Das Leben ist kurz

Der Tod. Das größte Mysterium des Lebens. Unlösbar, außer von den Toten. Einziges Problem: ihr Tod. Doch die Menschheit ist nichts, wenn nicht bereit für eine unlösbare Herausforderung.

Also: Wollen wir den Tod überwinden? Diese Frage hat sich nicht nur der Deutschlandfunk im Rahmen des Forums neuer Musik gestellt, sondern unzählige Personen aller Kulturen und Kontinente. Das durchweg prominente Thema des Todes hat nicht nur Bücher, Gedichte und Zitate inspiriert, sondern Religionen als Pfeiler ihres Glaubens gedient. Es hat Menschen dazu gebracht Sprüche wie „Du hast nur ein Leben“ oder „Das Leben ist kurz“ in unzähligen passenden und unpassenden Situationen zu verwenden. Der Tod kann Angst, Hoffnung, Furcht und Erlösung in sich vereinen und trotzdem genauso undurchschaubar sein wie vor 2000 Jahren.
Die Frage nach der Überwindung des Todes ist also ständig präsent. Unsterblichkeit im Twilight-Stil dient dabei als romantisches Ziel von Pärchen, die „für immer zusammen bleiben“ wollen. Aber ist Unsterblichkeit ein erstrebenswertes Ziel? Macht nicht der Tod das Leben lebenswert? Kann nicht die Gewissheit unzähliger Lebensjahr den Genuss jedes einzelnen Jahres zunichtemachen?

Das hypothetische Szenario der Unsterblichkeit aller umfasst nicht nur moralische Dilemma, sondern auch wirtschaftliche und ökologische Probleme. Würden alle Menschen unsterblich sein, dann wären alltägliche Probleme im großen Ganzen gesehen solche Nichtigkeiten, dass diese kaum erwähnenswert wären. Doch nur für das große Ganze zu leben, macht die Ewigkeit auf Dauer sicher nicht interessanter. Alles wäre im großen Zeitstrahl der Unendlichkeit ein unglaublich kleines Ereignis. Der Punkt an dem man alle „Bucket-List-Orte“ gesehen und alle Ziele erreicht hat, wäre der Beginn von niemals endender Langeweile.
Aus Sicht einer nicht-unsterblichen Person, beinhaltet die Unsterblichkeit verrückte Möglichkeiten und Szenarien. Berühmte Personen würde es in einer unsterblichen Welt sicher aus anderen Gründen geben. Berühmt wären vielleicht Personen, die alle Sprachen der Welt sprechen. Wenn es denn noch verschiedene Sprachen gibt. Oder Menschen, die jedes Land der Welt in- und auswendig kennen. Wenn es noch Länder gibt.

Die Rahmenbedingungen bei Unsterblichkeit sind sowieso überhaupt nicht festgelegt. Werden Sportler nach 100 Jahren Extremsport den Rest ihrer Existenz unter Schmerzen im Rollstuhl verbringen? Oder heißt Unsterblichkeit auch Unverwundbarkeit? Altern die Unsterblichen oder bedeutet die Überwindung des Todes, dass jeder Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt ‚eingefroren‘ wird? Könnte es also sein, dass sich Eltern für den Rest ihrer Existenz um ein nie alterndes Baby kümmern müssen?
Nehmen wir an, dass es einen Trank der Unsterblichkeit gibt, der von Wissenschaftlern entwickelt wurde, um den Tod zu überwinden und, dass jede Person diesen Trank zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl einnehmen kann. Würde man diesen Trank wirklich einnehmen? Oder ist es nicht schöner, mit seiner Familie, Freunden, geliebten Personen eine Lebenszeit zu teilen? Erinnerungen machen, Orte besuchen, Herzenswünsche erfüllen: all das sind doch Dinge, die das Leben lebenswert machen. Sollte es nicht ein größeres Ziel sein allen Menschen die gleichen Chancen für ein erfülltes Leben zu ermöglichen, als das Leben auf unbestimmte Zeit in die Länge zu ziehen?

Vermutlich ist das nur die Sicht einer Person, die nie Unsterblichkeit erlebt hat. Vielleicht wird diesen Kommentar eines Tages eine 361-Jahre alte Person lesen, sich über die unzähligen Fragen lustig machen und weiter ihr ewiges Lebens genießen. Die Antwort auf die Frage des Deutschlandfunks: Wollen wir den Tod überwinden, kann aber vorerst mit Nein beantwortet werden. Und sollten in ferner Zukunft einmal unsterbliche Eltern ihren unsterblichen Kindern „Das Leben ist kurz“ als Verspottung ihrer kurzlebigen Urahnen sagen, dann können diese einen Kommentar über die Frage „Wollen wir den Tod zurück?“ mit einem ebenso klaren Nein beantworten.

3 thoughts on “Das Leben ist kurz

  1. Was für interessante und teilweise sogar amüsante Fragen! Hier hast du mit Fingerspitzengefühl das Absurde humoristisch aufgegriffen und trotzdem vorher die Ernsthaftigkeit des Themas deutlich gemacht! Das hat viel Spaß gemacht zu lesen! 🙂

  2. Dankesehr für diesen sehr assoziationsreichen und sehr ansprechend geschriebenen Beitrag! Als Festivalbericht wären die konkreten Verweise auf das Festival etwas knapp; als Kommentar aber, der die Fragestellung des Festivals als Aufhänger eigener Gedanken nimmt aber ist dieser Text absolut lesenswert!

  3. Ich sitze jetzt mit einem Lächeln auf dem Gesicht vor dem Laptop und überlege mir, welches deiner beschriebenen Szenarien mir am besten gefällt. Ein Baby das nicht erwachsen wird, möchte ich jedenfalls nicht haben 😀

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