Ich glaube, ich will doch sterben. Also irgendwann zumindest.

Wenn Sie sich eine Superkraft aussuchen könnten, welche wäre es?


Die wohl mystischste Superkraft ist die Unsterblichkeit. Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte stellen sich die Menschen vor, ein Leben ohne Tod führen zu können. Für einige stellt dies wiederum keine Option dar. Das menschliche Leben ist aufgrund unserer Genetik auf 120 Jahre begrenzt. Alleine dieses Alter erscheint schon surreal. Sollte man diese mächtige Anzahl an Lebensjahren auf der Erde sein dürfen, so verbringt man sie wohl zu einem Großteil alleine. Nahezu alle Bekannten, Freunde und Familienmitglieder wären längst verendet. Man selbst wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum noch in der Lage, das eigene Frühstücksbrot zu schmieren. Wie sollte da bitte erst der 350. Geburtstag ablaufen?!

Das Forum neuer Musik 2021 geht einen Schritt zurück und versucht aus verschiedenen Blickwinkeln die grundlegende Frage: „Wollen wir den Tod überwinden?“, zu beantworten. Nachdem das Forum im vergangenen Jahr pandemiebedingt nicht wie üblich in Form eines Festivals stattfinden konnte, entschied der Organisator Deutschlandfunk kurzerhand die Verlagerung ins Radio. Beim ersten Anblick des Programmflyers sticht einiges ins Auge, das manch einen sonst direkt zum Weiterschalten ermutigen würden: der Sender, das Podcast-Format, das Musikgenre.

Da sich Deutschlandfunk bei den wenigsten jungen Leuten unter den eingespeicherten Radiosendern befindet, würde den meisten von ihnen auch diese Veranstaltungsreihe entgehen. Nachhören lässt es sich allerdings erstmalig auch online – zum Glück. So finden sich auf der Webseite sieben verschiedene Beiträge, künstlerisch, journalistisch und allesamt auditiv.

Doch das rein Auditive ist nichts für jedermann, zumindest nicht zur Inhaltsvermittlung. Die Konzentration hält nicht lange an, schnell ist Ablenkung gefunden und der Sprecher im Podcast plötzlich 15 Minuten weiter im Text. Kann es wirklich so schwer sein? Podcasts sind in den letzten Jahren enorm im Aufschwung. Mehr als jeder Dritte Deutsche hört sie mindestens einmal im Monat. Geben wir dem Ganzen eine Chance: mit einer Tasse Tee, ab auf die Couch und dann volle Konzentration.

Doch dann ist da noch die Musik: Diejenigen, die Standard-Radiosender wie MDR Jump oder Radio SAW hören, wird eine Operette oder Neue Musik abschrecken. Aber gut – um das Thema zu erfassen ist es nicht notwendig, alle Beiträge anzuhören. Vier davon werden von der Liste gestrichen.

Übrig geblieben sind Wortbeiträge. Mal schauen: „Das Zeitliche segnen. Zur Geschichte des Todes in der Moderne“. Das klingt wie ein guter Einstieg in die Thematik. Prof. Dr. Thomas Macho ist Kulturwissenschaftler und habilitierte einst zu Todesmethapern. In seiner Lecture zeigt er auf, wie wir Menschen uns im Laufe der letzten Jahrhunderte immer weiter von der himmlischen Vorstellung des Unvergänglichen entfernt haben und uns stattdessen mehr und mehr in einer Sterbekultur wiederfinden.

Die Deutschlandfunk-Redakteure begründen die Brisanz des Themas Tod einmal mehr mit der derzeitigen Coronakrise. Auch wenn der Überdruss des Themas mittlerweile weit verbreitet ist, so zeigt es doch einmal mehr, wie nah der Tod an uns herangerückt ist. Diese inhaltliche Verknüpfung leuchtet ein und lockt, wir drücken auf Play. Macho teilt seine Lesung in fünf Teile ein, wie genau diese heißen und an welchen Stellen ein Übergang sein soll, ist nicht immer zu erkennen. Vielleicht will er uns mit diesen fehlenden Cuts verdeutlichen, dass es manchmal mit der Enttabuisierung des Todes einen Schritt nach vorne ging, darauf hin aber auch zwei wieder zurück.

Die nächsten 35 Minuten vergehen wie im Flug. Machos historische und zugleich differenzierte Beschreibung der Geschehnisse ist anschaulich. Einige Namen von Philosophen und schlauen Menschen werden genannt, für den Laien klingen sie allesamt italienisch.

Er erzählt von 20 Mumien, die vor Jahren in Mannheim gefunden, mit sämtlicher Technik untersucht, aufbereitet und präsentiert wurden. Der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin betitelt diese Vorgehensweise als Mumienpornographie und fordert Persönlichkeitsrechte – auch tausende Jahre nach dem Tod der Menschen.

Sind solche Forderungen Schnee von gestern? Im frühen 19. Jahrhundert noch galt es, die Öffentlichkeit aus Tod, Bestattung und Trauer zu verdrängen.

Seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat sich einiges getan. Die Künste beginnen wieder, den Tod und die Toten neu zu zeigen: Fotografien aus Leichenschauhäusern, Bemalen von Totenmasken, Stillleben aus Leichen (Ein Künstler zersägte einen Kopf, um beide Hälften zum Kuss zu vereinen – meiner Ansicht nach etwas zu viel des Guten).

Filme, Serien und Dokumentationen thematisieren Leichen und Obduktionen. Dem Publikum wird immer mehr zugetraut. Haben wir den Traum vom ewigen Leben ausgeträumt? Wollen wir den Tod nicht mehr überwinden?

Thomas Machos gibt keine konkrete Antwort auf diese Frage. Die Aspekte die er einbringt zeigen nur, dass er durch seine Forschungen ein anderes Problem erkannt hat. Sein eigener Frust schwingt deutlich in seinen letzten Äußerungen mit:

Wir Menschen haben die Sterblichkeit als Schicksal mehr akzeptiert als früher. Das sollte uns zu einer Solidarität befähigen, immerhin teilen wir das Schicksal miteinander. Doch was tun wir stattdessen? Unsere eigene Lebensumwelt zerstören, mit all seinen Bewohnern, ohne Rücksicht vor Verlusten. Und alles nur aus Gier. So klingen die letzten zehn Minuten der Lecture wie ein Schlussappell. Wir brauchen wieder mehr Empathie in diesem Land – auf dieser Welt.

Und bei allen Überlegungen, wie wir unser eigenes Leben gerne führen würden, dürfen wir nicht vergessen: Es gibt viele Menschen, die lieber gelebt hätten, anstelle nur zu leben. Egal wie viele Jahre unser Gencode für uns vorgesehen hat: Nutzen wir die Zeit. Gemeinsam.

7 thoughts on “Ich glaube, ich will doch sterben. Also irgendwann zumindest.

  1. „(Ein Künstler zersägte einen Kopf, um beide Hälften zum Kuss zu vereinen – meiner Ansicht nach etwas zu viel des Guten)“ – ich musste sehr schmunzeln!

  2. Eine schön geschriebene ›Listening Session‹ der Lecture von Thomas Macho, die viele sprachliche Bilder nutzt und damit Leser:innen in den subjektiven Erfahrungsbericht hineinzieht – der doch auch alle objektiven Kriterien (Anlass, Ort, Personen, …) benennt. Interessant ist die bewusst eingenommene Position als junge Hörerin, die das alte Medium Radio mit etwas Befremden nutzt. Zum Ende hin zerfasert der Text etwas durch die vielen Absätze – die thematisch noch etwas besser gebündelt werden könnten.

  3. Eine sehr interessante Herangehensweise, die bewusst rational ist und zunächst eine gute Sicht „von außen“ auf den Beitrag gewährt. Den Denkansatz, dass ein Überwinden der Traumvorstellung vom ewigen Leben in mehr Solidarität und Empathie resultiert, löst in mir eine Mischung aus Optimismus und Frustration aus. Zum einen sehe ich die Chance, dass tatsächlich alle etwas näher zusammen rücken, zum anderen bin ich mir angesichts der jetzigen Lage nicht sicher ob nicht alle nur noch egoistischer werden…

  4. Die gewählte Perspektive ist super ansprechend geschrieben. Das Thema wird gut eingeführt und die Gedanken Machos anschaulich wiedergegeben und kommentiert.

    Ein Punkt, der mich noch beschäftigt; Thomas Macho zeigt eine Art Dissonanz zwischen Allgegenwart des Todes und gleichzeitiger Empathielosigkeit auf. Wie er mit diesem Widerspruch umgeht, hat sich mir beim Anhören nicht ganz erschlossen.

    Nur weil Tod als artistisches oder mediales Objekt thematisiert wird, bedeutet nicht, dass wir die Angst vor dem Tod überwunden haben, oder ihn in unser Funktionsgedächtnis aufnehmen. Das persönliche Sterben ist immer noch Tabu. Daran ändern auch die gruseligsten Skulpturen aus Leichenteilen, oder die nächste falsche Leiche im Tatort nichts. Das hat nichts mit dem emotionalen Erlebens persönlicher Todeserfahrung zu tun. Die Schlussfolgerung, wir gehen mit dem Tod um, halte ich für zu kurz gegriffen.

  5. Dein Text ist sehr gelungen. Ich finde es schön, dass du zu Anfang nicht das Thema des Festivals direkt in den Vordergrund bringst sonders zunächst das Format thematisierst. Es ist nämlich schön und gut, dass der Tod von verschiedenen Perspektiven im Festival aufgegriffen wird, aber wenn dieses Format unter Umständen wenig (junge) Menschen anspricht, kann dann ein umfangreicher Diskurs entstehen? Wichtiger Aspekt!

  6. Deine Überschrift hat mein Interesse direkt geweckt und ich wollte gerne mehr über deine Beweggründe für diese Aussage erfahren. Die Einleitung ist dir super und spannend gelungen, und dein Standpunkt wird hier bereits deutlich. Ich find es auch toll, wie umfassend du dich zum Beitrag geäußert hast und Beispiele eingebracht hast – jedoch ist es vielleicht für jemanden, der den Beitrag nicht angehört hat zum Teil etwas schwer nachzuvollziehen.
    Trotzdem denke ich, du hast alle wichtigen Bestandteile der Rezension berücksichtigt und dabei viele spannende Aspekte diskutiert 🙂

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