Spiel mir das Lied vom Transhumanismus

Koko war eine Flachlandgorilladame, die 1971 im Zoo von San Francisco geboren worden ist und über eine abgewandelte Form der amerikanischen Gebärdensprache mit Menschen kommunizieren konnte. Nach Angaben der Gorilla Foundation beherrschte Koko über 1.000 Zeichen und war in der Lage mehr als 2.000 englisch gesprochene Wörter zu verstehen. Nicht allein wegen ihres kommunikativen Verstandes wurde sie zum internationalen Phänomen, auch ihre emotionale Intelligenz faszinierte Forscher weltweit. Auf die Frage, wohin Gorillas gehen, wenn sie sterben, antwortete Koko mit drei Zeichen: „Gemütlich, Höhle, Tschüss“.  

Ganz und gar ungemütlich ist das Thema, mit dem sich das Forum neuer Musik des Deutschlandfunksbeschäftigt: Wollen wir den Tod überwinden? Was Koko dazu gesagt hätte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Dafür bietet das Festival mit einem vielfältigen Zusammenspiel aus kreativen und diskursiven Beiträgen eine Fülle von Antworten. Transhumanismus und Posthumanismus sind dabei die Kampfbegriffe der Stunde. Das eine strebt nach der technischen Optimierung des Menschen und seinem immerwährenden Fortbestehen, das andere kritisiert die geistige Hybris des Homo sapiens, mit der er sich zum alleinigen Optimum erhebt und andere Spezies abwertet.

Warum eine Auseinandersetzung mit diesem Thema notwendig ist, erklärt Programmleiter Frank Kämpfer mit einer makabren, aber doch unausweichlichen Tatsache:

Wir töten alles um uns herum, um selbst zu überleben. Das wird keine 10.000 Jahre funktionieren, darüber kann man jetzt schon lachen.

Denn obwohl der Tod uns allen irgendwie bevorsteht, wird er aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit so kategorisch verdrängt, als wäre es eine olympische Disziplin. „Lass uns über den Tod sprechen“, fordert deshalb Autorin Juliane Vieregge in ihrem gleichnamigen Buch. Das Sterben ist für sie ein Ausdruck der Autonomie, von Technikgläubigkeit hält sie nichts. Der Berliner Philosoph Volker Demuth hält dagegen: Transhumanismus bedeute, die biologische Verfasstheit des Menschen zu überwinden und Kontrolle über die eigene Evolution zu gewinnen. Klingt irgendwie auch nach Autonomie. Verwirrend.

Welche Autonomie die bessere ist, darüber diskutieren die beiden im Audiobeitrag „Streitkultur: Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?“. Unter der Moderation von Christiane Florin geht es dabei auch ordentlich zur Sache: Vieregge wirft Demuth vor, Transhumanismus sei das Gedankenkonstrukt weißer, reicher Männer, die den Frauen das Gebären neiden und dem Menschen erst seinen Körper, dann den Tod und der Gesellschaft die Moral rauben würden. Demuth reagiert mit nüchterner Klarheit: Männer leben im Durchschnitt fünf Jahre weniger als Frauen. Durch die unterschiedlichen Lebenserwartungen der Geschlechter haben Männer einen Berg an 200 Millionen Jahren verlorener Lebenszeit angehäuft. Unsterblichkeit würde dieses Ungleichgewicht nicht nur wettmachen, sondern eine vollkommen neue Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ verlangen. Und nichts braucht die Menschheit gerade so sehr, wie eine Neuauflage der ethischen Grundpfeiler unseres Daseins, oder?

Wird Unsterblichkeit jetzt zur Gender-Debatte? Im Falle dieses Beitrags können die feministischen Blickwinkel in der Tat nicht wegdiskutiert werden. Trotzdem bleibt die Überwindung des Todes keine Generalverhandlung des Geschlechterkampfs. Demuth ist sich sicher: In einer liberalen, individuellen Gesellschaft würde niemand die Unsterblichkeit ausschlagen. Aber stimmt das wirklich?

Das ewige Leben ist einer der uralten Menschheitsträume. Und natürlich mag der ewige Jungbrunnen verlockend sein, doch das romantische Bild von Bella und Edward, die zusammen bis ans Ende der Zeit gehen, verträgt sich leider nicht mit der plumpen Realität. Wir leben in einer Zeit, in der es die Politik noch nicht einmal schafft, Mark Zuckerberg daran zu hindern, persönliche Daten an abertausende Firmen für Werbezwecke zu verkaufen. Wie sollen wir dann kontrollieren, wer über unsere technisierten Klone verfügen darf? Das eigene Weiterleben in die Hände einiger weniger Silicon-Valley-Millionäre zu legen, ist nicht nur ungemütlich, sondern auch relativ ungünstig. Das letzte Wort der Transhumanisten ist also noch nicht gesprochen. Wie Menschen das Sterben bezwingen können, was die Unsterblichkeit kostet und wie der Tod klingt, hören Sie im Deutschlandradio und online unter https://www.deutschlandfunk.de/forum-neuer-musik-100.html.

3 thoughts on “Spiel mir das Lied vom Transhumanismus

  1. Bezüglich der Frage der Unsterblichkeit. Angenommen die Menschen könnten für immer, oder so lange wie sie wollten leben. Würden wir das Leben genauso wertschätzen wie jetzt? Ist nicht gerade die Endlichkeit einer der Reize des Lebens?

  2. Ein wirklich sehr guter Festivalbericht: Das beginnt beim assoziationsreichen und sinnigen Titel und geht weiter mit der hinführenden Anekdote (die vielleicht etwas gestrafft hätte werden können). Aber die Überleitung zum eigentlichen Thema gelingt sehr gut, auch weil mit dem Zitat der Festivalleiter Frank Kämpfer selbst markant zu Wort kommt. Nicht zuletzt sprachlich überzeugt der Beitrag mit einer guten Schreibe, die leicht und locker schwierige Themen verhandelt 🙂

  3. Toll geschrieben! Mir gefällt der Titel sehr gut und die Einleitung finde ich originell. Ich fand es interessant, dass im Beitrag zur Streitkultur auch die feministische Perspektive thematisiert wurde – das hast du echt geschickt in deinem Beitrag aufgegriffen. Grundsätzlich finde ich, dass Demuth vor allem mit technischer Faszination wichtige Fragen über Moral und Menschenbild übergeht und wichtig, dass Vieregge diese kritisch stellt. Ich denke mir zum Thema Unsterblichkeit, dass wir uns erstmal um die aktuellen Probleme auf unserer Welt kümmern müssen. So wie Vieregge gesagt hat, finde ich es auch wichtiger, erstmal kranke Menschen zu heilen, als gesunde Menschen zu optimieren. Außerdem, wer hätte denn Zugang zu dieser Optimierung? Und wie soll genügend Platz für uns Menschen sein, wenn niemand mehr stirbt? So gibt es noch viele weitere Stolpersteine, die mir im Weg liegen, wenn ich mich dem Thema Unsterblichkeit nähere. Natürlich ist es spannend, sich einem Gedankenexperiment zu widmen, aber erstmal sollte es da auf für mich bleiben.

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