ger\u00e4t. Wer eine eigene Klangvorstel\u00adlung real\u00adisieren will, muss bere\u00adits einen Lern\u00adprozess mit dem \u201eGeiger Counter\u201c durch\u00adlaufen haben, der sein\u00ader\u00adseits aber wieder die Klangvorstel\u00adlun\u00adgen bee\u00adin\u00adflusst haben&nbsp;wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus der Kurze\u00adin\u00adf\u00fchrung in die His\u00adto\u00adrie der Verz\u00ader\u00adrungskl\u00e4nge d\u00fcrfte deut\u00adlich gewor\u00adden sein, dass auch hier keine lin\u00adearen Ver\u00adh\u00e4lt\u00adnisse vor\u00adliegen. Die Bed\u00fcrfnisse der Musik\u00ader und die M\u00f6glichkeit\u00aden der Instru\u00admente inter\u00adagieren vielmehr. Mal ste\u00adhen die Bed\u00fcrfnisse an erster Stelle (Laut\u00adst\u00e4rke), mal die M\u00f6glichkeit\u00aden der Ger\u00e4te (Verz\u00ader\u00adrun\u00adgen). Tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich ver\u00e4n\u00adderte die neue Klang\u00adfarbe auch die Spiel\u00adweise der Gitar\u00adris\u00adten. Wer bei hoher Verz\u00ader\u00adrung Akko\u00adrde mit mehreren unter\u00adschiedlichen T\u00f6nen spielt, muss fest\u00adstellen, dass nicht nur das Klangspek\u00adtrum jedes einzel\u00adnen Tons erweit\u00adert wird, son\u00addern auch, dass die Klangspek\u00adtren inter\u00adagieren und Dis\u00adso\u00adnanzen entste\u00adhen. In Inter\u00adak\u00adtion mit ihren Verz\u00ader\u00adrern spie\u00adlen viele Gitar\u00adris\u00adten daher nur noch zwei unter\u00adschiedliche T\u00f6ne gle\u00adichzeit\u00adig, hier ein sehr fr\u00fch\u00ades Beispiel von den <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fTTsY-oz6Go\" target=\"_blank\"> Kinks (1964)<\/a>. Damit wird die Dif\u00adferen\u00adzierung der Akko\u00adrde vom Griff\u00adbrett in das Effek\u00adt\u00adger\u00e4t ver\u00adlegt. Diese Spiel\u00adweise ist entschei\u00addend f\u00fcr neue Spielarten der Rock\u00admusik in den 70ern, Punk und (Heavy) Met\u00adal, so dass man streng genom\u00admen die Ger\u00e4te hier als Mit\u00adbe\u00adgr\u00fcn\u00adder nen\u00adnen m\u00fcsste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Hand\u00adlungs\u00admacht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie gehen nun die K\u00fcn\u00adstler damit um, dass ihre Entschei\u00addun\u00adgen und Vorstel\u00adlun\u00adgen von den Ger\u00e4ten bee\u00adin\u00adflusst wer\u00adden? Dazu nur einige erste Beobach\u00adtun\u00adgen. Bere\u00adits das Design und die Namen der Ger\u00e4te geben Hin\u00adweise auf ein Ver\u00adst\u00e4nd\u00adnis, das der Kon\u00adsument qua\u00adsi mitkauft. Die Ver\u00adwen\u00addung des \u201eGeiger Counter\u201c scheint man dem (wis\u00adsenschaftlichen) Umgang mit gef\u00e4hrlichen Sub\u00adstanzen gle\u00adichzuset\u00adzen. Dies ist durch die Far\u00adbge\u00adbung und das Atom\u00adsym\u00adbol visuell umge\u00adset\u00adzt. Beim \u201eBig Muff\u201c ver\u00adweist die Titel\u00adge\u00adbung<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> auf eine m\u00e4nnlich dominierte, an Sex\u00adis\u00admen nicht eben arme Kul\u00adtur der Rock\u00admusik. Wer diese ersten Beobach\u00adtun\u00adgen in der Wer\u00adbung, Reviews der Fach\u00adpresse, Inter\u00adviews mit K\u00fcn\u00adstlern, Foren\u00adbeitr\u00e4\u00adgen usw. fort\u00adset\u00adzt, wird hier ein generelles Muster ver\u00admuten. Das Ver\u00adh\u00e4lt\u00adnis K\u00fcnstler\u2013Technologie erscheint als asym\u00admetrisches Herrschaftsver\u00adh\u00e4lt\u00adnis. Dazu wer\u00adden metapho\u00adrische \u00dcber\u00adtra\u00adgun\u00adgen aus ein\u00adschl\u00e4gi\u00adgen Bere\u00adichen bem\u00fcht, beispiel\u00adweise erscheint das Ger\u00e4t als wildes, <a href=\"http:\/\/www.zvex.com\/products\/woolly-mammoth\" target=\"_blank\">ungez\u00e4hmtes Tier<\/a> oder gle\u00adich als <a href=\"http:\/\/www.ibanez.com\/reviews\/Review_TK999HT.html\" target=\"_blank\">Poten\u00adtat<\/a>. Eben\u00adso h\u00e4u\u00adfig wird der Verz\u00ader\u00adrer als Hil\u00adf\u00ads\u00admit\u00adtel zur Steigerung der Potenz <a href=\"http:\/\/www.thomann.de\/de\/prod_review_8857_AR_159851.html\" target=\"_blank\">(\u201eVia\u00adgra f\u00fcr den Amp\u201c)<\/a>, der Schlagkraft oder als wis\u00adsenschaftlich\u00ades Instru\u00adment konzep\u00adtu\u00adal\u00adisiert. Sp\u00e4testens an dieser Stelle m\u00fcsste nun genauer unter\u00adschieden wer\u00adden, welche Rolle K\u00fcn\u00adstlern, Effek\u00adt\u00adger\u00e4ten, Ver\u00adst\u00e4rk\u00adern sowie dem \u201eSound\u201c in den Szenar\u00adien jew\u00adeils zugeschrieben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Frage nach der Agency oder Hand\u00adlungs\u00admacht von musikalis\u00adch\u00ader Tech\u00adnolo\u00adgie, Instru\u00admenten und hier konkret den Verz\u00ader\u00adrern ist also min\u00addestens zweis\u00adchichtig. Zun\u00e4chst sind die Ger\u00e4te unmit\u00adtel\u00adbar und mit\u00adtel\u00adbar (\u00fcber eine Beschr\u00e4nkung der M\u00f6glichkeit\u00aden) an der Klang\u00adpro\u00adduk\u00adtion beteiligt. Zweit\u00adens sind sie aber auch Bausteine des Sounds in einem Sinne, der Sound nicht rein physikalisch-akustisch ver\u00adste\u00adht son\u00addern als eine Art Klangi\u00adden\u00adtit\u00e4t, in der auch visuelle oder sprach\u00adliche Fak\u00adtoren entschei\u00addend mitwirken. Die Ger\u00e4te wer\u00adden nicht nur zur Klanggestal\u00adtung son\u00addern auch zum <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Self-fashioning\" target=\"_blank\">self-fash\u00adion\u00ading<\/a> (Stephen Green\u00adblatt) ver\u00adwen\u00addet, was sich zum Beispiel <a href=\"http:\/\/lmgtfy.com\/?q=my+pedalboard\" target=\"_blank\">im Netz<\/a> gut nachvol\u00adlziehen l\u00e4sst. Auch hier sind also M\u00f6glichkeit\u00aden der Pro\u00adduk\u00adtion vorgegeben, dies\u00admal der Sin\u00adnpro\u00adduk\u00adtion. Es ist fraglich, ob die Pro\u00adduk\u00adtion\u00adsebe\u00adnen in der Prax\u00adis zu tren\u00adnen&nbsp;sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Christoph Wald, Jahrgang 1982, studierte Musik\u00adwis\u00adsenschaft, Philoso\u00adphie und Psy\u00adcholo\u00adgie an der Uni\u00adver\u00adsit\u00e4t W\u00fcrzburg. Er arbeit\u00adet als wis\u00adsenschaftlich\u00ader Mitar\u00adbeit\u00ader am <a href=\"https:\/\/tu-dresden.de\/die_tu_dresden\/fakultaeten\/philosophische_fakultaet\/ikm\/muwi\/mitarbeiter\/wald\" target=\"_blank\">Insti\u00adtut f\u00fcr Kun\u00adst- und Musik\u00adwis\u00adsenschaft<\/a> der TU-Dres\u00adden. Seine dem\u00adn\u00e4chst erscheinende Dok\u00adtorar\u00adbeit unter\u00adsucht die Wieder\u00adhol\u00adun\u00adgen in den sp\u00e4teren Instru\u00admen\u00adtal\u00adw\u00aderken Franz Schuberts.<\/em><\/p>\n<hr>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wer es genauer wis\u00adsen will, find\u00adet <a href=\"https:\/\/www.geofex.com\/effxfaq\/distn101.htm\" target=\"_blank\">hier<\/a> eine eher tech\u00adnis\u00adche und <a href=\"https:\/\/www.easyeartraining.com\/learn\/hearing-effects-distortion-effects-part-1\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> eine anwen\u00adderor\u00adi\u00aden\u00adtierte Einf\u00fchrung.<br>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. f\u00fcr die par\u00adal\u00adle\u00adlen klan\u00adglichen Ver\u00e4n\u00adderun\u00adgen in Stimm\u00adbe\u00adhand\u00adlung, Gitar\u00adren\u00adver\u00adst\u00e4rkung und Sax\u00adophon\u00adspiel Hicks, Michael (1999): Six\u00adties Rock. Garage, Psy\u00adche\u00addel\u00adic and, Oth\u00ader Sat\u00adis\u00adfac\u00adtions. Urbana and Chica\u00adgo, ins\u00adbes. die Kapi\u00adtel \u201eThe Against-the-Grain of the Voice\u201c und \u201eThe&nbsp;Fuzz\u201c.<br>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> F\u00fcr den Big Muff wurde ein Orange <span class=\"caps\">OR<\/span> 120 mit der Mar\u00adshall\u00adbox <span class=\"caps\">1960A<\/span>, f\u00fcr den Geiger Counter ein Sound City <span class=\"caps\">B100<\/span> mit der dazuge\u00adh\u00f6ri\u00adgen Box ver\u00adwen\u00addet. Aufgenom\u00admen wurde jew\u00adeils mit einem <span class=\"caps\">MD<\/span> 421, gespielt wurde der der Steg-Pick\u00adup ein\u00ader g\u00fcn\u00adsti\u00adgen Tele\u00adcast\u00aderkopie, auf Drop\u2011H gestimmt.<br>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Dage\u00adgen sollte man ein\u00adwen\u00adden, dass bere\u00adits Objek\u00adte, die ein\u00adfach nur da sind als Akteure fungieren k\u00f6n\u00adnen, so etwa die Boden\u00adschwelle zur Reg\u00adulierung der Geschwindigkeit (vgl. Latour, Bruno (2002): Die Hoff\u00adnung der Pan\u00addo\u00adra. Unter\u00adsuchun\u00adgen zur Wirk\u00adlichkeit der Wis\u00adsenschaft. Frank\u00adfurt a.M.) oder auch die Innenein\u00adrich\u00adtung von B\u00fcros (vgl. Robert Schmidt (2012): Sozi\u00adolo\u00adgie der Prak\u00adtiken. Konzep\u00adtionelle Stu\u00addi\u00aden und empirische Analy\u00adsen. Frank\u00adfurt a.M., 130\u2013155).<br>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/de.urbandictionary.com\/define.php?term=muff\" target=\"_blank\">urbandictionary.com \u201cMuff\u201d<\/a><\/p>\n<p><em>Dies war ein Beitrag von Christoph Wald im Vor\u00adtrags\u00adblock \u201cJugend\u00adkul\u00adtur\u201d der Tagung <a title=\"Widerhall und neue T\u00f6ne\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/widerhall-und-neue-toene\/\" target=\"_blank\">\u201cKlang und Iden\u00adtit\u00e4t\u201d<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Wald Bei Pop\u00admusik wird gern gefragt, ob ein Lied oder ein Album denn auch authen\u00adtisch sei. Der Begriff der Authen\u00adtiz\u00adit\u00e4t wird dabei mit unter\u00adschiedlichen Bedeu\u00adtun\u00adgen ver\u00adwen\u00addet, z.B. im Sinne ein\u00ader Unver\u00adf\u00e4lschtheit des k\u00fcn\u00adst\u00adlerischen Aus\u00addrucks. Ganz offen\u00adsichtlich ste\u00adhen nun aber \u2026 <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/distorted-sounds-verzerrte-klangidentitaeten\/\">Weit\u00ader\u00adlesen <span class=\"meta-nav\">\u2192<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2205,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false},"categories":[10],"tags":[52,49,50,51],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/671"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2205"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=671"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":802,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/671\/revisions\/802"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/klangidentitaet\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}