Über Zensur und freundliche Berichterstattung

Ein Kommentar zu den Grenzen, die wir uns selbst setzen

Andreas Montag ist ausgebildeter Bibliothekar, arbeitete allerdings nie so wirklich in diesem Beruf. Schon zu DDR-Zeiten begann er zu schreiben. Mit dem ersten Buch lief es gut, doch das zweite fiel der Zensur zum Opfer. Auch ein Drehbuch wurde aufgrund einer zu starken Mauer-Thematisierung nie verfilmt.

Die Zensur ist in Deutschland mittlerweile Geschichte, heute gibt es nur noch die Grenzen, die wir uns selbst setzen.

Mit der Zeit stieg Montag vom freien Mitarbeiter bei der Freiheit zum Ressortleiter bei der Mitteldeutschen Zeitung auf. In Sachsen-Anhalt gelang es ihm, immer tiefere Wurzeln zu schlagen. Die meisten regionalen Kulturschaffenden kennt er persönlich. So kann er auch nachvollziehen, dass andere Journalisten schnell eine Verpflichtung zur Freundlichkeit und Unverbindlichkeit verspüren. Er tut dies nicht, was die meisten Künstler respektieren. Doch leider eben nur die meisten. Einem langjährigen Theaterintendanten schrieb Montag einst eine fast schon vernichtende Rezension zu dessen Regiearbeit. Die Reaktion kam prompt: Hausverbot (das zwar schnell wieder rückgängig gemacht wurde), aber zwei Jahre, in denen der Regisseur kein Wort mit dem Kritiker reden wollte.


Auch Sebastian Zimmermann hat in seiner Karriere schon das ein oder andere Hindernis überwinden müssen. Ein einschneidendes Erlebnis war die Ablehnung einer Rezension. Der Grund: Zimmermann schrieb zu kritisch. Für ihn war klar: Hier waren private Beziehungen im Spiel, die eine negative Berichterstattung unhaltbar machten.

Als Autor spürte er mit der Zeit immer mehr, dass viele Kritiker ihren Kritisierten nur positives Feedback zukommen lassen wollten. Es möchte schließlich niemand die Verantwortung dafür tragen, dass das kleine Musikcafé am Ende der Straße im nächsten Jahr keine finanzielle Förderung mehr erhält. Doch soll Kritik tatsächlich so ablaufen? Nein!

Seit drei Jahren ist Zimmermann Co-Herausgeber und Redakteur für die Positionen, eine Zeitschrift der zeitgenössischen neuen Musik, die seit 1988 vierteljährlich erscheint. Mit der Übernahme ging ein gewaltiger Relaunch einher – neue Grafik, neues Format, neue inhaltliche Ausrichtung. Doch das Entscheidendste: eine generelle Distanz zwischen den Autoren und dem Gegenstand. Der Fokus liegt auf dem Diskurs. Die Sprache der einzelnen Autoren soll gelesen und gespürt werden, spezielle Interessen bekommen endlich ihre Bühne. Überspitzt gesagt: Den Autoren wird das kritische Schreiben wieder erlaubt.

Leider ist dies nicht weltweit der Fall. So veröffentlichten die Positionen kürzlich einen Text über die experimentelle Subkultur-Szene in China, geschrieben von einem chinesischen Journalisten. Die Übersetzerin wollte ihren echten Namen aufgrund der politischen Positionierungen allerdings nicht daruntersetzen. Die Zensur ist in anderen Ländern noch immer real.


Montag und Zimmermann sind sich einig: Egal ob mit regionalen oder internationalen Kulturschaffenden: es bedarf einer kritischen Auseinandersetzung und freier Meinungsäußerung.

So geht der Appell nicht nur an die Kritiker, sondern auch an die Leser. Beteiligen Sie sich am Diskurs. Kümmern wir uns gemeinsam um die Wirklichkeit und versuchen wir herausfinden, warum Dinge so sind, wie sie sind. Wir müssen den Mut haben, unsere Gedanken auszusprechen – und im Gegenzug akzeptieren, dass andere Menschen eine andere Meinung vertreten, anderen Interessen nachgehen. Sehen wir dies doch einfach als Chance, um unseren Horizont zu erweitern. Und wer weiß, vielleicht lernen wir dann tatsächlich noch etwas dabei.


Die Gedanken von Andreas Montag und Bastian Zimmermann wurden aus einer Diskussionsrunde mit den Teilnehmern des Moduls Handlungsfeld Journalismus an der Martin-Luther-Universität Halle herausgegriffen. Das Gespräch fand am Dienstag, den 23. November 2021 statt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.