{"id":518,"date":"2021-12-20T18:08:03","date_gmt":"2021-12-20T17:08:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/?page_id=518"},"modified":"2021-12-23T11:10:24","modified_gmt":"2021-12-23T10:10:24","slug":"masa-kolanovic","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/krisenszenarien\/uebersetzungen\/masa-kolanovic\/","title":{"rendered":"Ma\u0161a Kolanovi\u0107"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><strong>KONSUMIEREN<\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang des gro\u00dfen Ladens h\u00f6rte sie ein seltsames Ger\u00e4usch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wenig wie Wellengang und wie das Knirschen einer riesengro\u00dfen Metallplatte. Seit gestern Abend wehte ein heftiger S\u00fcdwind. Auf dem Parkplatz war es sogar f\u00fcr Mitte August schw\u00fcl und ungew\u00f6hnlich leer. Der Asphalt gl\u00fchte von der starken Hitze, auch das kleine St\u00fcck Gr\u00fcn in der N\u00e4he hatte eine verbrannte, schwarz-braune Farbe. Es war Sonntagnachmittag und der Himmel wurde immer grauer. Der Stadtteil wurde von einer grau-blauen Wolkenwand aus dem Westen eingeschlossen. Viele Einkaufsw\u00e4gen standen herum, sie steckten ineinander und formten eine lange Schlange vor dem Parkplatz. Auf der Terrasse des Au\u00dfencaf\u00e9s, das an den Parkplatz anschloss, sa\u00df nur ein alter Mann. Er sah aus wie die Wachsfigur von Papst Ratzinger mit Sonnenbrille. Er bewegte sich nicht. Der Wind erzeugte dieses grauenhafte Ger\u00e4usch aneinanderschlagender Metallbl\u00f6cke. Als sie den Kopf hob, um die Quelle des Ger\u00e4usches ausfindig zu machen, sah sie, dass der gro\u00dfe Anfangsbuchstabe des Wortes KONSUM gef\u00e4hrlich \u00fcber ihr schwankte. Sie schrak aus ihrem hypnotisierten Beobachten auf, als sich pl\u00f6tzlich H\u00e4nde um ihre Taille schlangen. Wie aus dem Nichts erschien vor ihrem Gesicht eine gro\u00dfe Pl\u00fcschmaske. So etwas wir ein Elefant und ein mutiertes Insekt. Zwei M\u00e4dchen begleiteten die Maske. Sie kicherten und fotografierten sie mit ihrem Handy, w\u00e4hrend die Kreatur sie mit ihren gro\u00dfen pl\u00fcschigen F\u00fchlern ber\u00fchrte. \u201eIch bin eine M\u00fccke\u201c, sagte eine Stimme unter der Maske. \u201eZZZZZZZZ. Ich bin ein Mann.\u201c Er lie\u00df sie los. Die M\u00e4dchen dr\u00fcckten ihr unter andauerndem hysterischem Gel\u00e4chter zwei Werbeproben des Insektizids Autan in die H\u00e4nde. Der M\u00fcckenmann h\u00f6rte nicht auf, ihr mit seiner dicken Pl\u00fcschschnauze, die ihm wie eine verl\u00e4ngerte Nase am Kopf hing, in den Oberk\u00f6rper zu stechen. Sie kam mit diesem \u00fcberraschenden Angriff nicht zurecht. Der Mann stach lasziv mit seiner Schnauze auf sie ein, w\u00e4hrend die M\u00e4dchen stichelten, \u201edu hast sie gestochen, aber du hast sie gestochen\u201c und sich kr\u00fcmmten vor Lachen. Hastig riss sie sich aus dieser unerwarteten Werbevergewaltigung los, warf die Autanpackungen auf den Boden und rannte Richtung Ladent\u00fcr, die sich vor ihrem K\u00f6rper heilbringend \u00f6ffnete. Die Gestalten blieben hinter dem Glas zur\u00fcck, durch das sie ihre Grimassen und Lachkr\u00e4mpfe, wie in einem stummen Horrorfilm sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Laden war leer und kalt wie ein Grab. Man h\u00f6rte nicht diesen \u00fcblichen Klang der Werbelieder, <em>genau richtig f\u00fcr mich<\/em> und \u00e4hnliche, vertraute Melodien wie das piepende Scannen an den Kassen. Am Eingang war der Pappaufsteller eines l\u00e4chelnden Konsum-Models, etwas gr\u00f6\u00dfer als ein echter Mensch. Unter dem Kartonmenschen stand: <em>Konsum \u2013 mit Ihnen durchs Leben<\/em>, und daneben die etwas abgewetzte Aufschrift <em>Konsum \u2013 das kroatische Wort f\u00fcr Supermarkt<\/em>. Das einzige Lebewesen im gesamten Laden war eine Kassiererin, etwas korpulenter, mit blondem gewelltem Haar, die etwas gr\u00f6\u00dfer war als die Kasse vor ihr. In der Hand hielt sie ein Schokol\u00e4dchen, in das sie gerade bei\u00dfen wollte. Sie bemerkte nicht, dass jemand den Laden betreten hatte. Ihr Blick war zur Ladendecke gerichtet, an der die an Ketten h\u00e4ngenden Namen der Verkaufsabteilungen leicht schwankten. <em>Fleischwaren, Milchprodukte, Sanit\u00e4rartikel, Brot, Getr\u00e4nke<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahm einen kleineren roten Korb in die H\u00e4nde, weil sie nicht beabsichtigte, allzu viel zu kaufen, nur einige Grundnahrungsmittel, um bis morgen zu \u00fcberleben. Joghurt, Milch und irgendwelches Geb\u00e4ck. Sie blickte zur\u00fcck, in der Hoffnung noch jemanden in den Laden kommen zu sehen. Der Boden des Ladens war dreckig, voller M\u00fcll und Fu\u00dfabdr\u00fccke. Es sah so aus, als w\u00e4re er tagelang nicht geputzt worden. Die Regale verstr\u00f6mten nicht die \u00fcbliche F\u00fclle. Viele der Produkte waren wegen des baldigen Ablaufdatums im Angebot. Es gab fast kein frisches Obst und Gem\u00fcse, au\u00dfer man z\u00e4hlt vollkommen braun gewordene Bananen und eine aufgeweichte und verschrumpelte Gurke mit dazu. Das Unternehmen Agrokor sank immer tiefer, obwohl er das einzige Gesch\u00e4ft im Stadtteil war. Der einst prachtvolle Konsum verwandelte sich in die schon lange unterlegenen L\u00e4den wie Diona, Slavija und Union, deren Regale kurz vor Schlie\u00dfung vor Leere klafften, als w\u00e4re eine Katastrophe in Sicht. In F\u00fclle gab es nur B\u00fccher, die auf dem Drehregal vor der Kasse standen. Sie leuchteten in gl\u00e4nzenden Plastikverpackungen, einige hatten ein Geschenk beiliegen \u2013 Sonnencreme oder Plastikt\u00fctchen mit Instantkaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sie durch die Regalreihen des leeren Ladens ging, f\u00fchlte sie sich unwohl. Sie hoffte, dass wenigsten noch irgendjemand au\u00dfer ihr und der Kassiererin im Laden w\u00e4re. Zwischen den Alleen der Produkte warf sie ab und zu einen Blick in Richtung Kasse. Seitdem sie herein-gekommen war, hatte sich die Kassiererin kaum bewegt. So regungslos sah sie aus der Ferne wie ein Schokoladenweihnachtsmann in rot-gr\u00fcner Verpackung aus. Es schien, als ob sie genau so einen kaute. Eine ganze Reihe im S\u00fc\u00dfwarenregal war mit solchen Schokoladen gef\u00fcllt, verschiedene Milkaweihnachtsm\u00e4nner, Lindthasen, Rentiere, Eier und K\u00fcken, die noch von Weihnachten und Ostern \u00fcbriggeblieben waren. Sie bewegte sich in Richtung Brotabteilung. Auf einmal h\u00f6rte sie irgendeinen L\u00e4rm. Vor ihr eilte ein Mann in roter Konsum-Uniform mit einem Wagen voller Getr\u00e4nke vorbei. Er war ungew\u00f6hnlich d\u00fcrr, bleich und hager, gar nicht so wie diese Pappfigur. Er schleppte die Getr\u00e4nke wie eine Ameise, die eine \u00fcbergro\u00dfe Last in Panik tr\u00e4gt, er schien sie nicht zu bemerken, sodass er sie beinahe mit dem \u00fcberladenen Wagen umgesto\u00dfen h\u00e4tte. Im letzten Augenblick wich sie in Richtung K\u00fchlfach mit Wurstwaren zur\u00fcck. F\u00fcr einen Moment blieb sie vor dem K\u00fchlschrank stehen. Er hatte auch ein beispiellos sp\u00e4rliches Angebot. Nur ein paar fabrikm\u00e4\u00dfige Packungen mit ger\u00e4uchertem Schinken, Mortadella und rohem Schinken. Die eingeengten, vakuumverpackten Fleischst\u00fccke waren nicht von leuchtender, leckerer rosa Farbe wie auf der Verpackung, sondern hatten matte graue und braune Farbt\u00f6ne. Die meisten Verpackungen hatten gelbe Etikette, auf denen in roten Buchstaben AKTION geschrieben stand. Sie starrte auf diese Fleischst\u00fccke, als w\u00e4re sie der Entdeckung eines Mysteriums auf der Spur. Sie stockte. Sie strich \u00fcber die Verpackungen, in denen die eingepressten Fleischst\u00fccke waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus ihren Gedanken schreckte sie pl\u00f6tzlich eine zittrige M\u00e4nnerstimme, die sie fragte: \u201eNaschst du gerne Fleisch?\u201c Es war der alte Mann, den sie gerade eben im Caf\u00e9 vor dem Laden gesehen hatte. Wie hatte sie blo\u00df nicht bemerken k\u00f6nnen, dass er hereingekommen war und sich nah an sie herangeschlichen hatte. Er trug ein aufgekn\u00f6pftes Hemd und eine dunkle Brille. Sie wollte nicht hinstarren, aber es schien ihr, als w\u00e4re auch sein Schlitz offen. Sie war sprachlos. Und dann fragte er sie: \u201eUnd, m\u00f6gen Sie alte Knacker?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit unsichtbarer Ohrfeige im Gesicht bewegte sie sich stumm in Richtung der Milchprodukte. Der alte Mann bewegte sich langsam und schw\u00e4chlich. Sie stopfte einen Fruchtjoghurt in ihren Korb und nahm sich ein Tetra Pak Milch, das au\u00dferhalb des K\u00fchlfaches stand. Sie musste nur noch Brot finden und diesen verfaulten Ort so bald wie m\u00f6glich verlassen. Die Stille im Laden wurde pl\u00f6tzlich von orientalischer Popmusik unterbrochen, die klang, als w\u00fcrde sie jemand \u00fcber ein Handy spielen lassen. Bald h\u00f6rte sie auch ein Summen. Ein junger Mann betrat den Laden, den sie aus der Nachbarschaft vom Sehen her gut kannte. Er war etwa 18 Jahre alt und immer auf der Stra\u00dfe zu sehen. Oft sang er laut auf einer Parkbank, rief Passanten herbei und lenkte so die Aufmerksamkeit auf sich. Und pl\u00f6tzlich verstummte die Musik aus dem Handy. Der junge Mann beschimpfte die Batterie und das Handy. Sie n\u00e4herte sich der Brotabteilung. Der junge Mann, der nicht in ihrem Blickfeld war, schrie hin und wieder etwas. Er werde dies und das zum Teufel schicken, er verfluchte Mlinci, Kaffee, Pfannen und etwas, was nicht da war. Zuletzt erw\u00e4hnte er Todori\u0107, er werde ihn in sein diebisches Arschloch ficken. Am Klang seiner Stimme konnte sie die Entfernung zwischen sich und ihm ausmachen. Dann begann er etwas in dieser orientalischen Popmelodie vor sich hin zu singen. Anfangs leise, sodass sie die Worte nicht erkennen konnte, aber dann immer lauter. Sein Skandieren <em>Kon-su-mie-ren, Kack-en, Kre-pier-en, wir werden alle wie Schlachtvieh!<\/em> hallte durch den Laden. Sie stand in der Brotabteilung, w\u00e4hrend sich ihr das Lied des jungen Mannes n\u00e4herte. <em>Kon-su-mie-ren, Kack-en, Kre-pier-en<\/em>. In der Brotabteilung war keine Menschenseele. Es gab dar\u00fcber hinaus weder frisches Geb\u00e4ck noch Brot. Nur vakuumverpacktes amerikanisches Toastbrot mit langer Haltbarkeitsdauer. <em>Kon-su-mie-ren, Kack-en, Kre-pier-en. <\/em>Sie wartete an der Theke darauf, dass jemand auftauchte. Der junge Mann kam immer n\u00e4her, jetzt bemerkte er sie und ging direkt auf sie zu. <em>Kon-su-mie-ren, Kack-en, Kre-pier-en<\/em>. Sie stand regungslos vor der Brotabteilung. Der junge Mann h\u00f6rte auf zu singen und blieb ganz nah bei ihr stehen. Sie konnte seinen Atem riechen. Es roch nach Zigaretten und Verwahrlosung. Sie drehte sich um und blickte ihm in die Augen. Sein Augenwei\u00df war von winzigen roten Blitzen durchzogen. Sein Gesicht war irgendwie ungew\u00f6hnlich aufgedunsen. Sie standen so in angespannter Stille nebeneinander. Dann h\u00f6rte man pl\u00f6tzlich den Klang von Glasflaschen, die irgendwo an einer anderen Stelle des Ladens zu tanzen begannen. Sie erstarrte. Sie rannte pl\u00f6tzlich in Richtung Kasse. Die Abteilungsschilder \u00fcber ihnen begannen zu wackeln. Die Kassiererin war nicht an der Kasse. Sie h\u00f6rte nur eine Stimme, die sie fragte, ob sie eine Multipluskarte h\u00e4tte. Sie sah sich verwundert um, woher diese matte Frauenstimme kam. Es war, als w\u00fcrde sie aus den geschmolzenen Schokoladenkr\u00fcmeln kommen, die in der rot-gr\u00fcnen Verpackung eingewickelt waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00dcbersetzt von Anne Grab<\/p>\n\n\n\n<p>Original: Ma\u0161a Kolanovi\u0107: \u201eKonzumiranje\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In: Ma\u0161a Kolanovi\u0107: \u201ePo\u0161tovani kukci i druge jezive pri\u010de\u201c. Zagreb: Profil 2019.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KONSUMIEREN Am Eingang des gro\u00dfen Ladens h\u00f6rte sie ein seltsames Ger\u00e4usch. Ein wenig wie Wellengang und wie das Knirschen einer riesengro\u00dfen Metallplatte. Seit gestern Abend wehte ein heftiger S\u00fcdwind. 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