Über Unsterblichkeit und den Wert des Menschen

Leben, das ist doch diese komische Phase zwischen Tod und Geburt. So formuliert es zumindest Autor Mark Green in seinem Buch „Full Bloom“ (2014).  Die Frage, welchen Wert das Leben hat wurde bereits unzählige Male kulturell aufgegriffen. Letztendlich scheint die Mehrheit kultur-schaffender Personen festzustellen, dass sich der Wert unseres Lebens an den Dingen bemisst, die wir vor unserem Tod erlebt haben. Der Wert unseres Lebens ist also unmittelbar an den Tod geknüpft. Doch welchen Einfluss hätte es, wenn wir den Tod überwinden würden?

Damit beschäftigt sich die Deutschlandfunk Sendung „Streitkultur“ anhand der Frage „Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?“, welche am 20.11.2021 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Sie ist eine von insgesamt sieben journalistischen und künstlerischen Beiträgen des „Forums neuer Musik“ welches aus pandemischen Gründen vom 20. – 23.11.21 als Radioformat stattfand. Aktuell kann man sich die Beiträge auf der Website des Deutschlandfunks anhören. Zentrale Themen dieses Jahr waren Abschied, Sterben und Tod, zusammengefasst unter der Leitfrage „Wollen wir den Tod überwinden?“.

In der Sendung „Streitkultur“ diskutieren, moderiert von Christiane Florin, Juliane Vieregge (Journalistin aus Nordrhein-Westfalen) und Volker Demuth (Berliner Philosoph) ihre Positionen: Juliane Vieregge veröffentlichte 2019 das Sachbuch „Lass uns über den Tod reden“. Sie ist der Überzeugung, dass die Überwindung des Todes das Ende eines guten Lebens wäre, denn ihrer Meinung nach verliert das Leben des Menschen ohne den Tod seinen Sinn. Die Frage, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist, ist aus ihrer Sicht mit dem Umgang mit dem Tod unserer Gesellschaft verbunden. Anstatt diesen durch technische Optimierung zu verdrängen, sollten wir uns der Aufgabe stellen, die Endlichkeit unseres Lebens durch eine gesunde Trauerkultur sinnvoll in unser Leben zu integrieren. Volker Demuth hingegen beschäftigt sich in seinen Büchern „Fleisch“ (2016) und „Der nächste Mensch“ (2018) mit Fragen humantechnologischer Verbesserung und Bioutopie. Er vertritt den Standpunkt, dass wir Menschen uns grundsätzlich selbst optimieren und damit unsere eigenen Grenzen überwinden wollen. Es sei ein humantechnologisches Projekt, dass nach gesteigerter Bioperfektion strebt. Das Ziel ist dabei die Überwindung unseres biologischen Endes. 

Zwei Standpunkte, die in ihrer Vorstellung von Moral und dem Menschenbild ferner nicht auseinander liegen könnten. So verläuft auch das Gespräch höflich, aber distanziert. Beide Gesprächspartner sind in ihren Standpunkten fest verankert. Zentraler Punkt der Diskussion für Vieregge ist, was bei der Technisierung vom Menschen und von Moral übrig bleibt. Anstatt blind den Tod überwinden zu wollen, sollten wir uns zunächst damit auseinandersetzen, warum wir nicht sterben wollen. Ist der Tod eine Kränkung? Demuth bejaht diese Frage, denn für ihn geht es beim Tod auch um die Frage der Selbstauthenzität. Der Mensch sollte das Recht haben, über seinen eigenen Tod zu bestimmen. Somit könnte die Technisierung des Menschen den Wert der Menschheit steigern, da sie die Möglichkeiten der Menschheit auf eine neue Ebene hebt. 

Vieregge warnt jedoch vor einem Machtgefälle. Die Forschung zur Unsterblichkeit ist eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft – und nicht alle Motive dieser Bereiche sind wirklich gut. Dies ist ein wirklich kritischer Aspekt der Debatte. Marketing Strategien, wie z.B. der Jugendwahn deuten bereits darauf hin, dass einerseits nicht jeder Mensch den Wunsch zur Unsterblichkeit von sich aus hat und dieser Wunsch andererseits eine industrialisierte Unsicherheit ist, die auf den Menschen übertragen wird und von der andere Menschen profitieren. Wer hat also wirklich was von Unsterblichkeit? Und wer hätte letztendlich wirklich Zugang zu dieser? Die Menschen, die zur Sehnsucht manipuliert wurden, oder jene, die daran verdient haben?

Die Überwindung des Todes ist demnach nur erstrebenswert, wenn sie nicht auch mit der Überwindung der Ethik einhergeht. 

One thought on “Über Unsterblichkeit und den Wert des Menschen

  1. Was hier aus journalistischer Sicht sehr gut gelingt, ist der Einstieg: Der erste Absatz führt diskursiv zum Thema hin – und wird dann unmittelbar aufgefangen mit Informationen zum Anlass: dem Forum neuer Musik 2021 und konkret das ›Streitkultur‹-Gespräch: super! Auch danach wird sehr klar und übersichtlich berichtet – was mir zum Ende ein klein wenig fehlt: eine eigene Position der Autorin zum Thema.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.