Sozialkritische Komödie „Contra“- Die etwas andere Herangehensweise an Ausländerfeindlichkeit und Co im Alltag

Alltagsrassismus, Vorurteile und der erschwerte Zugang zu Bildung für „sozial schwächere“ Bevölkerungsgruppen…Motive, die die Komödie „Contra“ des Regisseurs Sönke Wortmann auf humorvolle Art und Weise zu verarbeiten versucht. Der im Oktober 2021 in den deutschen Kinos erschienene Film, orientiert sich an der 2017 veröffentlichten französischen Vorlage von Yvan Attal. In seiner Komödie „Le Brio“ erzählt er die Geschichte einer jungen arabischstämmigen Frau, die in der Pariser Banlieue wohnt und als Jurastudentin auf einen vorurteilsbehafteten Professor stößt. 2018 kam der Film unter dem Titel „Die brillante Mademoiselle Neïla“ in die deutschen Kinos und feierte auch hier große Erfolge. Inhaltlich hält sich Wortmann engmaschig an die französische Vorlage und stellt fast Szene für Szene nach. An sich nichts verwerfliches, aber einen etwas unkreativen Eindruck erweckt es beim Zuschauer doch, da gerade am Ende der Geschichte keine eigne Wendung des Filmes gefunden wird, welche auch unter den Kennern der Vorlage aus Frankreich noch einmal zusätzliche Spannung ausgelöst hätte.

Transferiert wird die Geschichte auf den Schauplatz Frankfurt am Main, mit der Goethe-Universität Frankfurt als zentraler Handlungsort. Professor Richard Pohl, gespielt von Christoph Maria Herbst, droht von seiner Universität zu fliegen, nachdem er die Jura-Studentin Naima Hamid, gespielt von Nilam Farooq, in einem vollbesetzten Hörsaal öffentlich rassistisch diskriminiert hat. Um seinen Job nicht zu verlieren, soll er die muslimische Studentin aus dem ersten Semester auf den alljährlichen, bundesweiten Debattier-Wettbewerb vorbereiten. Damit will er den Disziplinarausschuss überzeugen, ihn doch an der Uni zu behalten. Nach anfänglichen Unstimmigkeiten zeigt das Duo Erfolge und Naima schafft es sogar bis in die finale Runde des Wettbewerbs. Dann erfährt sie allerdings die eigentliche Motivation des Professors und den Grund für seine Hilfe. Anscheinend handelt er nur aus Eigensinn und will seinen Ruf und den der Universität verteidigen. Wie geht Naima mit dieser Erkenntnis wohl um?

Contra zielt auf ein breiteres Publikum ab und dient als Unterhaltungsfilm, was nicht zuletzt durch die Vielzahl an ironischen und sarkastischen Bemerkungen des Professors deutlich wird. Christoph Maria Herbst ist wie geschaffen für die zynisch-sarkastische Rolle. Man kennt ihn aus einer Vielzahl deutscher Filme oder Serien, wie „Der Vorname“ oder „Stromberg“ und auch in Contra passt die ihm zugeteilte Rolle so perfekt, wie sein Anzug. Aber auch Nilam Farooq muss man in ihrer Rolle als Naima ein großes Lob aussprechen. Ihrer Wandlung vom frechen Mädchen, die zum Selbstschutz eine schlagfertige Fassade aufgebaut hat, bis hin zur selbstbewussten Frau, sieht man gerne zu.

Allerdings sind beide Rollen nicht frei von angedichteten Details. Für die Rolle des Professors empfindet man Mitleid, da er seine Tochter in frühen Jahren verlor und sich dafür selbst die Schuld zuschiebt. Doch bei genauerer Betrachtung lenkt diese Hinzudichtung vom eigentlichen Thema ab. Was hat der familiäre Schicksalsschlag noch mal mit dem Rassismus der Figur zu tun?

Der 103-minütige Film verliert viel Zeit an die Darstellung der Entwicklung Naimas Liebesbeziehung zu einem Freund und beinhaltet somit auch eine gewisse romantisierenden und beschönigenden Sichtweise des Alltags, was allerdings irgendwo auch zu einer Komödie dazugehört. Ob „Contra“ tatsächlich authentisch die Lebensverhältnisse von Türkischstämmigen oder Arabischstämmigen in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland wiedergibt, ist natürlich zu hinterfragen. Dieses Urteil muss im letzten Zug von den Betroffenen selbst gefällt werden. Als Außenstehender wirkt die Umsetzung aber recht gut gelungen. Dramaturgisch verfolgt die Handlung eine geradlinige Entwicklung mit dichtem Erzählrhythmus und ohne große Ambivalenz. Die Zuschauer werden mal zum Lachen, mal zum Nachdenken und sicher auch zum eifrigen Diskutieren anregt. Musikalisch setzt der Film auf Popsongs, melodramatische Emotionalisierung und stereotypische Musikelemente. Dies wirkt für den einfachen Zuschauer vielleicht als befriedigend, lässt aber auch noch Luft nach oben für mehr Kreativität. Während der Handlung reisen die beiden Protagonisten an verschiedenste Orte Deutschlands, natürlich mit der Deutschen Bahn, welche hier immer pünktlich und sauber in Szene gesetzt wurde. Dabei sind wir uns alle wahrscheinlich alle einig, dass diese Darstellung nur in Ausnahmefällen auf die DB zutrifft. Die an den verschiedenen Orten abgehaltenen Debatten wirken scharfzügig, stark geschrieben und auf den Punkt gebracht. Man erkennt allerdings, dass die Themenauswahl teilweise weniger realistisch für solch einen Wettbewerb ist, sondern eher die Moral des Films widerspiegeln soll. Beispielsweise, als Naima an einer Stelle argumentieren muss, warum der Islam keine gewalttätige Religion sei. Die Gegendebatte bleibt allerdings ausgespart.

Der Film plädiert, aber allgemein für eine Polyphonie der Meinungen – sofern dabei keine Diskriminierung im Spiel ist. Diese positive Botschaft vermittelt die sozialkritische Komödie überzeugend um empathisch. „Contra“ ist zweifellos auch als Diskussionsanstoß gedacht und gerade für Zuschauer, die vielleicht von anderen, trockeneren Herangehensweisen unberührt bleiben einsetzbar. Die Thematisierung der hochaktuellen Fragestellung über Vorurteile, Stereotypen und wie unsere Gesellschaft mit solchen Themen umgeht, ist auf den Punkt getroffen. Der Film nimmt in erster Linie sowohl in Bezug auf die Emanzipation von Frauen allgemein und die von Menschen mit Migrationshintergrund im Besonderen, was genau den Zeitgeist trifft. Schließlich lernt man tatsächlich auch noch etwas über die Techniken der Rhetorik, die aufzeigen, wie sich ein gesellschaftlicher Diskurs im Idealfall aus mit differenzierten Argumenten vorgetragenen, konträren Positionen herausbildet. Ein rundum sehenswerter Film und sicherlich auch hilfreich für unser Seminar der Kritischen Praxis ;).

One thought on “Sozialkritische Komödie „Contra“- Die etwas andere Herangehensweise an Ausländerfeindlichkeit und Co im Alltag

  1. Für eine Kurzkritik ist dieser Text natürlich deutlich zu lang… – aber tatsächlich ist der Film ein guter Anlass, um am Medium der Popkultur/Komödie über grundlegende Fragen unserer Gesellschaft nachzudenken. Das hätte durchaus auch in knapperer Form geschehen können – aber sprachlich durchaus gelungen und in der Tat ein Thema für kritische Praxis:)

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