Wir brauchen Distanz

Das Medium Sprache ist mächtig. Andreas Montag beklagt eine Desensibilisierung gegenüber ihrer Wirkkraft, aber auch ein Vergessen ihrer Schönheit im öffentlichen Bewusstsein.

Der Autor und Kulturressort-Leiter der Mitteldeutschen Zeitung schreibt oft „meinungsfrohe und -starke“ Artikel zu gesellschaftspolitischen Themen. Beinahe zwangsläufig ist er dadurch ständig mit verschiedensten Reaktionen auf seine Artikel konfrontiert. Er beobachtet im Vergleich zur vordigitalen Zeit, dass die Publikumsreaktionen im Internet zunehmend jeglicher diskursiven Form entsagen. Die gesellschaftliche Spaltung sei jedoch kein neues Phänomen, sie werde nur durch äußere Faktoren wie die Corona-Pandemie und neue Kommunikationskanäle des Internets offengelegt.

Online-Diskurs bewegt sich oft auf persönlicher, informeller Ebene. Die allgemeine Mediennutzung des Internets, insbesondere die Produktion von geschriebener Meinung auf social media ist vielfach spontaner, kurzlebiger, weniger durchdacht.

Das ist zunächst wertfrei festzustellen. Schwierig wird es, wenn diese „neue“ medialen Umgangsformen auf einen „alten“ Kommunikationskanal (dem zwischen Journalisten und Lesern) übertragen werden, ohne sich die Verschiebung bewusst zu machen und einvernehmlich eine neue diskursive Ebene zu betreten. Erst dann ist die Frage, ob social media nicht eher hinderlich bei dem Unterfangen ist, gesellschaftlichen Konsens herzustellen.

So trifft Journalismus auf ungefilterte Kommentare, die dem Diskurs rein formal oft nicht gewachsen sind. Aus diesem Grund sieht sich Montag in den seltensten Fällen dazu bewegt, auf das Feedback wiederum zu reagieren.

Die Kommunikation zwischen Produzenten und Rezipienten funktioniert nicht.

Kritik ist keine abgeschlossene Aussage, sondern durch die Auseinandersetzung mit einem Gegenstand das Angebot zum Diskurs. Fehlt der konstruktive Diskurs, droht sich die journalistische Praxis zu wandeln. Montag beobachtet einen erheblichen Verlust von Schreibkultur auf Seiten der Journalist*innen. Vor allem im Radio sei er nicht erfreut über den Zustand der Sprache.

Wir brauchen Distanz.

Insbesondere bei Medien, mit denen wir uns stärker identifizieren, fällt uns die Distanz schwerer.

Aber Distanz ist ein Möglichmacher. Sie ist der Motor für kulturellen Fortschritt, Katalysator für persönliches Wachstum und Grundlage für einen sachlichen öffentlichen Diskurs, um Konsens herzustellen. Boulevardisierung kennt keine Distanz. Nähe und Identifikation sind ihr Geschäft.

Genau diese Nähe war es, die für Bastian Zimmermann den Tagesjournalismus unattraktiv machte. 2018 übernahm er als Redakteur und Herausgeber die Musikfachzeitschrift Positionen. In seiner Arbeit achtet er nun darauf, dass Autoren eine persönliche Distanz zu ihrem Gegenstand haben. Im Zentrum der Zeitschrift steht der ästhetische Blick.

Durch die Verengung des Adressatenkreises auf eine kleinere Fachöffentlichkeit lässt sich hier kritische Praxis auf einer anderen Ebene betreiben – in Bezug auf die Kunst selbst und ihre immanenten oder angrenzenden gesellschaftspolitischen Themen. Zimmermann meint zwar, er beteilige sich nicht an tagesaktueller Gesellschaftspolitik – offensichtlich behandelt er in einer Vierteljahrsschrift nicht die aktuellen Impfquoten – andererseits ist Gesellschaft viel mehr. Kultur ist viel grundlegender gesellschaftsstiftend. Indem sich die Zeitschrift selbst als wichtiges Organ der kulturellen Bildung bezeichnet, nimmt sie bereits aktiv Teil an Gesellschaft.

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