Die bittersüße Ohnmacht des Nichtstuns

„Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute, sondern du selbst das Problem bist?“

Jan Ole Gersters Debütfilm „Oh Boy“ (2012) gibt einen beengend komisch, melancholisch feinfühligen Einblick in das Leben eines Unentschiedenen.

Berlin: Niko Fischer (Tom Schilling) zieht es aus der Wohnung seiner Freundin Elli (Katharina Schüttler) heraus — hinein in einen Tag, an dem er eigentlich nichts vorhat. Der Ende Zwanzigjährige ist ein höflicher, zurückhaltender junger Mann. Einer, dem das Leben irgendwie zwischen den Fingern zerrinnt. Vor zwei Jahren hat er das Jurastudium geschmissen und lässt sich seitdem durch die Hauptstadt treiben. Auf die Frage seines Vaters, was er denn anstelle vom Studieren getrieben hätte, antwortet er: „Ich habe nachgedacht.“

„Oh Boy“ betrachtet Niko dabei, wie er einen Tag und eine Nacht lang durch die Metropole driftet. Scheinbar improvisierte 24 Stunden, die das Prekäre seiner Existenz offenbaren.
Ringsherum begegnet er einem bezeichnenden Ensemble von Wegbegleiter:innen, die eine Episode fließend in die nächste überführen: der bedürftige Nachbar Karl Speckenbach, der mit einer Schüssel unappetitlicher Fleischbällchen verzweifelt von seiner gescheiterten Ehe erzählt. Sein Kumpel Matze: ein Möchtegernschauspieler, der Niko an den Drehort eines Nazidramas schleppt. Sein überheblicher, reicher Vater, der seinem Sohn auf dem Golfplatz den Geldhahn zudreht. Die einst gehänselte Schulkameradin, die ihr noch immer labiles Selbstbewusstsein pöbelnd verteidigt und schließlich der alte Friedrich, der am frühen Morgen am Bartresen eine betrunkene Lebensgeschichte erzählt. Der einzig rote Faden: die Suche nach einem Kaffee.

Schwarzweiße Kamerabilder von Philipp Kirsamer zeichnen ein passives, aber zugleich ausdrucksstarkes Bild von der Hauptstadt. Kein stereotypisches Generationen- oder Großstadtpanorama, sondern ein eigener und präziser Tonfall dirigiert das Impromptu des überraschenden deutschen Films. Untermalen von geschmackvollen, jazzigen Soundtracks erinnern die Aufnahmen an die Tristesse der Nouvelle Vage und Woody Allen. Der Film romantisiert dabei jedoch nicht die existenzialistische Kaffee-Kippen-Ästhetik der Großstadt, sondern erzählt aus der realistischen Perspektive eines melancholischen Beobachters der Bohème. „Oh Boy“ zeigt eine Stadt, in der viele Identitäten ein Leben probieren, das häufig ins Leere führt — eine Leere, welche oft nur schwer mit Romantik füllbar ist.

Tom Schilling spielt dabei nuancenreich und glaubwürdig die Figur Niko und verleiht seiner unfreiwilligen und orientierungslosen Lebenssinnsuche eine Dringlichkeit, die erst auf den zweiten Blick genauer erkennbar ist. Empfindsam geht er durch die Stadt und bietet durch seine passive und aufmerksam zuhörende Art eine große Projektionsfläche für seine Gesprächspartner:innen.

Der Film ist dabei allerdings keineswegs so pathetisch, wie er sich liest: Die ironischen Untertöne und die formvollendete Filmsprache lassen viel Spielraum, als Rezipient:in selbst zu entdecken, welche emotionalen Reaktionen auf das Gesehene provoziert werden.

One thought on “Die bittersüße Ohnmacht des Nichtstuns

  1. Eine wirklich schöne Rezension: sinnliche Sprache, gute Bebilderung und durchaus tiefergehende Reflexionen bilden den Film nicht nur ab, sondern stellen ihn vor. Gerade der vorletzte Absatz – ab »Schwarzweiße Kamerabilder« zieht mich hinein; das Ende kommt dann etwas unvermittelt bzw. bricht den schönen Text etwas ab, ohne der Leser:in etwas mitzugeben…

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