Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?

Das Festival „Forum neuer Musik 2021“ des Deutschlandfunks fand – wie so vieles in Pandemiezeiten – in diesem Jahr online statt. Statt Vorträgen, Diskussionen, Musikstücken und anderen Kulturangeboten hautnah beizuwohnen, mussten sich Interessierte digital und per Radio mit den Inhalten auseinandersetzen. Das zentrale Thema des Festivals: „Wollen wir den Tod überwinden?“. 

Was im ersten Moment mit Blick auf die Corona-Pandemie vielleicht deplatziert erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als interessante Fragestellung, welche die Menschheit nicht erst seit dem 21. Jahrhundert beschäftigt. Der Beitrag „Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?“ verspricht Interessierten dahingehend etwas Konkretisierung. Das knapp 25-minütige Streitgespräch dreht sich dabei vor allem um verschiedene Fragestellungen und Ansichten zum Transhumanismus.

Gegenüber „stehen“ sich im Streitgespräch Juliane Vieregge, Autorin, Bloggerin und Journalistin und der Philosoph und Medienwissenschaftler Volker Demuth. Ihre Positionen könnten dabei viel unterschiedlicher nicht sein: während Vieregge absolut gegen den „optimierten Menschen“ und für biologisch gesetzte Grenzen ist, plädiert Demuth für die biologische Verbesserung des Menschen, mehr Kontrolle über das eigene Leben und die damit verbundene Lebenszeit sowie maximale individuelle Selbstbestimmtheit. Relativ schnell wird Rezipient:innen des Gesprächs dabei klar, dass bei diesem Thema Pessimismus auf Optimismus trifft, Utopie auf Dystopie. 

In ihrem Einstieg stempelt Vieregge den Transhumanismus als „Gedankenkonstrukt alter und junger, auf jeden Fall reicher weisser Männer, die den Frauen das Gebären vielleicht neiden, jedenfalls wegnehmen wollen“ ab. Zudem raube er Künstler:innen, Dichter:innen und Musiker:innen ihre Kreativität und der Gesellschaft ihre Moral. Für Vertreter:innen und Sympathisant:innen dieser Philosophie sicherlich eine ziemlich fundamentalistische Aussage, welche aufgrund ihrer Härte gewissermaßen alles diskreditiert, was sich vielleicht auch nur mit den Ansätzen des Transhumanismus anfreunden kann.

Demuth betrachtet den Transhumanismus aus einem anderen Blickwinkel: er steht ihm optimistisch gegenüber und sieht ihn als Chance „höchster individueller Selbstbestimmtheit“. Zudem glaubt er nicht, dass die Philosophie des Transhumanismus und das generelle Bestreben der Menschen, sich weiter zu verbessern, ihren Ursprung in einer kleinen extremen (Männer-)Gruppierung hat, die im Sillicon Valley sitzt. Für ihn ist es ein gesamtgesellschaftliches Streben, welches aus einer „hochgradig säkularisierten“ Gesellschaft hervorgeht. Anders als Vieregge kann Demuth also quasi nichts Negatives an den Ideen des Transhumanismus finden.

Möglicherweise gehen die Meinungen der beiden deshalb so fundamental auseinander, weil sie völlig unterschiedliche persönliche Erfahrungen mit Sterbenden gemacht haben. Während Demuth fast ausschließlich Personen begleitet hat, die gerne noch länger gelebt hätten, wollte der Vater Vieregge’s seinen Tod „sehr bewusst miterleben“. Auch ihre 94-jährige Mutter „möchte durchaus sterben“. Zudem vermittelt Vieregge nicht zuletzt durch ihr Studium der evangelischen Theologie den Eindruck, dass sie dem christlichen Glauben nahe steht und dadurch gewiss auch einen ganz anderen Bezug zu den Themen Tod und Sterben hat.

Einig sind sie sich darin, dass man im Zuge solcher Entwicklungen über den „Menschenbegriff“ nachdenken muss. Und auch Methoden, die der Heilung Kranker dienen, sind für Vieregge durchaus vertretbar.

In ihrem Gespräch wirken beide wie zwei Extreme, wenn es um Themen des Transhumanismus geht: da sind die großen (Biotechnologie-)Optimist:innen, die dazu neigen, aufgrund von vermeintlichen Vorteilen und Chancen alle Risiken und Probleme auszublenden, die möglicherweise mit DNA-Veränderungen und anderen fragwürdigen Praktiken einhergehen. Auf der anderen Seite sind die Pessimist:innen, die in jeder (bio-)technologischen Entwicklung immer nur das Schlechte, das Unmoralische oder das Gefährliche sehen und von ihrer Meinung keinen Schritt abweichen. Hoffentlich liegt die „Wahrheit“ irgendwo dazwischen.

Schade ist, dass der Beitrag fast nur oberflächlich arbeitet, was vermutlich der Länge geschuldet ist. Wirklich konkret werden leider beide nicht und so verpasst der Beitrag die Chance, das Thema anhand von Beispielen wirklich zu vertiefen.

2 thoughts on “Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?

  1. Vielen Dank, Herr König: das ist ein rundum gelungener Festivalbericht, der alles enthält, was es für die Veröffentlichung braucht: Das Einhalten der Formalia (also die Nennung der Basisinformationen), eine eigene Positionierung zum Thema und v.a. eine wirklich gute und anschauliche Schreibe! Dazu gehört auch das Zitieren konkreter Aussagen, wo also die Diskutant:innen zu Wort kommen und nicht zuletzt auch die Bebilderung… 🙂

  2. Ich kann dir nur zustimmen: Ich finde das Streitgespräch leider auch etwas zu oberflächlich. Meist wirkt es so, als würden beide einfach ihre vorgefertigte Position wiedergeben, ohne auf den Gegenüber einzugehen. Vieregge wirkt mitunter angriffslustiger, was beim Adressaten Demuth, der gar kein so starker Verfechter des Transhumanismus zu sein scheint, etwas fehl am Platz: Demuth plädiert gar nicht für das ewige Leben, sondern nur für ein etwas längeres.

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