{"id":308,"date":"2021-12-17T16:01:58","date_gmt":"2021-12-17T15:01:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/?page_id=308"},"modified":"2021-12-23T15:25:33","modified_gmt":"2021-12-23T14:25:33","slug":"lejla-kalamujic","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/uebersetzungen\/lejla-kalamujic\/","title":{"rendered":"Lejla Kalamuji\u0107"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><strong>ADOS SCHWARM<\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Ich bin nur in das Herz eines lieben Menschen eingebrochen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Ich habe ihm gesagt: mein Sonnenschein. Und das war er.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Alfred D\u00f6blin<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>(Berlin Alexanderplatz)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nachricht des Tages: \u00dcber dem Flughafen von Sarajevo kollidierte ein Flugzeug eines Low-Budget-Unternehmens mit einem Vogelschwarm. Gleich nach dem \u00d6ffnen der Tragfl\u00fcgel-Klappen ert\u00f6nte ein heftiger Schlag. Das Flugzeug begann abzust\u00fcrzen. Die Passagiere gerieten in Panik, einige fingen an zu schreien, andere beteten. Zum Gl\u00fcck reagierten der Steward und die Stewardess schnell. Sie erkl\u00e4rten den Passagieren, dass es zwar keine allt\u00e4gliche Situation w\u00e4re, dass sie aber harmlos sei, und sie schafften es, alle zu beruhigen. Das Flugzeug landete problemlos und der Flugverkehr wurde ohne weitere St\u00f6rungen fortgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Stockwerk der Polizeistation brennt Licht. Ado und der Polizeiinspektor sitzen im Verh\u00f6rraum. Auf dem Tisch steht ein Aschenbecher.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Fang an zu reden und ich lasse dich eine rauchen \u2013 sagt der Polizeiinspektor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Ich rauche nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Schade.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Wie sp\u00e4t ist es?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Fang an zu reden, dann werde ich es dir sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Meine Mutter ist allein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Schade.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Polizeiinspektor verliert die Geduld und schl\u00e4gt mit der Faust auf den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Sein voller Name ist Admir, doch er wird Ado genannt. Er gilt als ein h\u00f6flicher, aber nicht sehr gespr\u00e4chiger junger Mann. Er arbeitet in dem Einkaufszentrum in Ilid\u017ea, in der B\u00e4ckerei-Abteilung, und wohnt in der N\u00e4he mit seiner Mutter. Alles, was er hat und macht, umfasst nur wenige Schritte. Seine Seele wandert aber herum. Oft f\u00fchrt sie ihn in diesen Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Schultern tr\u00e4gt er die Mutter. Er wei\u00df nicht, wohin sie gehen, aber er wei\u00df, dass er nicht stehenbleiben darf. Der Weg ist steinig und kantig. Von der Last kann er sich kaum noch bewegen. Alle paar Meter sagt ihm die Mutter ins Ohr: Ach, was f\u00fcr ein Leben h\u00e4tte ich gehabt, wenn ich dich nicht geboren h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal fragt er sich, ob sein Leben nicht anders verlaufen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Sagen wir mal, wenn sein Vater nicht auf die Reise gegangen w\u00e4re. Das ist lange her, er erinnert sich nicht daran und die Mutter wollte nie dar\u00fcber reden. Vielleicht ist es ihm deswegen nie in den Sinn gekommen, wegzugehen. Der Weg bedeutet den Tod. Wenn du gehst, kehrst du nicht mehr zur\u00fcck. Bald feiert er seinen siebenunddrei\u00dfigsten Geburtstag. Die Mutter hat vor vier Jahren einen Schlaganfall erlitten. Seitdem ist sie nicht mehr auf die Beine gekommen. Seine Arbeit ist anstrengend und unterbezahlt, aber wer hat heutzutage noch die Wahl. Viele Menschen hat er hinter der Theke kennengelernt. Gesichter konnte er sich gut merken, die Namen weniger gut. Als er das erste Mal Mirza sah, hat er sich beides gemerkt. Er kam zumeist Kipfel kaufen, gegen Ende der zweiten Schicht. Er mochte die mit f\u00fcnf K\u00f6rnern und die aus Mais. Von Beruf war er Biologe \u2012 ohne Arbeit. F\u00fcr die Seele hielt er zuhause Tauben. Er erz\u00e4hlte, dass er den besten Budapester \u00dcberflieger der Stadt besitze. Ado fing an, altes Brot beiseitezulegen. Sobald er Mirza sah, reichte er eine T\u00fcte \u00fcber die Theke und sagte: F\u00fcr die V\u00f6gel! Mirza lud ihn ein, vorbeizukommen und sich den Schwarm anzuschauen, den er f\u00fctterte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es braucht nicht viel, damit das Leben sch\u00f6ner wird. Ado gen\u00fcgte es, dass Mirza auf ihn wartete. Es funkte vom ersten Moment an. Je nach Schicht ging er vor oder nach der Arbeit zu ihm. Sie f\u00fctterten die Tauben, lie\u00dfen sie fliegen, sahen ihnen beim Fliegen zu, f\u00fcrchteten die Falken und herbeiziehenden Gewitterwolken. Wie es der Zufall wollte, hatte es Mirza gerade in diesem Sommer ins staatliche Camp f\u00fcr die V\u00f6gel-Kennzeichnungsringe geschafft. Er w\u00fcnschte sich, dass beide gemeinsam nach Hutovo Blato fahren. Auf einmal verga\u00df Ado all die schlechten Gedanken, die er mit Reisen verband. Das einzige Problem war seine Mutter. Wenn der Stein aber erst einmal ins Rollen gebracht wird, dann rollt er von allein. Die Nachbarin bot an zu helfen, und da er sich bis dahin nie krankschreiben lassen hatte, bekam er ohne Probleme drei Tage frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sumpfgebiet wirkte surreal, vom Lagerfeuer und dem Laufen zu den Netzen voller V\u00f6gel ganz zu schweigen. Es gibt gewisse Orte, von denen aus betrachtet die Welt gl\u00fccklicher wirkt. Das einzig Schlechte am Gl\u00fcck ist: es beschleunigt die Zeit. Die drei Tage vergingen wie im Flug. Das Beste passierte aber in der Nacht vor der R\u00fcckkehr. Sie blieben drau\u00dfen allein, neben dem Feuer, das flammte. Sie rauchten einen Joint und h\u00f6rten den Zwergohreulen zu. Ohne Ank\u00fcndigung r\u00fcckte Mirza n\u00e4her an Ado heran und k\u00fcsste ihn auf den Mund. F\u00fcr Ado war das der erste Kuss in seinem ganzen Leben. Unter anderen Umst\u00e4nden w\u00e4re er bestimmt vor Angst erstarrt, aber die Natur, der Joint und das Lagerfeuer machten m\u00f6glich, dass er sich mit Leichtigkeit auf den Kuss einlie\u00df. Vor ihm erschien das Leben, nach dem er sich gesehnt, es aber nie gewagt hatte, offen davon zu tr\u00e4umen. Als sie wieder Luft bekamen, zogen sie noch einmal am Joint und \u00fcbert\u00f6nten mit ihrem Lachen die kleinen Eulen. Das Gl\u00fcck \u00fcbersch\u00fcttete sie auch weiterhin Monat f\u00fcr Monat. Der Ort des Geschehens war das Dachgeschoss von Mirzas Familienhaus. Dort mussten sie nur leiser sein. Mit leiser Stimme reihten sich K\u00fcsse, Orgasmen, Z\u00e4rtlichkeiten und Umarmungen aneinander. F\u00fcr Ado hatte die Lautst\u00e4rke des Gl\u00fccks keinerlei Bedeutung. Wichtig war nur, dass es da war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Winter kam, und mit ihm dickere Kleidung. Mirza wurde gereizter. Ado war verwirrt: hatte er etwas Falsches gesagt, getan? Es machte ihn verr\u00fcckt, dass dieser stundenlang still unter der Decke lag. Er flehte ihn an, es ihm zu sagen, egal was es war. Am dritten November, sieben Tage vor Ados Geburtstag, brach Mirza in Tr\u00e4nen aus:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 So kann ich nicht weiter \u2013 sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab einfach keine Arbeit f\u00fcr ihn. Er hatte genug von dem st\u00e4ndigen Versteckspiel, den Schwierigkeiten und der Angst. An einem anderen Ort k\u00f6nnte alles viel besser sein, f\u00fcr beide. Beispielsweise in Berlin, wo er Freunde hatte. Diese w\u00fcrden ihnen helfen, sich zurechtzufinden. F\u00fcr den Anfang k\u00f6nnten sie ihnen Schwarzarbeit vermitteln, und dann, wer wei\u00df. Ado lehnte sich an seine Brust, schloss die Augen und h\u00f6rte zu. Die Worte vermischten sich mit den Herzschl\u00e4gen. Vielleicht ergab gerade deswegen die ganze Geschichte von der gemeinsamen Zukunft einen Sinn. Und sie war sch\u00f6n, so sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;***<\/p>\n\n\n\n<p>Ado biss sich nerv\u00f6s auf die Lippen und w\u00e4hlte die Nummer. Der Kontaktfrau, die sich gemeldet hatte, erkl\u00e4rte er alles detailliert. Er sagte, dass er die Nachricht auf einem Portal gelesen h\u00e4tte. Seine Tauben seien heute Morgen weggeflogen und nicht mehr zur\u00fcckgekehrt, der Himmel sei aber leer. Sein Schwarm w\u00e4re registriert, jede Taube h\u00e4tte einen Kennzeichnungsring am Fu\u00df. Falls n\u00f6tig, k\u00f6nne er jede Seriennummer diktieren. Die Kontaktfrau war sichtlich verwirrt von den vielen Informationen und seiner Nervosit\u00e4t. Sie bat ihn, in f\u00fcnfzehn Minuten noch einmal anzurufen. Jede Minute f\u00fchlte sich wie ein Jahr an. Seiner Mutter brachte er Medikamente und Wasser. Danach goss er zwei Kellen Bohnensuppe in den Teller, schnitt Brot ab, \u00f6ffnete ein Gurkenglas, legte alles auf ein Servierbrett und stellte es f\u00fcr sie auf den kleinen Tisch. Er ging in den Hof hinaus und schaute zum Himmel hinauf. Etwas Grausames umh\u00fcllte den diesj\u00e4hrigen Sommer. Auf seine Frage \u201eWarum?\u201c, sagte die Frau, man w\u00fcrde so die Vorschriften missachten, denn ein solches Betreten der Flugpiste w\u00fcrde als illegaler Grenz\u00fcberschritt betrachtet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste selbst nicht, wie er die zweite Schicht \u00fcberstanden hatte. Er dachte nur an den Tag, als Mirza gegangen war. Normalerweise hatte er nicht gern an die Trennung gedacht. In ihm brodelten auch weiterhin verschiedene Gef\u00fchle. Manchmal wachte er wie ein w\u00fctender Hund auf. In diesen Momenten f\u00fchlte er sich zutiefst verraten. Vor Mirza war sein Leben leer gewesen, aber die Leere kann dich nicht entt\u00e4uschen. Dann kam er, brachte das Gl\u00fcck, und nahm es wieder mit sich. Innerlich zerbrochen lie\u00df er ihn zur\u00fcck. Auf der anderen Seite war er aber kein unvern\u00fcnftiger Mensch. Mirza hatte ihm ja vorgeschlagen, dass sie gemeinsam gehen. Es war nicht seine Schuld, dass Ado bei seiner Mutter bleiben musste. Zum Abschied hinterlie\u00df er ihm seinen Vogelschwarm. Er wusste, dass sich keiner besser darum k\u00fcmmern w\u00fcrde. Es hat sich so entwickelt, wie es sich entwickelt hat. Mirza ging und Ado stellte in seiner Garage einen Taubenschlag auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Er beendete seine Schicht um elf Uhr. Die Stra\u00dfen waren fast leer. Er n\u00e4herte sich der Flugpiste von der Seite, sprang \u00fcber den Zaun, schaltete die Taschenlampe seines Handys ein und holte die T\u00fcte heraus. Die steifen V\u00f6gel lagen im Gras, bei den meisten zeigten die Beinchen in Richtung Himmel. Er hatte es geschafft, um die zehn St\u00fcck in die T\u00fcte zu stecken, als er h\u00f6rte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Hallo! Was machst du da?<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Es war fast drei Uhr morgens, als der Polizeiinspektor nach Hause kam. Langsam \u00f6ffnete er die Zimmert\u00fcren, schaute seinen Kindern und seiner Frau beim Schlafen zu. Er zog sich um, nahm ein Bier aus dem K\u00fchlschrank und setze sich an den Esstisch. Er hatte gedacht, dass ihn nach f\u00fcnfzehn Jahren im Dienst nichts mehr \u00fcberraschen k\u00f6nnte. Dann tauchte aber der junge Mann auf. Stundenlang plagte er sich mit ihm herum, damit dieser etwas sagte. Er schrie ihn an und drohte ihm, bekam aber nichts aus ihm heraus. Er wusste, dass er nichts gegen ihn in der Hand hatte, um ihn dabehalten zu k\u00f6nnen. Letztendlich wollte er das auch nicht. Er wollte nur diese absurde Straftat begreifen und fragte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Wozu um Gottes willen brauchst du tote V\u00f6gel?<\/p>\n\n\n\n<p>Ado hatte den ganzen Abend stoisch ertragen. Schlie\u00dflich begriff er, dass das Leben nicht auf hunderte Arten und Weisen verlaufen kann. Seins war so, wie es war, und er wollte nur noch nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 Auch wenn sie tot sind, sind sie meine \u2013 sagte er und stand auf.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00dcbersetzt von Ivana Paji\u0107 und D\u00e9nes Kobetits<\/p>\n\n\n\n<p>Original: Lejla Kalamuji\u0107: &#8222;Adino jato&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In: Lejla Kalamuji\u0107: &#8222;Po\u017euri i izmisli grad&#8220;. Beograd: \u0160trik 2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ADOS SCHWARM Ich bin nur in das Herz eines lieben Menschen eingebrochen. Ich habe ihm gesagt: mein Sonnenschein. Und das war er. 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