{"id":318,"date":"2021-12-17T16:14:31","date_gmt":"2021-12-17T15:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/?page_id=318"},"modified":"2021-12-21T11:13:07","modified_gmt":"2021-12-21T10:13:07","slug":"marijana-canak","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/uebersetzungen\/marijana-canak\/","title":{"rendered":"Marijana \u010canak"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><strong>VIER NARBEN AM K\u00d6RPER, EINE UNTER DER ERDE<\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am rechten Fu\u00dfgelenk hatte sie ein St\u00fcck Haut, welches glatt und hell wie Silber war. \u201eIch blieb gebrandmarkt\u201c, sagte sie immer. \u201eF\u00e4llt es ins Auge? Als ob mein Bein an der Stelle verd\u00fcnnt w\u00e4r\u2018\u201c.Es war zu sehen, es war eine hartn\u00e4ckige Narbe. Sie wollte einfach nicht verblassen, als ob sich dort die Strahlen des Mondscheins durch ihre Haut ziehen w\u00fcrden und alle achtundzwanzig Tage die Erinnerungen an den Unfall wach werden lie\u00dfen. \u201eIch bin der Kuh hinterher und hab\u2018 mir das Bein gebrochen\u201c<em>, <\/em>daher diese alte und helle Narbe. \u201eIch bin ihr hinterher, um sie zur\u00fcckzuholen, damit sie nicht auf einer fremden Wiese grast. Ich erinner\u2018 mich dran, als ob\u2018s gestern passiert w\u00e4r\u2018. Dann hat mich aber irgendein Teufel gestoppt, bevor ich sie einholen konnte. Ich komm\u2018 nicht auf die Beine, bin aber ganz allein auf der Wiese. Dort kannst du bis morgen um Hilfe rufen, niemand wird kommen! Was soll ich machen, ich finde zwei St\u00e4be und schlepp\u2018 mich damit wie auf Kr\u00fccken nach Hause. Als meine Mutter mich erblickt hat, hat sie angefangen zu schimpfen. Wo ich so lang gewesen bin, alle K\u00fche sind schon ins Dorf zur\u00fcckgekehrt, nur ich nicht! Sie hat mir alles der Reihe nach aufgez\u00e4hlt! Danach liege ich monatelang im Krankenhaus, w\u00e4hrend es im Dorf Arbeit im \u00dcberfluss gibt! Die Narbe w\u00e4r\u2018 wom\u00f6glich besser geheilt, h\u00e4tt\u2018 ich mich nicht alleine nach Hause ziehen m\u00fcssen&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem rechten Ellenbogen hatte sie eine \u00e4hnliche Narbe wie am Bein, diese war jedoch nicht so hell und etwas faltig, wie wenn man die Stirn runzelt und w\u00fctend ist. \u00dcber diese Narbe sprach sie nur \u00e4u\u00dferst wortkarg: \u201eIch hab\u2018 mir da die Haut an einem Stein aufgescheuert. Ich bin gerannt und hingefallen.\u201c Wieder wegen einer Kuh? \u201eAch, lass doch!\u201cSie erz\u00e4hlte mir nur einmal, wie es dazu gekommen war, und au\u00dfer mir sagte sie niemandem etwas davon. \u201eMeine Mutter hat mich zu irgendeinem alten Mann geschickt, damit ich ihm ein St\u00fcck Lammfleisch bringe. Er lebte allein. Gleich nachdem ich sein Haus betreten hab\u2018, hat er unter meinen Rock gegriffen. <em>Mein Fleisch!<\/em>, hat er zu mir gesagt. Widerlicher alter Sack, pfui! Ich hab\u2018 mich von ihm losgerissen, bin aus dem Haus gerannt, ich bin einfach \u00fcber die Wiese gerannt und hab\u2018 \u00fcberhaupt nicht geguckt, wohin. Dann bin ich auf einem gro\u00dfen Stein ausgerutscht und hab\u2018 mir den Ellenbogen gesto\u00dfen. Als ich nach Hause gekommen bin, war meine Mutter wieder w\u00fctend: <em>Wo bist du bis jetzt geblieben, jemand muss den Tisch f\u00fcr das Mittagessen decken, die Hausbewohner sind hungrig!<\/em> Schei\u00df auf die anderen Hausbewohner! Ich hab\u2018 ihr nichts gesagt. Niemals.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre dritte Narbe zog sich quer \u00fcber den <em>Unterbauch<\/em>. Sie teilte ihren Bauch immer in einen oberen und unteren Teil: Der untere war der weibliche Teil, den oberen hatte jeder. Eine wei\u00dfe, glasartige Spur mit drei oder vier sichtbaren N\u00e4hten auf der schon l\u00e4ngst geheilten Haut. Nein, das war nicht die Stelle, an der ich herausgenommen wurde. Als sie sich diese Wunde zugezogen hatte, war ich schon auf der Welt und stand kurz davor, meine ersten W\u00f6rter von mir zu geben. Wir brachen zu dem Dorf auf, in dem sie immer wieder hingefallen und aufgestanden war, in dem sie immer das gemacht hatte, was ihr gesagt wurde. Sie wird erneut arbeiten, wie es ihre Mutter befiehlt, nur damit sie sieben Tage am Meer entspannen kann, denn das war der erste Sommer nach ihrer Hochzeit. Ihr Mann m\u00f6chte ans Meer, ihre Mutter will sie im Dorf haben, und sie m\u00f6chte alle zufriedenstellen. Sind sieben Tage am Meer nicht etwas zu viel? Sieben Tage herumliegen, w\u00e4hrend man im Dorf vor lauter Arbeit umfallen w\u00fcrde. Dann ist sie wegen des <em>gro\u00dfen Wassers<\/em> erkrankt, um das Herumliegen zu rechtfertigen. Ihr wurde der Bauch aufgeschnitten und ein Organ entfernt, welches, wie man ihr sagte, sowieso keinen Nutzen h\u00e4tte. \u201eNichts wird ihr fehlen!\u201c, sagte man. Ihr fehlte dieses Organ nicht, sie hatte lediglich eine Narbe mehr. Wegen dieser Narbe w\u00e4re sie lieber gestorben, als dass sie sich im Badeanzug gezeigt h\u00e4tte. Ans Meer sind wir nicht mehr gereist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kleinste ihrer Narben war jene auf ihrem rechten Handr\u00fccken. Sie hatte die Gr\u00f6\u00dfe eines Punktes, wie eine Art Vorbote eines Endes. \u201eDas lass\u2018 ich entfernen!\u201c,wiederholte sie jahrzehntelang, bis sie den Mut fasste, dies auch zu tun. \u201e\u00dcberall bleib\u2018 ich damit h\u00e4ngen, es ist wirklich an einer ung\u00fcnstigen Stelle!\u201c,sagte sie wiederholt, w\u00e4hrend sie die Haut an ihrem Handr\u00fccken anspannte. Unter der Haut hatte sie ein kleines graues K\u00f6rnchen, wie eine winzige gr\u00fcne oder schwarze Erbse. \u201eEine Warze unter der Haut\u201c, so nannte sie es immer. <em>\u201e<\/em>Wozu zum Teufel brauch\u2018 ich das!\u201c \u201eEin Muttermal, das ist ein Muttermal!\u201c,versuchte ihre Mutter immer, sie zu \u00fcberzeugen. \u201eLass es so! Daran kann ich dich jederzeit erkennen und sagen, dass du meine bist!\u201c \u201eEin Muttermal!\u201c, wunderte sie sich. \u201eAber wozu hat sie mich gekennzeichnet, das w\u00fcrd\u2018 ich gern wissen!\u201c Sicherlich nicht f\u00fcr das gute Gl\u00fcck. Man sagt, dass ein <em>Muttermal<\/em> immer dann entsteht, wenn sich die schwangere Frau nach etwas sehnt. Wenn sie sich aufgrund des Verlangens irgendwo am K\u00f6rper kratzt, <em>markiert<\/em> sie dadurch das Kind im Mutterleib genau an dieser Stelle. Ich stelle mir vor, wie sich die Gro\u00dfmutter nach etwas sehnte und dabei auf ihre eigene Hand schlug. Wonach sie sich genau sehnte, verheimlichte sie jedoch geschickt vor sich selbst. Als das <em>Muttermal<\/em> entfernt wurde, verschwand mit ihm auch der unbefriedigte Wunsch. \u201eAls ob es nie da gewesen w\u00e4r\u2018! Na bitte, und wie viele Jahre hab\u2018 ich mich damit herumgeschlagen! Vollkommen unn\u00f6tig!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Brust wurde nie mit einer Narbe gebrandmarkt, daf\u00fcr war es zu sp\u00e4t. \u201eWo waren Sie bis jetzt!? Dieses galoppierende Ding kann nicht mehr entfernt werden, es ist zu gro\u00df. Wir werden versuchen, es zu verlangsamen. Drei bis vier Monate, mehr nicht\u201c,sagte man ihr, sie log mich aber an. \u201eNichts, nichts, ich hab\u2018 irgendeinen Fleck auf meiner Lunge, sie werden mich einige Tage im Krankenhaus behalten. Mach dir keine Sorgen, bereite dich auf deine Pr\u00fcfung vor.\u201cDas sagte sie mir und ich glaubte ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBleib heute ein bisschen l\u00e4nger&#8230; Ich soll Blut bekommen, ich bin irgendwie nerv\u00f6s.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich blieb und hielt ihre freie Hand, w\u00e4hrend in die andere aus einem durchsichtigen, h\u00e4ngenden Beutel dunkles Blut str\u00f6mte. Ich blieb bis zum letzten Tropfen. \u201eIch w\u00fcrde gern wissen, von wem es ist\u201c,sagte sie und versuchte zu l\u00e4cheln. Ich versuchte es auch. Lautlos fragten wir uns beide, ob dieses neue Blut, dessen Spender wir nicht kannten, unseren Bund wohl verd\u00fcnnen w\u00fcrde. Ob es sie von der Familie <em>trennt<\/em>, nicht nur von mir, sondern auch von ihrer Mutter, sowie von allen anderen vorherigen Urm\u00fcttern. Kann dieses neue Blut zu St\u00f6rungen in unserem Stammbaum f\u00fchren? \u201eEin merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl\u201c, sagte sie. \u201eIch wei\u00df nicht, was sie mir mit diesem Blut antun. Jetzt flie\u00dft es in meinen Adern, aber ich wei\u00df nicht, von wem es ist&#8230;\u201c \u201eAlles wird gut\u201c, log ich sie an, genauso, wie sie mich angelogen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm, w\u00e4hl\u2018 ihr etwas zum Anziehen aus&#8230; Und Schmuck. Aber nicht zu viel, auch dir soll was von deiner Mutter \u00fcbrig bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mir blieben ihr Matrikelbuch und der Pullover, in dem sie sich fotografieren lie\u00df, als sie ihr Studium an der Fakult\u00e4t begann, ihr niemals abgeschlossenes Jurastudium<em>.<\/em> \u201eAls ich das erste Mal bei einer Pr\u00fcfung durchgefallen bin, war ich derma\u00dfen au\u00dfer mir, dass ich fast durch die geschlossene T\u00fcr gegangen bin! Sie war aus Glas. Irgendein junger Mann ist mir entgegengekommen. W\u00e4re er nicht da gewesen, h\u00e4tte ich mir den Kopf zerschnitten.\u201c Sehr oft habe ich ihre Pullover getragen, aber nie zu Pr\u00fcfungen, aus einer Art Aberglaube. Sie hinterlie\u00df mir auch einen aufgeschriebenen Spruch. \u201eLies das, wenn du das Haus verl\u00e4sst, dann bestehst du jede Pr\u00fcfung\u201c, sagte sie mir. \u201eWieso hast du dann dein Jurastudium abgebrochen?\u201c, fragte ich sie misstrauisch. \u201eIch hab\u2018 geheiratet, deswegen. Damals musste man arbeiten und geb\u00e4ren&#8230; Ein Studium hat nichts bedeutet! Aber du wirst deinen Abschluss machen!\u201cEs blieben auch Briefe zur\u00fcck, die ihr irgendwelche feinen jungen M\u00e4nner geschickt hatten. Ich habe immer die Briefmarken abgenommen, damit ich sie meiner Sammlung von allem M\u00f6glichen hinzuf\u00fcgen konnte, und sie las mir aus diesen Briefen vor, als ich f\u00fcr Geschichten schon zu gro\u00df war. \u201eWie w\u00e4re ich geboren worden, wenn du einen von ihnen geheiratet h\u00e4ttest?\u201c, fragte ich sie einmal vor langer Zeit. \u201eDu h\u00e4ttest nur einen anderen Vater\u201c, pflegte sie zu sagen. \u201eDann w\u00e4re das nicht ich\u201c, protestierte ich, weil alle sagten, dass ich ein <em>Abbild<\/em> <em>meines Vaters<\/em> sei. \u201eDu w\u00e4rst du, du w\u00e4rst nur nicht dieselbe wie jetzt.\u201c Es blieben auch Briefe, die sie geschrieben, jedoch nie abgeschickt hatte. Ohne Anschrift, wie ein unvollendeter Liebesroman, aus dem sie mir nie vorgelesen hat, <em>aus Scham<\/em>. Es blieben einige schwarzwei\u00dfe Fotografien aus der Zeit, in der noch nicht feststand, wer mein Vater sein wird. Ich ertappte mich dabei, wie ich unbewusst dieselbe K\u00f6rperhaltung einnehme. Es blieb etwas, haupts\u00e4chlich zerbrochener Goldschmuck. Den Ring, den sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag bekommen hatte, brachte ich ins Pfandhaus, um meinen Mietr\u00fcckstand zu begleichen. \u201e<em>Haben Sie irgendwo einen Job gefunden?\u201c, <\/em>fragt mich die alte Lisaveta, bei der ich damals wohnte. \u201eNein\u201c, sage ich, \u201eich habe den Ring meiner Mutter verkauft.\u201c \u201eSehen Sie, wie unsere M\u00fctter auf uns aufpassen, auch wenn sie nicht mehr da sind!\u201c, bemerkt Lisaveta sabbernd, anstatt nasse Augen zu bekommen. Es blieben einige Urkunden: Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunde. Nichts ist zur\u00fcckgeblieben, ich habe alles verbrannt, eingeschmolzen, verstreut&#8230; Sie hinterlie\u00df ihre Spuren <em>lediglich<\/em> in meinem Blut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe sie als kleines M\u00e4dchen, welches erst einige Sommer alt ist. Ich k\u00f6nnte ihre Mutter sein. Sie ist pausb\u00e4ckig und blinzelt der Sonne entgegen. Ihre Haut ist weich und narbenfrei. Ich sehe, wie sie \u00fcber die Wiese rennt, ohne zu stolpern. Sie spielt freche Spiele mit den anderen Kindern, solange sie nicht in die Schule gehen m\u00fcssen. Sie ist die Chefin unter den Jungs. Ich beobachte, wie sie auf die Idee kommt, einem toten wei\u00dfen Huhn eine Beerdigung in der N\u00e4he des Dorfes zu organisieren, wie sie aus einem hohlen Baumstamm eine Schlange hervorzieht und gl\u00fccklich dar\u00fcber ist, eine <em>Halskette<\/em> f\u00fcr sich gefunden zu haben, wie sie in einem kalten Bach schwimmen lernt und keine Angst vor dem vielen Wasser hat. Die alten Leute aus dem Dorf wagen es nicht, sich ihr zu n\u00e4hern, die Kleine sei der Teufel. Es kreisen Geschichten, dass sie mit intaktem Mutterkuchen zur Welt kam, so werden angeblich nur <em>Hexen<\/em> geboren. Ich beobachte, wie sie einer w\u00fctenden Stute auf den R\u00fccken springt, und wie sie ihr die M\u00e4hne streichelt, um sie zu beruhigen, wie sie die K\u00fche an ihren H\u00f6rnern zum Grasen und zur Trinkstelle f\u00fchrt. \u201eDas w\u00e4rst du, nur nicht dieselbe wie jetzt\u201c, w\u00fcrde ich ihr sagen, wenn mein Ruf irgendwie bis in diese Zeit reichen k\u00f6nnte. Ich sehe, wie sie im Schlaf zuckt, weil sie von ihren Vorfahrinnen heimgesucht wird, die ihr die verschiedensten Sachen erz\u00e4hlen. Auch ich erz\u00e4hle ihr. Dann bringen sie sie zum <em>Bleigie\u00dfen<\/em>, um sie von ihren \u00c4ngsten zu befreien. Das Blei nimmt jedoch nicht die Form eines Sarges an, sondern es erscheint eine Frau mit dem Kopf eines Vogels. Die Wahrsagerin hat noch nie etwas dergleichen gesehen, weswegen sie sie zum Lehrling nimmt. Ihre Spr\u00fcche zeigen auf einmal Wirkung: \u201eGesegnet-sei-ich-von-Gott\u201c, dann pustet sie dreimal auf ihre Brust, nachdem sie zuvor einen tiefen Atemzug f\u00fcr das ewige Leben nahm. Ich beobachte, wie sie zu einer schlanken Br\u00fcnette mit starken Knochen und einem s\u00fc\u00dfen Bauch heranw\u00e4chst. Dieser Bauch geh\u00f6rte nur ihr, sowohl der obere als auch der untere Teil, quer und l\u00e4ngs. Ich l\u00e4chele, weil sie stehengeblieben ist, um sich auf dem Weg nach Hause mit einem Jungen zu unterhalten, ihre Mutter bemerkt sie jedoch und geht mit dem Besen auf sie los. Sie flieht nicht um das Haus herum. Sie wendet nur ihren Oberarm in die Richtung ihrer Mutter, zeigt ihr das <em>Muttermal<\/em> und sagt: \u201eIch wei\u00df, nach wem du dich gesehnt hast!\u201cIhre Mutter wirft den langen Besen besch\u00e4mt hin und verkriecht sich mit eingezogenem Schwanz ins Haus. Meine Mutter tanzt, der Besen auch, und danach fegt er alle m\u00fctterlicherseits bestehenden unbefriedigten, schamhaften und eitlen W\u00fcnsche weg. Ich beobachte sie, wie sie sich darauf vorbereitet, das Haus zu verlassen und in die weite Welt zu ziehen. \u201eAls w\u00fcrde man dort nur auf dich warten!\u201c, sagt die Mutter zu ihr. \u201ePass gut auf dich auf!\u201c, f\u00fcgt sie hinzu. \u201eWirf dich lieber in die Neretva, als dass du mir mit einem runden Bauch nach Hause kommst! Hast du geh\u00f6rt!\u201c Sie hat es geh\u00f6rt, beachtet die Aussage jedoch nicht wirklich, da ihr Bauch einzig und allein ihr geh\u00f6rt und s\u00fc\u00df ist, und mit den Flie\u00dfgew\u00e4ssern steht sie in Schwesternschaft, da sich diese ihrer eigenen Rolle bewusst sind und immer einen Weg finden, sie lassen sogar das harte Mutterherz weich werden. Nachdem sie gegangen war, schrieb sie sehr lang und oft, einige ihrer Briefe schickte sie ab, andere band sie ein und las sie ohne Scham in der Stimme. In der weiten Welt ist sie gl\u00fccklich wie im Elternhaus, alle Kneipen empfangen sie mit offenen T\u00fcren, die jungen M\u00e4nner sind von ihr hingerissen, die Gesetzb\u00fccher sind leicht. Es n\u00e4hert sich der Zeitpunkt unseres Treffens. Ich beobachte, wie sie meinen Vater ausw\u00e4hlt. Sie w\u00e4hlt ihn beim Kaffeekaufen, weil sie wei\u00df, dass diese Bohnen auf anderen, fernen Kontinenten die Ziegen gl\u00fccklich machen. Wieso sollte sie nicht ihres eigenen Gl\u00fcckes Schmied sein, so wie ihre Mutter auf dem Holzherd den Kaffee gekocht hat? \u201eSonnenschein, so nennt man mich\u201c, sagt sie und reicht ihm die Hand, auf der sie das kaffeebohnenf\u00f6rmige <em>Muttermal<\/em> hat. Sie gef\u00e4llt ihm, sie hat volle Br\u00fcste und gesunde Z\u00e4hne, er arrangiert ein Rendezvous mit ihr. Der Kaffee duftet nach Aufwachen. Sie kann sich den Morgen danach und alle darauffolgenden Morgen mit ihm vorstellen. Als er sie auf einen Spaziergang in den Zoo einlud, machten sie die geh\u00f6rnten Rindviecher traurig, die lautlos hinter den K\u00e4figgittern auf- und abliefen, als ob sie noch nie eine Wiese gesehen h\u00e4tten. Sie muss ihm die lebhaften K\u00fche aus ihrem Heimatdorf zeigen. Er stimmt zu. Schon bald komme auch ich. \u201eSonnenschein, so haben sie mich genannt, bevor ich geheiratet habe\u201c, sagte sie mir, sobald ich sie verstehen konnte. Die verk\u00fcmmerte Zeit stinkt genauso wie ein faules Ei. Man kann es mit jeder beliebigen Nuance von Rot bemalen, es wird nicht vor Gesundheit strotzen. Wenn es zerbricht, ist es aber schon aus der Ferne zu <em>h\u00f6ren<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kam genauso pausb\u00e4ckig wie sie auf die Welt, schwer herausgepresst, wie es halt \u00fcblich ist. Meine Haut war rot, meine Haare wie Brandstummel, steif und schwarz. \u201eDu hast ununterbrochen geweint, nichts konnte dich beruhigen, nur wenn ich mich zusammen mit dir auf den Boden gelegt hab\u2018!\u201c Der Boden war sicherer als jede Wiege. Sie muss vor M\u00fcdigkeit einfach aufgegeben haben und sich an der Stelle hingelegt haben, an der sie sich soeben befand, zusammen mit mir. Schnell kamen die ersten Worte aus meinem Mund, meine ersten Schritte habe ich jedoch erst dann gemacht, als sie nicht zu Hause war, da das die einzige Gelegenheit war, ungest\u00f6rt hinzufallen. Sie lachte \u00fcber mich, w\u00e4hrend ich zwischen den Wohnbl\u00f6cken fiktiven H\u00fchnern hinterherrannte, Regenw\u00fcrmer auf dem B\u00fcrgersteig sammelte und sie fragte, wieso sie mir einen Hut auf den Kopf setzt, wenn es \u00fcberhaupt keinen Regen gibt. Sie weckte mich, als ich schlafwandelte und im Traum sprach, brachte mir Wasser, um die Alptr\u00e4ume darin zu ertr\u00e4nken und Stofftiere, die als Nachtwache dienen sollten. Als ich die Windpocken bekam, lie\u00df sie es nicht zu, dass ich mich kratze, und sie besch\u00fctzte meinen ganzen K\u00f6rper, au\u00dfer meinen Handr\u00fccken, weswegen wir an derselben Stelle ein <em>Muttermal<\/em> hatten. Wenn mir eine Wimper herausfiel, machte sie daraus einen guten Wunsch: \u201eTu sie auf deine Brust, puste dreimal, das, woran du gedacht hast, wird in Erf\u00fcllung gehen!\u201c Ich stelle mir vor&#8230;wie ich schon erwachsen genug bin, damit meine F\u00fc\u00dfe perfekt in ihre St\u00f6ckelschuhe passen. Ich habe viele Wimpern f\u00fcr diesen Wunsch verbraucht, viel mehr, als es rasende Rennfahrer in der Rodelbahn brauchte, bevor das erste <em>R<\/em> aus meinem Mund rollte. Sie brachte mir das Schreiben bei, ich konnte meinem Bleistift nur unter schwersten Qualen die n\u00f6tigen Buchstaben entlocken. \u201eWas habt ihr in der Schule gemacht?\u201c, fragt sie, mir kommen fast die Tr\u00e4nen. \u201eNoch einen Buchstaben\u201c, sage ich ihr und wei\u00df, dass dieser Buchstabe meinen ganzen Tag verschlingen wird. \u201eO, ich Arme, du hast noch nicht mal den von gestern gelernt, nun muss schon der n\u00e4chste ge\u00fcbt werden! Zwei Buchstaben in zwei Tagen, wo gibt\u2018s denn sowas! Komm, iss, und dann gehen wir schreiben.\u201cUnd wir haben den ganzen Tag ein und denselben Buchstaben geschrieben. Sie wacht \u00fcber meinen Stift und rei\u00dft Bl\u00e4tter aus meinem Heft. \u201eNicht gut, nochmal! Wehe du hast keine ganze Seite vollgeschrieben, bis ich mit dem Abwasch fertig bin!\u201cIch schreibe, w\u00fcrde aber lieber alles andere machen. Sie prahlt sp\u00e4ter mit meinen entwickelten Arbeitsgewohnheiten und meinen Einsern, als ob es ihre w\u00e4ren. Und das waren sie ja tats\u00e4chlich. Sie hat meine Arbeitsgewohnheiten derma\u00dfen beeinflusst, dass ich lange \u00fcberhaupt keine anderen als die von ihr geforderten hatte. \u201eWas ist los mit dir?\u201c, wunderte sie sich sp\u00e4ter. \u201eGeh mal ein bisschen unter die Leute, unterhalte dich mit ihnen, du starrst immer nur in diese B\u00fccher, du wirst noch erblinden, du hast noch gar keine Sonne gesehen!\u201cIch habe ein Mal auf sie geh\u00f6rt und habe meine Bankkameradin dazu eingeladen, etwas zusammen zu unternehmen. Da uns die St\u00f6ckelschuhe immer noch viel zu gro\u00df waren, borgten wir uns Make-up, schminkten unsere Lippen und Augen und gingen nach drau\u00dfen, um zu spielen. Als ich wieder zu Hause ankam, watschte mich meine Mutter so kr\u00e4ftig, dass mein Lippenstift auf der Wand landete. \u201eWo bist du so hingegangen, du siehst wie \u2018ne Dorfhure aus! Wasch das ab! In deinem Alter w\u00e4r\u2018 mir sowas nie eingefallen! Was f\u00fcr \u2018ne Schande!\u201cIch war mir nicht sicher, was <em>Hure<\/em> bedeutet, aber ich ahnte, dass es nichts Bewundernswertes ist, und dass ich noch lange in meine Wimpern pusten muss, damit ich das Recht darauf habe zu machen, was ich will. Als sie gesehen hat, dass ich schreiben wollte, stahl sie eine Schreibmaschine aus ihrem B\u00fcro und stellte sie auf meinen Schreibtisch, zusammen mit zwei Reserve-Farbb\u00e4ndern und mit Blaupapier. \u201eDort braucht\u2018s niemand, es hat sowieso nur als Staubf\u00e4nger im Schrank gestanden. Der Portier hat mich ein wenig schr\u00e4g angeschaut, als ich das Geb\u00e4ude verlassen hab\u2018, aber wen juckt\u2018s! Du kannst sie noch gebrauchen, hab\u2018 ich Recht?\u201c Es gab keinen sch\u00f6neren Klang auf der Welt als den der Schreibmaschine. Zum Gl\u00fcck hatte meine Mutter das Blindschreiben nie gelernt, ich h\u00e4tte es nicht ertragen, zweimal dieselben Buchstaben von ihr zu lernen. Mit dieser Maschine habe ich meine Abiturarbeit geschrieben, und bald werde ich in meinen eigenen Schuhen mein Zuhause verlassen. \u201eIch kann es kaum erwarten, dass du einen Freund hast! Mach dir keine Sorgen, wenn du schwanger wirst, werd\u2018 ich auf das Kind aufpassen, solange du f\u00fcr deine Pr\u00fcfungen lernst!\u201c,so verabschiedete sie sich von mir. Als sie mich auf dem Campus besuchen kam, kaufte sie mir ein neues Paar Stiefel und vom Wechselgeld eine Packung Kondome. \u201eHast du Geld f\u00fcr Schminke?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist sch\u00f6n und geschminkt, die Per\u00fccke steht ihr gut, lediglich ihr Gesicht f\u00fchlt sich beim Ber\u00fchren etwas schwammartig an. Ihr K\u00f6rper muss keine Schmerzen mehr ertragen, sie ist ruhig und wartet darauf, dass sie von den Eingeweiden der Erde empfangen wird, genauso wie sie einst mich empfing.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs kommt mir so vor, als ob sie gleich aufwacht\u201c, murmelt meine Gro\u00dfmutter \u00fcber ihr. Sie ruft sie mit ihrem Namen und f\u00e4ngt an zu klagen. Sie trauert, ohne auch nur eine einzige Tr\u00e4ne zu vergie\u00dfen. Die Neretva w\u00e4re unter ihr ausgetrocknet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSei still, Oma!\u201c, ich kann sie nicht mehr h\u00f6ren. \u201eDu wirst es nicht mal bemerken, dass sie nicht mehr da ist, schon lange ist sie nicht mehr bei dir! Jetzt ist sie gestorben und hat keine Schande \u00fcber dich gebracht. Wor\u00fcber klagst du also?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWeine nicht!\u201c,versucht auch sie mich zu beruhigen. \u201eDu machst ihre Kleidung nass. Willst du etwa, dass sie sich eine Lungenentz\u00fcndung einf\u00e4ngt und zweimal an einem Tag stirbt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir \u00fcberboten uns gegenseitig, wem ihr Tod st\u00e4rker zu schaffen macht, und stritten uns, wer den gr\u00f6\u00dferen Teil der Trauer erben w\u00fcrde. Die Menschen kommen zu mir und k\u00fcssen mich dreimal auf die Wange, als ob sie mir gratulieren w\u00fcrden. Es gibt zu viele Menschen, zu viele spuckige K\u00fcsse. Da ist auch einer der jungen M\u00e4nner, den sie mir nicht zum Vater gew\u00e4hlt hat. Trotzig entziehe ich mich seinem Kuss, meine Tr\u00e4nen sind giftig. Danach sang der Priester mit den Klagefrauen um die Wette, und eine angetrunkene Alte, der ihre Ziegen unter ihre Kleidung krochen, nahm einen Schluck von dem Wein, den der Pfarrer f\u00fcr die Zeremonie brauchte. Er hat die Arbeit auch ohne den Wein nur schnell hinter sich gebracht. Erde, Blumenkr\u00e4nze und sonst nichts. Danach erhob sich dort ein wei\u00dfer Grabstein mit ihrem eingravierten Namen und ihren Lebensjahren, ohne Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGehst du zum Friedhof?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; \u201eNein. Da ist sie nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00dcbersetzt von D\u00e9nes Kobetits und Ivana Paji\u0107<\/p>\n\n\n\n<p>Original: Marijana \u010canak: &#8222;\u010cetiri brazgotine na telu, jedna u zemlji&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VIER NARBEN AM K\u00d6RPER, EINE UNTER DER ERDE Am rechten Fu\u00dfgelenk hatte sie ein St\u00fcck Haut, welches glatt und hell wie Silber war. \u201eIch blieb gebrandmarkt\u201c, sagte sie immer. \u201eF\u00e4llt es ins Auge? Als ob mein Bein an der Stelle &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/uebersetzungen\/marijana-canak\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4985,"featured_media":0,"parent":231,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"full-width-page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/318"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4985"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=318"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":651,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/318\/revisions\/651"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}