Posthumanismus und Kultur: l’art pour l’homo technico

Vom 20. Bis 23. November 2021 veranstaltete der Deutschlandfunk zum 21. Mal das Forum neuer Musik. Neben der Ausstrahlung im Radio wurde das Forum pandemiebedingt ebenfalls online kuratiert.

Deutschlandfunk-Redakteur Frank Kämpfer bündelt verschiedene Perspektiven auf Sterben und (Un-) Endlichkeit heute. Im Fokus stehen sowohl die Reflektion von Vergänglichkeit und Tod, die künstlerische Auseinandersetzung mit einem lange tabuisierten Thema sowie Post- und Transhumanismus in der Kunst selbst.

Der Wiener Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Macho hält eine Lecture unter dem Titel „Vom Geschenk der Endlichkeit“, in der er Sterblichkeit als Voraussetzung für ein sinnerfülltes Leben beschreibt. Er plädiert für eine „neue Sterbekultur“, in der sich Menschen ihrer eigenen Sterblichkeit und der ihrer Mitmenschen bewusster werden. Dies führe zu mehr Solidarität und Empathie.

Autorin und Journalistin Juliane Vieregge lehnt das unendliche Leben ebenfalls ab, wünscht sich eher einen Diskurs über den Tod sowie ein gesundes Verhältnis zum Altern. Den Gedanken, durch technologische Optimierungsprozesse die Biologie zu überwinden, findet sie nicht nur befremdlich, sondern beschreibt ihn als anti-feministische Idee reicher weißer Männer, die aus rein egoistischen Bestrebungen die Schöpfung herausfordern.

Autor und Medienwissenschaftler Volker Demuth stimmt dem grundsätzlich zu, sieht im Egoismus der wenigen jedoch auch Chancen für die vielen. Er vertritt eine techno-optimistische Position, in der nicht nach möglichen ethischen Limitationen, sondern nach den Chancen und Möglichkeiten der Lebensverlängerung durch medizinische Prozeduren und technische Optimierung gefragt wird.

Warum nicht beides? Ein möglichst langes, gesundes Leben, das man nicht zum Vorwand nimmt, den Tod überwinden zu wollen oder die Auseinandersetzung aus Feigheit aufzuschieben. Der Tod ist nie angenehm und kommt nie zum „richtigen“ Zeitpunkt. Wie Thomas Macho in der Lecture bemerkt:

„Unser Leben wird durch den Tod nicht beendet, sondern abgebrochen“

Ähnlich optimistisch betont Anna Schürmer, Musikjournalistin und Medienwissenschaftlerin, das kreative und innovative Potential der Kollaboration von Mensch und KI.

Viele Romantiker haben am Klavier komponiert. Auch hier wurde eine nicht-menschliche Prothese verwendet, um menschlichen Geist auszulagern – um ihn im Endeffekt jedoch auszudrücken. Neue Medien schaffen neue Möglichkeitsräume, die gefüllt werden können. Warum also nicht das Potenzial neuer Medien nutzen?

Von Transhumanismus zu reden, scheint erst angemessen, sobald der Mensch nicht mehr Teil der Gleichung ist. Auch eine KI-vollendete „Unvollendete“ 10. Sinfonie von Beethoven ist nicht ohne Beethoven, ohne die Programmierer der KI, ohne Musiker und ohne Publikum denkbar.

Kunst als Kulturobjekt ist Sinnstifter und Kommunikator durch ihre Art und Beschaffenheit. Komposition im herkömmlichen Sinne ist an menschliches Ausdrucksbedürfnis – und an menschliche Ausdrucksfähigkeit – gebunden. Die Ausdrucksfähigkeit wiederum hängt von den Hilfsmitteln ab.

Ein Pianist ist auch an die Limitationen seines Instruments gebunden. Beethoven ist berüchtigt dafür, mit den Klavieren seiner Zeit nicht zufrieden gewesen zu sein und dadurch maßgeblich zur Entwicklung moderner Instrumente beigetragen zu haben. Die technischen Limitationen zu überwinden mag auf ästhetischer und spieltechnischer Ebene verlockend sein, birgt jedoch Risiken, sollte sie auf den schöpferischen Geist übertragen werden.

So können technische Hilfsmittel auf einer ähnlichen Stufe gesehen werden wie herkömmliche Instrumente. Das Humane entscheidet sich nicht in der Wahl der Mittel, sondern im Umgang mit ihnen. Der Mensch als Urheber ist unerlässlich, solange wir Musik FÜR Menschen machen. Diesen gesunden Egoismus sollten wir uns bewahren.

Der Posthumanismus als Prinzip der Kollaboration zwischen Menschen und Maschine lässt dies zu, solange die Rolle des Menschen klar als die führende definiert ist.

3 thoughts on “Posthumanismus und Kultur: l’art pour l’homo technico

  1. Ein toller Gesamtüberblick über das Festival und die Themen, die dort angesprochen werden! Vor allem den Vergleich mit dem Klavier als Prothese finde ich sehr gelungen, um zu verdeutlichen, dass Technik und Menschlichkeit Hand in Hand gehen können.

  2. Ein guter Text, der die Herausforderung annimmt, auf relativ wenig Platz über das ganze Festival zu berichten! Der Titel ist ansprechend und auch die formalen ›Must haves‹ – also Nennung von Anlass, Ort, Personen – werden sofort benannt, wenn auch etwas unvermittelt und nicht in den eigentlichen Bericht eingearbeitet. Eine Option wäre es, die Infos etwa kursiv dem eigentlichen Bericht voranzustellen… Inhaltlich zeigt der Text die eingehende Beschäftigung des Autors mit dem Thema und der Veranstaltung. Auch sprachlich ist der Text sauber gearbeitet – aufs Ganze gesehen wirkt er allerdings durch die vielen Absätze etwas zerfasert, sprich: man könnte die einzelnen Gedanken und Programmpunkte sprachlich/inhaltlich durch Überleitungen stärker verbinden. Das wäre etwa machbar, indem zu Beginn die eigene Position oder ein Motiv zum Thema entworfen wird, dass sich dann als roter Faden durch den Text zieht und am Ende wieder eingeholt wird, um den Bogen zu schließen. Schließlich findet sich ja am Ende eine deutliche Eigenpositionierung des Autors – über die man sicherlich auch streiten könnte… 🙂

  3. Nach dem Lesen, habe ich Lust auf mehr und mir einige der Festival-Beiträge noch einmal in Ruhe anzusehen. Der Fokus auf Musik gefällt mir gut, ebenso das Einbinden des Zitats und ein ziemlich lustiger Musiker-Witz. 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.