Unsterblichkeit — Zwischen Wollen und Sollen

Schon seit Anbeginn der Menschheit strebt der Mensch nach Wissen, sucht Antworten auf seine Fragen, macht sich die Erkenntnis zum großen Ziel. Doch auf eine Frage konnte bisher keine Antwort gefunden werden – und vermutlich werden wir sie nie erhalten: Was passiert nach dem Tod mit uns? Aus der Angst vor dem Unbekannten und der eigenen Endlichkeit möchten zahlreiche Menschen den Tod am liebsten einfach umgehen. Eine moralische Diskussion, welche sich ein Beitrag des diesjährigen Forum neuer Musik am Deutschlandfunk zum Thema gemacht hat.

Vom 20. bis 23. November 2021 fand das Forum neuer Musik, ein Angebot des Deutschlandfunk, zum 21. Mal statt. Inhalt des eigentlich bereits für 2020 geplanten Festivals ist das Abschiednehmen, das Sterben und der Tod, welcher durch verschiedene Sichtweisen in sieben zugleich künstlerischen als auch journalistischen Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Aufgrund von COVID-19 wurde das Forum erstmalig in ein Radioformat verlegt und durch ein digitales Angebot ergänzt. Mit diesem neuen Format und dem Fortbestehen im Netz passt sich das Forum seinem Thema an, indem es seine eigene Vergänglichkeit überwindet. 

In der Rubrik Streitkultur erschien am ersten Tag des Festivals der Hörbeitrag „Ist Unsterblichkeit erstrebenswert?“. Moderatorin Christiane Florin leitet durch den 25-minütigen Beitrag und stellt ihren Gästen Juliane Vieregge und Volker Demuth im Wechsel Fragen. Autorin, Bloggerin und Online-Journalistin Vieregge setzte sich in ihrem journalistischen Werdegang bereits mehrmals mit dem Beitragsthema auseinander und veröffentliche zuletzt 2019 ihr Buch „Lass uns über den Tod reden“. Medienwissenschaftler, Philosoph und ebenfalls Autor Demuth beschäftigt sich insbesondere mit humantechnologischer Verbesserung und Bioutopie. 

Eins verbindet die beiden Gäste also: Sie thematisieren die Vergänglichkeit des Menschen und seines Seins. Ihre Standpunkte dazu könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Während Vieregge einen offenen Umgang mit dem Thema fordert und Unsterblichkeit als „das Ende des guten Lebens“ sieht, plädiert Demuth, ganz im Sinne des Transhumanismus, dafür, die Möglichkeiten der Wissenschaft auszukosten und den Menschen zu perfektionieren, um den Tod so zu überwinden. 

Zu Beginn des Gesprächs sind beide Gäste noch sehr verhalten. Im Wechsel tragen sie ihre Positionen vor, wobei das Wort vortragen sehr treffend erscheint: Insbesondere der Part von Juliane Vieregge wirkt stark vorbereitet, fast schon vorgelesen. Natürlich spricht nichts gegen eine gründliche Vorbereitung, doch nimmt es dem Hörbeitrag ein gutes Stück Authentizität und Spontanität. Erst gegen Ende spitzt sich die Diskussion leicht zu, als die Gäste anfangen, sich gegenseitig zu widersprechen. So gelingt es dem Beitrag durch die – allerdings nur sehr leicht – steigende Interaktion der Gäste, die am Anfang verlorene Authentizität und Spannung ein Stück weit wiederherzustellen. 

Das Spannende bei dem Thema, und das macht der Beitrag ja sehr gut klar, sind zwei extrem gegensätzliche Positionen, die auf den ersten Blick keinen gemeinsamen Nenner finden können. Und genau aus diesem Grund hätte der Beitrag stärker versuchen können, beide Parteien zusammenzuführen, einen Kompromiss zu finden: Gibt es vielleicht doch einen Mittelweg? Wie können beide Seiten zueinander geführt werden? Das Hörstück wirkte dadurch, dass es eher an der Oberfläche kratzt anstatt in die Tiefe zu gehen, weniger wie eine Diskussion, sondern mehr wie ein Vortragen des eigenen Standpunktes. Genauso gut hätte man Vieregge und Demuth getrennt zu ihren Positionen befragen können, denn leider hat es niemand gewagt, stärker in den Konflikt zu gehen. Hier wäre, gerade bei einem so spannenden und kontroversen Thema, noch Spielraum für mehr gewesen, um die Diskussion lebendiger zu gestalten.

4 thoughts on “Unsterblichkeit — Zwischen Wollen und Sollen

  1. Eine sehr gut Rezension, die inhaltlich die wichtigsten Punkte enthält und das Gespräch sehr gut zusammenfasst. Ich hatte mir den Beitrag nicht angehört, kann mir jetzt durch deine Beschreibung jedoch ein sehr gutes Bild davon machen.

  2. Ich habe den Beitrag gehört und kann Dir nur zustimmen. Dafür, dass die Rubrik „Streitkultur“ heißt, gab es meiner Meinung nach verhältnismäßig wenig Diskussion. Ein gelungener Bericht Deinerseits!

  3. Schöner Bericht: Gut gebaut, anschaulich geschrieben und differenziert bedacht 🙂 Der ohnehin gute Einstieg könnte meines Erachtens noch etwas mehr gerundet werden

    »Schon seit Anbeginn der Menschheit strebt der Mensch nach Wissen, sucht Antworten auf seine Fragen, macht sich die Erkenntnis zum großen Ziel. Doch auf eine Frage konnte bisher keine Antwort gefunden werden – und vermutlich werden wir sie nie erhalten: Was passiert nach dem Tod mit uns? Eine weiter schwierige Frage stellt Deutschlandfunkredakteur Frank Kämpfer mit seinem Forum neuer Musik 2021: »Wollen wir den Tod überwinden?«

    Das aber nur als Vorschlag 🙂

    Das Insistieren nach mehr Tiefe finde ich eine durchaus angemessene Kritik!

  4. Genauso habe ich den Beitrag auch empfunden. Es fehlt an Tiefe und die Positionen wirken zu vorbereitet. Ein wirklicher Diskurs entsteht gar nicht, weil beide nur ihre vorgefertigte Meinung vortragen. Das „Gespräch“ am Ende hat zu wenig Raum, um dort wirklich aufeinander einzugehen.
    Mit anderen Worten: Gut zusammengefasst und kommentiert!

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