{"id":292,"date":"2021-12-17T15:17:10","date_gmt":"2021-12-17T14:17:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/?page_id=292"},"modified":"2021-12-23T11:15:18","modified_gmt":"2021-12-23T10:15:18","slug":"asja-bakic","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/uebersetzungen\/asja-bakic\/","title":{"rendered":"Asja Baki\u0107"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>1740<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sitze auf der Veranda meines Hauses. Schrecklich schwitze ich. Vilko hat mir letztes Mal, als er zu Besuch gekommen ist, Deodorant und ein Spray gegen M\u00fccken und Kakerlaken dagelassen, aber ich verwende sie sparsam. Der Schwei\u00df meiner Achseln erinnert mich an die Literatur, mit der ich mir die Tage verk\u00fcrze. Schmierige Liebesprosa, ab und an Dostojewski (wegen dem ich aus Verlegenheit schwitze) und selten, wenn ich Kraft hernehme, Naturkunde und Geschichte, Erz\u00e4hlungen \u00fcber Tiere, \u00fcber die vergangene Zeit und ausgestorbene Arten. Von diesem Stoff schwitze ich am meisten, aber ich tue so, als ob der Schwei\u00df wegen der Schw\u00fcle ausbricht und nicht wegen des Buches, das ich lese. Sogar vor Vilko, den ich seit Jahren kenne, verstelle ich mich. Als meine Mutter lebte, sprach sie dar\u00fcber, dass sie keine Zeit f\u00fcr B\u00fccher hat, weil sie etwas Besseres zu tun hat. Und deshalb mochte auch ich das Lesen nicht, aber jetzt habe ich alle Zeit der Welt daf\u00fcr. Ich muss sie irgendwie ausnutzen. Der Mensch ist keine ausgestorbene Art aus einer entfernten Vergangenheit, von den eigenen Bem\u00fchungen bedroht, um jeden Preis zu \u00fcberleben. Menschen k\u00f6nnen alles und jedes \u00fcberleben, und wenn ich den ganzen Tag aufz\u00e4hlen m\u00fcsste, was sie alles \u00fcberleben, w\u00e4re ich wahrscheinlich an Tr\u00fcbsal gestorben. Ich stecke meinen Kopf in B\u00fccher und stelle mir vor, dass sie in diesen Momenten einen Sinn haben. Ich will nicht nachdenken, darum lese ich. Ich schlucke die Buchstaben. Ein Schwei\u00dftropfen l\u00e4uft mir \u00fcber die Wange. Ich sage Schwei\u00dftropfen, aber nat\u00fcrlich l\u00fcge ich. Ich bin keine bedrohte Art, weil ich l\u00fcge, aber das L\u00fcgen hilft mir zu \u00fcberleben. Ich l\u00fcge mein ganzes Leben. Ich wei\u00df nicht, was genau ich lese, eine historische L\u00fcge, Beschreibungen von Wohlstand aus legend\u00e4rer Vergangenheit, etwas \u00fcber das Westr\u00f6mische Reich. <em>Satyricon<\/em> von Petronius? Die Buchstaben sehen tr\u00fcb aus, ich schwitze so sehr, dass ich sie nicht mehr klar sehen kann. Erbsengro\u00dfe Schwei\u00dftropfen fallen auf das Papier. Mit dem Baumwolltaschentuch, das auf der Seite des Holztischchens liegt, trockne ich mir die Augen. Bevor es mir gelingt, mit dem Lesen fortzufahren, h\u00f6re ich den Klang eines Motors, und Vilko kommt mit dem Boot zu meinem Haus. Niemand sonst besucht mich, nur er und ab und zu Vi\u0161nja, seine Frau. Vilko hat mich \u00fcberredet, dass ich mich manchmal mit meinem Boot zu ihnen begebe, aber ich bin eine Ratte, die das Deck verlassen hat, um zu \u00fcberleben. Die \u00dcberflutungen haben mich ins Wochenendhaus getrieben. Sehr selten breche ich in die Stadt auf, um Dinge zu kaufen und dann kehre ich mit eingezogenem Schwanz zur\u00fcck \u2013 ich fahre fort, das Leben mit Literatur zu k\u00fcrzen, sofern es nur \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Haupts\u00e4chlich halte ich mich auf der Veranda auf, von der ich die verbleibenden Wochenendh\u00e4user und die M\u00fclldeponie sehe, die nicht weit von der Ortschaft liegen. Sie sch\u00fctten den Abfall schon nicht mehr hin, weil ihn das Wasser sowieso woandershin tr\u00e4gt. Momentan erstreckt sich hinter der M\u00fclldeponie ein Regenbogen. Ich starre zu ihm<em>.<\/em> Ich muss etwas anschauen, um mich zu beruhigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko kommt von der linken Seite, aber ich schaue weiterhin gerade vor mich hin. Das dreckige und feuchte Taschentuch habe ich auf den Boden geworfen. Ich habe es nicht geworfen, es ist mir aus der Hand gefallen, aber ich mag es mir vorzustellen, dass ich willentlich etwas tue, dass ich mich bem\u00fche. Als Vilko den Motor abstellt, h\u00f6rt man ein leichtes Schwappen des Wassers an den improvisierten Anlegesteg, an dem er schnell und lautlos sein Boot festbindet<em>.<\/em> Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass er einen Kasten mit etwas darin tr\u00e4gt, aber ich stehe nicht auf, um ihm zu helfen. Ich gehe ihm nicht entgegen, um ihn zu begr\u00fc\u00dfen. Ich hasse Menschen, sogar die, die ich als meine Freunde bezeichne. Eilenden Schrittes kommt Vilko an die Veranda.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHast du wieder geweint?\u00ab fragt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kommt immer gleich zum Punkt. Vielleicht bezeichne ich ihn genaudeshalb noch immer als Freund.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist vom Schwei\u00df\u00ab, l\u00fcge ich. \u00bbEs ist hei\u00df.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kopf tut mir weh. Vilko stellt den Kasten vor meine F\u00fc\u00dfe. Darin ist ein Laib Brot, etwas Schweineschmalz, Milch. Darunter ist noch etwas, aber ich r\u00fchre das Geschirrtuch, mit dem Vi\u0161nja die Lebensmittel abgedeckt hat, nicht an damit die Fliegen nicht darauf landen. Ich z\u00e4hle nur auf, was offensichtlich ist. Das, worauf ich immer z\u00e4hlen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja l\u00e4sst dir liebe Gr\u00fc\u00dfe ausrichten\u00ab, sagt Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schweige. Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass er sich die Gr\u00fc\u00dfe nur ausgedacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie konnte nicht kommen, weil sie arbeitet, aber sie hat dir einen Kuchen gebacken und schickt Honig aus L\u00f6wenzahn.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo hat sie den L\u00f6wenzahn gefunden?\u00ab frage ich \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAuf dem Markt<em>,<\/em> bei der Frau, bei der sie ihn immer kauft.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch l\u00fcgt, um zu \u00fcberleben, sagte ich bereits, aber ich wiederhole, er l\u00fcgt und l\u00fcgt, meistens bel\u00fcgt ersich selbst. Und jetzt steht Vilko hier und l\u00fcgt dar\u00fcber, dass der Ort, an dem Vi\u0161nja einkauft, ein weiterer Marktplatz ist, obwohl dieser Markt in keiner Verbindung zu dem steht, was wir als Markt bezeichnet haben. Ich sehe ihn an und beherrsche mich. Ich m\u00f6chte nicht, dass mir wieder der Schwei\u00df \u00fcber die Wange l\u00e4uft. Ich reibe mir nerv\u00f6s die Augen, sie jucken mich. Ich wei\u00df, dass sie rot sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWeine nicht\u00ab, sagt Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt nie etwas, um mich zu tr\u00f6sten, sondern nur, um sich selbst zu beruhigen. Wenn mir die Tr\u00e4nen kommen, kommen sie auch ihm, vielleicht nicht jetzt, aber wenn er wieder im Boot sitzt und zur\u00fcck nach Hause f\u00e4hrt, wird er weinen. Er wird sich selbst eingestehen, dass es den Markt nicht mehr gibt, dass Vi\u0161nja den L\u00f6wenzahn an einem Ort gekauft hat, der dem Marktplatz nicht \u00e4hnlich ist. Monokulturen, die Nahrung f\u00fcr uns sind, brauchen keinen Marktplatz. Er wei\u00df das. Wenn Vilko jetzt nicht anf\u00e4ngt zu weinen, dann ist das nur ein Zeichen, dass er geweint hat, bevor er zu mir gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja schickt dir ein Buch\u00ab, sagt er, w\u00e4hrend er im Kasten w\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schiebt mir den Titel in die H\u00e4nde. Ich schaue mir an, was er mir gegeben hat. Nina Epton, <em>Love and the French<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb<em>Franzosen und Liebe<\/em>. Das habe ich bereits.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSchade\u00ab, sagt Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo hat sie es gefunden?\u00ab frage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBei der gleichen Frau, bei der sie den L\u00f6wenzahn gekauft hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe ihm das Buch nicht zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDieses Buch ist besser erhalten als meins, sag ihr danke.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe, wie es ihn freut, dass ich das Buch behalten werde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie wei\u00df, dass du dieses Thema und das achtzehnte Jahrhundert magst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja wei\u00df alles\u00ab, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko nickt, aber ich bin sicher, dass ihn mein zynischer Ton gest\u00f6rt hat. Er sitzt auf dem Stuhl neben meinem, obwohl ich ihn ihm nicht angeboten habe. Wir sind alte Freunde, er muss nicht mehr fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie hat auch ein paar B\u00fccher \u00fcber die Geschichte von Prostitution gefunden, aber die Einb\u00e4nde waren feucht, deshalb hat sie sie nicht genommen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas w\u00e4ren zu viele B\u00fccher auf einmal gewesen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch wei\u00df, aber sie sagt du hast viele davon aufzuholen, weil du vor der Erderw\u00e4rmung nicht gelesen hast.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie ich schon sagte, deine Vi\u0161nja wei\u00df alles.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Absichtlich warf ich das \u201edeine\u201c ein, um zu sehen, wie Vilko darauf reagiert, aber er sitzt und schweigt. Wir sitzen in Stille. Ich betrachte Vi\u0161njas und sein Boot. Sie haben es erneut umbenannt. Erst stand Vi\u0161nja darauf geschrieben, dann haben sie es \u00fcberlackiert und Albertina genannt. Jetzt hei\u00dft es nur noch \u201eBoot\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKonntet ihr euch nicht auf einen Namen einigen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlbertina ist ein sch\u00f6ner Name, aber ich bin nicht sicher, ob er dieser Klapperkiste gerecht wird.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBoot?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas war Vi\u0161njas Idee.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNat\u00fcrlich\u00ab sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu kennst sie und ihren Sinn f\u00fcr Humor.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEr war schon immer f\u00fcrchterlich\u00ab, antworte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schauten zur M\u00fclldeponie. Ich wusste, dass wir uns nicht die ganze Zeit nur \u00fcber Vi\u0161nja unterhalten k\u00f6nnen. Es sollte sich zeigen wer von uns beiden als erstes die Kraft sammeln wird, um das Thema anzusprechen, weswegen Vilko gekommen ist. F\u00fcr die Lebensmittel konnte ich auch allein losgehen. Es ging um etwas Gr\u00f6\u00dferes, etwas sehr viel wichtigeres. Vilko zuckte angespannt mit seinem Bein. Das tat er immer, wenn er nerv\u00f6s war. Er brauchte etwas Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Ich hatte ein Jammern erwartet, aber er \u00fcberraschte mich. Seine Stimme war aufgeregt, nahezu fr\u00f6hlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch denke, wir sind nah dran\u00ab, sagt er. \u00bbNoch ein paar Wochen und die Maschine wird fertig sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMachst du Witze? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja hat die ganze Nacht am Programm gearbeitet. Deshalb ist sie nicht gekommen. Fink und Gmaz sind bei ihr. Noch ein bisschen und dann ist es uns gelungen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBist du dir sicher?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte meinen eigenen Ohren nicht glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Code, den du \u00fcberarbeitet hast, funktioniert.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich erinnerte mich an die Zahlenfolge, die ich auf ein St\u00fcck fettiges Papier geschrieben hatte, in dem mir Vi\u0161njaSpeck eingewickelt hat. Meine Schriftz\u00fcge waren in Sch\u00f6nschrift, aber die Reihen des Codes unaufmerksam geschrieben, klangen wie Albertina, sch\u00f6n aber viel zu unangebracht f\u00fcr die Situation, in der wir uns befanden. Ich wei\u00df nicht, woher mir die Erleuchtung \u00fcberhaupt gekommen ist. Selten hatte ich in letzter Zeit den Computer eingeschaltet<em>.<\/em> Ich wollte nicht Tag und Nacht auf das Programm sehen, welches Gmaz und Vi\u0161nja geschrieben haben. Es kam mir schwerf\u00e4llig vor, ebenso wie es der versunkene Balkan gewesen war: Eine Perle hier und dort, alles \u00dcbriggebliebene ist \u00fcberschwemmendes und stinkendes Wasser, worauf der M\u00fcll schwimmt. Ich schaute jetzt in dieses Wasser, \u00fcberrascht. Ich wusste nicht, was ich f\u00fchle. Sowohl \u00dcberschwemmungen als auch Rechenprogramme sind die Frucht des menschlichen K\u00f6nnens. Wie konnten wir solche sch\u00f6nen und h\u00e4ssliche Dinge gleichzeitig tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko hetzte mich nicht zu sprechen. Er wusste, dass ich unter Schock stehe. Mit meinem Blick fixierte ich eine rote Ankerboje, die mir jemand aus der Verwandtschaft in einem Paket mit einem Fischernetz, K\u00f6der und Angelrute geschickt hat. Der Wasserpegel war h\u00f6her als zuvor, und ich wachte oft auf, erschreckt von dem Brausen. Ich f\u00fcrchtete von da an, dass der Wasserstand lautlos ansteigt und dass er uns alle im Schlaf \u00fcberschwemmt. Es war die Frage, ob es mir gelungen war, den Teil von Gmaz\u2018 Code zu verbessern, weil ich erschrocken war, wie ich zu Vi\u0161nja zuerst behauptet habe, oder weil ich um jeden Preis zum verlogenen Gef\u00fchl der Sicherheit zur\u00fcckkehren wollte. Ich starrte auf die Ankerboje und das Wasser als schaute ich weit in die Zukunft. Ich vermied mein eigenes Spiegelbild im Wasser, weil mir au\u00dfer \u00dcberschwemmungen nur das menschliche Abbild unheimlich war. Meine Gedanken irrten, ich wusste nicht was ich sagen soll. Ich wollte nicht \u00fcber Vilkos Worte nachdenken. Sie waren zu bedeutsam. Ich dachte zum Beispiel lieber dar\u00fcber nach, warum ich fr\u00fcher nicht gerne ans Meer gegangen war und es jetzt bis zu meinem Haus gekommen ist. Ich wusste nicht mal, wie man angelt. Es gab auch fast keine Fische. Die auf die Veranda geworfene Angelausr\u00fcstung erinnert mich nur noch mehr daran, dass ich ausgestattet bin, aber dennoch habe ich Rute und Netz aufbewahrt. Ich habe nichts mehr in den M\u00fcll geworfen, weil ich wusste, dass weggeworfene Sachen auf dem Wasser wieder zur Eingangst\u00fcr zur\u00fcckkommen w\u00fcrden. Der Mensch kann sich nirgends mehr vor seinen eigenen Fehlern verstecken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch dachte nicht, dass es funktionieren wird\u00ab, sagte ich Vilko nach langem Schweigen. Ich war davon \u00fcberzeugt, dass es das nicht tun w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hochwasser arbeiteten Vi\u0161nja, Vilko und ich am Ru\u0111er-Bo\u0161kovi\u0107-Institut. Ich besch\u00e4ftigte mich mit theoretischer Physik, aber unter der Hand programmierte ich auch, weil meine Eltern das Geld liebten und sich w\u00fcnschten, dass auch ich es so sehr liebte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu tendierst zu sehr zur Abstraktion\u00ab, sagte meine Mama.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wollte, dass ich mich f\u00fcr Wirtschaft und Management einschreibe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGeld ist im Geld\u00ab, f\u00fcgte sie hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Papa stimmte zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHauptsache, sie hat sich nicht f\u00fcr Humanistik eingeschrieben\u00ab, sagte Mama der Verwandtschaft, w\u00e4hrend sie Schnaps brannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionelle Werte wurden auf dem Balkan immer gesch\u00e4tzt. Meine Eltern waren keine Ausnahme. Familie, Geld und Rakija. Der Rakija wurde immer bei uns gebrannt, im Wochenendhaus, in dem ich letztendlich zwangsl\u00e4ufig alleine wohne. Oft dachte ich an die Obstb\u00e4ume, die es nun nicht mehr gibt. An die Pflaumen-, Birnen- und Apfelb\u00e4ume. Ganz besonders an die Kirschb\u00e4ume. Die ganzen Schnapsvorr\u00e4te, die meine Eltern auf dem Dachboden hinterlassen hatten f\u00fcr den Fall, dass ich heirate, habe ich, genau auf dieser Veranda sitzend, getrunken, mit wahnsinniger Angst vor dem Ertrinken. Trinkwasser konnte ich finden, aber Schnaps gab es nirgendwo mehr. Manchmal erinnere ich mich an meine Eltern, aber an Alkohol denke ich st\u00e4ndig. Die Erinnerung an Rakija trieb mich dazu, den Code auf das fettige Papier zu schreiben, schwitzend und m\u00fcde. Der Schnaps fehlte mir schrecklich. Der Friedhof, auf dem meine Eltern begraben wurden, stand unter Wasser. Der Balkan stand unter Wasser. Das, was meinen Kopf \u00fcber Wasser gehalten hat, war der Gedanke an den Vi\u0161njevac, den Schnaps, der gleichzeitig bitter und s\u00fc\u00df war wie das Leben, wie das menschliche Wesen. Wenn der Rakija gut gebrannt war, bekam man von ihm keine Kopfschmerzen. Ich wollte mich betrinken, alles vergessen, zumindest f\u00fcr den Moment. Ich sah die M\u00fclldeponie Tag f\u00fcr Tag. Ich sah die Folgen. Ich wollte mich von ihnen distanzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie viele von uns k\u00f6nnen gleichzeitig in der Maschine sitzen?\u00ab fragte ich Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir f\u00fcnf. Fink und Gmaz k\u00f6nnen im hinteren Teil sitzen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVorher gab es nicht genug Platz f\u00fcr alle\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch wei\u00df\u201c, antwortete Vilko, \u201eaber Vi\u0161nja hat die Kontrolltafel versetzt und \u00fcberfl\u00fcssige Paneele ausgebaut. Wenn sie zusammenr\u00fccken, passen beide rein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd ich?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbF\u00fcr dich gibt es immer Platz.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBist du dir sicher?\u00ab fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko sah mich an. Er erkannte meine Sorge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja wird nicht widersprechen. Du hast ihr viel beim Code geholfen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch wei\u00df, aber\u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKein aber\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs gibt immer ein aber\u201c, korrigierte ich ihn. \u201eBesonders bei Vi\u0161nja.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Flasche Schnaps trank ich vorletztes Jahr. Ich durchw\u00fchlte den ganzen Dachboden, um eine verlorene oder vergessene Flasche zu finden, die vielleicht unter Mamas alte M\u00f6bel gerollt war, aber ich konnte keine finden. Vi\u0161nja und Vilko tranken nie, sie wollten bei klarem Verstand sein, n\u00fcchtern den menschlichen Untergang bezeugen. Sie waren weit edlere Leute als ich. Wissenschaft musste immer edel sein, aber ich besch\u00e4ftigte mich mit abstrakten Ideen, denen Edelmut nicht allzu viel bedeutete. Ideen sind schlechthin <em>Vergangenheit<\/em>. Die Idee des Fortschritts, zum Beispiel. Ich war schon immer f\u00fcr die Idee des Fortschritts, egal welcher Art. Immer wollte ich vorw\u00e4rts gehen. Ich k\u00fcmmerte mich nicht um das Geld, zumindest nicht auf eine Weise, wie sich das meine Eltern gew\u00fcnscht hatten, aber ich liebte es, weil der Fortschritt eng mit der Idee des Geldes verbunden war. Jede meiner abstrakten Ideen war eingespannt in die Realit\u00e4t des Geldes. Ich scheiterte als Wissenschaftlerin, aber verwirklichte michals Programmiererin. Ich verdiente Geld f\u00fcr andere, aber dann nur f\u00fcr mich selbst. Ich kaufte Immobilien, investierte in unterschiedliche Fonds und Firmen. Am Ende hatte ich so viel Geld, dass der Betrag auf meinem Bankkonto f\u00fcr Vilko und Vi\u0161nja v\u00f6llig unvorstellbar war. Dieses Geld hat keine Beziehung zur Wissenschaft, aber erh\u00f6hte die Temperatur der Luft um anderthalb Grad Celsius und vernichtete mein Leben. Was Menschen als abstrakt ansahen, wurde sehr konkret, als es anfing ihr Leben zu belangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAls es anfing dein Leben zu belangen\u00ab, w\u00fcrde Vi\u0161nja mich korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch erinnere mich\u00ab, sagte ich zu Vilko abwesend, \u00bban die Kirschb\u00e4ume, die meine Eltern vor dem Haus hatten. Ihre Bl\u00fcten waren wundersch\u00f6n, weil Papa die Obstb\u00e4ume immer sorgf\u00e4ltig beschnitt. Dieser Baum fehlt mir am meisten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat diese Geschichte schon so viele Male geh\u00f6rt, dass er sie auswendig kann, aber er unterbrach mich nicht. Er sp\u00fcrte, dass ich in eine meiner nostalgischen Launen fiel, aus der man mich nicht herausziehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs ist schwer vorzustellen, dass es hier gewesen ist, ein paar Schritte weiter von uns. Und schau es dir jetzt an!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich winkte mit der Hand zur M\u00fclldeponie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGuck!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sehe es\u00ab<em>,<\/em> sagte Vilko, aber er blickte nicht hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Vi\u0161nja war bewegt, als ich ihr das erste Mal diese Geschichte \u00fcber meinen Vater und den Obstbaum erz\u00e4hlte, wahrscheinlich wegen der Symbolik ihres Namens, aber dann erkannte sie, dass ich heimlich weiterhin Rakija vom Dachboden trank und kam mich nicht mehr besuchen, um nicht meinen Jammer \u00fcber bessere Zeiten h\u00f6ren zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Folgen der globalen Erw\u00e4rmung k\u00fcmmern dich gar nicht\u00ab, sagte sie mir einst w\u00fctend. \u00bbDir tut es nur leid, dass du diese Br\u00fche nicht trinken kannst, die uns umgibt und dich nicht an ihr besaufen kannst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte ihr nicht widersprochen. Seitdem kam Vilko nur noch allein. Er benachrichtigte mich \u00fcber den Fortschritt und den Bau der Maschine. Ich nahm es Vi\u0161nja nicht \u00fcbel. Sie kam selten, nur wenn sie mich pers\u00f6nlich nach einem wichtigen Detail fragen musste. Sie bat mich um Rat, ich half ihr, aber sie hielt sich nie auf. Sie blieb nie wie Vilko auf der Veranda sitzen und schaute nicht den Regenbogen \u00fcber der M\u00fclldeponie an. Vi\u0161nja war nicht sehr sentimental. Man konnte sehen, dass sie den Trost nie im Alkohol suchte. Sie konnte mich nicht verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMir ist das noch immer unverst\u00e4ndlich\u00ab, sagte Vilko, \u00bbwie es dir einfach so gelungen ist, das wichtigste Problem mit einem Filzstift auf einem fettigen Papier zu l\u00f6sen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Allen erz\u00e4hlte ich, dass mir der Einfall durch einen Geistesblitz kam, unbewusst, aber das war nat\u00fcrlich auch nur eine L\u00fcge gewesen. Diesen ganzen Tag hatte ich am Computer gesessen und mir auf der Unterlippe herumgebissen. Ich t\u00fcftelte am Code von Vi\u0161nja und Gmaz herum, den mir Vilko zusammen mit dem Deodorant und dem Spray gegen M\u00fccken gab. Ich sah den Umriss ihrer Idee. Leicht konnte ich ihren Ansatz verstehen, \u00fcber den sie mir nur beil\u00e4ufig erz\u00e4hlt hatte. Nie wollte sie mir die ganze Software zeigen, sie brachte mir nur problematische Teile davon, f\u00fcr die sie Hilfe brauchte. Sie vertraute mir nicht. Ich konnte Vilko kaum \u00fcberreden, sie mir zu kopieren und sie mir ohne Vi\u0161njas Wissen zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin mir nicht sicher, ob das eine schlaue Idee ist\u00ab, sagte er anfangs.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNat\u00fcrlich ist sie das nicht, aber meine Hilfe ist euch unentbehrlich.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste, dass ich recht habe. Fink und Vilko waren Ingenieure. Gmaz war Programmierer, aber er war nicht kompetent. Vi\u0161nja hat alles M\u00f6gliche erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu musst es ihr nicht gleich sagen\u00ab, \u00fcberzeugte ich Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch muss es ihr sagen, ich bel\u00fcge sie nie. Niemals.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIn Ordnung, aber sag es ihr erst, wenn ich den Code aufgeschrieben habe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende zeigte mir Vilko den Entwurf der Maschine. Die eine H\u00e4lfte der Konstruktion hatten sie heimlich am Institut gefertigt und die andere H\u00e4lfte in Vi\u0161njas Garage, aus gestohlenen Teilen von Baki\u0107s experimentellen Denkm\u00e4lern und Skulpturen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWenn sie euch dabei erwischen, wie ihr Vojin Baki\u0107 zerst\u00f6rt, werdet ihr euren Job verlieren. Ihr beide.\u00ab sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie haben ihn schon vorher zerst\u00f6rt. Sie haben Tafeln von Denkm\u00e4lern in Petrova Gora genommen, und nichts ist passiert.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas war fr\u00fcher\u00ab, sagte ich. \u00bbJetzt sind andere Zeiten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir haben es f\u00fcr ein h\u00f6heres Ziel gestohlen\u00ab, rechtfertigte sich Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr ein h\u00f6heres Ziel\u201c ist ein sehr sch\u00e4biger Ausdruck. Edelmut und h\u00f6heres Ziel sind alles bl\u00f6de Ideen, die sogar in der Literatur, die ich in letzter Zeit verschlungen habe, nicht als \u00fcbertrieben intelligent oder inspirierend dargestellt wurden. Die G\u00fcte ist \u00fcbersch\u00e4tzt. Besonders in der Wissenschaft. Auf der anderen Seite, das was ich empfunden habe, ist kein bisschen sch\u00e4big. Ich wollte das Programm nach meinen eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben zu Ende schreiben, mich in die Maschine setzen und schlie\u00dflich von hier aufbrechen. Meine Gef\u00fchle haben die Reise verdient, die Vi\u0161nja egoistisch f\u00fcr sich und ihre Freunde beanspruchen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch gebe dir 24 Stunden\u00ab, sagte Vilko, \u00bbaber dann muss ich ihr sagen, dass ich dir die einzige Kopie gegeben habe. Verarsch mich nicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas werde ich nicht\u00ab, versprach ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich sehr traurig war und Vilko nicht in Sicht, w\u00fcrde ich mich ins Boot setzen und zur Besichtigung der Wochenendhaus-Siedlung fahren. Die meisten meiner Nachbarn waren aus der Umgebung Zagrebs weggezogen. Ich wei\u00df nicht, wohin sie gegangen sind. Nur ein paar wenige von ihnen sind geblieben. Sie waren gute Freunde meiner verstorbenen Eltern. Vor der Erderw\u00e4rmung hatten alle identische G\u00e4rten und Obstb\u00e4ume. Sie feierten Ostern und Weihnachten. Sie a\u00dfen Pute und Mlinci. Ein paar stellten schlechten Wein her, manche Honig, aber die meisten brannten ihren eigenen Schnaps in einer Destille. Wenn sich die Nachbarn wegen etwas an meine Eltern erinnerten, dann wegen ihres Rakijas. Und Mama konnte sich damit r\u00fchmen, dass ich mich nicht f\u00fcr Humanistik eingeschrieben habe, weil ich intelligent bin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie wird Geld haben\u00ab, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama wusste nicht, dass ich Geld, aber daf\u00fcr keine Zukunft haben werde. Sie konnte diese zwei Dinge nicht verkn\u00fcpfen, weil sie ihren Kopf nicht mit Abstraktionen zerschlagen wollte. Sie konnte nicht verstehen, dass abstrakte Ideen konkrete Folgen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas Geld erhitzt die Umwelt\u00ab, sagte ihr Vi\u0161nja, aber es war zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Vi\u0161nja war immer in den ersten Reihen aller Demonstrationen. Als die V\u00f6gel anfingen auszusterben, auch die h\u00e4ufigen Arten, die wir ganz selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr gesund hielten, schrieben Vilko und sie als erste Protestbriefe an das Institut und versuchten, dass Ru\u0111er Bo\u0161kovi\u0107 hinter dem Umweltschutz steht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhnen muss mehr Geld gegeben werden\u00ab, schrieben sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verspottete sie auf der Arbeit deswegen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHast du nicht gesagt, dass Geld ein Problem ist? Und jetzt verlangst du mehr?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKein Grund zynisch zu sein\u00ab, antwortete sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber (das ewige aber), ich konnte nicht anders sein. Ich war Zynikerin. Das war ein willentlicher Beschluss. Das war mein Charakter. Ich investierte alles in sp\u00f6ttische Kommentare, mit denen ich Kollegen auf der Arbeit und Fremde im Internet \u00fcbersch\u00fcttete. Ihnen gegen\u00fcber war ich am zynischsten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu schweigst schon wieder\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte vergessen, dass ich ihm nicht geantwortet hatte. Meine Gedanken waren aufgeregt um die Maschine geirrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo habt ihr sie abgestellt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas?\u00ab fragte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Maschine.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie ist in der Garage. Wir mussten sie aus dem Institut auslagern.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKann ich sie sehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJetzt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko war \u00fcberrascht. Noch nie zuvor hatte ich verlangt sie zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFalls das kein Problem ist. Wirst du es Vi\u0161nja sagen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko griff nerv\u00f6s in seine Hosentasche und fand kaum sein Handy. Er rief Vi\u0161nja an. Ich h\u00f6rte nicht, was sie sagte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja sagt, dass gerade viel in der Garage los ist, aber du kannst morgen kommen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist gar kein Problem\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Vilko abgefahren war, setzte ich mich in mein Boot und fuhr ihm nach. Er war gedankenverloren und nahm nicht wahr, dass ich hinter ihm herfuhr. Ich schaltete den Motor aus, um leiser zu sein. Er fuhr weder in die Garage noch ins Institut, sondern weiter zum Haus von Gmaz. Ich erkannte die Fassade. Fink \u00f6ffnete ihm die T\u00fcr. Bevor Vilko ins Haus eintrat, sah ich, dass er M\u00fcll mit dem Fu\u00df wegtrat, der zur Haust\u00fcr d\u00fcmpelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu kannst nicht nur Literatur lesen, von der du weinst\u00ab, sagte mir Vi\u0161nja als ich sie am n\u00e4chsten Tag sah.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu hast recht\u00ab, antwortete ich ihr. Manchmal vergesse ich, wie sentimental ich bin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDaran ist deine Mutter schuld.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu musst sie nur noch f\u00fcr die globale Erw\u00e4rmung beschuldigen\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAuch da h\u00e4tte ich nicht unrecht. Sie hatte gelacht, als ich gesagt habe, dass sie den Abfall sortieren sollte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie kannte es nicht anders.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJetzt kommt ihr unsortierter Abfall vor dein Wochenendhaus, um dich zu vertreiben\u00ab, sagte Vi\u0161nja.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war gut drauf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDanke dir f\u00fcr den Kuchen und den Honig\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVilko sagt, du hast das Buch \u00fcber die Liebe schon.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas stimmt, aber es ist in Ordnung.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte nicht \u00fcber die Liebe reden, vielmehr \u00fcber Maschinen. Eher gesagt \u00fcber die eine Maschine. Vi\u0161njas Maschine. Als ob sie es gewusst h\u00e4tte, schnitt Vi\u0161nja das Thema nicht an. Sie erz\u00e4hlte \u00fcber alles m\u00f6gliche, nur damit sie nicht zur Sprache kommt. Zu meinem gro\u00dfen Gl\u00fcck kehrte gerade Gmaz mit den Teilen zur\u00fcck, die er an der Steuerkonsole montieren wollte. Er wollte schnell durch die K\u00fcche huschen. Ich stellte ihm eine Frage, bevor er weiter entkommen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIst das ein Teil einer Schnellboot- Steuerkonsole?\u00ab fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMhm\u00ab, sagte Gmaz.<\/p>\n\n\n\n<p>Werder er noch Fink waren \u00fcberm\u00e4\u00dfig redefreudig. Im Vergleich zu ihnen war ich redes\u00fcchtig<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBrauchst du Hilfe damit?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte die Maschine sehen, aber Vi\u0161nja w\u00fcrde sie mir nie zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu bist kein Ingenieur\u00ab, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Vi\u0161nja hatte nichts gesagt, aber ich sah, dass sie ihre Hand auf die Stuhlkante presste. Ich vermieste ihre Laune.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo ist Vilko\u00ab, fragte sie Gmaz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIn der Garage\u00ab, antwortete er. \u00bbEr wartet auf dieses Teil. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Gmaz hob die Konsole in die Luft. Er hielt sie lange genug \u00fcber den Kopf, sodass ich die Kontrollnummer des Modells gut lesen konnte. Ich merkte mir die Nummer und ging zu ihm in die Garage, wo die anderen auf ihn warteten. Bevor wir hinter der T\u00fcr verschwanden, sah ich, dass mich Vi\u0161nja aufmerksam beobachtete. So wie ich die Steuerkonsole las, las Vi\u0161nja mich. In diesem Moment f\u00fchlte ich mich wie ein St\u00fcck Plastikm\u00fcll, den Mama sich weigerte zu sortieren, als sie noch lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Garage sa\u00df Fink am Computer und \u00fcberpr\u00fcfte detailliert irgendeine Rechnung. Vilko verband Dr\u00e4hte in der Maschine.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe es gefunden!\u00ab rief Gmaz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSuper!\u00ab sagte Fink.<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko streckte nur seine Hand aus, aber Gmaz stellte die Konsole dennoch auf den Arbeitstisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja muss es zuerst ansehen. Wir k\u00f6nnen es nicht sofort auseinandernehmen und montieren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu hast recht\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kam unter der Maschine hervor und als er mich erblickte, konnte er seine \u00dcberraschung nicht verstecken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWei\u00df Vi\u0161nja, dass du hier bist?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir haben uns eben in der K\u00fcche unterhalten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDann ist es in Ordnung\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setzte mich neben Fink. Es interessierte mich, was er da genau machte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas ist das f\u00fcr eine Berechnung?\u00ab fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wollte nicht antworten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWarum verschweigt ihr mir etwas?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte meine Frage wie einen Witz ausrufen, aber der Ton war ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas habe ich ihnen so aufgetragen\u00ab, h\u00f6rte ich Vi\u0161njas Stimme im R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu vertraust mir nicht?\u00ab fragte ich sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort kannte ich bereits. Immerhin hatten wir jahrelang zusammen gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKein bisschen\u00ab, antwortete sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs gibt keinen Grund daf\u00fcr, dass du misstrauisch bist. Ich habe mich ver\u00e4ndert. Ich lese jetzt B\u00fccher.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vi\u0161nja fing an zu lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Erderw\u00e4rmung hat die Arktis geschmolzen, aber dein Gesicht wird es niemals tun.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich tat so, als h\u00e4tte ich diese Beleidigung nicht geh\u00f6rt. Vi\u0161nja hatte recht. Mein Gesicht sah sogar auch verheult gleich aus. Nichts konnte es erweichen. Ich sah aus wie eine Verbrecherin. Das wusste ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Genetik ist schuld\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSieh dir das an\u00ab, sagte Vilko zu Gmaz.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wollte die Auseinandersetzung unterbrechen. Als ich den Kopf drehte, war Vi\u0161nja nicht mehr in der Garage. Ich berief mich auf die Genetik, weil das ebenfalls ein Teil des balkanischen Erbes ist: Genetik, Geld und Rakija. Vi\u0161nja f\u00fcrchtete ein Gespr\u00e4ch mit meinen Eltern, wenn sie in der Studienzeit zu mir kam. Sie hatten es immer geschafft, dieselben Themen anzusprechen. Nach der Behauptung meines Vaters, dass ich sch\u00f6n wie Mama, aber klug wie er sei, rollte Vi\u0161nja mit den Augen. Ich habe ihre Eltern nie kennengelernt. Ich wusste auch nicht, woher sie kam.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBist du eigentlich von hier?\u00ab fragte ich sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist nicht wichtig\u00ab, sprach Vi\u0161nja.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es war wichtig. Deshalb verbarg sie es.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand traute sich, die Konsole zu montieren, bevor Vi\u0161nja zur\u00fcckkam. Ich bot ihnen an, dass ich mit Gmaz die Software durchgehe und mir die Stellen anschaue, an denen sie Zweifel haben, aber sie lehnten meine Hilfe ab. Ich sa\u00df f\u00fcnfzehn Minuten lang in kompletter Stille. Auch Vilko sagte nichts zu mir. Ich stand auf und ging. Vi\u0161nja war nicht in der K\u00fcche, um mich zu verabschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg schaute ich bei dem Nachbarn vorbei, der die Schnellboote und Motorboote verkaufte. Auf einem St\u00fcckchen Papier schrieb ich die Zahlen der Konsole auf, die Gmaz gefunden und die ich mir gemerkt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch werde einige Tage brauchen\u00ab, sagte der Nachbar, \u00bbaber es sollte kein Problem darstellen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDanke dir\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd danke dir\u00ab, antwortete er.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von ihm gegr\u00fcndete Firma, machte auch vor dem Hochwasser gute Gesch\u00e4fte und war jetzt essenziell f\u00fcr die Menschen. Er verdiente sein Geld mit den Problemen anderer. In ihn habe ich viel Geld investiert. Es hat sich ausgezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGeht es dir gut?\u00ab fragte mich Vilko, als er mich das n\u00e4chste Mal besuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten uns die ganze Woche nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs gab schon bessere Tage\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nachbar hatte die Konsole beschafft. Ich musste sie nicht bezahlen. Es hat bisher keinen besseren Tag gegeben, aber das musste Vilko nicht wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu kennst Vi\u0161nja\u00ab, sagte er. \u00bbSie ist nachtragend.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich angefangen hatte, mit dem Programmieren gutes Geld zu verdienen, bat mich Vi\u0161nja etwas von dem Geld in das Institut als eine Art Spende umzuleiten, weil sie sich mehr dem Studium der Theorien widmen wollte, die nicht lukrativ waren. Die Ideen, die auch f\u00fcr die theoretische Physik zu abstrakt gewesen waren, endeten auf den Schubladenb\u00f6den des Rechnungswesens. Vi\u0161nja dachte nicht wirtschaftlich und deshalb war sie f\u00fcr das Institut nicht rentabel. Ich h\u00e4tte ihr helfen k\u00f6nnen, wollte es aber nicht. Wir beide wussten warum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu musst verstehen, dass ich zu dieser Zeit nicht daran geglaubt habe, dass die Zeitmaschine m\u00f6glich ist\u00ab, sagte ich zu Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu musst dich nicht rechtfertigen\u00ab, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja wird nicht erlauben, dass ich mit euch reise.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas wird sie. Mach dir keine Sorgen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie ist misstrauisch. Ich verstehe nicht warum.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie denkt, dass du uns sabotieren wirst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSei nicht albern\u00ab, sagte ich zu Vilko. \u00bbKeiner will mehr von hier verschwinden als ich.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch wei\u00df, aber Vi\u0161nja glaubt, dass du uns nicht helfen willst und dass du den wertvollen Platz besetzen wirst, auf dem ein Biologe oder Experte sitzen k\u00f6nnte, der die jugoslawische \u00d6ffentlichkeit auf die globale Erw\u00e4rmung 2040 hinweisen w\u00fcrde.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlles, was ich ihr gesagt habe, ist, dass ich nicht sicher bin, ob irgendjemand von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Zeitmaschinen und globale Erw\u00e4rmung aufzeigen wird.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir m\u00fcssen es versuchen\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber warum ausgerechnet ins Jahr 1964, und gerade nach Jugoslawien? Warum nicht in die USA? Warum nicht ein Jahr sp\u00e4ter? Die Menschen hatten damals nicht mal Internet.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKommunisten sind Avantgarde. Jugoslawien ist blockfrei. Vi\u0161nja f\u00fcrchtet, dass es in falsche H\u00e4nde fallen k\u00f6nnte. Sie will zu Kardelj und Krle\u017ea kommen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVi\u0161nja ist ein Dummkopf!\u00ab rief ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs gibt nichts Verwerfliches in ihrer Absicht. Vergiss nicht, dass die Maschine zum Teil von Baki\u0107 geschaffen wurde. Er wird als erster die polyvalenten Formen wiedererkennen, die er in diesen Jahren erforscht und erschaffen hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie wird echt auf die Suche nach einem K\u00fcnstler gehen, damit er ihr im Kampf gegen die globale Erw\u00e4rmung hilft? Als ob Humanisten dabei helfen k\u00f6nnen. Dass ich nicht lache.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vi\u0161nja war alles, nur kein Dummkopf. Das w\u00fcrde ich aber nie zugeben. Alles, was Vilko gesagt hatte, machte Sinn, aber ich hatte andere Pl\u00e4ne. Jetzt, wo ich diese Steuerkonsole beschafft hatte, welche sie f\u00fcr die Reise zu benutzen wollten, konnte ich endlich entspannen. Ich schlief besser. Ich hatte keine Albtr\u00e4ume mehr, in denen ich ertrinke. Ich empfand einen Taumel, den ich vorher nur vom s\u00fc\u00dfen und klebrigen Kirschschnaps kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie will f\u00fcr uns alle nur das Beste\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin mir nicht sicher, ob Vi\u0161nja die Person ist, die dar\u00fcber entscheiden sollte, was f\u00fcr mich am besten ist. Ich bin sicher, dass es am Institut Leute gibt, die eine andere, verantwortungsbewusstere Entscheidung getroffen h\u00e4tten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko stand abrupt auf. Er verstand meine Drohung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sagte dir, dass du mit uns gehst. Das ist Vi\u0161njas Lebenswerk. Das kannst du nicht leugnen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSag ihr, dass ich mir einen Platz in der Zeitmaschine w\u00fcnsche. Ich will von hier weg.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00e4ttest du Miroslav Krle\u017ea gelesen, w\u00fcrdest du uns besser verstehen\u00ab, sagte mir Vilko bei der Abfahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war schon l\u00e4ngst dunkel, als mich Vi\u0161nja anrief.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIn Ordnung, du kannst mit uns kommen\u00ab, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Erpressung funktioniert immer. Sogar wenn ich n\u00fcchtern bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten ernsthaften \u00dcberschwemmungen fingen im Jahr 2014 an. Staud\u00e4mme aus der Zeit Jugoslawiens wurden nicht gepflegt, Menschen gruben und entfernten Sand illegal mit Baggern und verw\u00fcsteten die Ufer, hinter denen die H\u00e4user dem Fluss Sava ausgesetzt waren. DieItaliener t\u00f6teten illegal gesch\u00fctzte Vogelarten mit geliehenen Gewehren und schmuggelten sie \u00fcber die Grenzen zur\u00fcck nach Italien. Die Abholzung der W\u00e4lder verst\u00e4rkte sich. Gr\u00fcnfl\u00e4chen wurden \u00fcberm\u00e4\u00dfig betoniert und das Wasser konnte nirgendwohin ablaufen. Ich erinnere mich sehr gut daran, weil Vi\u0161nja nicht aufh\u00f6rte, dar\u00fcber zu sprechen, was passieren w\u00fcrde, wenn die Menschen sich nicht \u00e4nderten. Sie prognostizierte eine Katastrophe. Alle Experten der Welt stimmten ihr zu, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt meinen Vater begraben und es hat mich nicht interessiert. Ich will die Menschen nicht rechtfertigen, aber Tatsache ist, dass wir nicht immer \u00fcber die gro\u00dfen Probleme nachdenken k\u00f6nnen, wenn uns eine private Trauer bedr\u00fcckt. Mein gr\u00f6\u00dftes Problem war meine Mama, nicht die globale Erw\u00e4rmung. Vi\u0161nja las ein Jahr sp\u00e4ter fieberhaft den UN-Bericht dar\u00fcber und erz\u00e4hlte weiter, was passieren w\u00fcrde, wenn wir nicht die Kohlenstoffdioxid-Emissionen verringerten. Am Ende schickte sie das allen aus der Mailingliste des Instituts. Die Menschen fingen an, sie misstrauisch anzuschauen. Sie wollten ihr Geld verdienen, an der Adriatischen K\u00fcste Urlaub machen. Sie wollten nicht dar\u00fcber nachdenken, dass ihnen das Meer m\u00f6glicherweise bis zur Haust\u00fcr ansteigt. Eine solche L\u00f6sung klang wie Science-Fiction.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Arktis schmilzt\u201c<em>,<\/em> sprach Vi\u0161nja zu ihren Kollegen. \u201eWir werden ohne Dalmatien und Istrien dastehen. Wir werden ohne K\u00fcste dastehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was wei\u00df ich \u00fcber Eisschollen, wenn ich eine Mutter habe. Auf der Arbeit trug ich immer einen Flachmann mit meinem geliebten Kirschschnaps. Die theoretische Physik half nicht, das Programmieren half nicht, ich stumpfte sogar dem Geld gegen\u00fcber ab. Vilko und Vi\u0161nja f\u00fchrten mich ein paar Male ins Restaurant aus, sie zahlten das Abendessen, obwohl ich viel mehr Geld hatte. Sie waren gute Menschen, aber das alles half nichts. Als ich \u00fcber Vi\u0161njas Zeitmaschine gr\u00fcbelte, dachte ich daran, dass kein Punkt in der Raumzeit existiert und der weit genug entfernt ist, um vor all meinen Problemen fliehen zu k\u00f6nnen. Vielleicht hilft irgendeine Singularit\u00e4t, dachte ich und trank den Rakija aus. Egal, ich wollte Vi\u0161nja kein Geld f\u00fcr die Forschung geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich Vilko richtig \u00fcbers Telefon verstanden habe, m\u00fcssen wir uns in drei Tagen auf den Weg ins Jahr 1964 machen. Die Verbindung brach ab und ich musste ihn erneut anrufen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Computer funktioniert nicht richtig\u00ab, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6rte L\u00e4rm im Hintergrund. Es sah so aus, als ob Vi\u0161nja in diesem Moment den Sicherheitsgriff und die Konsole \u00fcberpr\u00fcfte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas soll ich mitnehmen?\u00ab fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNichts au\u00dfer Wasser\u00ab, sagte Vilko.<\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten drei Tagen fertigte ich eine eigene Konsole an und \u00fcberpr\u00fcfte die Fernbedienung<em>.<\/em> Die Tasten funktionierten und ich \u00fcbte sie mit den Fingern. In dem Moment, in dem Vi\u0161nja das Jahr, welches sie besuchen will, eingibt, m\u00fcsste ich sehr schnell reagieren und ihren Eintrag korrigieren. Ich war nicht sicher, ob eine Autorisation eingestellt war. Eigentlich war ich sicher, dass sie es ist, weil sie mir weiterhin nicht vertraute. Zumal jetzt, als sie mit meinen Drohungen konfrontiert war. Ihrer Ansicht nach bedeutete das Jahr 1964 unser \u00dcberleben, aber ich glaubte keinen Menschen, die nicht l\u00fcgen. Menschen, die nicht l\u00fcgen und herumdrucksen, wollen nicht um jeden Preis \u00fcberleben. Vi\u0161nja hatte Skrupel, aber das war meiner Meinung nach eine gro\u00dfe Schw\u00e4che. Das \u00dcberleben verlangt das Schlimmste von uns. Nat\u00fcrlich passte ich auf, dass Vilko nicht ahnt, dass ich etwas plane, denn er w\u00fcrde es sofort Vi\u0161nja oder auch dem Rest mitteilen. Sie glaubten weiterhin, dass Wissenschaft edel sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich an der Konsole arbeitete, hatte ich gar keine Zeit, etwas zu lesen, obwohl mich Vilko mit der Erw\u00e4hnung von Krle\u017ea neugierig gemacht hat. Inzwischen war es zu sp\u00e4t, dass ich ihn entdecke und lese. Vi\u0161nja glaubte nur an ihre Art von Fortschritt, die keinen Bezug zu Geld hatte, also vermutete ich, dass dieser Autor, dieser Miroslav Krle\u017ea, ebenfalls ihren Glauben teilte. Ich wusste nicht, wer der andere Kommunist war, den Vilko erw\u00e4hnte. Kardelj irgendwas, aber das war mir nicht so wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zerteilte die Konsole, weil sie zu sperrigwar, und die wichtigsten Teile packte ich in ein viel kleineres Geh\u00e4use, das ich einfach im \u00c4rmel verbergen konnte, damit sie es nicht sehen. Auf dem Computer hatte ich die Kopie des Programms, das Vi\u0161nja f\u00fcr die Zeitmaschine geschrieben hatte. Es fiel mir nicht schwer, dieses an meinen eigenen Plan anzupassen. Wir hatten Probleme mit den \u00dcberschwemmungen, aber mit der Technologie sind wir weit gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu kannst kommen\u00ab, sagte Vilko am Telefon drei Tage sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich mich ins Boot setzte, schaute ich mich um. Ich wollte mir bis ins kleinste Detail diese Zukunft einpr\u00e4gen, die ich ein f\u00fcr alle Mal verlasse. Statt des Wassers nahm ich die Konsole und ein Familienfoto mit, auf dem Papa, Mama und ich zwischen den Obstb\u00e4umen im Garten standen. Links neben Vater fing ein Kirschbaum an zu knospen, der Lieblingsbaum unserer Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an der Garage ankam, waren bereits alle startklar und aufgeregt. Sie konnten nicht probeweise reisen, da sie nicht wussten, ob sie genau an diesen Moment zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, an dem sie gestartet sind. Die Zeitmaschine war in dieser Hinsicht nicht allzu vertrauensw\u00fcrdig, aber Vi\u0161nja behauptete, dass die Reise durch ein Wurmloch genauso real ist, wie die globale Erw\u00e4rmung. Alle hatten in sie absolutes Vertrauen. Sie wusste, was sie tut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir haben nur eine Chance\u00ab, sagte sie. \u00bbJede Reise nach dieser wird zuf\u00e4llig +\/- 300 Jahre sein<em>.<\/em> Vielleicht sogar mehr. Die Koordinaten, die ich eingetragen habe, sind ein Sicherheitsnetz, aber auch sie garantieren uns nichts.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schloss kurz die Augen und stellte mir vor, wie sich der Raum so windet, wie es ihm die Zeitmaschine sagt, und die Zeitmaschine so reist, wie es der Raum will.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBist du bereit?\u00ab fragte mich Vi\u0161nja.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBin ich\u00ab, log ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Fink und Gmaz sa\u00dfen, wie Vilko sagte, auf dem Boden der Zeitmaschine. \u00dcber ihren K\u00f6pfen ragte ein St\u00fcck von Baki\u0107 hervor. Vi\u0161nja sa\u00df am Kontrollboard<em>.<\/em> Vilko sa\u00df rechts von ihr, ich links. Ich sa\u00df mit dem R\u00fccken zu ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbTestlauf, 1 2 3\u00ab, sagte sie laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6rte sie die Tasten dr\u00fccken und den Sicherheitsschalter umlegen. Ich vermutete, dass die Zeitmaschine mit dem Daumendruck entsperrt wurde. Danach sah ich auf meiner eigenen klappbaren Miniatur-Konsole, die ich mit ihrer synchronisierte, dass Vi\u0161nja den ersten M\u00e4rz 1964 eingegeben hat. Vilko hatte mir erkl\u00e4rt, es sei wichtig, dass wir im Jahr 1964 landen, vor dem Zusammentreffen des 8. Kongresses der SKJ in Belgrad, auf dem die jugoslawischen Kommunisten den <em>F\u00fcnfjahresplan 1961-1965<\/em> verabschieden und die \u201egro\u00dfe Wirtschaftsreform\u201c ank\u00fcndigen sollten, mit der sie die jugoslawische Gesellschaft f\u00fcr die Marktwirtschaft und den Kapitalismus \u00f6ffneten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnsere Probleme beginnen im Dezember 1964\u00ab, sagte er. \u00bbWir m\u00fcssen Edvard Kardelj die Folgen aufzeigen. Er muss sie sehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er dachte an die hohe Rate der Arbeitslosigkeit, aber in Vi\u0161njas Gedanken war alles verbunden: freier Markt, wirtschaftliche Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, Inflation, globale Erw\u00e4rmung. Sie sah immer das gr\u00f6\u00dfere Bild. Das Bild, das ich hingegen st\u00e4ndig vor Augen hatte, war das Familienfoto. Wir sa\u00dfen in der Zeitmaschine aneinander gequetscht, aber es teilten uns Lichtjahre. Es war uns nicht m\u00f6glich uns ideologisch zu vers\u00f6hnen. Vilko war ein Dummkopf, dass er versuchte, uns zusammenzuhalten. Er war ein Dummkopf, weil er mir vertraute.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor es ihr gelang die Zeitmaschine zu starten, \u00e4nderte ich auf meiner Konsole das Datum auf 1740. Auf ihrem Bildschirm zeigte sich die ver\u00e4nderte Anzeige nicht schnell genug. Die Verz\u00f6gerung war erfolgreich und Vi\u0161nja dr\u00fcckte den Knopf, der uns ins Zagreb des Jahres 1964 zur\u00fcckbringen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes stieg Gmaz aus der Zeitmaschine. Er \u00fcbergab sich nat\u00fcrlich, weil uns die Zeitmaschine ausgedr\u00fcckt hat wie ein nasses Handtuch am Strand. Bevor es ihm gelang den Blick zu heben, kam Fink hinter ihm herausgesprungen, der die Reise deutlich besser verkraftet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist nicht Zagreb\u00ab, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Finger zeigte er auf Versailles.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas ist das?\u00ab fragte Vi\u0161nja verbl\u00fcfft.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVersailles.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWelches Jahr?\u00ab fragte sie. \u00bbWie sind wir hierhergekommen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sah mich an. Dann sah sie auf meine H\u00e4nde. Sie sah die Reserve-Konsole.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMistst\u00fcck!\u00ab kreischte sie. \u00bbWas hast du angestellt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe uns in eine bessere Zeit gebracht. Ist das nicht das, was ihr wolltet?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWelches Jahr ist es?\u00ab fragte Fink.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb1740\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vilko schwieg. Ich wusste, dass ihn das s\u00fc\u00dfe Gef\u00fchl der Schuld erfasst hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist schrecklich\u00ab, sagte er sp\u00e4ter. \u00bbKeiner von uns spricht Franz\u00f6sisch.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu irrst dich\u00ab, sagte ich fr\u00f6hlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann, im Gegensatz zu ihnen, flie\u00dfend diese Sprache sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch kann euch beibringen, wie man auf franz\u00f6sisch Kirsche sagt \u2013 <em>cerise<\/em>\u00ab, sagte ich. \u00bbMerkt euch gut dieses Wort, denn ihr werdet es brauchen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Alle waren sichtlich nerv\u00f6s. Sie wussten \u00fcberhaupt nicht, was sie mit dem franz\u00f6sischen achtzehnten Jahrhundert anfangen sollten, aber ich war mehr als gut vorbereitet. Ich hatte ausgerechnet, dass wir gute f\u00fcnfzig Jahre bis zur Franz\u00f6sischen Revolution haben, in der sich Vi\u0161nja sicherlich gut zurechtfinden w\u00fcrde, aber jetzt waren wir auf meinem Terrain. Wir sind im s\u00fc\u00dfesten, dekadentesten Zeitalter des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Ludwig XV. angekommen. Ich sehnte mich nach dem ausgelassenen Verhalten der Angeh\u00f6rigen seines Hofes.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAuf uns wartet eine s\u00fc\u00dfe Lese Kirschen\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das achtzehnte Jahrhundert versprach andere Bewegungen, weit entfernt von irgendwelchen Folgen, die ich auf der eigenenHaut sp\u00fcren k\u00f6nnte. Vi\u0161nja weinte. Ihre Tr\u00e4nen riefen in mir einen Andrang positiver Emotionen hervor, die ich lange nicht gesp\u00fcrt hatte, seit dem Tod meiner Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00dcbersetzt von Valerie Puk<\/p>\n\n\n\n<p>Original: Asja Baki\u0107: &#8222;1740&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In: Asja Baki\u0107: &#8222;Sladostra\u0161\u0107e&#8220;. Beograd: \u0160trik 2020.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1740 Ich sitze auf der Veranda meines Hauses. 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