Mit dem Tod feilschen

Der Tod scheint seit Anbeginn der Menschheit die einzige Konstante in unsere Geschichte zu sein. Der Tod ist sicher und es gibt kein Drumherum, kein Ausweichen und vor allem kein Überlisten – denn der Tod selbst überlistet bekannter maßen am besten. Das Thema des diesjährigen, vom Deutschlandfunk ausgerichteten Festival „Forum für neue Musik 2021“ unter der Leitung von Frank Kämpfer befasst sich mit jener einschneidenden Frage: „Wollen wir den Tod überwinden?“. Zunächst scheint die Antwort klar auf der Hand zu liegen: Natürlich, die Menschheit kennt seit Jahrtausenden kein anderes Ziel. Aber schon der zweite Gedanke wirft die Frage auf: „Wenn ja, wie stellen wir das an?“

Wir versuchen schon immer den Tod zu überlisten oder wenigstens mit ihm zu verhandeln. Vergänglichkeit macht Angst und die Vorstellung, das irgendwann nichts mehr auf diesem Planeten auf die eigene Existenz hinweisen wird, ist eigentlich – unvorstellbar. So stellen sich mehrere Religionen ein paradiesisches Leben nach dem Tod vor, ein reines Weiterleben, in das der Mensch am besten reich, mit einigen Habseligkeiten und frei von Sünde gehen sollte. So spinnen die größten Schriftstellerinnen und Literaten unserer und vergangener Zeit Ideen von ewiger Jugend. So forschen Wissenschaftlerinnen am Stein der Weisen und der Konservierung des Lebens. Und so erreichen Netflix Serien wie „Who is God?“ ein Millionenpublikum, in der Hoffnung, endlich zu lernen, wie man eine Brücke zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schlägt.

Nicht umsonst werden Musikerinnen, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen nicht selten als „unsterblich“ bezeichnet. „Lebenswerk“ ist ebenso ein oft verwendeter Begriff. Jeder kennt die Lebenswerke von Whitney Huston, Oscar Wilde, Marie Curie, Leonardo Da Vinci oder Raphael. Ob sie beabsichtigt hatten mit ihrer Kunst oder ihren Errungenschaften berühmt zu werden sei dahingestellt. Was dabei nicht vergessen werden darf ist, dass all diese Schaffenden sich mit ihrem Streben nach Wissen und Selbstverwirklichung ihre ganz eigene Unsterblichkeit erkämpfen. Mit der Erfindung der Speichermedien war es möglich, alle Gedanken, Musikstücke und Werke zu konservieren. Der Mut (und zu einem gewissen Maße Glück), der Schaffenden, mit ihren Erkenntnissen und ihren Interpretationen an die Öffentlichkeit zu gehen, hat ihnen letztendlich zur Unsterblichkeit verholfen.

Das Forum neuer Musik gibt nun verschieden Künstlerinnen und Journalistinnen die Möglichkeit, ihre verschiedenen Interpretationen des Themas Tod und Unsterblichkeit zu präsentieren. Und damit nicht weniger als die einzigartige Möglichkeit sich zu verewigen und unsterblich zu werden. Diese These kann mit dem Betrag von Anna Schürmer untermauert werden. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Musik sich „vom Menschen weg und hin zur Maschine entwickelt“ und es einen eindeutigen Trend in diese Richtung gibt. Der Mensch wird beinah in allen Lebensbereichen von der Maschine abgelöst, die Frage ist nur noch, ob wir uns dagegen wehren, es kontrollieren oder es einfach geschehen lassen. Diese digitale Form kann Gesagtes, Gespieltes, Geschriebenes auf unbegrenzte Zeit konservieren und steht für ebenso unbegrenzte Zeit zur Verfügung.

Es wäre jedoch falsch zu glauben, dass erst die Digitalisierung eine solche Verewigung zulässt. Auch der Mensch, der das erste Höhlenbildnis geschaffen hat, ist auf seine Weise unsterblich. Der Mensch, der eine Statue, eine Kirche oder sein eigenes Haus gebaut hat ist unsterblich. Jedenfalls so lang bis Witterung und Natur das Bauwerk wieder zersetzen. Mit der Machtübernahme der Kunst durch Maschinen und der Digitalisierung hat die Unsterblichkeit einen anderen Charakter bekommen. Sie ist greifbarer, allgegenwärtiger– und für jeden umsetzbar. Und wenn wir das Beispiel der Höhlenmalerei wörtlich nehmen, so haben wir den Tod schon längst überwunden und können uns zurücklehnen, während wir die nächste Sprachnachricht aufnehmen.

4 thoughts on “Mit dem Tod feilschen

  1. Schöner Bericht des Festivals – der darüber hinaus weitereichende eigene Gedanken zum Thema fasst, die auch auf dem medienkulturwissenschaftlichen Feld relevante Diskurse darstellen: namentlich der Vergleich digitaler Verewigung mit dem Streben nach Ruhm bis zu den Höhlenmalereien… Auch sprachlich überzeugt mich der Beitrag, der gerade am Ende durch die kleine aktualisierende Wende echtes journalistisches Potential erkennen lässt.

  2. Dein Beitrag ist wirklich gelungen, ich frage mich:
    Reicht es uns nicht, die Gewissheit zu haben, dass es Möglichkeiten gibt nach unserem Tod „weiterzuleben“? Jede und Jeder von uns kann der Angst des Vergessenwerdens entgegenwirken durch eben diese Erschaffungen von Kunst, wissenschaftlichen Errungenschaften oder auch nur einem Post, Kommentar oder Foto auf einer social Media Plattform… Ist die Überwindung des Todes in Angesicht dessen erstrebenswert, immerhin ist auch damit viel Ungewissheit verbunden.

  3. Ich sympathisiere sehr mit deinem Ansatz, dass alles Konservierte das Sterben verhindert (von der physischen Mortalität mal abgesehen). Du gehst bis zu den Anfängen der Menschheit zurück und gibst verschiedene Beispiele – das ist klasse. Das einzige, das mich aufhorchen lässt, ist deine Ausgangsthese „Alle wollen den Tod überwinden“, denn sie ist sehr verallgemeinernd und trifft höchstwahrscheinlich nicht auf alle 8 Mrd. Menschen zu. Heutzutage ist es zwar so gut wie unmöglich, sich nicht im digitalen Medium zu speichern (social media, Fotos, Mails, …). Dennoch gibt es viele Leute, die aus Angst vor der Unendlichkeit bzw. aus Angst vor der Unwissenheit, die diese Speichertechnik mitbringt, versucht dies zu vermeiden. Sehr viel anderes aus dem Alltag z.B. Einkaufszettel, Fotoalben, Möbel und selbst das Haus sind vergänglich und könnten, mehr oder weniger einfach, zerstört werden.
    Hättest du all diese Überlegungen ausführlich mit in deinen Beitrag mit integriert, hätte das jedoch den Rahmen komplett gesprungen, deswegen ist er so wie er ist auch klasse 🙂

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