Journalismus und Kritik. Ein Interview.

Dienstag der 23.11.2021. Es ist ruhig. Die vierte Coronawelle trifft Deutschland und das Interview kann nicht in Präsenz statt finden. Also wieder zurück in die eigene Wohnung und Uni über Webex. Der Kurs beginnt um 9 Uhr früh. Erstmal 5 Minuten verspäten, der Weg aus dem Bett war zu lang.

Das Online-Seminar beginnt, die Gäste kommen erst später. Wir bereiten die Grundlage für das Interview vor.

10:26 Um halb soll das Interview beginnen. Andreas Montag, Autor und Journalist der Mitteldeutschen Zeitung (MZ), betritt das Webex-Meeting. Irgendwas passt nicht: Die Technik.

Seine Kammera stellt ihn seitlich da, egal. Vier Minuten später betritt auch Bastian Zimmermann den Raum. Dieser ist Redakteur der Zeitung Positionen.

Das Interview kann beginnen. Zuerst sollen sich die beiden Gäste vorstellen.

Andreas Montag ist in der DDR aufgewachsen und war Schriftsteller. Zwei seiner Bücher wurden zensiert und seine Filmproduktion nie veröffentlicht. Sein 3. Buch erschien erst 16 Jahre später. Nach dem Fall der DDR bekam er ein Angebot von der Tageszeitung „Freiheit“, der heutigen MZ. Angefangen als freier Mitarbeiter ist er nun Festangestellter Redakteur.

Während Herr Montag für ein tagesaktuelles Blatt tätig ist, sehen die redaktionellen Aufgaben für Bastian Zimmermann anders aus. Als Herausgeber der alle 3 Monate erscheinenden Positionen ist dieser für den Inhalt und das Format der Fachzeitschrift zuständig. Diese wurde in den 80ern gegründet und Herr Zimmermann übernahm die Leitung der Zeitschrift vor drei Jahren. In Folge der Übernahme wurde diese Re-Launched: Grafik und Format wurden überarbeitet und neu ausgerichtet.

Wahrscheinlich nicht gefunden.“ Die inhaltstärkeren Artikel der MZ.

So beschreibt Herr Montag einen meinungsstärkeren Artikel der sich der nicht vorhandenen Solidarität in der Gesellschaft widmet. Ein Problem, welches laut Herr Montag, seit der Pandemie immer präsenter wird. Doch ist die MZ hauptsächlich eine Lokalzeitung und als diese muss sie ihr unmittelbares Feld bespielen: Theater, Künstler, Politik alles sollte überwiegend lokal sein. Doch kann es durch diese Nähe zu den Künstlern und Poltikern zu einer Art Zensur kommen?

Nein, denn es gibt keine Verpflichtung zur Freundlichkeit. Auch wenn die Künstler oder Politiker den Redakteuren nahestehen, müssen diese nicht positiv schreiben. Und so hat Herr Montag wegen einer Theaterkritik bereits ein Hausverbot bekommen, dies hielt nicht lange. Die MZ ist sehr frei in ihren Themen, Zensur wird häufiger von den Lesern versucht. So löste ein ganzseitige Reportage über einen Neonazi-Club in Halle eine Welle der Entrüstung aus und die bürgerliche Mitte in Halle versuchte die Entlassung von Herrn Montag zu erwirken.

Während die Themenwahl der MZ sehr frei ist, richtet sich die Positionen an eine kleine sehr spezifische Leserschaft. Durch diese Ausrichtung können einige Themen nicht aufgegriffen werden. Vor dem Wechsel der Leitung durften kleine Festivals nicht negativ beleuchtet werden, da diese Kritik wichtig für die Besucher war. Die Zeitschrift stand ihrem Medoum zu nahe. Nach dem Wechsel wurden die Redakteure ermutigt auch kritischer zu schreiben. Auch öffnete sich die Zeitung thematischer. Brisante Themen sind auch in der Zeitung brisant. So wurde ein Beitrag über China veröffentlicht, doch die Übersetzerin wollte nicht ihren Klarnamen verwenden. Aus Angst vor der chinesichen Zensur.

Wie wirkt sich die Veränderung von Print zu Online auf die MZ aus?

Regionale Zeitungen haben ein konservatives und eher älteres Publikum. So kam es mit der Digitalisierung zu wenig Veränderungen in der Leserschaft. Bereits früher wurde auf Beiträge in Briefform oder per Fax geantwortet. Mit der Verlagerung in das Internet gibt es immer noch starke Antworten. Doch fällt eine Klimaänderung in der Gesellschaft auf. Die Kommentare werden weniger höflich und teils beleidigent. So wurde Herr Montag nach einem Beitrag zur Flüchtlingswelle 2015 beschimpft und gebeten in das Land der Geflüchteten zu ziehen, da er nicht gut genug für Deutschland sei.

Wie auf der Pegida-Demo die Sau rauslassen.“ Der Vergleich sitzt. Die Gesprächskultur sitzt auf Halbmast, das Klima wird rauer. Obwohl niemand anonym ist, schreibt jeder seine Meinung. Gerade die Beleidigungen entstammen eher der männlichen Kreativität. Doch nicht nur das raue Klima stört. Kommentare durchlesen, auf diese antworten kostet Zeit, Kraft und Nerven. Denn Disskusionen erfordern Kultur und Akzeptanz auf beiden Seiten.

Die letzte Frage richtet sich wieder an Herr Zimmermann: „Wie relevant ist eine Öffnung zur Mehrheit und verfolgen sie wirtschaftliche Ziele?

Die Positionen ist eine Zeitung in Kleinauflage, die nur eine sehr spezifische Szenen anspricht. Doch das Heft wurde teurer und Anzeigenpreise haben sich verdoppelt. Kleinen freien Projekten wird Nachlass gewährt, damit es kein finazielles Gatekeeping gibt. Um Geld mit der Zeitschrift zu verdienen beschränkt sich die Redaktion auf eine minimal Struktur: zwei Redakteure und ein Grafikbüro. Die restlichen Beiträge stammen von Freiwilligen.

Die Seminarzeit wurde überzogen, das Interview endet. Viele Fragen waren beantwortet viele mehr gar nicht gestellt. Das Meeting löst sich auf. Die Gedanken kreisen hier und dort, der restliche Tag lag noch vor mir.

Montag der 29.11.2021. Die Abgabe für den Artikel ist in ein paar Stunden. Natürlich habe ich die Arbeit bis zum Ende aufgeschoben. Das Interview liegt eine Woche zurück. Doch was ist hängen geblieben? Themen.

Gerade der Bericht von Herr Montag über den Beitrag über den Neonazi-Club in Halle. Zu einem interssieren mich Beiträge aus diesem Milleu, aber viel entäuschender war die beschriebende Reaktion auf den Artikel. Der Gegenwind entsprang gar nicht aus dem offenem Neonazi-Milleu, sondern aus der „bürgerlichen Mitte“ Halles. Wie „überraschend“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.