Superreiche suchen Stein der Weisen

Keine Science Fiction, sondern Realität unserer Gegenwart: Immer mehr Geld wird insbesondere von Tech-Mogulen aus dem Silicon Valley in Forschung zur künstlichen Verlängerung des menschlichen Lebens mit dem Ziel der endgültigen Abschaffung des Sterbens investiert. Das diesjährige Festival für Neue Musik des Deutschlandfunk Kultur widmet sich explizit diesem Thema. „Wollen wir den Tod überwinden?“ lautet die Leitfrage, unter deren Prämisse eine Vielzahl von Radiobeiträgen entstanden sind. Dem in diesem Jahr aufgrund der pandemischen Lage vollständig ins Digitale verlagertem Festival ist durch die ständige Wiederabrufbarkeit bereits eine Verlängerung der eigenen Lebensdauer geglückt, wenngleich der Preis dafür in weniger Lebendigkeit besteht. Eine Präsenzveranstaltung ist, wenngleich sie schnell vergeht, in der Wirkung weniger flüchtig als Beiträge, die alleine Zuhause in sicherer Entfernung voneinander zwar gesundheitlich unbedenklich, nur medial vermittelt und ohne persönlichen Austausch konsumiert werden können.

Im Format „Streitkultur“ diskutieren Volker Demuth und Juliane Vieregge die aufgeworfene Frage. Demuth plädiert für eine Ausweitung der menschlichen Kapazitäten. Die Mehrzahl der Menschen würde sich für ein längeres Leben in Gesundheit und Vitalität entscheiden, behauptet der Medienwissenschaftler. Sein Argument: Die Forschung erfolge im Sinne der Bevölkerung. Dass er dabei sogar an einer Vision der Unsterblichkeit festhält, wirkt geradezu blind für die gegenwärtige Lage der Menschheit angesichts der dramatischen Umweltbelastung und einer Bevölkerungsexplosion. Nur oberflächlich berührt wird die Problematik der finanziellen Ungleichheit: Superreiche könnten sich ihren Traum vom ewigen Leben erfüllen, während eine Bezahlung der dafür notwendigen technischen Mittel für einen Großteil der Menschen unerschwinglich wäre. Möglich wäre laut Demuth eine Verdoppelung des heutigen Durchschnittsalters in westlichen Industrieländern. In Afrika dagegen beträgt die Lebenserwartung bereits aktuell nur um die 60 Jahre, und damit satte 20 Jahre weniger als im Westen. Eine tiefere Spaltung des Planeten wäre die fatale Folge des als Transhumanismus bezeichneten Vorhabens. Dass vorhandenes Geld nicht zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in ärmeren Ländern genutzt wird, wo beispielsweise die Impfquote gegen Covid-19 aufgrund mangelnden Impfstoffes auf dem afrikanischen Kontinent erschreckend gering ist, zeigt, dass zunächst eine Angleichung der menschlichen Lebensverhältnisse eine sinnvollere Prioritätensetzung und in Anbetracht der weltweiten Pandemie mit immer neuen Mutationen des Coronavirus dringend notwendig wäre.

Das Streben nach Unsterblichkeit ist ein in der Literatur wiederkehrendes Motiv. Es steht im Zentrum der vermutlich erfolgreichsten fiktionalen Erzählung der jüngeren Vergangenheit: Harry Potter. Bereits der erste Band handelt von einem magischen Stein, der einen Elixier produziert, dessen Trinken lebensverlängernde Wirkung hat. So dreht sich im ersten Teil der Sage um den berühmten Zauberlehrling die vermeintlich segensreiche Wirkung des sogenannten „Stein der Weisen“ spätestens in dem Moment, als dieser droht in die falschen Hände zu geraten: Das Böse in Person des machtbesessenen Zauberers Lord Voldemort trachtet danach, den Stein für sein ewiges Fortleben zu benutzen, um mit dessen Hilfe seine mörderische Agenda und eine Schreckensherrschaft über alle Menschen fortzusetzen. Mit Hilfe von Harry und seinen Freunden wird dies gerade so verhindert. Im Anschluss wird der Stein nach einer Übereinkunft zwischen den Zauberern zerstört. Sein sehr alt gewordener Besitzer erklärt sich bereit zu sterben, um Schlimmeres zu verhindern. Voldemort freilich gibt nicht auf. In insgesamt acht langen Bänden, versucht er, sein Ziel der Unsterblichkeit auf anderen Wegen zu erreichen, bis er schließlich besiegt und endgültig daran gehindert wird. Es wird deutlich, dass im Tod etwas Heilsames liegt.

One thought on “Superreiche suchen Stein der Weisen

  1. Sehr guter Einstieg – einerseits über den allgemeinen Diskursbogen zur Technik-Industrie, die super mit dem Forums-Thema verbunden wird – gerade auch, weil hier die Corona-geschuldete Digitalisierung des Festivals konkret benannt wird. Ähnliches gilt für den Ausstieg über Harry Potter – hier wäre es noch nett gewesen, wiederum einen Bogen zum Forum als Anlass zu erhalten…

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