Falsche Meinungen

Illustration mit rot durchgestrichenen Köpfen ohne Gesichter

Man möchte meinen, unsere moderne Gesellschaft sei am Höhepunkt der Meinungsfreiheit angekommen. Verfolgte Journalisten und Journalistinnen, Verhaftungen sowie Shitstorms, die nicht selten Kündigungen mit sich ziehen, lassen Gegenteiliges vermuten. Und auch die aufgeheizte Stimmung während der Pandemie zeigt: Es gibt nur noch Schwarz und Weiß — und Schwarz ist nicht erwünscht. 

Im Fall von Andreas Montag, Journalist und Schriftsteller, bedeutete das: Ein Regisseur sprach zwei Jahre kein Wort mit ihm, nachdem Montag sich kritisch über sein neuestes Theaterstück äußerte. Er sollte Hausverbot bekommen. Der Kläger scheiterte. Cancel Culture at it’s best. Es stellt sich die Frage: Hat kritischer Journalismus noch (s)eine Berechtigung? Darf man heute noch Kritik üben, andere Meinungen haben, gegen den Strom schwimmen? Ja, darf man – jetzt erst recht! Denn kritischer Journalismus schafft eine kritische Gegenöffentlichkeit. Folglich kann man ihn als einen der Grundbausteine unserer Demokratie sehen, in der mehrere Meinungen unbedingt ihre Daseinsberechtigung haben müssen. 

Doch tatsächlich ist es so, dass zunehmend Menschen aufgrund ihrer Meinung ‚gecancelt’ werden. (Vermeintlich) linke Kollegen und Kolleginnen sagen ihre Aufritte ab, bei denen sie sich mit (vermeintlich) rechten Kollegen und Kolleginnen eine Bühne teilen müssten — auch wenn sich deren Auftritt gar nicht die Darstellung politischer Gesinnungen zur Aufgabe macht. Und auch dann, wenn der Anlass des Zusammentreffens eigentlich nur die Verleihung von Literaturpreisen im Rahmen des Hamburger Literaturfestival ist. Die Folge: Nach der Absage der (vermeintlich) linken Kollegen und Kolleginnen wurde die (vermeintlich) rechte Kollegin ausgeladen. Unter Ausschluss dieser (vermeintlich) rechten Kollegin, folgten die (vermeintlich) linken Kollegen und Kolleginnen der Einladung dann doch — und nahmen ihre Preise auf einem (dann wohl doch sehr deutlich linken) Zusammentreffen freudig entgegen. 

Das Beispiel von Andreas Montag zeigt aber: Es geht schon lange nicht mehr nur um politische, sondern mittlerweile auch schon um kulturelle Korrektheit. Doch wo kommen wir hin, wenn wir nur noch eine Meinung zulassen? Absagen, Kündigungen, Hausverbote. Zack, feddich! Auch wenn es schwer ist, es gibt sie: andere Meinungen. Und nur weil diesen keine Bühne mehr geboten wird, sind sie nicht aus der Welt. Die logische Konsequenz ist eine Spaltung der Gesellschaft in zwei Lager, deren einziger Austausch untereinander stattfindet. In diesem sehr einseitigen Austausch verhärtet sich die eigene Meinung, da sie hier auf Zustimmung trifft. Der Groll gegen das andere Lager wird größer.

Das Ziel sollte wohl aber ein Diskurs der beiden Lager miteinander sein, um die andere Seite zu verstehen versuchen und wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen. Andere Standpunkte sollten angehört werden. Menschen sollten nicht wegen einer anderen Meinung gecancelt werden. Sonst ist es mit der eingangs erwähnten Meinungsfreiheit wohl doch nicht ganz so weit bestellt.

Bemerkung #1: Wenn in diesem Kommentar von Meinungen die Rede ist, dann sind damit auch tatsächliche Meinungen, keine Beleidigungen oder Falschmeldungen, gemeint.

Bemerkung #2: Die Anekdote um Andreas Montag wurde dem Interview mit ebendiesem und Bastian Zimmermann am 23. November 2021 im Rahmen unserer Seminars entnommen.  

Bemerkung #3: Illustration by Taylor Callery for TIME (https://time.com/5735403/cancel-culture-is-not-real/)

One thought on “Falsche Meinungen

  1. Ich finde dein Kommentar richtig gut. Du bringst es auf den Punkt!
    Meiner Meinung nach ist genau das die Aufgabe von Journalist_innen. Man sollte, nur weil jemand eine andere Meinung vertritt, auf keinen Fall Gegenargumente und Kritiken ignorieren oder aus dem Weg gehen. Vielmehr sollte genau dies der Anlass für einen Meinungsaustausch sein.

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