Das Ende der Menschheit und die Übertragung in digitale Erinnerung

Das Forum neuer Musik 2021 stellt eine existenzielle Frage: »Wollen wir den Tod überwinden?« Zwar konnte das traditionsreiche Festival neuer Musik am Deutschlandfunk aufgrund der Pandemie nur digital ausgetragen werden – was die Qualität und Relevanz des Themas jedoch in keiner Weise mindert; mehr noch trägt es den Diskurs darum mehr denn je in die Öffentlichkeit.

Einen bemerkenswerten Beitrag von Streitkultur mit dem Titel »Ist die Unsterblichkeit erstrebenswert« liefern sich die Journalistin und Autorin C. Juliane Vieregge und der Philosoph und Medienwissenschaftler Volker Demuth:

Vieregge startet die Diskussion aus einer Perspektive die den Tod als Notwendigkeit des Lebens betrachtet. Der Mensch würde durch die Unsterblichkeit seine Orientierung verlieren, sodass er sich ständig temporär neu orientieren müsste. Wieder und wieder und wieder, eine Ewigkeit lang.  Für sie ist der Tod und die Endlichkeit die Bedingung die dem Leben den Wert gibt.  

Im Gegenzug erwiderte Volker Demut, dass der Drang des Menschen zur Selbst Optimierung immer schon da war, ist und bleiben wird. Der Mensch wolle ständig über sich hinauswachsen und sich selbst ständig verbessern. Demut stellt weiterhin die Frage in den Raum: Zu was kann der Mensch umgeformt werden? Er nennt beispielsweise einzig und allein den Prozess der Lebensverlängerung als ein Merkmal der heutigen Gesellschaft. Durch Biotechnologien und Technowissenschaften soll das menschliche Leben soweit verlängert werden, bis es über den Tod hinaus reicht.  

Leider ist der Beitrag sehr kurz und kratzt bei beiden Positionen lediglich an der Oberfläche und betrachtet eine wichtige Realität unserer Gesellschaft nur wenig: das Digitale.  Zu diesem diskutablen Thema hätte ich mir persönlich eine deutlich tiefergehende Diskussion gewünscht. Ich möchte an dieser Stelle deshalb Position dazu beziehen.  

In der Diskussion ging es darum wie die Zukunft aussieht oder in welchen Bereichen bereits Forschungen angestellt werden, was der Mensch unter dem Auge des Posthumanismus eigentlich noch darstellt. Allerdings fehlt meiner Meinung nach die wichtigste, treibende Kraft unserer Gesellschaft und der Menschheit innerhalb dieser Diskussion. Die Frage sollte nicht sein welche konkreten Technologien für den Erhalt der Menschheit entwickelt werden sollen, sondern welche Mittel die Menschheit bereits nutzt, um unsterblich zu werden. Das Digitale, der Cyberspace, gilt schon seit Jahren als Erinnerungsspeicher. Er dient dem Teilen und Speichern Menschlicher Geschichte, Erfindungen und auch Urlaubsfotos. Das eigentlich interessante ist nun zu erkennen, dass der Mensch durch verschiedenste Kanäle bereits in der Lage ist unsterblich zu sein. Wir übertragen ständig und stetig Stück für Stück unsere Identität ins Digitale. Impfpässe, Ausweise, Bankkarten, Adressen, Kontakte, Bilder, Videos ja sogar unsere Meinung wird digital verarbeitet und abgespeichert. Wir sind sogar soweit, dass wir für die Realität relevante Diskussionen in eine digitale Öffentlichkeit verschieben. Meiner Meinung nach sind wir in diesem Sinne bereits Unsterblich, solange man Sterblichkeit nicht an der Biologischen Mortalität festmacht. Die Erinnerungen an unsere Vorfahren, Freunde oder Familie wird allein deshalb nicht sterben, weil sie immer irgendwo gespeichert ist. Sei es durch die Erfindung der Schrift oder durch die Digitalisierung unseres Lebens. Betrachtet man beispielsweise das Vorhaben Mark Zuckerbergs die Menschheit in einem “Metaverse” zu konservieren, wird schnell klar, dass wir längst an dem Punkt angekommen sind an dem die Unsterblichkeit greifbar ist.  

Ich finde wir sollten uns deshalb nicht der Frage widmen ob und wie der Mensch unsterblich werden kann. Wir sollten uns vielmehr im Umgang dieser Realität üben und nicht vergessen, dass das Internet nie vergessen wird. Erst recht nicht die Festplatten auf denen unser aller Leben abgespeichert ist und nur darauf wartet irgendwann in ferner Zukunft ausgelesen zu werden.  

2 thoughts on “Das Ende der Menschheit und die Übertragung in digitale Erinnerung

  1. Eine interessante Besprechung der Diskussionsrunde, die insbesondere auch durch die starke eigene Positionierung des Autors überzeugt. Sprachlich gesehen sollte diese allerdings nicht ganz so stark benannt werden, wie das in Absatz 5 geschieht: auf das ›Ich‹ sollte grundsätzlich verzichtet werden – denn die eigene Position kann auch ohne verdeutlicht werden – und tatsächlich würde der Text ebensogut funktionieren, wenn folgende zwei Sätze einfach herausgenommen werden: »Zu diesem diskutablen Thema hätte ich mir persönlich eine deutlich tiefergehende Diskussion gewünscht. Ich möchte an dieser Stelle deshalb Position dazu beziehen.« Sehr gut finde ich die Reflexionen zum Internet als Unsterblichkeitsmaschine – und gerade am Ende gelingt es dem Autor, der Leser:in einen Gedanken mitzugeben 🙂 Am Einstieg habe ich etwas redigiert, indem ich basalen Informationen gebündelt und kursiv gesetzt habe.

  2. Dein Schreibstil ist echt super. Es macht Spaß, deinen Beitrag zu lesen. Du sprichst Aspekte an, die ich in meinen Überlegungen komplett außen vor ließ. Dieser Blickwinkel ist echt interessant und hat immenses Potenzial.

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