Verpflichtet zur Freundlichkeit – Ist die Presse wirklich frei?

Halle, 23.11.2021 – Mit den dramatisch steigenden Inzidenzen wird die Lehre an Universitäten Schritt für Schritt wieder online gestellt. So viel auch die Exkursion des Seminarkurses „kritischepraxis“ zur Mitteldeutschen Zeitung aus. Anstelle dessen führte der Kurs ein digitales Interview mit Andreas Montag, Kultur Ressortleiter der Mitteldeutschen Zeitung, und Bastian Zimmermann, Herausgeber der Fachzeitschrift für zeitgenössische Musik „Positionen“.

8:30 Uhr klingelt mein Wecker, 8:50 Uhr falle ich aus dem Bett und um 9:00 Uhr sammelt unser Kurs sich im Onlinekonferenzraum auf Webex. Schon jetzt merke ich, dass das schwierig wird. Es mangelt nicht nur an Motivation meinerseits, sondern auch an der Stabilität meines Internets. So stehe ich dem gesamten Interview kritisch gegenüber und fühle mich schlecht. Eigentlich, sollte ich dankbar sein, dass dieses Interview überhaupt stattfindet. So erzählt uns Andreas Montag, dass insbesondere die Möglichkeit, dieses Interview digital zu führen, Grund dafür war, dass er heute mit uns spricht. 

Doch dann teilt er mit uns, dass auch er schon erlebt hat, sich zur Freundlichkeit verpflichtet zu fühlen und mein Interesse ist geweckt. Zum Hintergrund dieses Erlebnisses erzählt er uns, wie ein Regisseur zwei Jahre lang nicht mit ihm reden wollte und sogar versuchte, Montag den Zugang zum Theater zu verweigern, nachdem dieser einen sehr kritischen Artikel zu einem Stück veröffentlichte. Bastian Zimmermann schließt sich dem Gespräch mit ähnlichen Erfahrungen an. So wurde eine seiner Rezensionen nicht veröffentlicht, da sie angeblich „zu kritisch“ war. Im Endeffekt stellte sich heraus, dass das Magazin die Beziehung zu den Partnern nicht auf’s Spiel setzen wollte.

Generell entwickelt sich das Thema „Meinungsfreiheit“ immer mehr zu einem großen Spannungsfeld in unserer Gesellschaft. Journalist*innen balancieren auf einem schmalen Grad zwischen kritischer Berichterstattung und den Konsequenzen ihrer eigenen Meinung. (Damit sind keine Beleidigungen oder Falschmeldungen gemeint.) Dabei muss man sich eingestehen, dass Themen wie Cancel-Culture und auch die Verfolgung von Journalist*innen, beispielsweise durch Feindeslisten radikalisierter, politischer Gruppen, längst auch in Deutschland angekommen sind und die Balance gefährden.

Doch die beiden lassen sich von diesen Begebenheiten nicht einschüchtern. Bastian Zimmerman legt in seiner Fachzeitschrift beispielsweise besonderen Wert darauf, dass die Autor*innen keinen starken Bezug zu Themen und Personen haben, über die sie berichten. Montag betont ganz nach dem Motto „Jetzt erst Recht“, dass er nicht vor meinungsstarken Artikeln zurückschreckt und darin die Aufgabe von Journalismus sieht. Sie soll nicht gefallen, sie soll Leute zum Denken anregen. Sie soll aufdecken, repräsentieren, helfen, verändern. Sie ist das Fundament unserer Demokratie, eine Plattform für alle Meinungen unserer Gesellschaft. Das Grau zwischen den schwarz-weißen Gefilden, die letztendlich doch so fragil sind, dass sie eine konträre Meinung nicht ertragen können.

Somit nehme ich aus diesem Interview mit, mehr zu meiner eigenen Meinung zu stehen. Dieses Interview entsprach nicht meinen Erwartungen. Die digitale Lehre nimmt starken Einfluss auf die Partizipation und Motivation der Studierenden. Sie mindert die Qualität der Lernerlebnisse erheblich und ich bin mir sicher, dass dieses Erlebnis erfüllender gewesen wäre, hätte es in Präsenz stattgefunden. Doch frustrierte Kritik ist nicht angemessen, wenn sie nicht konstruktiv ist. Dadurch, dass dieses Interview digital war, konnten unsere Gesprächspartner aus der Ferne ohne Anreise oder Gefährdung der Gesundheit mit uns reden. Der Austausch konnte aufgenommen und hochgeladen werden, sodass er für jeden unseres Kurses zugänglich war, der nicht teilnehmen konnte. So ist also die Mitte der Dinge ist die Wahrheit der Tatsachen. 

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