Wann wird Schwarz und Weiß zu einem Gefühl?

Dieser Kommentar könnte auch die Überschrift tragen: „Auswirkungen digitaler Seminare auf studentische Konzentrationskraft“ oder „Was passiert, wenn 30 Leute gleichzeitig ein Interview führen sollen?“ Entscheidender ist dann aber doch die Tatsache, dass JournalistInnen sich für kritische Beiträge immer noch verteidigen müssen – auch heute noch und auch in Deutschland.

Andreas Montag, Journalist der Mitteldeutschen Zeitung, teilte diese Erfahrung in einem Interview, das im Rahmen eines universitären Journalismus-Seminars stattfand. Sein Artikel über die Neonazibewegungen in Halle löste in den neunziger Jahren einen bürgerlichen Aufschrei aus, dessen Druckwelle auch das Büro des Herausgebers erreichte. Empörung über journalistische Produktionen gab es 1990 und gibt es heute. Doch 2021 mischt sich noch die scharfkantige Impulsivität des digitalen Zeitalters in die Debatte.

Wenn eine Zeitung irgendetwas machen muss, dann muss sie sich um die Wirklichkeit kümmern und herausfinden wie die Dinge sind und warum sie so sind.

Andreas Montag, Kulturressortleiter der Mitteldeutschen Zeitung

Das sagt sich leicht, wenn die halbe Bevölkerung noch vor Satzende darüber streitet, welche Wirklichkeit denn hier gemeint sei. Dabei trifft der Satz die Aufgabe von Journalismus auf den Punkt: Draufschauen, berichten, nachfragen, kritisieren, abwägen, analysieren, positionieren.

Vielleicht ist es mangelnder Medienkompetenz geschuldet, dass sich Menschen von seriösem Journalismus abwenden, nur weil sie abweichende Blickwinkel als einen Angriff auf ihre eigene Weltanschauung verstehen. Vielleicht ist es aber auch die Unfähigkeit, andere Positionen auszuhalten. Zu oft wird Meinungsvielfalt mit Wertekampf verwechselt und bei der Einteilung in Schwarz und Weiß vergessen, dass man Gedanken nicht anmalen kann.

One thought on “Wann wird Schwarz und Weiß zu einem Gefühl?

  1. Dazu könnte ich ergänzen: Im Internet kann es auch schnell durch das Bilden von Bubbles dazu kommen, dass man Kritik gar nicht mehr „gewöhnt“ ist, weil man nur von gleichen Meinungen umgeben ist. Kritik wird deshalb vielleicht schneller als Angriff verstanden. Online kann es, glaube ich, auch vermehrt zu Missverständnissen kommen. Zumindest finde ich es leichter eine kritische Meinung einer Person im persönlichen Gespräch so mitzuteilen wie es beabsichtigt war. Im Internet können leichter Statements aus dem Kontext gerissen werden. – Natürlich gibt es aber dieses Problem von Misskomunikation auch auf analoger Ebene…

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